Günter Bischof, Anton Pelinka und Hermann Denz (Hg.)

Religion in Austria

 

Contemporary Austrian Studies 13

New Brunswick, London, Innsbruck Transaction Publishers, StudienVerlag
2005
297 S.
€ 29,00

 

Rezensent: Michael Pammer

Historicum, Frühling 2005, 36—38

 

 

 

 

Das Jahrbuch Contemporary Austrian Studies, das an der University of New Orleans und der Universität Innsbruck erscheint, widmet jeden Band einem inhaltlichen Schwerpunkt (dazu kommen noch einige kleinere Rubriken). Im Jahr 2005 erschien eine Ausgabe über Religion in Österreich.

Der Schwerpunkt besteht aus zwei Teilen. Im ersten werden die politische Bedeutung der Religion und der religiöse Wandel in Österreich in Aufsätzen und Interviews behandelt, im zweiten kommen Vertreter der größeren Religionsgemeinschaften zu Wort. Der Band richtet sich offensichtlich überwiegend an ein Publikum, das mit den Verhältnissen in Österreich weniger vertraut ist.

Der erste Aufsatz stammt von John W. Boyer (im Vorwort »Charles« Boyer), Thema ist der politische Katholizismus in Österreich zwischen 1880 und 1960. Wie beim gegebenen Umfang kaum anders möglich, handelt es sich um einen ganz groben Überblick, der auf interessante Fragen wie zum Beispiel die faktische Bedeutung von Religion versus säkularen Interessen im politischen Handeln der Vertreter des politischen Katholizismus so gut wie nicht eingeht. Etwas ausführlicher werden die Zeit des »Ständestaats« und für die Nachkriegszeit Person und Wirken Otto Mauers behandelt. Ein Beitrag, der im besten Fall dazu anregt, sich in der einschlägigen Literatur näher zu informieren, etwa in den sonstigen Arbeiten Boyers, der sich ja eingehend und in einer stattlichen Reihe von Publikationen mit dem Thema befaßt hat.

Ebenfalls Ergebnis einer langen Beschäftigung mit einem Thema ist der Beitrag von Paul M. Zulehner über Religion in Österreich. Zulehner hat sich in empirischen Untersuchungen, basierend auf Umfragen, mit dem Wertewandel in Österreich und insbesondere mit religiösen Werten, der Rolle von Religion im Leben der Österreicher und der Veränderung religiöser Anschauungen befaßt. Der Beitrag in diesem Jahrbuch ist eine Kurzversion dieser Ergebnisse, aber keine gute.

Zulehner beginnt mit einer allgemeinen Beschreibung der Rolle der katholischen Kirche in der Politik. Dabei konstatiert er zunächst einen Modernisierungsschub, hervorgerufen durch eine mentale, technische, soziale und politische Revolution, konkret durch Nominalismus, Dampflokomotive, Massenarmut, Aufklärung und Revolution. Massenarmut bedeutet hier nicht einfach ein niedriges Einkommensniveau, sondern eine wirkliche Verarmung, mehr noch, »the dramatic impoverization of the industrial proletariat recruited from the now disintegrated ranks of the craftsmen and peasants« (39) — für eine solche Beschreibung gibt es zwar an sich keine Datengrundlage, aber dramatisierende Phantasien gehören eben zur Sozialarbeiter-Rhetorik katholischer Prediger und Publizisten. Jedenfalls hätte die erwähnte vierfache Revolution einen schrittweisen Rückzug der katholischen Kirche aus der Politik, und zwar in drei Etappen, hervorgerufen: Zuerst habe sich die Kirche zur regierenden Dynastie zurückgezogen; was Zulehner mit dieser geheimnisvollen Bemerkung meint, bleibt im Dunklen. In einer zweiten Phase, nach der Bildung demokratischer Parteien und ebenso unverständlich wie der Rückzug zur Dynastie, »withdrew [the Church] to the ›Christian-Social‹ camp«. Stellt sich Zulehner das christlichsoziale Lager als einen Ort vor, an den man sich zurückzieht, wenn man von der Politik genug hat? Die Christlichsoziale Partei und die Rolle des Klerus in der Politik bis in die dreißiger Jahre als Rückzug der katholischen Kirche aus der Politik zu interpretieren, wirkt jedenfalls skurril. Schließlich habe sich die Kirche nach 1945 als freie Kirche in einem freien Staat definiert (39). Zur Charakterisierung der allgemeinen Entwicklung gehören auch die en passant eingestreuten Erklärungen für den unbedarften amerikanischen Leser, etwa die Erwähnung der »fierce controversies in the Civil War Years of the mid-1930s when the Christian Socials, at the time led by Prelate Ignaz Seipel, a Roman Catholic priest, and the Austro-Marxists under Otto Bauer were bitter enemies« (51); die »alienation between these two factions« habe neuerdings auch dazu geführt, daß die Grünen im Niederösterreichischen Landtag kein vom St. Pöltener Bischof geschenktes Kruzifix aufgestellt sehen wollen. Hier wäre in Anbetracht des Adressatenkreises zumindest eine erläuternde Anmerkung sinnvoll gewesen, mit dem Hinweis, daß der angeblich mehrjährige Bürgerkrieg ein begrenzter Aufstand in Dauer von zwei Tagen und der angebliche Bürgerkriegsführer Seipel zu diesem Zeitpunkt bereits eine geraume Weile tot war. Was die Grünen damit zu tun haben, wird aber auch dann noch unerklärlich bleiben. Die Freiheitlichen sind übrigens nach Auskunft Zulehners für die Aufstellung des Kruzifixes (wahrscheinlich wegen des engen Bündnisses zwischen Christlich-Sozialen und Nazis in den dreißiger Jahren).

