Mitchell G. Ash (Hg.)

Mensch, Tier und Zoo. Der Tiergarten Schönbrunn im internationalen Vergleich vom 18. Jahrhundert bis heute

 

Wien, Köln, Weimar
Böhlau
2008
376 S., 42 SW-Abb.
€ 35,00

 

Rezensentin: Doris Preindl 

Historicum, Sommer—Herbst 2008, 70—71

 

 

 

 

2007 feierte der Tierpark Schönbrunn sein 255. Bestandsjahr. Anläßlich seines Jubiläums 2002 fand eine Tagung zur Tiergartengeschichte statt. Zielsetzung der Tagung war, auf Grundlage der historischen Perspektive einen Beitrag zur gegenwärtigen Diskussion über Sinn und Zweck von Tiergärten heute zu leisten. Die Tagungsbeiträge werden hier in überarbeiteter Form veröffentlicht. Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte: Zur Situation der Höfischen Menagerie im späten 18. Jahrhundert; von der Höfischen Menagerie zum Bürgerlichen Tiergarten im 19. Jahrhundert; Tiergärten als Orte der Massen- und Eventkultur im 20. Jahrhundert; und abschließende Überblicke.

Der als kaiserliche Menagerie gegründete Tierpark Schönbrunn spiegelt in seiner Geschichte die unterschiedlichen Funktionen eines Tiergartens durch die Jahrhunderte und die Wandlungen im Verhältnis Mensch–Tier wider. In sechzehn Aufsätzen wird dies beleuchtet, wobei der Schwerpunkt auf Schönbrunn liegt, aber auch der Innovation des Tiergartens Hagenbeck in Hamburg sowie der anders als in Wien verlaufenden Entwicklung der Berliner zoologischen Gärten eigene Aufsätze gewidmet sind.

Die kaiserliche Menagerie im Schloßpark Schönbrunn bestand zunächst hauptsächlich aus Vögeln, da Franz Stefan von Lothringen keine fleischfressenden Tiere wollte. 1759 wurde der Pavillon inmitten der Anlage errichtet. 1778 machte Maria Theresia den Hofpark an Sonntagen öffentlich zugänglich, damit auch die Menagerie. Die Öffnung wurde von der Wiener Bevölkerung aller Schichten sehr angenommen, bald war der Hofgarten täglich öffentlich zugänglich, um 1800 verkehrte neben den Kutschen regelmäßig eine billige Verbindung, der Zeiselwagen, zwischen Schönbrunn und der Stadtgrenze. Der Zeiselwagen war ein einfaches Fuhrwerk, das als preisgünstiges Personentransportmittel fungierte. Die Attraktivität der Menagerie war schwankend, da im 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Zootiere in der Gefangenschaft meist nicht lange lebten und kaum Nachwuchs hatten. Regelmäßige Zukäufe beziehungsweise Expeditionen in ferne Länder mußten für Nachschub an Tieren sorgen. Da der Zoo vom Hof erhalten wurde, konnte auf billige Attraktionen verzichtet werden. Trotzdem wandelte sich die Art, wie Tiere ausgestellt wurden und welche Tiere das Publikum sehen konnte. Restaurants ergänzten das Freizeitangebot. Mit dem Ende der Monarchie übernahm die Erste Republik den Zoo. Seither werden Eintrittsgelder verlangt. Ende des 19. Jahrhunderts entwickelten sich Tierschutzvereine, die die Zoos kritisierten. Die Fortschritte der wissenschaftlichen Zoologie ermöglichten neue Erkenntnisse über Zoohaltung, Tiere konnten artgerecht gehalten und ernährt sowie medizinisch behandelt werden. In Hamburg präsentierte Hagenbeck in einer Art »freier Natur«, begrenzt durch Gräben, die zu Lebensräumen zusammengestellten Tiergruppen. Der betrachtende Mensch sollte den Eindruck des originalen und ursprünglichen Lebensraums der Tiere erhalten. Im 20. Jahrhundert konnten durch die Erfindung der Antibiotika viele Tierkrankheiten erfolgreich bekämpft und durch neue zoologische Erkenntnisse ein artgerechtes Leben in der Gefangenschaft ermöglicht werden. Heute leben die Zootiere meist länger als ihre Artgenossen in der freien Wildbahn und pflanzen sich fort, und oft dienen die Zoos zur Erhaltung vom Aussterben bedrohter Tierarten. Aber auch das Verhältnis des Menschen zum Tier hat sich gewandelt. Durch Tierfilme und Printmedien werden einzelne Tiere personalisiert, bei der Geburt erhalten sie Namen; Zeitungen berichten zum Beispiel über die Entwicklung des jungen Elefanten, dabei wird das Tier vermenschlicht, und man schreibt ihm menschliche Eigenschaften zu. Dabei wird im öffentlichen Bild das Arttypische unterdrückt, das Tier wird mediengerecht nach den Erwartungen des Menschen präsentiert. Der heutige Zoo steht im Spannungsfeld der Erwartungen einer mediengerecht präsentierten Tierwelt und der wissenschaftlichen Erkenntnisse, daß manche Tiere Rückzugsmöglichkeiten brauchen und nicht immer sichtbar sind

Mehrere Artikel zeigen, daß die Auswahl der gezeigten Tiere, die Umstände, wie sie gehalten werden, wie die Käfige gebaut werden und der Fortschritt in den Erkenntnissen von Zoologie und Medizin einander beeinflussen. Kategorien wie Seltenheit, Größe, Exotik, Gefährlichkeit definieren die Attraktivität eines Tieres für den Menschen, aber auch das über die Medien transportierte Bild eines Tieres

Durch die Jahrhunderte gleich geblieben ist, daß der Tiergartenbesuch eine Freizeitbeschäftigung und Bildungseinrichtung für alle Altersklassen und soziale Schichten bietet.