Rainer Beck
Unterfinning. Ländliche Welt vor Anbruch der Moderne
München
C. H. Beck
1933
667 S.
Habilitationsschrift [1996], Universität Salzburg
Rezensent: Michael Pammer
Historicum, Frühling 1997, 5—6
Unterfinning im Landkreis Landsberg/Lech liegt fast genau in westlicher Richtung von München und in südlicher Richtung von Augsburg. Um 1720 hatte es 200 bis 250 Einwohner und etwa 50 Häuser. Es ist also eine kleine Welt, die Rainer Beck in seinem Buch Unterfinning. Ländliche Welt vor Anbruch der Moderne beschreibt. Der 667 Seiten starke Band ist 1993 in München im Verlag C. H. Beck herausgekommen und wurde 1996 an der Universität Salzburg als Habilitationsschrift angenommen (dies zur Erklärung der späten Besprechung). Größere Teile wurden bereits früher in kleinerem Rahmen veröffentlicht. Wie bei einem Buch, das im Beck-Verlag erscheint, zu erwarten, ist auch dieser Band so gestaltet, daß er Spezialisten ebenso ansprechen kann wie ein größeres Publikum; ein wissenschaftlicher Apparat ist vorhanden, ohne auszuufern, und in den statistischen Teilen verzichtet der Autor auf alle anspruchsvolleren Verfahren, sodaß auch hier die Nachvollziehbarkeit für jeden Leser gesichert ist.
Unterfinning ist ein Werk der sogenannten »Mikrogeschichte«. Mikrogeschichte ist nicht nur dadurch charakterisiert, daß sie die Analyse auf der Ebene der einzelnen Teilnehmer des Geschehens ansiedelt (wie dies bei der Mikroökonomie der Fall ist), sondern daß sie darüber hinaus auch das Untersuchungsgebiet in räumlicher Hinsicht stark einschränkt, im vorliegenden Fall eben auf ein einziges Dorf in einem einzigen Stichjahr, nämlich 1721. Zwar bringt Beck assoziationsweise dann und wann auch andere Dörfer ins Spiel (etwa wenn Informationen zu Unterfinning fehlen) und beschreibt den größeren Rahmen, in dem die dörflichen Vorgänge abliefen, doch bleibt Unterfinning auf jeden Fall die dominante Perspektive.
Dennoch ist Unterfinning keine Ortschronik oder Heimatgeschichte. Einer solchen Einordnung stünde zum einen das ständige Bemühen des Autors um die Erklärung von Zusammenhängen gegenüber, zum anderen die im Hintergrund stets präsente Annahme, daß die Geschichte von Unterfinning auch eine Geschichte der vormodernen ländlichen Welt im großen ist. Hier wäre es allerdings wünschenswert gewesen, eine Vorstellung davon zu erhalten, wofür Unterfinning typisch ist und wo die Befunde nicht mehr gelten, die für dieses Dorf erarbeitet wurden (der Einwand, daß man dies nur im mikrohistorischen Vergleich feststellen könne, wäre doch zu puristisch).
Abgesehen davon handelt es sich um eine ausgezeichnete Studie, die wieder einmal belegt, daß die Bedeutung eines historiographischen Werkes nicht von der Größe des Gegenstandes abhängt. Diese Lokalstudie macht Lebensweisen einer ländlichen Gesellschaft des frühen 18. Jahrhunderts unmittelbar anschaulich und greifbar und nutzt dabei voll die Möglichkeiten, die in der Mikrogeschichte liegen, nämlich die Beobachtung von Abläufen im Detail und die Beschreibung der Vielfalt von Lebensverhältnissen und damit der Unterschiede innerhalb einer Gesellschaft. Beck beschreibt eine Unzahl von Einzelheiten, um im Schlußkapitel in einer Art Bilanz ein Gesamtbild wichtiger Daten zusammenzustellen – eine wichtige Zusammenschau, die man beim Lesen durchaus auch vorausgreifend nutzen sollte, weil sie die Bedeutung der vorhergehenden Informationen leichter abschätzbar macht.
