Walter Brunner
Geschichte von Neumarkt in der Steiermark
Neumarkt in der Steiermark
Eigenverlag der Gemeinde Neumarkt
1985
613 S.
Schloß Premstätten. Ritterturm — Adelsschloß — Ordenshaus — High-Tech-Center
Unterpremstätten
Austria Mikro Systeme Internat.
1989
552 S.
Habilitationsschrift [1993], Universität Graz
Rezensentin: Eva Sonntagbauer
Historicum, Sommer 1993, 4—5
»Insgesamt entsteht ein sehr facettenreiches und plastisches Bild von Neumarkt, seiner sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung. In diesem wissenschaftlichen Werk wird dokumentiert, was die Schaffenskraft, die tägliche Arbeit, die Originalität und Kreativität steirischer Menschen hier im Orte Neumarkt geschaffen haben.«
»Steirische Menschen« — das riecht nach der Rhetorik steirischer Landesfürsten; und wirklich war hier einer der Vorworteschreiber Landeshauptmann Krainers am Werk. Wenn Habilitationsschriften mit Bekundungen der Allerhöchsten Huld versehen werden, dann muß irgendeine offiziöse Funktion im Spiel sein; im Fall des Bandes Geschichte von Neumarkt in der Steiermark, den Walter Brunner, Archivar am Steiermärkischen Landesarchiv, im Jahr 1985 im Eigenverlag der Gemeinde Neumarkt herausgebracht hat, braucht man nicht lange nach dem Grund dafür zu suchen: 1235 ist Neumarkt erstmals in einer Urkunde erwähnt worden.
In späterer Zeit, so Krainer, war in Neumarkt auch die erste Tuberkuloseheilstätte der Steiermark.
Beim 750-Jahr-Jubiläum war allerdings von einer Habilitationsschrift noch keine Rede, da ging es einfach um die Ortsgeschichte. Derartige Werke, meist Sammelbände, ob ohne besonderen Anlaß oder bei Jubiläen entstanden, gibt es in großer Zahl. Die Geschichte von Neumarkt ist mit über 600 Seiten dicker als die meisten anderen Ortschroniken; außer Brunner ist an dem Werk noch Diether Kramer beteiligt, der den kurzen Abschnitt über die Vor- und Frühgeschichte des Bezirkes Neumarkt verfaßt hat.
Wie die meisten Ortsgeschichten, die von professionellen Historikern verfaßt werden, läßt sich auch die vorliegende treffend mit den von Kramer zitierten Worten H. Gutschers kennzeichnen, der 1909 eine archäologische Studie über Neumarkt veröffentlichte: »Der methodische Vorgang wird bei solchen Studien der sein, daß zuerst ohne irgend eine vorgefaßte Meinung, was an antiken Denkmälern vorhanden ist, in Verbindung mit dem, was an literarischen Nachrichten, fortlebender Tradition oder persönlicher Erinnerung in Bezug auf sie oder auf verloren gegangene oder entführte Reste erreichbar ist, möglichst vollständig, am besten nach topographischen Gesichtspunkten, verzeichnet wird und dann die antiken Nachrichten oder gelehrten Annahmen über Besiedelung und Straße, politische, militärische und Kulturverhältnisse daran geprüft und damit verbunden werden, soweit dies bei der Beschränktheit des jeweilig vorgenommenen Gebietes eben möglich ist« (S. 35).
»Methodische Vorgänge« dieser Art sind nicht nur für die Urgeschichte typisch. Siedlungsgeschichte, Herrschaftsgeschichte, soziale Gliederung, Verwaltung und Rechtssprechung, Finanzen, Gewerbe, Bildung, Armenwesen, Kirchengeschichte, Vereine, materielle Kultur, Brauchtum — all das wird in der Geschichte von Neumarkt in einer Fülle von Details ausgebreitet. So werden nicht nur auf gut fünfzig Seiten fast ebensoviele einzelne Gewerbe nacheinander abgehandelt (wobei in Umkehrung der gewohnten Perspektive der Blick umso schärfer ist, je weiter zurück in die Vergangenheit die Darstellung geht — »Die ersten Nachrichten über den Huterer Caspar Lenz stammen aus dem Jahr 1563. [Fn.] Dieser Hutmacher bewohnte das Haus CNr. 56 bis zum Jahr 1601.« Usw. S. 334), es finden sich seitenweise Listen von Marktrichtern, Bürgermeistern, Pfarrern und Gendarmeriepostenkommandanten, über fünfzig Seiten erstreckt sich das abschließende Häuserbuch (über 100 Bürgerhäuser, jeweils mit der Reihe der Besitzer), und zwei Geschichten, die nirgends hineinpaßten, aber doch vermutlich in die Kategorie »fortlebende Tradition« gehören, wurden schließlich unter dem Stichwort Anekdoten aus Neumarkt untergebracht.
