Christian Brandstätter
Design der Wiener Werkstätte 1903—1932. Architektur. Möbel. Gebrauchsgraphik. Postkarten. Plakate. Buchkunst. Glas. Keramik. Metall. Mode. Stoffe. Accessoires. Schmuck
Wien
Brandstätter
2003
400 S., 450 Farb-, 100 SW-Abb.
€ 49,90
Rezensentin: Stefan Hofmann
Historicum, Frühling 2004, 39
Die Wiener Werkstätte wurde 1903 gegründet. Im Frühjahr 1903 wurde sie als Genossenschaft im Handelsregister eingetragen (später sollte sie in eine Gesellschaft mit beschränkter Haftung umgewandelt werden), im Herbst 1903 bezog sie die Werkstätten und der Ausstellungssaal in der Neustiftgasse in Wien VII. Ein Jahr später präsentierte sie sich zum ersten Mal in Berlin in der Öffentlichkeit, 1905 dann auch in Wien. Programmatisch verkündete man den Anspruch, der Massenproduktion und der Nachahmung überkommener Stile entgegenzutreten und einfache, am Zweck orientierte, nicht unbedingt dekorierte Gebrauchsgegenstände zu erzeugen. Zum hundertjährigen Jubiläum des Unternehmens erschien ein mittelformatiger Bildband.
Die Geschichte der Wiener Werkstätte endete 1932, bereits 1926 war sic nach chronischen wirtschaftlichen Problemen in Ausgleich gegangen. Wirtschaftlich lebte sie von einigen großzügigen Finanziers und Gesellschaftern, denen ausbleibende Gewinne kein Problem waren. Als Wirtschaftsunternehmen war die Wiener Werkstätte keine Erfolgsgeschichte.1
Künstlerisch war das Unternehmen hingegen höchst erfolgreich, wenn auch nicht unumstritten (sein prominentester Gegner war Adolf Loos). Die Produktpalette reichte von Architektur und Einrchtungsgegenständen über Druckgraphik bis zu Mode und Schmuck. In einzelnen Bereichen schuf die Wiener Werkstätte Arbeiten, die heute als wichtige Werke der Kunst des frühen 20. Jahrhunderts anzusehen sind, so vor allem in der Architektur mit dem Sanatorium Purkersdorf und dem Brüsseler Palais Stoclet, beide von Josef Hoffmann geplant; auch die Ausstattung dieser Bauten (zum Teil auch die Ausführung, jedenfalls aber der Entwurf) stammt aus der Wiener Werkstätte. Aber auch im Bereich von Kunsthandwerk, Gebrauchsgraphik und Mode wurde die Wiener Werkstätte schon durch die schiere Fülle ihrer Arbeiten wichtig.
Stilistisch waren die Arbeiten der Wiener Werkstätte vielfältig; ein durchgängiges Merkmal ist allerdings die große Bedeutung des Dekors. Dies muß im Hinblick auf das Arbeitsprogramm aus dem Jahr 1905 betont werden, wo es heißt: »Wo es angeht, werden wir zu schmücken suchen, doch ohne Zwang und nicht um jeden Preis« (9). Es ging offenbar fast überall an. In der Art des Dekors entwickelte die Wiener Werkstätte einen eigenen Stil, den der Autor des vorliegenden Bandes in einer nicht ganz nachvollziehbaren Art charakterisiert: »Ein auf Einfachheit und Zweckmäßigkeit basierendes Formenvokabular, eine Farben-Reduzierung auf Schwarz-Weiß (bzw. Dunkelblau-Weiß bei ihren eigenen Geschäftsdrucksachen) und ein streng geometrisch-abstrakter Dekor (mit Vorliebe für das Quadrat) bestimmten diese erste und wohl auch bedeutendste Dekade der WW, in der ein Stil entwickelt wurde, der sich von allen anderen, meist dem floralen Ornament huldigenden Strömungen im europäischen Kunsthandwerk total unterscheidet und daher auch heute noch so revolutionär wirkt« (9). Sicherlich gab es diesen reduzierten Dekor; aber hätte man keine Arbeiten der Wiener Werkstätte vor Augen, würde man sich nach dieser Beschreibung sicherlich nichts in der Art des Cabaret Fledermaus (mitsamt den dazugehörigen Accessoires und der Druckgraphik) oder gar des Palais Stoclet erwarten, nichts von den Schmuckerzeugnissen dieser Jahre und am allerwenigsten so nützliche Dinge wie die bunten und schwarz-weißen Putti mit Blumen von Michael Powolny aus dem Jahr 1907 (252—253). Die im selben Zusammenhang wiedergegebene Bemerkung Oskar Kokoschkas über die Vorwegnahme der Bauhaus-Idee durch die Wiener Werkstätte gilt eben nur in einem sehr allgemeinen Sinn.
Der Band und jedes Kapitel sind mit kurzen Einleitungen versehen, einige der wichtigsten Künstler (Josef Hoffmann, Kolo Moser, Carl Otto Czeschka und andere) werden mit Kurzportraits hervorgehoben. Die Texte sind aber nicht so wichtig, denn der Band ist vor allem ein ausgesprochen schönes, mit Genuß durchzublätterndes, liebevoll (unter Verwendung von Arbeiten der Wiener Werkstätte) ausgestattetes Bildbuch geworden. Nach Gattungen gegliedert, kann man sich anhand repräsentativer Arbeiten einen Überblick über die Produktion der Wiener Werkstätte verschaffen.
Wenn es an dem Band etwas zu kritisieren gibt, dann betrifft es den Anhang. Nützlich ist zwar die hier wiedergegebene Liste von wichtigen Mitarbeitern der Wiener Werkstätte mit Lebensdaten und Arbeitsbereichen. Etwas seltsam ist hingegen die Bilddokumentation ausgefallen. Die Beschriftungen der Abbildungen im Bildteil geben Künstler, Objekttitel oder -benennung, Ausführende, Jahr und Technik an, im Anhang findet man ein Bildquellenverzeichnis (nach Namen geordnet) und ein Verzeichnis der Standorte, das allerdings nur ungefähr ein Zehntel der Bilder betrifft. Für den Großteil der Bilder ist aus Sicht des Lesers unklar, wo sich die Objekte befinden.
Von diesem editorischen Detail abgesehen eine positive Erscheinung.