Um welche Fragen handelt es sich nun konkret? Unterfinning konzentriert sich auf die Wirtschaftsgeschichte in der ganzen Bandbreite von landwirtschaftlicher und gewerblicher Produktion und Produktionstechnik, Berufsstruktur, Agrarverfassung, Abgaben- und Steuersystem, um mit dem Gesamtbild der Entstehung und Verwendung der Einkommen zu enden.
Beck beginnt mit der Umwelt von Unterfinning, mit Klima, Bodenqualität und Topographie. Mit der Vegetation kommt die Flurgliederung zur Sprache, deren Ausbildung im Zusammenhang mit Umweltbedingungen (Bodenqualität) und Eigentumsverhältnissen und ihre Folgen für die Bewirtschaftung, die im zweiten Abschnitt genauer behandelt wird. Zuvor noch einiges über den Wald, seine Nutzung durch die Bevölkerung und das prekäre Verhältnis zwischen den Rechten des Landesfürsten und den Erfordernissen der Untertanen. Einen vorzüglichen Einblick in die Bedingungen, unter denen über die landwirtschaftliche Produktion entschieden wurde, bietet der zweite Abschnitt, in dem Beck die Nutzungsarten der landwirtschaftlichen Flächen und vor allem den Zusammenhang zwischen Ackerbau und Viehwirtschaft bespricht. Hier wird deutlich, wie eine Vielzahl von Faktoren wirksam wurden und in Rechnung zu ziehen waren: die Kosten der Viehhaltung durch die Verwendung landwirtschaftlicher Flächen für die Futterproduktion, der Arbeitsaufwand für die Viehhaltung und die Nutzung von Zugtieren, die Nutzung der Tiere als unverzichtbare Düngerlieferanten zusammen mit den sonstigen tierischen Produkten, all dies im Rahmen der koordinierten Fruchtwechselwirtschaft. Beck schätzt die Samenerträge der verschiedenen Getreidesorten, die Flächenerträge, das Gewicht von Vieh, alles Größen, die von den heutigen Verhältnissen selbstverständlich weit abweichen, aber auch im Vergleich der Verhältnisse des frühen 18. Jahrhunderts stark von den örtlichen Bedingungen abhingen, wie der Vergleich mit anderen Teilen des Gerichtsbezirks zeigt. Da es (mit einer zeitlich begrenzten Ausnahme) keine Ertragsaufstellung einzelner Höfe gibt, mußte der Autor für diese Schätzungen Steuerakten heranziehen, die kein ganz eindeutiges Bild liefern; dementsprechend können die Ergebnisse nur mit den unvermeidlichen Fehlergrenzen angegeben werden, bieten aber dennoch ein von der Größenordnung her klares Bild. Eine Frage, die mit Becks Mikroansatz noch am ehesten zu beantworten wäre, behandelt der Autor leider nicht: War die landwirtschaftliche Produktion in Unterfinning optimal gestaltet? Oder hätte sich durch eine Ausdehnung oder Einschränkung der Viehwirtschaft der Gesamtertrag einzelner Höfe erkennbar steigern lassen?
Eine unmittelbare Auswirkung der dörflichen Agrarproduktion lag in der Ernährung, da – von Gewürzen, Bier und Branntwein abgesehen – das Dorf seine Nahrungsmittel selbst produzierte. Die Nahrung wurde von Getreide dominiert, aus dem weit über die Hälfte der Nahrung (nach dem Brennwert berechnet) bestand; der zweite große Teil bestand aus Milch und Milchprodukten (Schmalz, saure Milch, Topfen), die vielleicht ein Drittel der konsumierten Kalorienmenge lieferten. Ganz gering war der Anteil von Fleisch; Gemüse gab es in Form von Kraut und Rüben ständig, in anderer Form kaum. Diese Angaben stammen von Versorgungslisten, wie sie in Austragsbriefen vorkommen; obwohl Auszügler nach Vermögenslage und Alter eine spezielle Gruppe darstellen, ist eine Verallgemeinerung dieser Angaben durchaus plausibel. Anders verhält es sich bei der Abschätzung der gesamten Nahrungsmenge, wo es sicherlich größere Unterschiede nach Alter und Beruf gab; auch wurde (etwa von Tagelöhnern) in fremden Haushalten gegessen, sodaß der gesamte Konsum einzelner Personen schwer zu schätzen ist. Trotzdem gelangt Beck zu der vorsichtigen Annahme, daß eine adäquate Ernährung mit den zur Verfügung stehenden Mitteln für die dörfliche Bevölkerung möglich war.
