Ulrich Ammon u. a.
Variantenwörterbuch des Deutschen. Die Standardsprache in Österreich, der Schweiz und Deutschland sowie in Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol
Berlin, New York
de Gruyter
2004
LXXV u. 954 S.
€ 70,00
Rezensentin: Doris Preindl
Historicum, Frühling 2005, 32
Wenigen Benutzern der deutschen Sprache ist bewußt, wie unterschiedlich die deutsche Standardsprache ist. Ein Variantenwörterbuch bringt auf über 900 Seiten nationale und regionale Besonderheiten des Standarddeutschen. Erstellt wurde das Werk in jahrelanger Forschungsarbeit von verschiedenen Forschern an den Universitäten in allen Sprachgebieten.
Was versteht man unter Standarddeutsch? Standarddeutsch ist das Deutsch, das im öffentlichen Sprachgebrauch als angemessen und korrekt gilt. Das Wörterbuch enthält aber nicht alle Wörter und Wendungen des Standarddeutschen, sondern nur jene, die nationale oder regionale (areale) Besonderheiten aufweisen, sowie deren gemeindeutsche Entsprechung, soweit es sie gibt. Auf fachsprachliches, veraltetes und dialektales Wortgut wurde bewußt verzichtet. Für die Aufnahme der Stichwörter war ausschlaggebend, ob regionale oder nationale Besonderheiten vorlagen hinsichtlich
Nach genauer Erklärung des Aufbaus der Wörterbuchartikel, der Abkürzungsverzeichnisse, grammatischen Angaben, der Aussprache und der Lautschrift inklusiver ausführlicher Lauttabelle werden in einzelnen Kapiteln Besonderheiten der Standardsprache in den einzelnen Ländern erklärt. Bei den Belegen wird unterschieden, ob ein Wort in Voll- und/oder Halbzentren vorkommt.
Im Unterschied zu älteren Forschungen wird im Einklang mit der neueren Forschung von einer Konzeption des Deutschen als plurizentrischer Sprache ausgegangen. Eine plurizentrische Sprache ist eine Sprache, die in mehr als einem Land als nationale oder regionale Amtssprache in Gebrauch ist und dadurch standardsprachliche Unterschiede herausgebildet hat. Deutsch ist Amtssprache in sieben Ländern: in Deutschland, Österreich, Liechtenstein als einzige Amtssprache auf gesamtstaatlicher Ebene, in der Schweiz neben Französisch, Italienisch und Räteromanisch, in Luxemburg neben Französisch und Letzburgisch, in Ostbelgien und Südtirol als regionale Amtssprache. Nationale Vollzentren sind Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz, die die Unterschiede in eigenen sprachlichen Nachschlagewerken festgehalten haben. Fehlen diese Nachschlagewerke, spricht die Forschung von Halbzentren. Nationale Halbzentren des Deutschen sind Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol. Diese Besonderheiten werden als Varianten bezeichnet. Bis jetzt fehlte eine Darstellung dieser Varianten für das Deutsche gesamt, nur für die Schweiz und Österreich gab es Variantenwörterbücher. Zum Unterschied von Dialektausdrücken sind Varianten auf gleicher Ebene in der Standardsprache, aber regional unterschiedlich im Gebrauch, zum Beispiel Hackbraten in der Schweiz und in Deutschland, dagegen Faschierter Braten in Österreich. Oder in Deutschland Merkzettel für Notizzettel. Es gibt auch Wörter mit vielen Entsprechungen wie zum Beispiel Rapunzel, Vogerlsalat, Nüssler, Nüsslisalat, Feldsalat, Ackersalat, Vogelesalat. Rapunzel als Märchenfigur ist gemeindeutsch und neutrum, als Salat in Österreich maskulin in Deutschland feminin.
Die Artikel sind so abgefaßt, daß sie sowohl für den Sprachwissenschaftler als auch für den interessierten Laien verständlich sind. Das Wörterbuch kann benutzt werden, um Wörter, die man nicht kennt, nachzuschlagen aber auch um die Vielfalt und Lebendigkeit einer Sprache zu erkennen.