Manfred Berg

Amerikas Demokratie. Eine kurze Geschichte von der Unabhängigkeit bis Donald Trump

Stuttgart
Klett-Cotta
2026
239 S.
€ 25,70

 

Rezensent: Lothar Höbelt

Juni 2026

Abraham Lincoln auf dem Fünf-Dollar-Schein von 1928. Bild: Wikimedia Commons, National Museum of American History, Historicum

Rechtzeitig zum 250 Jahr-Jubiläum der USA bietet Manfred Berg — frei nach Tocqueville — einen kenntnisreichen Überblick über die »Demokratie in Amerika«, der sich über weite Strecken wohltuend freihält von diversen Klischees, wie sie in Europa gängig sind. Er benennt gleich anfangs das wohl zentrale Problem: Die Demokratie »wird mit normativen Postulaten und Erwartungen überfrachtet, an denen jede ›real existierende‹ Demokratie scheitern muß.« (13) Die Demokratie fand auch keinen Eingang in den Text der amerikanischen Verfassung, aber die Bindung des Wahlrechts an den Nachweis von Landbesitz stellte unter den besonderen Bedingungen der USA im 19. Jahrhundert keine besonders hohe Hürde dar. Die USA nahmen deshalb zweifellos eine Vorreiterrolle bei der Ausbildung politischer Massenparteien ein. Ob man die Besonderheiten der Voraussetzungen und der Entwicklung in den USA jetzt als »Exzeptionalismus« bezeichnen will oder nicht — ob das Glas jetzt halb voll oder halb leer ist —, tut wenig zur Sache.

Ein großer Teil des Buches ist der Ausweitung des Wahlrechts auf Schwarze und Frauen gewidmet — letzteres vielleicht ein wenig zu sehr zugeschnitten auf die Rhetorik der Suffragetten und zu wenig auf die Motive der Territorien im Westen, die Frauen frühzeitig das Wahlrecht einräumten, um ein konservatives Gegengewicht gegen die unverheirateten Cowboys und Bahnarbeiter zu schaffen (während die flächendeckende Einführung des Frauenwahlrechts nach dem Ersten Weltkrieg — zum Unterschied von Europa, wo sie zunächst fast ausschließlich den Konservativen zugute kam — zurecht als parteipolitisches »Nicht-Ereignis« bezeichnet wurde). Ein spannendes Kapitel im Sinne von Intention und Wirkung bilden die Vorwahlen, ursprünglich gedacht als demokratische Rückbindung, die sich gegen oligarchische Strukturen richtete, auf Grund der längeren und teureren Wahlkämpfe aber oft erst recht Einfallspforten für Geldgeber boten — und hochmotivierte, wenig kompromißbereite Anhänger anlocken.

Ein dorniges Problem, das sich freilich kaum vermeiden läßt, stellt der Gebrauch des Adjektivs liberal dar: Ist damit jetzt Individualismus gemeint und »small government«, oder dient es wie in den USA üblich als Umschreibung für »sozialdemokratischen Etatismus« (124) beziehungsweise einfach als ziemlich unspezifisches Kürzel für »links«. Dementsprechend ist es auch ziemlich beliebig, was man sich dann unter den oft polemisch verwendeten Begriffen von liberaler oder illiberaler Demokratie vorstellen darf. Auffällig pauschal fällt das Urteil über die Präsidentenwahl als »Fehlkonstruktion« aus (50): Zweifellos gewinnen immer wieder Kandidaten, die nicht von der Mehrheit der Urwähler getragen werden — am auffälligsten natürlich Abraham Lincoln 1860, der mit 40 Prozent der Stimmen gewann. Dazu sei eine Beckmesserei erlaubt: Berg führt dieses Ergebnis darauf zurück, daß sich die übrigen 60 Prozent auf drei Kandidaten verteilten. Doch auch wenn die 60 Prozent sich auf einen Kandidaten geeinigt hätten, so wären sie chancenlos gewesen. Lincoln gewann eine knappe Mehrheit in einer knappen Mehrheit von Staaten — das genügte.

