Gerhard Botz (Hg.)

Schweigen und Reden einer Generation. Erinnerungsgespräche mit Opfern, Tätern und Mitläufern des Nationalsozialismus

 

Wien
Mandelbaum
2005
161 S.
€ 19,90

 

Rezensent: Stefan Hofmann

Historicum, Frühling 2006, 38—39

 

 

 

 

Schriftliche und mündliche Erinnerungen an den Nationalsozialismus unterscheiden sich voneinander deutlich. Der umfangreichen Erinnerungsliteratur der Opfer stehen Erinnerungen von Tätern in weitaus geringerer Zahl gegenüber; in der mündlichen Überlieferung der großen Masse von Zeitgenossen dominieren die Erinnerungen jener, die dem Regime mehr oder weniger freundlich oder unfreundlich gegenüberstanden, ohne sich sonderlich zu exponieren und ohne Verfolgung erleiden zu müssen. Sowohl die Bilder von Opfern als auch jene von Tätern wurden im Lauf der Zeit differenzierter und realistischer, woran auch die Erinnerungsliteratur beteiligt war. Ein aus einem Seminar an der Universität Wien hervorgegangener Band präsentiert Erinnerungsliteratur unter einem bestimmten Gesichtspunkt.

Als Ergebnis einer universitären Lehrveranstaltung ist der Band auf jeden Fall eine sehr respektable Leistung, er verdient aber auch darüber hinaus Interesse. Die Besonderheit ist hier die Art, wie Erinnerungen durch Angehörige einer jüngeren Generation im direkten Gespräch mit den Zeitgenossen erarbeitet wurden: Gemeinsam ist den Texten, daß die Autoren auch ihre persönliche Betroffenheit zum Thema oder zu einem wesentlichen Element der Arbeit machen. Dies geht so weit, daß es in einigen Fällen, abweichend von den üblichen Standards der Oral History, gerade nicht persönlich distanzierte Interviewer waren, die mit den Zeitzeugen sprachen, sondern etwa Enkel der Interviewpartner. In diesen Fällen werden dann nicht nur Grauen und Entsetzen zum Thema, sondern etwa auch die Enttäuschung über Großeltern, die ihr Verhalten im Nationalsozialismus verschwiegen haben.

Ändert dieser Zugang etwas am Ergebnis? Auf der Ebene der historischen Geschehnisse passieren jedenfalls Verschiebungen in der Präsenz von Tätern, Opfern und »Mitläufern«. Einer der »Mitläufer« ist etwa der Großvater von Elisabeth Wutzlhofer: In der Familie gab es einen deutschnationalen Vater und eine christlichsoziale und persönlich religiöse Mutter mit den entsprechenden gegensätzlichen Einstellungen zum Regime. Der Sohn (im Jahr 1938 fünfzehn Jahre alt) war glücklich, auf eine technische Schule gehen zu können, war selbstverständlich bei der Hitlerjugend und versuchte sich irgendwie unbeschädigt durch den Krieg zu lavieren. Das ist nicht die Art von Geschichte, die man unbedingt in gedruckten Memoiren loswerden will, aber es ist gerade wegen der Durchschnittlichkeit des Geschehens ein interessanter Fall. Es gibt aber auch ungewöhnliche Fälle, etwa jenen eines mit der Autorin Sandra Paweronschitz nicht verwandten Mannes, der in der Partisanenbekämpfung eingesetzt war und ziemlich offen über seine Einsätze erzählt. Er hat nach eigener Schätzung ungefähr zweitausend Menschen erschossen; nach einem barbarischen Massaker, das Partisanen an Verwundeten verübten, bringt seine Einheit in einem mörderischen Delirium ein ganzes Dorf um. Der Erzähler war damals siebzehn Jahre alt. Derartige Bekenntnisse findet man sonst nicht leicht.

Die Erzählungen der Opfer fügen sich zwanglos in die bekannte umfangreiche Erinnerungsliteratur ein, auch wenn jede dieser Geschichten ihre individuellen Züge hat. Schockierende Bekenntnisse, wie man sie etwa in Roman Fristers Die Mütze zu lesen bekommen hat, findet man hier nicht. Beachtenswert ist aber, wie die Verfolgten des Regimes die Bedrohung wahrnahmen, sowohl den Grad der Gefährdung als auch die Art und Weise der Verfolgung. »Rosa« (Pseudonym) im Text von Alexander Salzmann etwa hatte einen von Haus aus jüdischen Vater und eine zum Judentum konvertierte Mutter und war außerdem in einer kommunistischen Widerstandsgruppe tätig. 1942/43 war sie wegen politischer Tätigkeit inhaftiert, wurde dann wieder entlassen und nach einigen Monaten neuerlich erwischt. Im Herbst 1944 kam sie nach Birkenau: »Nachdem sie die Aufnahmeprozedur […] überstanden hatte, realisierte Rosa schnell, dass in Auschwitz etwas Schreckliches vor sich ging. […] Schon in der ›Sauna‹ […] fiel Rosa der süßliche Geruch auf, der in der Luft lag. Auf ihre Fragen bekam sie keine Antwort, doch schon nach kurzer Zeit war ihr klar, was dort passierte« (110) — eine doppelt verfolgte, politisch aktive und demzufolge vermutlich eher aufmerksame Zweiundzwanzigjährige hatte also noch wenige Monate vor der Befreiung von Auschwitz keine Ahnung von den Vernichtungslagern gehabt.

