Eduard Beutner
Joseph II. Die Geschichte seiner Mythisierung und Entmythisierung in der Literatur (1741—1848). Die Grundlagen und Bausteine der josephinischen Legende
Salzburg
1992
VII, 433 S.
Habilitationsschrift, Universität Salzburg
Rezensent: Michael Pammer
Historicum, Herbst 1993, 6—7
Sieht man vom Habsburger-Mythos als solchem ab und wendet man sich den einzelnen Habsburgern zu, kann man zweifeln, wer im allgemeinen Bewußtsein am stärksten präsent ist: Maria Theresia oder Franz Joseph I.?
Andere Kandidaten kommen wohl nicht in Frage, zumindest wenn man von regionalen Besonderheiten wie dem steirischen Erzherzog-Johann-Mythos absieht (zu diesem vgl. Historicum, Herbst 82). Einem Joseph II. kann es jedenfalls passieren, daß er vom Referenten im Proseminar (wohlgemerkt für Wirtschaftswissenschaftler, nicht für Historiker) als »Franz Joseph II.« geführt wird, was die besondere Stellung des vorletzten österreichischen Kaisers nur unterstreicht. Freilich, in der Historikerzunft wäre Joseph II. ein chancenreicher Kandidat für den Spitzenplatz, wenn nur Historiker Mythen nachhängen würden, was indessen nicht der Fall ist.
Nichtsdestoweniger ist der Joseph-Mythos ganz besonders interessant; Eduard Beutner, Germanist an der Universität Salzburg, hat ihn in seiner Habilitationsschrift anhand der Literatur untersucht (andere Medien kommen nur nebenbei zur Sprache, so etwa das 1807 enthüllte Joseph-Reiterdenkmal am Josefsplatz in Wien).
Warum ist der Mythos vom Kaiser Joseph so interessant? Wie immer gibt es mehrere Gründe: Die 1780er Jahre brachten (nicht zuletzt wegen der verhältnismäßig liberalen Zensurbestimmungen) eine sehr reichhaltige populäre Literatur hervor, die auch den Kaiser und seine Politik kritischen Würdigungen unterzog; die Ziele und Mittel der josephinischen Politik waren schon an sich höchst konfliktträchtig und forderten zur Auseinandersetzung heraus; und die Politik des Reformkaisers eignete sich ausgezeichnet zur Indienstnahme in späteren Zeiten, sei es zur positiven oder zur negativen Identifikation.
Joseph II. ist also schon aufgrund der Fülle an Material ein dankbares Objekt, an dem sich Rezeptionsvorgänge und ihre literarische Umsetzung gut verfolgen lassen. Tatsächlich gibt es bereits seit längerem Untersuchungen der populären Literatur über Joseph II. und den Josephinismus, auch in monographischer Form. Welche im Vergleich dazu neuen Ergebnisse darf der Leser von Beutners Arbeit erwarten?
Beutner hat die etwas mehr als hundert Jahre des Joseph-Mythos von der Geburt des späteren Kaisers bis zum Revolutionsjahr 1848 verfolgt. Damit geht er zeitlich über die bis jetzt bevorzugten Untersuchungszeiträume hinaus: Unter den in Frage kommenden Perioden wurde bisher die literarische Produktion des josephinischen Jahrzehnts am intensivsten erforscht; die benachbarten Zeiträume wurden ebenfalls beachtet: die 1770er Jahre eher unter dem Gesichtspunkt der »Vorläufer«, die kurze leopoldinische Periode und die ersten Jahre der franziszeischen Zeit unter dem Titel »Reaktion« (für die zwei Jahre Leopolds II. ist diese Einordnung v. a. in den letzten Jahren forciert worden). Bei all diesen Untersuchungen wurde das Bild von der Politik und der Person Josephs II. berücksichtigt; eine ähnlich intensive Erforschung für die Zeit des Thronfolgers Joseph und für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts lag bisher nicht vor, allerdings wandte sich die literaturgeschichtliche Forschung mit besonderem Interesse etwa dem Werk Franz Grillparzers zu, somit einem Autor, der für den Joseph-Mythos im Vormärz eine wichtige Rolle spielt. Es ist zunächst die Einbeziehung umfangreichen Materials in die Untersuchung hervorzuheben (Beutner hat wirklich eine Unzahl von populären Schriften über Joseph II. durchgesehen und verarbeitet), weiters die zeitliche Breite der Darstellung; dennoch ist nicht recht einzusehen, warum das Werk mit 1848 abbricht, jedenfalls gibt der Autor keine Begründung dafür.
