Jung Chang und Jon Halliday

Mao. Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes

 

München
Blessing
2005
975 S.
€ 34,90

 

Rezensentin: Karin Neubaur

Historicum, Sommer 2005, 39

 

 

 

 

Eine Biographie mit fast tausend Seiten, die innerhalb kürzester Zeit vier Auflagen erlebt, ist wahrscheinlich keine trockene wissenschaftliche Abhandlung. Und wenn es sich um eine Biographie von Mao Tse-tung handelt, die Autorin selbst aus der Volksrepublik China stammt, in der Kulturrevolution zur Handarbeit gezwungen wurde und mit Wilde Schwäne einschlägige Erinnerungen veröffentlicht hat, dann ist Vorsicht angezeigt.

Der Band hat beträchtliche Mängel. Unübersehbar ist der Affekt, den der Name Mao Tse-tung bei den Autoren auslöst. Der feindselige Tonfall, der sich durch das Buch zieht, wirkt auch deshalb seltsam, weil er den Eindruck einer starken Befangenheit hervorruft und daher dem Anliegen der Autoren eher schadet als nützt. Zur Illustration ein Zitat auf einer beliebig aufgeschlagenen Seite: »Deshalb wurde Getreide zur Treibstoffgewinnung für Raketentests verwendet. Bei jedem dieser Tests wurden 10.000 Tonnen Getreide verbraucht, eine Menge, die die Jahresration von 1 bis 2 Millionen Menschen drastisch beschnitt« (561). Wenn eine solche Aussage irgendetwas heißen soll, dann doch wohl, daß man für jeden Raketentest dieser Art annähernd die jährliche Nahrung von ein bis zwei Millionen Menschen opferte. Tatsächlich handelt es sich, wenn man die Angabe von 10.000 Tonnen Getreide als korrekt voraussetzt, um 2,5 bis 5 Prozent der jährlichen Nahrungsmittelmenge von ein bis zwei Millionen normal ernährten Menschen — »drastische Beschneidung« ist also mindestens eine sehr ungenaue und in Wirklichkeit wohl einfach tendenziöse Bezeichnung. Gegen die Verwendung von Getreide als Treibstoff in einem von Hungersnot heimgesuchten Land wie China in den fünfziger Jahren findet man leicht vernünftige Argumente — umso merkwürdiger wirken Formulierungen wie die zitierte. Beispiele dieser Art könnte man endlos zitieren.

Ein zweiter Mangel ist die Beschränkung der Darstellung auf eine strikt personen- und elitenbezogene politische Ereignisgeschichte: Mao und seine Umgebung, Mao und seine Gegner, Mao und seine ausländischen Partner werden in ihren Gesprächen und Handlungen dargestellt, die dafür relevanten wirtschaftlichen oder kulturellen Umstände, die militärischen Verhältnisse und so weiter bleiben entweder unklar oder werden nur kursorisch behandelt. Es ist dies also schon in der Grunddisposition eine eher altertümlich wirkende Biographie.

Schwerer als all dies wirkt ein Mangel, der mit den genannten Punkten wahrscheinlich zusammenhängt. Mao kommt in diesem Band von Anfang bis Ende als unangenehme Figur heraus: persönlich unliebenswürdig, unkommunikativ, schmutzig und ungepflegt, von sadistischen und mörderischen Neigungen beseelt, eine Person mit schmarotzerhaften Zügen, ein übler Intrigant und ein unfähiger militärischer Führer. Vieles von dem, was die Autoren schreiben, kann man akzeptieren, und vieles war ja auch schon bei anderen zu lesen (zum Beispiel Maos tiefe Abneigung gegen Körperpflege). Gerade ein so desaströser Befund über die Person des Großen Steuermanns würde aber eine Erklärung erfordern, warum gerade die widerwärtigste unter allen anwesenden Personen an die Macht gelangte und sich trotz katastrophaler Mißerfolge jahrzehntelang behaupten konnte. In diesem Band gibt es wenig, was dies verständlich machen würde. Gewiß, es gab erhebliche Sicherheitsmaßnahmen, mit denen Mao allfällige Verschwörungen verhindern wollte (die Vorsicht, mit der der Vorsitzende Verschwörungen zu verhindern trachtete, hatte paranoide Züge); mehrmals versuchten Funktionäre sehr wohl, etwas gegen Mao zu unternehmen (was entweder von diesem verhindert wurde oder durch Zufall scheiterte); im Ausland wurde das Regime der Reihe nach durch naive Publizisten, den durchaus nicht naiven Stalin und schließlich durch die Administration Nixon gestützt (amüsant bis peinlich sind die speichelleckerischen Formulierungen, mit denen Kissinger und Nixon bei ihrem Besuch in Peking 1972 dem chinesischen Diktator kamen). All dies erklärt die Stabilität von Maos Herrschaft aber nicht, und in dieser Hinsicht ist das Buch einfach schwach.

Gewichtige Mängel also. Dennoch erhält der Band nicht einfach ein »Abzuraten«. Er ist flüssig geschrieben und ist trotz der Unzahl von anekdotischen Details und dem gewaltigen Umfang recht unterhaltsam ausgefallen. Daß der Co-Autor Halliday ein britischer Historiker ist, hat in dieser Hinsicht sicher nicht geschadet. Inhaltlich bleibt trotz des erwähnten tendenziösen Zugs vieles Interessante übrig, was nur Spezialisten zugänglich ist, und vieles, was auch für Spezialisten neu sein wird. Die Autoren stützen sich nämlich außer auf zahlreiche Quellen in chinesischer Sprache auch auf die Auskünfte einer enormen Zahl von Interviewpartnern (im Anhang mit ihren Funktionen angeführt), die sie in direkten oder telephonischen Interviews befragt haben. Die Probleme mit dieser Art von Quelle sind offenkundig: Gerade deshalb, weil sie Belege für gewisse, in schriftlichen Quellen nie dokumentierte Umstände liefern, sind sie oft nicht überprüfbar. Dennoch kann man auf diese wertvollen Auskünfte, wenn sie zur Verfügung stehen, nicht verzichten, und das Interesse, das dieses Buch beanspruchen kann, liegt ganz wesentlich in den Aussagen der Interviewpartner. Diese Aussagen geben Einblick in innere Abläufe, bezeichnende, in der Öffentlichkeit aber nie zu beobachtende Verhaltensweisen, öffentlich nie zum Ausdruck gebrachte Meinungen und so weiter. Freilich stellt sich im Fall dieser beiden Autoren, die sich nicht durch einen unbefangenen Umgang mit ihrem Thema auszeichnen, auch besonders dringlich die Frage, wie die Interviews verwertet wurden, oder anders ausgedrückt: Welche Auskünfte wurden nicht zitiert? Ein vorsichtiger Konsum des Bandes ist also angezeigt, aber man sollte nicht daran vorbeigehen.

Zum Erscheinungsbild des Buchs ist nicht viel zu sagen. Knapp achtzig Photographien illustrieren die Biographie, viele davon eindrucksvolle Aufnahmen (die meisten ohne Bildnachweis). Äußerlich auffallend ist die Uneinheitlichkeit in der Transkription von Namen, bei der die Autoren die heute offizielle Transkription neben der früher üblichen (bei einigen hervorgehobenen Personen und Orten, zum Beispiel Mao Tse-tung selbst und Peking) verwenden.