Unterfinning zeigt, wie bei solchen Dörfern zu erwarten, eine starke Differenzierung innerhalb des landwirtschaftlichen Sektors und Mischformen von Gewerbe und Landwirtschaft. Beck unterscheidet landwirtschaftliche Betriebe nach der Größe, wobei er die amtlichen Güterklassen mit der Größe des Grundbesitzes vergleicht. Wie bei Vermögensverteilungen üblich, findet man in der Grundverteilung eine kleine Zahl großer Güter (das größte mit 55 Hektar) und eine große Zahl kleiner Anwesen; die obersten 10 Prozent der Grundbesitzer bewirtschafteten die Hälfte des Grundes, die obersten 20 Prozent hatten drei Viertel zur Verfügung. Von 54 Familien hatten nur drei keinerlei Grundbesitz. Ein wichtiger Punkt für Familien im unteren Bereich der Verteilung war die Möglichkeit, ein Rind zu halten, was bereits bei Kleinstgütern unter einem halben Hektar möglich war, obwohl das Futter selbst produziert werden mußte; von den allerkleinsten Anwesen abgesehen (etwa ein Fünftel des Dorfes), dürften alle mindestens ein Rind gehalten haben. Der andere wesentliche Teil der benötigten Nahrungsmittel konnte allerdings erst bei einem merklich größeren Grundbesitz selbst produziert werden, nämlich ab etwa fünf bis sechs Hektar und damit in nur 40 Prozent der Güter; die 10 Hektar, die nach Beck ein solides Fundament für die Ernährung einer Familie boten, erreichte bloß eine von fünf Familien.
Bis zu einem gewissen Grad ist die Gewerbsausübung in der Bevölkerung auch als Antwort auf die Ungleichheit in der Güterverteilung zu sehen. Familien mit wenig Grundbesitz fanden im Gewerbe ein Einkommen, das aus der Landwirtschaft nicht im ausreichenden Maß erwirtschaftet werden konnte. Allerdings ist auch hier wieder zu unterscheiden zwischen Gewerben, die typischerweise in Verbindung mit einer vollwertigen Landwirtschaft betrieben wurden (Wirt, Müller), und solchen, die Kleinstbesitzern das hauptsächliche Einkommen boten (Schmied, Schneider, Weber, Zimmermann). Unterfinning bietet hier das gleiche Bild wie österreichische Dörfer des 18. und 19. Jahrhunderts. Beck geht in einem eigenen Abschnitt auf die einzelnen Gewerbe ein, beschreibt Arbeitsweise und Absatz, um dann auf Selbstversorgung, Marktintegration und Handel einzugehen.
Die Organisation der bäuerlichen Arbeit führt in einen Bereich, der in der Familienforschung besondere Bedeutung erlangt hat: in der Verbindung mit Familien- oder Haushaltszusammensetzung, Gesindehaltung, Erbrecht und Heiratsverhalten ist die Arbeitsorganisation in ländlichen Gesellschaften ein wesentlicher Erklärungspunkt in der Sozialgeschichte. Für Unterfinning läßt sich als wichtigstes sagen, daß der Anteil des Gesindes an den Arbeitskräften mit sechs Prozent der Bevölkerung ausgesprochen niedrig lag, wobei allerdings, wie der Autor selbst hervorhebt, die Wahl eines Stichjahres dem Zufall mehr Möglichkeiten gelassen hat, da der Gesindeanteil auch von demographischen Faktoren abhängt und die wechselnde Stärke von Geburtenkohorten zum Tragen kommt. Für die Arbeitsspitzen im Jahresablauf (Heuernte, Getreideernte, Dreschen) berechnet Beck den Bedarf der größeren Güter an Tagelöhnern; auch hier ergibt sich eine geringe Zahl an Arbeitskräften, mit der zeitlichen Beschränkung durch den Saisoncharakter vielleicht 1000 oder 1100 Arbeitstage von Tagelöhnern im ganzen Dorf zusammengerechnet.