Auch in rezenteren Epochen ist Berg in der Regel um ein »audiatur et altera pars« bemüht: Er ist kein unkritischer Bewunderer der »Rights Revolution«, der Dekretierung von Reformen durch den Obersten Gerichtshof. Er merkt an: Die Polemik gegen Establishment und Eliten war gerade unter Progressiven lange Zeit populär; jetzt sind ihre Gegner auf den Zug aufgesprungen. Ihre eigene Spielart von »Populismus« hat schließlich jede Generation hervorgebracht. Kaum eine ist auch dem Paradoxon entgangen: Man mißtraut dem Staat — und erwartet sich von ihm gleichzeitig Lösungen, die an die Wurzel gehen, einem selbst aber nicht wehtun. Bei aller Betonung der Probleme, die eine multiethnische Demokratie aufwirft, hebt Berg schließlich auch ausdrücklich hervor, daß es gerade Donald Trump gelungen ist, den Wähleranteil der Republikaner unter den Minderheiten deutlich zu erhöhen, die eben vielfach anders denken, als »progressive Akademiker« von ihnen erwarten (184).

Dennoch verläßt Berg bei Trump eindeutig die Contenance: So sehr er der These vom »Exzeptionalismus« skeptisch gegenübersteht, bei Trump macht er eine Ausnahme. Man könne die Wahl 2024 nicht zu einer »normalen« Wahl »schönreden« (und damit ist nicht etwa der ziemlich einmalige Austausch des demokratischen Kandidaten in letzter Minute gemeint). Zweifellos: Die Idee Trumps, 2021 nach Monaten von »Black Lives Matter«-Unruhen diesmal gewaltbereite Demonstranten von der anderen Seite zum Protest vor dem Kapitol antreten zu lassen, war ein grober Fehler (der sich auch prompt rächte, weil die Republikaner daraufhin bei der Nachwahl in Georgia die Mehrheit im Senat einbüßten). Aber ein »Putsch«, ein »Putschversuch« oder ein »Aufstand« (197, 199) sehen anders aus. So stößt man auf den letzten Seiten des Buches auf diverse Widersprüche: Da heißt es nostalgisch: Im Zeitalter Trumps sei eben kein Verlaß mehr auf die Verfassung (217). Vier Seiten später lesen wir hingegen abschätzig von der »zivilreligiös verklärten Verfassung, die das Mehrheitsprinzip systematisch aushebelt« (221). Um mit Johann Nestroy zu sprechen: Wer ist jetzt stärker: Berg oder Berg? 

Die Gewaltenteilung ist nicht außer Kraft gesetzt, wenn eine Partei für einen kurzen Zeitraum den Kongreß, das Weiße Haus und den Obersten Gerichtshof dominiert. Schon die mid-term elections machen diesem Zustand meist ein Ende. Die Debatte über die »einheitliche Exekutivgewalt« (208) ist ein eigenes Thema. Gewiß, die Gründerväter wollten der Zusammenballung von Macht einen Riegel vorschieben, aber wohl nicht, indem sie Bundesbehörden schufen, die sich vom Präsidenten emanzipieren und zwischen Exekutive und Legislative eine quasi-autonome Existenz führen. Die klassische Waffe jedes Parlaments ist das Budget: Der Präsident erhält für Dinge, die dem Kongreß mißfallen, eben kein Geld. Vielleicht liegt das Dilemma der Opposition darin: Trump will viele Bereiche ohnehin zurückfahren. 

Die Verfassung hat von Anfang an eine Bundesregierung geschaffen, die von ihren Kompetenzen her beinahe schon an Österreich-Ungarn erinnert, mit einem Schwerpunkt bei Außenpolitik und Militär. Es ist daher nicht verwunderlich, wenn auswärtige Krisen einer »imperialen Präsidentschaft« zugutekommen. Doch die klassische Gewaltenteilung, gerade auch in Form der wechselseitigen Blockade, der »Vetokratie«, ist deshalb keineswegs am Ende. Allein schon die Drohung mit der Obstruktion (»filibuster«) läßt knappe Mehrheiten ineffektiv werden, wie gerade die letzten Budgetberatungen zeigen. Die Nachrichten von ihrem Hinscheiden sind weit übertrieben. Vielleicht steckt hinter ihnen sogar ein »back-handed compliment«: Berg hat offenbar höhere Erwartungen an Konsequenz und Nachhaltigkeit von Trumps Wirken als selbst die meisten seiner Freunde. Wie auch immer: Die Zukunft ist kein Thema für Historiker, die sich ohne Akteneinsicht schon mit der Gegenwart schwertun, sobald ihre Quellenbasis sich auf Pressepolemik und social media-Geschnatter reduziert.