Dagegen ist vom Standpunkt der Ortsgeschichtsschreibung aus nichts einzuwenden. Ortschroniken leben davon, daß sie Details in möglichst dichter Fülle und möglichst großer Vielfalt ausbreiten — Identifikation ist hier das wichtigste. Und Ortschroniken wenden sich bevorzugt an Laien, nämlich an die ortsansässige Bevölkerung. Nicht ohne Grund ist die Geschichte von Neumarkt daher eine Anhäufung von Fakten, gründlich sortiert, aber nicht weiter verarbeitet, weitab von theoretischen Ansätzen, Modellbildung, komparativen Überlegungen und ähnlichem Schnickschnack. Ein sehr gelungenes Werk.
Vom Standpunkt der Ortsgeschichtsschreibung aus.
Der zweite Teil der Habilitationsschrift Walter Brunners ist ebenfalls in Buchform erschienen: Schloß Premstätten. Ritterturm — Adelsschloß — Ordenshaus — High-Tech-Center.
Die ersten 400 Seiten stammen von Brunner, der Rest von Conrad Heberling. Wie beim Neumarkt-Band handelt es sich auch hier gewissermaßen um »außengeleitete« Forschung, ist Schloß Premstätten doch Sitz der Austria Mikro Systeme International GmbH, die den Band auch verlegerisch verantwortet (Erscheinungsjahr 1989). Jedenfalls kann — nach einem Überblick über »Das Schloß in der internationalen Presse« (fünf Weltblätter von der Kleinen Zeitung bis hin zu International Trade News) — unter der elegant formulierten Überschrift »Durch AMS nimmt das Schloß wieder eine neue Art der Vormachtstellung ein — die eines Vorreiters der Hochtechnologie« resümiert werden: »Das Schloß hat scheinbar ein geistiges Monopol über die Jahrhunderte hinweg beherbergt, und nun ist AMS an der Reihe, das Erbe dieser Schlüsselstellung anzutreten. […] Waren es Ritter und Adelige, die die Anfänge des Schlosses prägten, so sind es jetzt Wissenschaftler, Ingenieure und Fachleute aus aller Welt, die mit ihrem Wissen zum Aufbau und zur Entwicklung der Mikroelektronik beitragen« (S. 537). Doch das geht nicht aufs Konto von Walter Brunner.
Brunner hat lediglich die Zeit von den Anfängen bis 1931 bearbeitet. In drei Teilen behandelt er die adeligen Besitzer des Schlosses, dann das Schloß selbst und schließlich Meierei und Grundherrschaft Premstätten.
Am umfangreichsten (200 Seiten) ist der Teil über die Schloßbesitzer. Die Besitzer werden der Reihe nach jeweils auf einigen Seiten gewürdigt, die wesentlichen Lebensinhalte — Geburt, Fortpflanzung, Privilegienverleihungen und Tod — werden, soweit sie bekannt sind, getreulich referiert. Stammbäume und Abbildungen von Wappen und Siegeln begleiten die fesselnde Darstellung, in neuerer Zeit auch Photographien.
Die etwa 100 Seiten über das Schloß selbst sind dem Bauwerk und der Ausstattung gewidmet. Der Bau wird anhand von Ansichten dargestellt, die Ausstattung anhand von Inventaren, Katalogen und Bildmaterial. Die Inventare werden in extenso zitiert, sodaß aufmerksame Leser z. B. die Anzahl der 1761 in den einzelnen Räumen des Schlosses verfügbaren Roßhaarpölster feststellen können. Ähnlich gründlich ist Brunner bei der Auswertung des Versteigerungskatalogs von 1927. Die Bebilderung ist sehr reichhaltig, da das Joanneum über eine umfangreiche Photosammlung aus dem Jahr 1904 verfügt, in der die verlorenen Gobelins zumindest noch in Abbildung erhalten sind; auch das Bundesdenkmalamt hat nicht mit Filmmaterial gegeizt.
Im Teil über Meierei und Grundherrschaft Premstätten (ca. 80 Seiten) werden einige allgemeine Ausführungen über die Grundherrschaft mit den quellenmäßig erfaßbaren einschlägigen Premstättener Details kombiniert. Die Quellen werden wieder ausgedehnt zitiert, eine eigentliche Auswertung oder Zusammenfassung oder dgl. findet nicht statt.
Wie sich aus alldem erahnen läßt, ist die Darstellung vollständig-sachlich-trocken-karg, nur manche Kapitelüberschriften, z. B. Wie es angefangen hat in Premstätten oder Wie die Saurau in die Weststeiermark gekommen sind, lassen ein wenig Peter-Rosegger-Stimmung aufkommen.
