Renate Basch-Ritter
Die Weltumseglung der Novara 1857—1859. Österreich auf allen Meeren
Graz
Akademische Druck- und Verlagsanstal
2008
264 S., zahlr. Farb- u. SW-Abb., Karte
€ 34,90
Rezensent: Stefan Hofmann
Historicum, Sommer—Herbst 2008, 71—72
»Das correspondierende Mitglied von Martius wünscht Wörtersammlungen und hat zu diesem Behufe ein Verzeichnis von lateinischen Wörtern eingeschickt, die er in verschiedenen entweder noch ganz unbekannten oder nicht hinreichend bekannten Sprachen übersetzt wünscht. […] Die Commission erlaubt sich noch zu bemerken, dass bei dem Abfragen von Wörtern die Eintheilung derselben in gewisse Gruppen als: Glieder des Leibes, Verwandtschaftsgrade, Utensilien u. s. w. sich als zweckmäßig erwiesen hat, weil die Wilden sonst noch leichter ermüden.« (33) Die Wilden ermüden nämlich auch so schon leicht. Insgesamt umfaßte die Instruktion der Akademie der Wissenschaften in Wien 146 Seiten, auf denen Hinweise für die Arbeiten in all den Wissensgebieten gegeben wurden, die Forschungsgegenstand der Novara-Expedition waren.
Die Novara war 1857, als sie zu ihrer Weltumseglung startete, ein relativ neues Kriegsschiff, eine 1851 fertiggestellte Segelfregatte der österreichischen Marine, 52 Meter lang, 14 Meter breit. 350 Personen lebten und arbeiteten auf diesem Schiff. Den größeren Teil der Zeit ist dies wörtlich zu nehmen: Von den mehr als zwei Jahren, in denen die Novara die Welt umrundete, wobei sie 96 000 Kilometer zurücklegte, war sie wirklich 551 Tage unter Segel, und nur 298 Tage lag sie vor Anker, was in der Regel Ausflüge und für Offiziere und Wissenschaftler auch Übernachtungen zu Land bedeutete. Die Novara war also dicht bevölkert, was nur geringfügig durch den Umstand gemildert wurde, daß man einen kleineren Teil der Kanonen hinausräumte, um mehr Platz zu schaffen. Immerhin ging es ja nicht um einen Kriegseinsatz, und sogar im Kriegsjahr 1859 wurde das heimkehrende Forschungsschiff von Frankreich als neutral behandelt
Die Weltumseglung der Novara fiel in eine Zeit, in der Entsendungen von Schiffen der österreichischen Marine auf Fernfahrten noch nicht Standard waren. Regelmäßige Fahrten dieser Art fanden ab 1868 statt, der Zweck lag darin, den frisch ausgemusterten Seekadetten Gelegenheit zur Praxis auf See zu geben, aber auch zur Teilnahme an gesellschaftlichen Veranstaltungen im Ausland. Die Idee stammte vom Oberkommandierenden der Marine, dem Erzherzog Ferdinand Max, der 1864 Kaiser von Mexiko wurde (er reiste übrigens auf der Novara nach Mexiko und wurde nach seiner Hinrichtung ebenfalls auf diesem Schiff nach Österreich überführt). Ferdinand Max war es auch, der 1856 die Order erteilte, die Novara für eine Expedition auszurüsten. Die Idee hatte ihm der spätere Handelsminister (1865—1867) Bernhard von Wüllerstorf-Urbair beigebracht, der von jeher ein starkes Interesse für Mathematik und Astronomie gehabt hatte und als junger Marineoffizier einige Jahre lang Direktor der Marinesternwarte in Venedig gewesen war. 1856 hatte er die Idee, eine geplante Expedition nach China und Indien zu einer wissenschaftlichen Reise um die Welt auszuweiten. Die Reise wurde genehmigt, die Novara war das Schiff der Wahl, Wüllerstorf wurde zum Commodore und nautischen Befehlshaber ernannt. Die Forschungsaufgaben, mit denen die mitreisenden Wissenschaftler betraut wurden, kamen von der Akademie der Wissenschaften (dazu auch die eingangs erwähnte Instruktion).
