Walpurga Antl-Weiser

Die Frau von W. Die Venus von Willendorf, ihre Zeit und die Geschichte(n) um ihre Auffindung

Veröffentlichungen der Prähistorischen Abteilung 1

 

Wien
Verlag des Naturhistorischen Museums
2008
207 S.
€ 27,50

 

Rezensentin: Doris Preindl 

Historicum, Winter 2007/2008—Frühling 2008

 

 

 

 

Vor hundert Jahren wurde die Venus von Willendorf während einer Grabung gefunden. Zuerst nur in Fachkreisen bekannt, wurde sie später sehr populär und ein Objekt verschiedenster Deutungen und Interpretationen. Nicht nur kunstgeschichtliche Darstellungen und Schulbücher, auch medizinische Fachbücher werden mit der Venus (in letzterem Fall als Beispiel für Stoffwechselerkrankungen und sonstige Krankheiten in Zusammenhang mit Fettleibigkeit) illustriert. Auf die Figur wurden die unterschiedlichsten Vorstellungen projiziert, so wurde sie zum Beispiel als Göttin in Zusammenhang mit einem angenommenen Matriachat, als Symbol der Fruchtbarkeit, als Ur-Mutter, als reines Sexualobjekt eines männlichen Künstlers gesehen, um nur die am weitesten auseinanderliegenden Deutungen zu nennen.

Die Prähistorikerin Walpurga Antl-Weiser hat sich das Ziel gesetzt, die Geschichte der Auffindung und die Wissenschaftsgeschichte sowie die heutige Interpretation und die gesicherten Fakten spannend für ein breites interessiertes Publikum darzustellen. Dies wird durch ein sehr übersichtliches modernes Layout und viele Bilder unterstützt. Nebenbei erläutert Antl-Weiser die wissenschaftlichen Methoden der Urgeschichtsforschung.

Die gesicherten Fakten sind schnell aufgezählt. Das Alter der Figur beträgt circa 25.000 Jahre, sie wurde am 7. August 1908 in Willendorf in der Wachau gefunden. Sie war die erste vollständige Frauenplastik der Altsteinzeit, die eindeutig einer archäologischen Fundschicht zugewiesen werden konnte. Damals wurde der Fund der Schicht 7 (später umbenannt in 9), dem jüngeren Aurignacien, zugeordnet. 1938 wurde von D. A. E. Garrod diese Stufe als Gravettien nach der Höhle La Gravette benannt. Heute wird das Gravettien noch weiter unterteilt, die Stufe heißt »Willendorf-Kostenki«. Kostenki ist ein altsteinzeitlicher Fundort in Rußland, an dem ähnliche Statuetten und Steinwerkzeuge mit den gleichen Gestaltungsmerkmalen gefunden wurden wie in Willendorf. Der Arbeiter Veran fand bei der Ausgrabung, die unter der Führung von Szombathy, Obermaier und Bayer stand, die Statuette. Da sich die Wissenschaftler zerstritten, wurden die Funde erst in den fünfziger Jahren von Felgenhauer publiziert. Bis 1998 war die Venus in einer Lederkassette im Safe verwahrt, seither ist sie in einer Sicherheitsvitrine im Naturhistorischen Museum ausgestellt.

Die Statuette ist aus einem Stück Oolith geschnitzt worden. Rohmaterialabfälle wurden keine gefunden, aber die Arbeitsspuren lassen vermuten, daß die Figur mit einem Stichel aus Feuerstein modelliert wurde. Rötelspuren haben sich erhalten. Leider wurde die Figur mit Schellack überzogen, so sind manche chemischen Analysen nicht mehr möglich. Die Materialanalysen haben ergeben, daß die Herkunft des Oolith im Bereich der Klentnice-Formation Niederösterreichs und der oberjurassischen Kalkoolithen Mährens zu suchen sind.

Es gibt viele Fragen zur altsteinzeitlichen Statuette, die nicht geklärt werden können. »Die Geisteswelt der damaligen Zeit wird uns aber dauernd verborgen bleiben, und alle unsere Bemühungen, hier endgültige Aussagen zu treffen, werden immer nur Produkte von Denkweisen aus unserer Welt und Zeit anzeigen.« Mit diesem Satz und anderen ähnlichen Hinweisen zeigt die Autorin klar die Grenze zwischen Archäologie und phantasiereichen Interpretationen, die sich zum Beispiel auf die Ethnologie stützen und dabei den zeitlichen Abstand von circa 25.000 Jahren vergessen, oder auf Interpretationen, die sich auf Märchenforschung und Mythen- beziehungsweise Sagenforschung stützen. Nach der vergnüglichen Lektüre hat der Leser viel über die Venus und die Methodik der Altsteinzeitforschung gelernt.