Die Darstellung folgt in etwa einem chronologischen Muster. Die ersten drei Kapitel behandeln die Zeit bis zum Beginn der Alleinregierung Josephs II. im Jahr 1780. Die Geburt des Kronprinzen, Hochzeiten und Kaiserkrönung stehen unter dem Stichwort »Barockfest« am Anfang, es folgt die Überhöhung des Herrschers als Freund des gemeinen Volkes, in einem eigenen Kapitel wird das Verhältnis dreier Dichterfürsten — Klopstock, Wieland, Lessing — zum Wiener Hof dargestellt. Umfangreicher als diese Teile fällt dann die Behandlung des josephinischen Jahrzehnts aus, die Rezeption der reformerischen Verordnungen, spektakuläre Ereignisse der Tagespolitik (Papstbesuch) usw. Relativ ausführlich berücksichtigt Beutner den Tod des Kaisers und die aus diesem Anlaß erschienenen Würdigungen; abgesehen von diesem Aspekt wird die Zeit von 1790 bis 1848 im letzten Drittel der Arbeit vergleichsweise knapp abgehandelt.
Wie veränderte sich im Verlauf dieser mehr als hundert Jahre das Bild von Joseph? Es läßt sich aus der Darstellung erschließen, daß sich die Veränderungen des Joseph-Mythos aus mindestens zwei Faktoren ergaben: Der wohl weniger wichtige ist eine anlaßbezogene Ausformung der literarischen Produkte, die nicht nur die formale Gestaltung geprägt haben wird (auf diesen Aspekt geht Beutner, der Germanist, kaum ein), sondern auch inhaltliche Vorgaben mit sich brachte; die einprägsamsten Beispiele dafür finden sich gleich zu Beginn — die Geburt, die Hochzeiten und die Krönung wurden in einer Weise gewürdigt, die sich von einer herkömmlichen personsunabhängigen Herrscherpanegyrik nicht wesentlich unterschied.
Wichtiger waren im Fall Josephs II. die bald hervortretenden individuellen Motive im Herrscherbild, bedingt durch den eigenen Stil des Mitregenten und die konfliktreichen Maßnahmen in der Zeit der Alleinregierung. Vor 1780 wurde das Bild vom volksverbundenen Herrscher durch die Reisetätigkeit des Kaisers und seinen Verzicht auf prätentiöses Auftreten genährt; die Vorstellung vom gerechten Fürsten, der inkognito die Szene betritt und gelegentlich die Rolle eines Deus ex machina übernimmt, scheint zu dieser Zeit die anderen Aspekte (etwa den von Beutner ebenfalls behandelten Vergleich mit Friedrich dem Großen) in ihrer Bedeutung übertroffen zu haben. Sie wurde auch noch in manche Produkte aus der Zeit der Alleinregierung übernommen, trat dabei aber in ihrer Bedeutung gegenüber anderen Motiven zurück: Aufklärung, Toleranz und Kirchenreform in der ersten Hälfte des josephinischen Jahrzehnts, Krisenbewußtsein und Enttäuschung in der zweiten Hälfte, dies waren nach Beutner die dominierenden Motive der Joseph-Literatur in den 1780er Jahren. Die verlorenen Illusionen prägten auch die kritischen »Bilanzen« (von Trauerreden und Totengespräche bis hin zu Biographien), die nach dem Tod Josephs II. erschienen. In der franziszeischen Zeit wurde die Gestalt Josephs zur positiv besetzten Gegenfigur zu Franz II.; so nach den Jakobinerprozessen, so auch noch im Vormärz, in dem Schriftsteller wie Friedrich von Zedlitz oder Anastasius Grün den aufgeklärten Despoten Joseph besangen. Eingehender als diese Schriftsteller behandelt Beutner Grillparzer, der hier als der »josephinischste« von all jenen Dichtern dasteht, die sich in irgendeiner Weise der Person Josephs II. bemächtigten, ohne daß allerdings die grundsätzlichen Unterschiede zum Joseph-Bild Zedlitz' oder Grüns recht klar werden.
Wie bereits bemerkt, hat Beutner eine gewaltige Menge an Literatur über Joseph II. durchgearbeitet. Es sind also sicher nicht Mängel in diesem Bereich dafür verantwortlich, wenn festgestellt werden muß, daß diese Geschichte des Joseph-Mythos nicht so recht befriedigt. Die hauptsächlichen Probleme liegen anderswo:
Die Forschung der letzten Jahre hat gezeigt, wie eng schon in einem ganz platten Sinn die Zusammenhänge zwischen dem politischen System der Zeit und dem literarischen Produkt waren. Ebenso gilt dies selbstverständlich für indirekt vermittelte Zusammenhänge zwischen den vielfältigen Motivationen der Autoren, den Absichten der Regierung bei den jeweiligen Verwaltungsmaßnahmen, ihren Überlegungen zum Einsatz der öffentlichen Meinung im Zusammenhang mit der Umsetzung der Verordnungen, der Eigendynamik des politischen Schrifttums als Gattung usw.