Vom Standpunkt der unternehmerischen Corporate-Identity-Bildung aus ist auch gegen die Geschichte des Schlosses Premstätten nichts einzuwenden. Denn wie Dipl.-Ing. Horst Gebert in seinem Geleitwort feststellt, sei es ein wesentlicher Teil der Corporate Identity von AMS, »allen Mitarbeitern den Boden einer langen Tradition, mit zwar wechselndem Geschehen, aber stets positiver Entwicklung zu liefern, um sich als erfolgreiche Individuen im Geschehen der Geschichte einzuordnen«. Und Dr. Leopold Goëss, Nachkomme von Premstättener Schloßherren, freut sich in seinem Vorwort, daß die AMS das Schloß pflegt, und findet die heutige Architektur scheußlich. Insofern auch dies ein sehr gelungenes Werk.
Vom Standpunkt der Corporate-Identity-Bildung aus.
1000 gelungene Seiten also, gründliche Arbeit und ein großer Aufwand. Daß es dennoch höchst merkwürdig wirkt, wenn derartige Arbeiten als Habilitationen akzeptiert werden, muß näher erläutert werden.
Die Kritik sollte sich nicht dagegen richten, daß beide Arbeiten, die Brunner vorgelegt hat, sehr begrenzte Gegenstandsbereiche — einen Markt, ein Schloß — haben. Es gibt eine Vielzahl von sehr guten oder ausgezeichneten Studien mit einem ähnlich eingegrenzten Bezugsrahmen. Man denke an die Regionalgeschichte mit ihren häufig sehr kleinräumigen Untersuchungsgebieten, an die historisch-anthropologischen Arbeiten in der Kulturgeschichte, die oft nur lokale Gegebenheiten zum Gegenstand haben, an kunsthistorische Untersuchungen, die sich mitunter mit nur einem Meister befassen, oder an Biographien im engeren Sinn. All dies kann sehr honorig ausfallen, und es sind schon historiographische Klassiker auf diese Art entstanden.
Auffallend selten hört man allerdings von klassischen Jubiläums-Ortschroniken. Der Grund dafür ist ganz klar: Die Qualität guter Ortschroniken liegt in der Anhäufung von Details, die einem breiten und heterogenen Leserkreis aus irgendwelchen Gründen wichtig sind. Für »richtige« Geschichtsschreibung sind die Details aber nur die Basis. Die Geschichte von Neumarkt ist für die Bewohner von Neumarkt wichtig oder zumindest interessant, Schloß Premstätten für die Herren Goëss (aus familiären Gründen) und Gebert (für die Dauer des Verbleibs im Unternehmen AMS).
»Richtige« Geschichte kann sich aber nicht in Beihilfe zur lokalen, persönlichen oder unternehmerischen Identitätspflege erschöpfen. Wären die beiden Bände nicht im Zusammenhang mit einem Marktjubiläum bzw. als Auftragsarbeit für ein Unternehmen entstanden, gäbe es gewichtige und grundsätzliche Kritikpunkte: Wie erwähnt, verzichtet Brunner auf jeden theoretischen Bezug, selbst in der zurückhaltend-vermittelten Form des Vergleichs — dabei ist der Vergleich gerade in der Lokal- und Regionalgeschichte ein notwendiges Korrektiv für die Wahrnehmungsfehler, die sich aus der geringen Distanz zum Objekt ergeben. Auch die scheinbar so tadellose empirische Arbeit und der beachtliche Umfang haben in Wirklichkeit mit der Unfähigkeit des Autors zur Bündelung und Zusammenfassung von Informationen zu tun — wenn man seitenweise Quellen einfach abschreibt, dann stellt das zwar eine sehr effektive Seitenschinderei dar, aber ernst kann man das nicht nehmen. Die Materialauswahl insbesondere in Schloß Premstätten ist völlig arbiträr, was sich an der Ausschlachtung sämtlicher vorhandenen Photobestände zeigen läßt: Mit den erwähnten Photos von 1904 wurde z. B. ein sehr interessanter Bestand für das Buch genützt; wer demnach meint, daß der Autor sorgfältig die besten Bilder aufgespürt hat, irrt — Brunner hat einfach alle verfügbaren Bilder reproduziert, bis hin zu den Bildern mit dem Chauffeur des Schloßbesitzers, die wahrscheinlich die auf S. 220 und 225 interviewte Tochter des Chauffeurs herausgerückt hat.
All dies könnte man kritisieren, wenn man den Zusammenhang mit der Entstehung der beiden Bände nicht berücksichtigen würde. Bedenkt man aber diesen Zusammenhang, dann zeigt sich, daß eine Kritik noch so richtig sein kann — manchmal liegt sie trotzdem einfach daneben.
So daneben wie der Gedanke, die Geschichte von Neumarkt und Schloß Premstätten als Habilitation zu akzeptieren.