Hat die persönliche Nähe einiger Autoren zu ihrem Gegenstand etwas an den Erklärungen des Geschehens geändert? Am ehesten wäre dies bei den Geschichten der »Täter« und »Mitläufer« zu erwarten: Man könnte meinen, daß die persönliche Nähe zu befragten Personen es leichter macht, die bestimmende Rolle von vermeintlich unwichtigen persönlichen Erfahrungen und Beweggründen, pragmatischen Überlegungen und zufälligen Ereignissen zu verstehen, die für das Handeln der Zeitgenossen meist bedeutsamer waren als die im Rückblick viel stärker wahrnehmbaren Verbrechen des Regimes. Ein Beitrag, der diese Erwartung erfüllt, ist jener von Gerhard Botz über seinen Vater. Der Beitrag ist eine Ausnahme in diesem Band, weil sich der Autor anstelle eines Interviews mit dem Protagonisten auf schriftliche Dokumente und Gespräche mit anderen Zeitzeugen stützen mußte, denn Anton Botz ist 1944 in Südungarn gefallen. Anton Botz war ein »Alter Kämpfer« — aber ein flexibler: 1931 trat er in die NSDAP ein,aber nach nicht einmal anderthalb Jahren schon wieder aus, ging zum Bundesheer und wurde im »Ständestaat« Gerichtsvollzieher, der Nationalsozialisten nicht schonte. Bald nach dem »Anschluß« bemühte er sich um Wiederaufnahme in die Partei, die ihm erst 1944 (rückwirkend per 1941) gewährt wurde. Den Krieg erlebte er als Wehrmachtsangehöriger an verschiedenen Schauplätzen, er wurde unter anderem im letzten Moment aus Stalingrad ausgeflogen, wobei der Verdacht einer Selbstverstümmelung im Raum steht. Gerhard Botz ordnet diese Karriere recht plausibel in das Spektrum von »Mitläufertum« ein, das von völliger Unauffälligkeit bis zur eher praktisch motivierten Mitgliedschaft in Parteiorganisationen ohne besonders exponierte Tätigkeit reicht. Heikler ist der Einsatz von Anton Botz in einer Einheit, die bei der Partisanenbekämpfung in Italien eingesetzt war, wobei Botz offenbar auch wirklich in Nahkampfsituationen geriet und dabei verwundet wurde. Die fragliche Einheit war auch an mindestens einem Einsatz beteiligt, dessen Beschreibung im Tagesbericht der Wehrmachtsführung auf eine mörderische Aktion gegen unbeteiligte Zivilisten schließen läßt; die persönliche Rolle von Anton Botz dabei ist jedoch nicht zu klären.