Unter dem Stichwort Ökonomie der Macht beschreibt Beck in einem umfangreichen Kapitel die Eigentumsrechte am Grund und das Abgaben- und Steuersystem. Bekanntlich sind die Eigenarten des Feudalrechts für einen heutigen Leser nur schwer verständlich darzustellen; im Fall von Becks Ausführungen sind Zweifel angebracht, ob Leser, die mit dem Gegenstand nicht vertraut sind, verstehen, wie das Feudalrecht funktioniert hat (die anderen benötigen ohnehin viele Erklärungen nicht). Gerade bei einem solchen Rechtssystem kann allzu große Nähe zu den Quellen dem Verständnis hinderlich sein; jedenfalls wäre es sinnvoll, das Feudalsystem zunächst juristisch-systematisch zu charakterisieren, bevor man den Variantenreichtum lokaler Verhältnisse ausbreitet. Der vielleicht auffallendste Punkt bei den Leiheverhältnissen in Unterfinning ist die Reduktion der »Grundherrschaft« auf die privatrechtlichen Verhältnisse zwischen Ober- und Untereigentümern (mit verschiedenen Varianten, die sich in erbrechtlicher Hinsicht und nach der Kündbarkeit unterschieden); die obrigkeitlichen Funktionen wurden hingegen auch in lokalen Belangen vom Kurfürsten wahrgenommen. Das heißt, daß die Vermischung hoheitlicher Funktionen mit privaten Rechtsverhältnissen, wie sie für die Grundherrschaft normalerweise typisch ist, in Unterfinning gerade nicht gegeben war. Beck behandelt demzufolge auch die Leistungen an die Grund(ober)eigentümer getrennt von den obrigkeitlichen Steuern; dazwischen geht er gesondert auf den Zehent ein, der an den Pfarrer abzuführen war.
Die Ergebnisse dieses und der vorangegangenen Teile werden abschließend zusammengefaßt und zusammengerechnet. Der Autor schätzt Arbeitseinkommen und bestimmt über Preise die Lebenshaltungskosten und damit Ausgabeposten landwirtschaftlicher Betriebe, um letztlich Aufwands- und Ertragskonten von Haushalten nach Größenklassen (50, 14, 7, 3, 1 und 0 Hektar) zu schätzen. Wie zu erwarten, ist die Ungleichheit bei den verfügbaren Einkommen weitaus geringer als die oben erwähnte Ungleichheit in der Besitzverteilung. Erstaunlich, wie gering die Unterschiede in den Nettoeinkommen von mittleren und größeren Bauern nach dieser Schätzung ausfallen: ein 50-Hektar-Bauer hätte demnach mit 226 Gulden ein praktisch gleich hohes Einkommen wie ein 14-Hektar-Bauer (204 Gulden) gehabt, da bei den größeren Höfen vor allem die Einnahmen aus der Viehhaltung relativ geringer ausfielen und beträchtliche Lohnzahlungen erforderlich waren; die Einnahmen aus dem Ackerbau und die Steuern und Abgaben wuchsen etwa linear mit der Fläche. Für die kleinen Güter liegen die verfügbaren Einkommen aber dann doch deutlich niedriger, bei den Kleinstgütern mit 54 bzw. 35 Gulden unglaubhaft niedrig, da solche Einkommen auch nach Becks eigenen Schätzungen weit unter den Minimalerfordernissen der Lebenshaltung liegen würden.
Mit diesem Schlußteil wird der Band zu einer abgerundeten Darstellung, die mit der Genauigkeit der Beobachtung – ohne sich aber in den Details zu verlieren – vieles an der ländlichen Welt des 18. Jahrhunderts verständlich werden läßt. Ein empfehlenswerter Band.