Stefan Creuzberger und Manfred Görtemaker (Hg.)
Gleichschaltung unter Stalin? Die Entwicklung der Parteien im östlichen Europa
Paderborn, München, Wien, Zürich
Schöningh
2002
468 S.
€ 56,60
Rezensent: Stefan Hofmann
Historicum, Winter 2003/2004, 27
Mit der Politik der Sowjetunion und der kommunistischen Parteien in Osteuropa in den späten vierziger Jahren beschäftigt sich ein Sammelband. Der größte Teil des Bandes besteht aus Länderstudien. Einbezogen wurden jene Länder, in denen es zur Machtübernahme von kommunistischen Parteien gekommen ist, also Polen, Rumänien, Bulgarien, Jugoslawien, Albanien, die spätere DDR, die Tschechoslowakei und Ungarn. Als Sonderfälle von Ländern, die zwar im fraglichen Zeitraum im sowjetischen Einflußbereich lagen, aber keine kommunistische Machtübernahme erlebten, werden Finnland und Österreich berücksichtigt.
Einige Beiträge seien herausgegriffen. Harald Moldenhauer (Universität der Bundeswehr Hamburg) befaßt sich mit dem Fall Polen. Die kommunistische Partei des Landes war (nach der Liquidation der KP Polens durch Stalin vor dem Krieg) die Arbeiterpartei, die von der sowjetischen Führung genötigt wurde, sich mit den anderen Parteien zu arrangieren. Dies geschah in unterschiedlicher Weise: Eine Zeitlang eher offen war die Politik gegenüber der sozialistischen Partei, bis diese im November 1946 in Form eines Wahlblocks in eine Einheitsfront eingegliedert wurde. Auch die Bauernpartei wurde zunächst geduldet, nach den Wahlen von 1947 aber relativ rasch zerschlagen. Die katholische Arbeitspartei wurden hingegen durch einen parteiinternen Umsturz auf die kommunistische Linie gebracht. Insgesamt ergibt sich in Polen der Eindruck, daß die sowjetische Politik in der Verwirklichung ihrer Ziele recht flexibel war und sowohl auf die Besonderheiten eines Landes als auch auf wechselnde Rahmenbedingungen reagierte.
Das Parteiensystem der Tschechoslowakei zwischen 1945 und 1948, das Jiri Kocian (Akademie der Wissenschaften, Prag) beschreibt, entwickelte sich ganz anders. Hervorzuheben ist hier vor allem das bis zum Ende beibehaltene Streben der nichtkommunistischen Parteien, in der Nationalen Front mit der Kommunistischen Partei zu verbleiben und diese eventuell bei Wahlen zu schlagen. Wichtig ist überhaupt auch das starre System der Nationalen Front, das oppositionelle Sonderentwicklungen praktisch unmöglich machte. Die Tschechoslowakei ist auch insofern ein besonderer Fall, als hier die Kommunistische Partei bei regulären Wahlen relativ erfolgreich war (vierzig Prozent im tschechischen, dreißig Prozent im slowakischen Gebiet).
Den Fall Österreich handelt Oliver Rathkolb (Bruno Kreisky Archiv) ab. Rathkolb untersucht die sowjetische Politik hinsichtlich der Zulassung österreichischer Parteien und Persönlichkeiten zum politischen Geschehen und hinsichtlich der Frage, welche Stellung Österreich im Staatensystem einnehmen sollte. Das Hauptergebnis ist eine extrem von Pragmatismus geprägte Politik der Sowjetunion, die in der österreichischen Innenpolitik eine Integration aller, auch der früheren »ständestaatlichen« Kräfte betrieb und die Versuche Renners, solche Personen auszuschließen, zurückwies. Hinsichtlich der außenpolitischen Position Österreichs entschied sich die Sowjetunion ganz klar für Österreich in den Grenzen von 1938 (mit kurzzeitigen Überlegungen über eine Einbeziehung Südtirols) ohne Integration in eine Konföderation mit benachbarten Kleinstaaten. Ansonsten bestand das Hauptinteresse in der wirtschaftlichen Ausbeutung des Landes durch die Besatzungsmacht, da in geographischer Hinsicht das Land abseits lag und für militärstrategische Überlegungen wenig Bedeutung hatte.
Welche Summe läßt sich aus den vorgelegten Beiträgen ziehen? Ein erstes Ergebnis wäre die Flexibilität der sowjetischen Osteuropa-Politik, die auf die Verhältnisse in den einzelnen Ländern einging und darauf verzichtete, mit allen Mitteln eine einheitliche Lösung durchzusetzen. Dies bedeutet auch, daß die sowjetische Polititk nicht von Anfang an einen vorgefaßten Plan verfolgte, wenn auch von einem beliebi gen Kurs keine Rede sein kann - es war sehr wohl klar, daß man die Region in irgendeiner Weise dem sowjetischen Einflußbereich zuordnen würde.
Für die Politik gegenüber den osteuropäischen Ländern waren folgende Gesichtspunkte maßgebend: Die geographisch-strategische Lage des jeweiligen Landes bestimmte, wie wichtig man es überhaupt nahm, ein Aspekt, der etwa gegenüber Polen eine besondere Rolle spielte. Wichtig für die Form der Machtübernahme war klarerweise auch die Stärke der kommunistischen Parteien. Hier waren die Verhältnisse von Land zu Land ganz unterschiedlich und ließen in einzelnen Fällen sogar zeitweise eine offene Entwicklung möglich erscheinen, so im Fall Polen. In Ungarn und Rumänien war die Ausgangslage wegen der Schwäche der kommunistischen Parteien und der antikommunistischen Einstellung des Großteils der Bevölkerung besonders schwierig; auch in Österreich war die KPÖ nicht eben ein Faktor, der eine Sowjetisierung besonders gefördert hätte. In dieser Hinsicht war die Ausgangslage in Bulgarien, insbesondere aber in Jugoslawien, weitaus günstigster. In Jugoslawien war die Kommunistische Partei stark, sie hatte das Land selbst befreit, besaß ein entsprechendes Renommee in der Bevölkerung und ging eigeninitiativ an den Aufbau eines stalinistischen Systems. Generell war die Rolle eines Landes während des Krieges und die Modalitäten seiner Befreiung von der nationalsozialistischen Herrschaft ein Kriterium, das die sowjetische Politik bestimmte. In ehemaligen Feindstaaten konnte gegen unerwünschte politische Kräfte leichter vorgegangen werden. Einen Sonderfall bildeten Deutschland und Österreich, da hier eine gewisse Abstimmung mit den anderen Besatzungsmächten erforderlich wurde, was erklärt, warum in der SBZ der Übergang in quasidemokratischer äußerer Form vollzogen wurde.
Der Band bietet einen guten Einblick in die Entwicklungen in den einzelnen Ländern und in Summe einen empfehlenswerten Überblick über die Situation in Osteuropa insgesamt.