Interessant ist auch Zulehners Unterscheidung der christlichen Konfessionen: »Christianity in Europe is, moreover, divided into several denominations, namely Orthodox, Catholicism, and Protestantism. They emphasise different fundamental values, and this has had a formative influence on European history in recent centuries. Protestantism advocates freedom. Catholicism is skeptical of freedom and advocates justice. For Orthodoxy, neither freedom nor justice is of prime importance; it is chiefly concerned with keeping the heavens open.« (49) Diese Beschreibung erinnert an das hervorragende Lexikon Die Kinderwelt von A bis Z aus den fünfziger Jahren.

Das eigentliche Thema sind aber die Werte im allgemeinen und die religiösen Haltungen im besonderen. Hier geht es um kirchliche Bindung und eine davon losgelöste Religiosität, um Weltanschauungen und um ihren Zusammenhang mit sozialen Merkmalen. Zulehner interpretiert seine Befragungsergebnisse mit großem Vertrauen in die Daten, obwohl manche Ergebnisse eigentlich hätten nahelegen müssen, daß nicht jede Veränderung eines Prozentwerts einen Religiositätswandel indizieren muß. Tabelle 5 etwa bringt Vergleichsdaten einiger Indikatoren für Religiosität in einigen europäischen Gebieten 1990 und 1999. Demnach glaubten in Lissabon 1990 nur 76 Prozent an Gott, 1999 aber 93 Prozent. An einen persönlichen Gott glaubten 1990 nur 47 Prozent, 1999 aber 74 Prozent. 1990 hatte Gott nur für 27 Prozent der Wiener eine große Bedeutung im Leben, 1999 bereits für 35 Prozent. Die Wiener, so der Autor im Text, »prayed more in 1999 than they did in 1991«. (Im ländlichen Frankreich und im ländlichen Österreich nahm der Glaube an Gott allerdings leider ab.) Laut Zulehner handelt es sich bei alldem um einen der »megatrends of the late 1990s, ›respiritualization‹« (47). »Megatrend« klingt gut, es würden sich aber auch alternative Erklärungen anbieten, etwa eine zunehmende Religiosität aufgrund des Alterungsprozesses in der europäischen Bevölkerung (Lebensalter, Blutzuckerspiegel und religiöse Inbrunst sind miteinander hoch korreliert). Wieder eine andere und wahrscheinlich die richtige Erklärung würde Erhebungsfehler für das Ergebnis verantwortlich machen. Denn warum hätten gerade die Wiener (zum Unterschied von der Landbevölkerung) 1999 mehr an Gott glauben und mehr beten sollen als 1990? Das Ergebnis ist einfach nicht plausibel.