Das auffallendste Beispiel für die Erklärungsschwächen der Arbeit ist der Verlauf des josephinischen Jahrzehnts: Wie bereits erwähnt, stellt Beutner eine allgemeine Krise des Josephinismus ab etwa 1785 fest — eine nicht eben neue Annahme. Als Gründe dafür nennt er die angebliche Teuerung in ganz Europa (die tatsächlich im Habsburgerreich nicht besonders hoch war) und das Beispiel des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges (der indessen bereits 1781 de facto und 1783 mit dem Friedensschluß beendet war); erwähnt werden auch die Aktivitäten von Illuminaten und Freimaurern sowie antizentralistische Bestrebungen in Belgien und Ungarn. Abgesehen vom letzten Punkt sind diese Erklärungen nicht plausibel; zweifelhaft erscheint es (aber Beutner geht nicht explizit darauf ein), ob sich an den Funktionsmechanismen, die für die Herstellung eines Bildes vom Fürsten in der öffentlichen Meinung von Belang waren, im Lauf der 1780er Jahre überhaupt etwas geändert hat: So mußten sich etwa die Vorstellungen der Regierung von den zulässigen Spielräumen der Schriftsteller im Lauf dieses Jahrzehnts gar nicht ändern — nur korrespondierte eben die inhaltliche »Linie« des Fürsten bei den Reformmaßnahmen in der ersten Hälfte mit den Vorstellungen der meisten Schriftsteller von vornherein gut, weil es um konsensträchtige Themen ging (dies auch in der Kirchenreform, in der der Klerus in ausreichendem Maß mitspielte und die Laien keine besonderen Schwierigkeiten machten), während bei den Themen der zweiten Hälfte der Alleinregierung dieser Konsens nicht mehr garantiert war. Letzten Endes müßte dieses Kapitel des Joseph-Mythos die ganze Geschichte der Bildung einer öffentlichen Meinung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts mitberücksichtigen.
Mag man immerhin noch zugestehen, daß Beutner diese Frage zumindest indirekt dort anspricht, wo er auf die Diskussion über »wahre« und »falsche« Aufklärung und die Forderung nach vollständiger Preßfreiheit eingeht, so brachte die Außerachtlassung sämtlicher Quellen außer den literarischen Produkten Beschränkungen mit sich, die in keiner Weise zu umgehen waren. Diese Beschränkungen betreffen zunächst die Beschreibung des Bildes vom Fürsten: Es ist durchaus denkbar, daß der Joseph-Mythos in der Literatur anders geartet war als der Joseph-Mythos in der bildenden Kunst oder einfach in den Vorstellungen in der Bevölkerung, sodaß ein Vergleich recht interessant gewesen wäre. Dies muß zumindest angemerkt werden, obwohl im übrigen zuzugestehen ist, daß Beutner eben primär Literaturhistoriker ist.
Auch für Literaturwissenschaftler sind allerdings Quellen nützlich und sogar unverzichtbar, die das Zustandekommen der primären, der literarischen Quelle erklären und ihre Bedeutung im Sinn einer Wirkungsgeschichte erhellen. Im Fall des Josephinismus und in bezug auf den eben angesprochenen Punkt der behördlichen »Steuerung« vs. Autonomie der Literatur ist dabei z.B. an Verwaltungsakten zu denken, deren Wichtigkeit sich etwa bei den Arbeiten über die Indienstnahme von Schriftstellern durch die leopoldinische Regierung erwiesen hat; ebenso wären personengeschichtliche Quellen zu den Literaten selbst von Interesse. Auch die Wirkung der Schriften auf das Publikum bzw. die Abgrenzung der Leser von jenen Personen, die die betreffenden Werke überhaupt nicht zur Kenntnis nahmen, wäre bei der Erforschung des Joseph-Mythos von großer Wichtigkeit — ansonsten läuft man als Historiker Gefahr, vollkommen bedeutungslose Werke ebenso wichtig zu nehmen wie Schriften, die breit rezipiert wurden. Bedauerlicherweise fehlen in dieser Arbeit die Ansätze zu einer systematischen Aufarbeitung solcher Fragen.
Bedenkt man all dies, bedenkt man auch die Beschränkung des Untersuchungszeitraums (unter Außerachtlassung der vermutlich bekanntesten Produkte des Joseph-Mythos), so kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß hier eine erst halbfertige Arbeit vorliegt — die es wert wäre, »komplettiert« zu werden.