Laurence Cole, Christa Hämmerle, Martin Scheutz (Hg.)
Glanz — Gewalt — Gehorsam. Militär und Gesellschaft in der Habsburgermonarchie (1800 bis 1918)
Frieden und Krieg. Beiträge zur Historischen Friedensforschung 18
Essen
Klartext Verlag
2011
433 S.
€ 22,00.
Rezensent: Martin Moll
Historicum, Herbst 2010, 38
Mit dem umfangreichen und doch preiswerten Sammelband gibt die seit den neunziger Jahren außerhalb Österreichs in Fahrt gekommene Neue Militärgeschichte auch hierzulande ein kräftiges Lebenszeichen von sich. Verglichen mit dem vorherigen Monopol einer (noch immer vorhandenen) konservativen Operations- und Kriegsgeschichte sowie der meist von Sammlern und Amateuren betriebenen Heereskunde ist das schon allerhand; verglichen mit dem internationalen Forschungsstand ist es noch immer wenig. So nimmt es nicht wunder, wenn ein Autor konstatiert, die Zahl jener, die in Österreich professionell Neue Militärgeschichte betreiben, sei mehr oder minder deckungsgleich mit den aus der Alpenrepublik stammenden Autoren des Bandes. Dies klingt etwas zu pessimistisch (an der Universität Graz gibt es etwa seit einigen Jahren ein Center for Military Studies, von dessen Mitgliedern niemand an dem Band mitgearbeitet hat), beschreibt aber cum grano salis den herrschenden Rückstand. Die Defizite werden noch augenfälliger, wenn man bedenkt, daß das nunmehrige Lebenszeichen der Neuen Militärgeschichte nur die Zeit von 1800 bis 1918 betrifft; sowohl die Frühe Neuzeit als auch die Zeitgeschichte fehlen. Von den insgesamt siebzehn Beiträgern arbeiten lediglich acht in Österreich. Ein früher in Tirol tätiger Kollege ist mittlerweile nach Deutschland abgewandert.
Der Band geht zurück auf eine im April 2008 abgehaltene Tagung, die explizit nach »anderen Wegen« (11) bei der Erforschung der Militärgeschichte der späten Habsburgermonarchie suchen wollte. Diesem Anspruch werden die siebzehn Aufsätze im Grunde auch gerecht. Gemeinsam ist ihnen die Erweiterung der Perspektive über die Schlachtengeschichte hinaus (diese kommt gar nicht vor), sodaß — wie es auch der Untertitel ausdrückt — das Agieren, die Rolle und die Wahrnehmung des Militärs in (s)einer Gesellschaft im Frieden und im Krieg in den Blick rücken. Sofern ein Staat eine Armee unterhält, gibt es dann kaum einen Bereich, der für die Neue Militärgeschichte irrelevant wäre, wenngleich im allgemeinen und auch in diesem Band die Kultur- und Geschlechtergeschichte des Militärs besondere Aufmerksamkeit finden. Wie lose manchmal der Bezug zum Militär geraten kann, zeigen zumindest drei Beiträge. Karin Winter untersucht in »Ernährung und Schiffsleben bei der Marine« die Weltumsegelung einer Fregatte 1874-1876 und die dabei aufgetretenen Versorgungsprobleme, die ein auf derselben Route fahrendes, ziviles Schiff wohl ebenso gehabt hätte. Maureen Healy skizziert die in Österreich vor und während des Ersten Weltkrieges virulenten Türkenbilder mit Fokus auf dem Wandel vom historischen Erbfeind zum nunmehrigen Waffenbruder. Zwar kommt selbstredend auch das osmanische Militär zur Sprache, überwiegend handelt es sich aber um eine auf Land und Leute ausgeweitete Diskursanalyse. Oswald Überegger entwickelt, drittens, in einem wohlkonzipierten Beitrag über Tiroler Kriegerdenkmäler der Zwischenkriegszeit interessante und innovative Überlegungen, die weit über die – von ihm zu Recht als unzureichend kritisierte — bloße Analyse der Bild- und Formensprache dieser Monumente hinausgehen. Obwohl es dabei natürlich um die Darstellung von Soldaten (hier: des Ersten Weltkrieges) geht, kommt das Militär als Institution nur am Rande vor.