Bei der Definition moralischer Werte unterscheidet Zulehner »life-related morality« und »material goods morality«. Ersteres ergibt sich aus Wertungen hinsichtlich Ehebruch, Homosexualität, Abtreibung, Scheidung, Euthanasie und Selbstmord, letzteres aus Wertungen hinsichtlich des Aufbrechens eines Autos, um eine Vergnügungsfahrt zu unternehmen, und Marihuanakonsums. Zur Verwunderung des Autors ist die Toleranz gegenüber Autoeinbrüchen und Marihuanakonsum geringer als gegenüber Homosexualität, Scheidung und so weiter. Sein Fazit: »Thus, goods are better protected than life. If one were lucky enough to be a car, one would be well protected morally.« (58) Man sieht, daß Zulehner sowohl in seinen Untersuchungskonzepten als auch in seinen Schlußfolgerungen den krausen Gedankengang bevorzugt. Zum Beispiel ist die Rubrizierung von Drogenkonsum unter materiellen Angelegenheiten unverständlich. Was war das Kriterium für die Einteilung? Das verletzte Rechtsgut? Das Verhältnis von Täter und Opfer? Das Tatwerkzeug? Auch wirkt das Sammelsurium von Lebens-Werten mit ein bißchen Leib und Leben, ein bißchen Ehe und Familie und ein bißchen Sittlichkeit kurios. Was für ein Problem hat Zulehner mit Homosexualität? Ist sie wirklich um soviel schlimmer als ein Autoeinbruch? Ist Selbstmord wirklich ein Thema für Werte und Moral? Mittlerweile ist ja sogar der Strafgesetzgeber davon abgekommen, Selbstmörder zu bestrafen. Auch Scheidungen sind meist unerfreulich, aber doch eigentlich nicht in erster Linie ein moralisches Problem. Ihr Zusammenhang mit dem Schutz von Leben ist auch nicht offenkundig. Und schließlich ist ein Autoeinbruch kein besonders gutes Kriterium, um materielle Wertvorstellungen zu bestimmen, jedenfalls wenn es um einen Vergleich mit Haltungen zu Themen wie Abtreibung und Euthanasie geht, bei denen nur die extremen Positionen einfach sind. Bei Einbrüchen kann nämlich die breite Mehrheit eine einfache, ablehnende Position beziehen, da braucht man nicht viel zu differenzieren.

Am Ende seines Beitrags beschäftigt sich Zulehner mit dem Familienstand und seinem Zusammenhang mit kirchlich gebundener Religiosität. 62 Prozent der sonntäglichen Kirchgeher, aber nur 36 Prozent der Personen, die nie in die Kirche gehen, sind verheiratet, so sein Ergebnis: »Devotion to the Church, therefore, promotes and protects marriage« (59). Wie eine nähere Betrachtung von Zulehners Tabellen ergibt, stimmt das nicht ganz. Erstens ist es nicht notwendig, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen: Man kann seine Ehe auch schützen oder zu einer ehelichen Beziehung finden, wenn man nur einmal im Monat geht; für Frauen wirkt das sogar noch besser als der sonntägliche Kirchgang — 59 Prozent der monatlichen Kirchgeher und 66 Prozent der monatlichen Kirchgeherinnen sind verheiratet. Ja, selbst wenn man nur zu den Hochfesten in die Kirche geht, tut man seiner Ehe schon etwas Gutes: 52 Prozent der Männer und 49 Prozent der Frauen, die das tun, sind verheiratet. Zweitens gefährdet man als Frau das Leben des Ehegatten, wenn man oft in die Kirche geht: Der höchste Anteil von Witwen findet sich unter den sonntäglichen Kirchgängerinnen, er sinkt monoton mit der Häufigkeit des Kirchgangs; hingegen tut man als Mann seiner Frau mit oftmaligem Kirchenbesuch etwas Gutes, denn der Anteil der Witwer ist unter den Kirchgängern besonders gering (unter den anderen allerdings auch nicht allzu hoch). Insgesamt ist der Anteil der verwitweten Personen unter den Kirchgängern am höchsten; es ist also nicht so, daß der Kirchgang eines Ehepaars einfach dazu führt, daß leichter die Frau ihren Mann überlebt als umgekehrt, sondern es gibt insgesamt eine höhere Gefährdung für den Ehepartner. In welchen Beziehungsformen leben übrigens jene, die nie in die Kirche gehen? Sie leben nicht in erster Linie im Konkubinat, sondern sind ewige oder zeitweise Singles, insbesondere letzteres, mit überproportional hohen Werten. Dies deutet darauf hin, daß die Kirche wirklich nicht nur als Heiratsmarkt (»promotes … marriage«), sondern auch als Eheschutzinstitut wirkt. Soviel zur empirischen Sozialforschung nach Art Zulehners.