Die wissenschaftlichen Aufgaben und die Dokumentation wurden teilweise von einer Handvoll eigens dafür mitreisender Fachleute durchgeführt (Physik, Geologie, Zoologie, Botanik, Ethnographie und »Artistisches«), teils von Marineoffizieren unter der Leitung Wüllerstorfs (Astronomie, Nautik, Meteorologie, Hydrographie); außerdem waren vier Ärzte an Bord, die auch im Sinn medizinischer Forschung tätig werden sollten.
Die Expeditionsberichte wurde auf verschiedene Weise publiziert. Karl Scherzer, der Leiter der wissenschaftlichen Kommission (er selbst war für Ethnographie, Anthropologie, Politik und Wirtschaft zuständig), verfaßte einen umfangreichen dreibändigen Reisebericht mit populärwissenschaftlichem Charakter, der in verschiedenen Auflagen auf beachtliche 30.000 Exemplare kam. Dieser Bericht ist auch die Hauptquelle des vorliegenden Bandes. Die wissenschaftliche Dokumentation bestand einerseits in anthropologischen, zoologischen und botanischen Sammlungsstücken, die zuerst in einem eigenen Museum gezeigt und später dem Naturhistorischen Museum übergeben wurden. Andererseits wurden die Ergebnisse mit einem beträchtlichen Aufwand in Höhe von 125.000 Gulden in Form eines achtzehnbändigen Werks publiziert. Zu den Kosten der Expedition findet sich im Anhang eine Aufstellung der Besoldungen und Löhne sowie des laufenden Aufwands für Proviant und Sachausgaben, die für den gesamten Zeitraum 457.000 Gulden ergibt (davon entfielen stattliche 36.000 alleine auf den Commodore).
All dies wird in diesem Buch ausführlich dargelegt, dazu kommt eine etappenweise Schilderung der eigentlichen Reise, die den größeren Teil des Bandes einnimmt. Die Novara fuhr von Triest nach Brasilien, von dort zum Kap der Guten Hoffnung, dann über St. Paul im südlichen Indischen Ozean nach Ceylon und Indien, durch die ostindischen Inseln nach Hongkong und Shanghai, über Mikronesien nach Australien und Neuseeland, über Tahiti nach Valparaiso und schließlich um Kap Hoorn nach Gibraltar und Triest. Scherzer, der noch ethnographische Studien betreiben wollte und von der langen Seereise um Kap Hoorn herum nicht viel gehabt hätte, trennte sich in Valparaiso vom Rest und fuhr nach Peru und Panama und mit dem Postdampfer nach London und Gibraltar, wo er wieder auf die Novara ging, die zugleich mit ihm dort angekommen war.
Die Autorin referiert in enger Anlehnung an Scherzers damaligen Bericht die Forschungsaktivitäten an den jeweiligen Plätzen, aber auch vieles über das Ambiente, den historischen Hintergrund von Politik bis Ethnographie und die Kontakte der österreichischen Mission mit der örtlichen Bevölkerung. Die allgemeinhistorische und marinegeschichtliche Einführung greift weit aus, auch Bezüge zur Gegenwart kommen immer wieder vor, alles ist betont auf Allgemeinverständlichkeit ausgerichtet, und die eine oder andere Information dürfte auch sonst schon recht bekannt sein (zum Beispiel, daß China das bevölkerungsreichste Land der Erde ist). Das meiste aber nicht, das muß betont werden. Auch die Präsentationsform ist die eines populärwissenschaftlichen Werkes, fußnotenfrei und reich bebildert — und es ist verlagstypisch ein ansprechend gemachtes Buch, vom schönen Vorsatzpapier über das angenehme Layout bis zur beigelegten Expeditions-Weltkarte, ein Nachdruck aus Scherzers Reisebericht.
Alles in allem ein interessant zu lesendes, gut gemachtes Buch.