Diese Geschichte — nicht ohne Reiz angesichts von Gerhard Botz’ Wortmeldungen in der »Waldheim-Affäre« (was der Autor auch selbst thematisiert) — führt direkt zu der dritten hier interessanten Ebene, nämlich der moralischen Beurteilung des historischen Geschehens und des Verhaltens der einbezogenen Personen. Diese Frage, in der öffentlichen Diskussion nach wie vor präsent, hat in der historiographischen Aufarbeitung im Lauf der Zeit an Bedeutung verloren. Im vorliegenden Band geht es zumindest in einigen Beiträgen wieder in die Gegenrichtung, ein Ergebnis der expliziten Thematisierung der eigenen Position der fragenden und schreibenden Historiker. In einem Beitrag bleibt dieser Aspekt aber vollkommen ausgeklammert, nämlich in dem Interview, das Monika Rammer 1984 mit ihrem damals neunundneunzigjährigen Großvater, einem in Mauthausen eingesetzten SS-Mann, geführt hat: Dieses ungewöhnliche und lesenswerte Interview wird pur und ohne Kommentar präsentiert — nicht die schlechteste Lösung. Die meisten anderen Autoren geben die Interviewergebnisse indirekt wieder, und manche kommentieren sie auch auf der moralischen Ebene. So schreibt Elisabeth Wutzlhofer: »Ein Schuldeingeständnis meines Großvaters gab es nie; wenn überhaupt jemand schuld war, dann die klassischen Täter, und die Deutschen natürlich. Die eigene Rolle als begeisterter HJ-Führer wurde verdrängt.« (122) (Die »Schuld« des Großvaters besteht darin, daß er in den Jahren zwischen fünfzehn und achtzehn in der Hitlerjugend mehr als das Minimum mitmachte und für kurze Zeit sogar die Gruppe im burgenländischen Dorf anführte). Und Irene Maria Leitner, deren Großvater illegaler Nationalsozialist war und deren Großmutter den Nationalsozialismus immer noch nicht verurteilt, schreibt: »Mir war immer klar, daß ich kein Recht dazu besitze, das Verhalten meiner Großmutter zu jener Zeit zu verurteilen. Natürlich stört es mich, dass Maria mit ›Ja‹ gestimmt hatte, aber ihre Entscheidung und ihre Überlegungen, die zu dieser Entscheidung geführt hatten, habe ich zu akzeptieren, und zwar so wertfrei wie möglich. Ich lehne auch jede Pseudoidentifizierung mit ihr ab, etwa in der Art, wie ich reagiert oder wie ich mich an ihrer Stelle verhalten hätte, und ich habe nie versucht, meinen Wissensstand mit 24 Jahren mit jenem der damals gleichaltrigen Maria zu vergleichen.« (37) Dann: »Ich darf als Enkeltochter aber auch Anstoß an dem nehmen, was mir meine Großmutter erzählt, ohne dabei irgendeine diffuse Familiensolidarität zu verletzen. Mir steht es zu, zu sagen, dass mich ihr Bericht stört, wütend macht und entsetzt, weil ich ihn für unreflektiert halte und er sich nicht mit meiner Einstellung deckt.« (37—38) Eine »Pseudoidentifikation« der beschriebenen Art — »kontrafaktisch«, wie die Autorin schreibt, und damit nichts Schlechtes — würde hier vielleicht helfen: Sich klarzumachen, welchen Wertvorstellungen die Zeitgenossen unterlagen, welche Wahrnehmungen sie machten und welche Schlüsse sich daraus ergeben konnten; und sich dann zu überlegen, wieviel Vorwerfbares übrig bleibt. Das muß nicht in eine Entschuldigung münden, wird aber fast immer zu einer vorsichtigeren Beurteilung führen. Und jedenfalls ist dies nicht eine Angelegenheit der Historikerin, sondern der Enkelin.

Ein letzter Punkt: Wie immer bei Erinnerungen stellt sich auch in den hier vorgelegten die Frage nach der faktischen Richtigkeit des Erzählten. Ein Beispiel aus dem Beitrag von Nicoletta Bertagnoli: Rudolf, Jahrgang 1918, konnte nicht ins Gymnasium gehen, was aber eigentlich für ihn vorgesehen gewesen wäre. Der Grund: »Die Eltern besaßen einen kleinen Gemischtwarenhandel und brachten ihre Einnahmen auf die Bank. […] Doch mit der Wirtschaftskrise und der hohen Inflation war das Geld auf der Bank mit einem Schlag nichts mehr wert« (96). Rudolf, der bereits die Aufnahmeprüfung ins Gymnasium bestanden hatte, mußte in die Hauptschule gehen und dann eine Lehre machen; seinen Berufswunsch, Lehrer zu werden, mußte er vergessen. In dieser Erklärung vermischt sich die Hyperinflation der Jahre bis 1923 mit der Weltwirtschaftskrise ab 1929, die indessen gerade nicht eine Inflationsperiode war. Daß die Autorin den Fehler nicht bemerkt, ist nicht so wichtig, auch ist die Angelegenheit in der Erzählung von minderer Bedeutung. Sie ist aber ein Beispiel, in dem die nachträgliche Stilisierung des Erinnerten ausnahmsweise einmal klar erkennbar wird; in den meisten anderen Aspekten der präsentierten Erzählungen ist mit ähnlichen Falschmeldungen zu rechnen, die aber dann mangels anderer Quellen nicht bemerkt werden können. Explizit befaßt sich Alexander Salzmann in seiner Geschichte von »Rosa« mit dieser Frage: Der Autor hat mit der Zeitzeugin mehrmals gesprochen (das gehört zu den Regeln seriöser Oral History) und beträchtliche Abweichungen zwischen den Erzählungen festgestellt, die zu enormen Verschiebungen in der Chronologie führen — ein warnendes Beispiel für die Unverläßlichkeit mündlicher Quellen für die Rekonstruktion von Ereignisabläufen.