Sieglinde Rosenbergers Beitrag widmet sich dem Verhältnis von politischen Parteien und Religion, teilweise in Wiederholung von Themen aus den Beiträgen Boyers und Zulehners; die Herausgeber haben sich hier offenbar nicht um Abstimmung bemüht. Den Rückzug des Klerus aus der Politik notiert Rosenberger allerdings erst für die Zeit nach 1945 (68), das korrekte Datum findet man bei Boyer. Ansonsten versammelt der Beitrag überwiegend Informationen, die dem österreichischen Zeitungsleser bestens bekannt sind, nicht zu vergessen auch ein paar Klischees, die sich ewig halten werden (»The state’s long-held reluctance to address and to resolve matters of restitution« [70] — die Arbeiten der Historikerkommission hat es nicht gegeben).

Der dritte Aufsatz stammt von Susanne Heine. Er widmet sich einem spezielleren Thema, nämlich dem Islambild in Schulbüchern. Es wird nicht überraschen, daß der Islam nicht in erster Linie als Sympathieträger erscheint. Die meisten von der Autorin als schwerwiegend eingestuften Fehlurteile sind allerdings nur milde Verzerrungen, und nach der Lektüre des Beitrags bleibt hauptsächlich der Eindruck, daß die Schulbücher anscheinend gar nicht so schlecht sind. Heine fordert ein »objektives« Bild vom Islam ein, meint damit aber anscheinend das Gegenteil, nämlich eine ins Positive gedrehte Tendenzliteratur. Am Ende zitiert sie eine Lesebuchgeschichte, in der es um die Bevorzugung männlicher gegenüber weiblichen Nachkommen im Islam und um Freiheitsrechte von Frauen in Islam und Christentum geht, und befindet: »Here, a feminist-painted Jesus must be responsible for supposed cultural differences, as if Austrian fathers would not also prefer a son and as if there were not also feminist endeavors among Muslim women« (118). Hier würde sich eine Adaptierung von Hans Magnus Enzensbergers altem Eurozentrismus-Spiel (explizit auch für liberale Theologen gedacht) anbieten: Reihen Sie die Länder der Welt nach dem Kriterium, wo Sie als Frau würden leben wollen, allen Ernstes, auf Dauer, ohne Rückkehrrecht und ohne ausländischen Sonderstatus. So etwas bringt einen zum nochmaligen Nachdenken, ob kulturelle Unterschiede wirklich nur »angeblich« bestehen.

Außer diesen Beiträgen kann man in dem Band Interviews mit Adolf Holl und Helmut Krätzl und Beiträge von Christoph Schönborn, Michael Bünker, Anas Schakfeh und Paul Chaim Eisenberg lesen.

Insgesamt ist diese Ausgabe des Jahrbuchs nicht besonders begeisternd ausgefallen. Abgesehen von den erwähnten inhaltlichen Überschneidungen und sachlichen Fehlern, die amerikanische Leser kaum erkennen werden (hingegen wird ihnen auffallen, daß Gertraud Knoll auf S. 145 in der amerikanischen Botschaft in Wien einen »Vice-President Bob Dole« treffen darf), gibt es auch formale Mängel. So ist in Zulehners Beitrag Tabelle 1 aufgrund abgeschnittener Randspalte praktisch sinnlos (»The most important thing for children to learn is obedience« erscheint als »The most important thing«, die Bedeutung von Beschriftungen wie »The large amount of freedom that« und »People should only be allowed« kann auch aus dem Text nicht ergründet werden), und die Beschriftung von Tabelle 5 (»Religious self-assessment«) ist nicht durchgehend verständlich. Keine Empfehlung.