Eine deutlich stärkere Rolle spielt es in Laurence Coles Studie zu einem verwandten Thema, »Der Radetzky-Kult in Zisleithanien 1848—1914«, denn die Armee war eine der treibenden Kräfte bei der Inaugurierung und Inganghaltung dieses Kultes über einen langen Zeitraum hinweg. Waren hier militärische und zivile Aktivitäten zwar auf dasselbe Ziel gerichtet, ansonsten aber unkoordiniert, so zeigen andere Beiträge die enge Verzahnung der Armee mit der Zivilgesellschaft beziehungsweise dem Staat auf allen seinen Ebenen. Zu dieser Gruppe zählen Verena Pawlowsky und Harald Wendelin mit einer Untersuchung der Versorgung von Invaliden während des Ersten Weltkrieges oder auch Nicola Fontanas »Trient als Festungs- und Garnisonsstadt« 1880 bis 1914, wo buchstäblich das nicht immer reibungsfreie Zusammenleben von Zivilisten und Soldaten im lokalen Rahmen dargestellt wird. Sowohl von Kooperation als auch von Konflikten geprägt war ferner die Entmilitarisierung der kroatisch-slawonischen Militärgrenze 1868 bis 1881, wie Catherine Horel aufzeigt.
Einige Autoren rücken die Konflikte ins Zentrum ihres Interesses, so etwa Hannes Leidingers Beitrag über jene zahlreichen Reichsratsinterpellationen, die zwischen 1907 und 1914 Suizide von Soldaten anprangerten, oder Martin Zückert, der armeefeindliches Verhalten der tschechischen Gesellschaft bis 1918 unter die Lupe nimmt. Der Rolle der Armee in einer ebenfalls ethnisch definierten Teil-Gesellschaft der Monarchie widmet sich ferner »Die Bevölkerung der slowenischen Länder und die Allgemeine Wehrpflicht« von Rok Stergar, der freilich durchaus auch zustimmende Äußerungen verzeichnet.
Eine dritte Gruppe von Beiträgen stellt zwar die Institution Militär ganz in den Mittelpunkt, weicht jedoch von den tradierten Fragestellungen ab und berücksichtigt Rückwirkungen auf den zivilen Bereich. Eine weitgehende Binnensicht bietet Leighton James, der das für die Koalitionskriege gegen Napoleon (1792—1815) rückblickend niedergeschriebene »Tagebuch« eines österreichischen Husarenoffiziers auswertet. Frühere Arbeiten fortführend, vertieft Christa Hämmerle die Trias Drill, Disziplinarstrafrecht und Soldatenmißhandlungen 1868—1914 — ein gruseliger Beitrag, der die im Buchtitel genannten Leitbegriffe Gewalt und Gehorsam versinnbildlicht. Randständige, ja exotische Themen behandeln Alon Rachamimov (Theaterleben kriegsgefangener Offiziere in den weiten Rußlands 1914—1920) sowie Angelique Leszczawski-Schwerk (polnische und ukrainische Frauen in diversen mit der österreichisch-ungarischen Armee mehr oder minder verbundenen Legionen im Ersten Weltkrieg).
In die thematische Bündelung des Rezensenten, die völlig von den fünf Blöcken der Herausgeber abweicht, paßt ein letzter zu nennender Beitrag nicht hinein: Martin Scheutz wertet den während des Ersten Weltkrieges geführten, intensiven Briefwechsel dreier seit Jugendjahren befreundeter Historiker (Heinrich Ritter von Srbik, Wilhelm Bauer, Hans Hirsch) aus. Bauer war untauglich, Hirsch wurde bereits 1914 eingezogen, und Srbik ging auf eigenen Wunsch in den Sommerferien von der Universität an die Front. Scheutz’ Analyse dessen, was sich diese drei ungleichen Männer zu sagen hatten (es ging keineswegs nur um den Krieg, sondern ebenso um die kleinen Sorgen des Alltags, wissenschaftliche und Karrierefragen) ist ein Lesegenuß der Extraklasse.
Den leider nur spärlich bebilderten Band beschließt eine nützliche, in drei Zeitabschnitte gegliederte Auswahlbibliographie sowie eine exzellente »Kleine Quellenkunde zur Österreichischen Militärgeschichte 1800–1914« von Michael Hochedlinger, der neben vielen praktischen Tipps auch Hinweise zum Inhalt und zur Verläßlichkeit historiographischer Werke liefert. Wie diese Rezension hoffentlich zeigen konnte, weist die gleichermaßen von Inländern wie Ausländern betriebene Neue Militärgeschichte der späten Habsburgermonarchie eine enorme Bandbreite an thematischen Zugängen auf; ebenso vielfältig sind die genutzten Quellen. Der Sammelband will nicht nur neue Ergebnisse präsentieren, sondern ebenso mögliche Zugänge aufzeigen, innovative Fragen stellen und weiterführende Forschungen anstoßen. Dies gelingt ihm insgesamt überzeugend, und man kann nur hoffen, daß bald weitere, ähnlich angelegte Bände — auch zu anderen Perioden der österreichischen Militärgeschichte — folgen werden.