Margarethe Dörr
Wie Frauen und Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebten
Vorstellung eines umfangreichen Oral-History-Projektes
Historicum, Herbst 2009—Winter 2009/2010

Maria M. (* 1937). Margarete Dörr, »Der Krieg hat uns geprägt.« Wie Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebten, Frankfurt/M. 2007, Bd. 2, 125.
Als ich 1988 mit meinen Befragungen von Zeitzeugen begann1, war Oral History im deutschen Sprachraum, im Gegensatz zu den angelsächsischen Ländern, eine noch wenig praktizierte und anerkannte historische Methode. Abgesehen davon standen die Frauen und Kinder noch fast völlig im Schatten des historischen Interesses, vor allem nicht das breite Mittelfeld der »ganz normalen« Frauen. So hatte ich mir eine Aufgabe gestellt, die mich in Neuland führte, ohne universitäre Anbindung oder Fördermittel von irgendeiner Stelle.
Mit meinem Kassettenrekorder machte ich mich auf den Weg, um zunächst Gespräche mit damals erwachsenen Frauen zu führen. Es war gar nicht schwer, solche zu finden2, die Bereitschaft zu erzählen war sehr groß und wuchs mit den Jahren. Leider konnte ich nur die im Zweiten Weltkrieg noch jüngeren Frauen erreichen, etwa bis zum Alter von 35 Jahren. Die älteren waren damals schon zwischen 65 und 85 Jahren alt, viele waren nicht mehr am Leben. Es ist versäumt worden, rechtzeitig diese Spuren zu verfolgen und zu sichern.3 Ich befand mich also im Wettlauf mit der Zeit. Zwar hatte ich mich zunächst auf meinen engeren Umkreis, den südwestdeutschen Raum, beschränken wollen, aber immer deutlicher wurde, daß regionale Grenzen kein erstrangiger Ordnungsfaktor für Kriegserfahrungen sind. Der Krieg hatte die Menschen »durcheinandergewirbelt«. Viele, die damals in Südwestdeutschland lebten, waren weggezogen, viele aus anderen Gegenden des Deutschen Reiches zugezogen oder durch Flucht und Vertreibung hierher verschlagen worden. So begrenzte ich die Arbeit nicht geographisch. Wo ich nicht persönlich hinkommen konnte, versuchte ich, durch schriftliche Aufzeichnungen, verbunden mit ausführlichen Telephonaten und ausgedehnten Briefwechseln, die Sammlung zu ergänzen. Nach etwa sechs Jahren hatte ich mehr als fünfhundert Lebensgeschichten gesammelt, die mündlichen transkribiert. Ich hätte das Sammeln noch lange fortsetzen können, entschloß mich aber zu einer Auswertung des viele tausend Seiten umfassenden Materials. Daraus sind drei Bände hervorgegangen mit insgesamt 1560 Seiten, veröffentlicht bei Campus.4
Was ist der Erkenntniswert dieser Methode? fragen die Skeptiker unter den Historikern, was erfahren wir Neues über den Zweiten Weltkrieg? Zunächst: Es ist eine neue Perspektive, die Perspektive »von unten und von innen« gegenüber der sonst üblichen Perspektive von »oben und von außen«. Nicht die sogenannten »Macher« der Geschichte stehen im Fokus des Interesses, die Staatsmänner, Heerführer, Kriegsziele, Kriegspläne, Diplomatie, auch nicht die Daten und Fakten des historischen Prozesses, statistische Angaben, Herrschafts- und Wirtschaftsstrukturen, sondern der schlichte Alltag des größten Teils der Bevölkerung. Sie erzählen aus ihrer eigenen Sicht, sie kommen zu Wort in ihrer eigenen Sprache, auch mit ihren Empfindungen und Ansichten, ihren Haltungen und Leiden. Nichts wurde in ihrer Redeweise literarisch bearbeitet oder überformt; es sind authentische Texte. Aber diese werden nicht einfach aneinandergereiht zu einem unüberschaubaren und undurchschaubaren Gewirr von Stimmen, sondern ihre Berichte werden unter Fragestellungen geordnet und behutsam kommentiert. Im ersten Band werden exemplarisch zehn Lebensgeschichten von Frauen verschiedenen Alters, sozialer Milieus und Härte des Kriegsschicksals vorgestellt, damit die Frauen als Personen Kontur gewinnen und nicht nur ausschnitthaft zitiert werden. Im zweiten Band wird der Kriegsalltag von ihnen geschildert. Da geht es um das lebenswichtige Thema: Durchkommen und Überleben. Wie organisierten sie Ernährung, Wohnen in zunehmend zerstörten Städten, Heizen und das übrige Alltagsleben im Krieg, in der unmittelbaren Nachkriegszeit? Wie sah der Arbeitsalltag einer bürgerlichen Frau, einer Bäuerin, einer Arbeiterin aus? Was wurde ihnen alles abverlangt? Wie erlebten sie die Trennung von den Männern, den Brüdern, den nahen Angehörigen, das Alleinsein, wie die Nachrichten »Verwundet«, »Gefallen«, »Vermißt«? Wie überstanden sie die zunehmende Bombenbedrohung, die Bombenangriffe, das »Ausgebombt-Sein«, die Tieffliegerangriffe? Wie arrangierten sich die Evakuierten aus den bombengefährdeten Städten an ihren Zufluchtsorten? Wie kamen sie mit der einheimischen Bevölkerung zurecht? Gab es auch so etwas wie »normales Leben« im Krieg? Gab es Feste, Freizeit, kulturelle Veranstaltungen? Welche Erfahrungen machten sie mit den Besatzern, den Franzosen, Amerikanern, Engländern und Sowjetrussen? Wie bewältigten sie Flucht, Vertreibung, Zwangsarbeit und Verschleppung? Im ersten Teil des dritten Bandes werden dann noch Nachkriegserfahrungen thematisiert: Das Zusammenfinden von Familien nach den Wirrnissen und Odysseen des Kriegs, der Neuanfang, schließlich die »langen Schatten«, die dieser Krieg warf, seine gesundheitlichen, psychischen, politischen Nachwirkungen. Ein Vorzug dieser Methode ist, daß sie sich nicht auf den ausgewählten Zeitabschnitt beschränken muß, sondern eben diesen Langzeitfolgen nachgehen kann.
Der zweite Teil des dritten Bandes versucht unter der Überschrift »Das Verhältnis zum Nationalsozialismus und zum Krieg« den Einstellungen und Verhaltensweisen der Frauen zum Regime auf den Grund zu kommen. Sie verbergen sich hinter gängigen Topoi und müssen akribisch auf ihren Gehalt und ihre Berechtigung geprüft werden. Worin bestand die Faszination des Nationalsozialismus und Hitlers für die Frauen (»Für mich war es eine schöne Zeit«)? Stimmt es, wenn sie sagen »Wir waren jung und kannten nichts anderes« oder »Ich war ganz unpolitisch«, »Wir taten einfach unsere Pflicht« oder, angesprochen auf die Verbrechen: »Wir haben doch nichts gewußt«, »Was hätten wir denn machen können?«, oder — wenn ein Fazit gezogen wird: »Es war ja nicht alles schlecht, besonders am Anfang«, »Warum immer nur wir? Wir haben genug gebüßt« oder »Es muß einmal Schluß sein«. Und schließlich: Wie standen Frauen damals zum Krieg, wie stehen sie heute dazu? Haben sie aus ihren Erfahrungen etwas gelernt? Bekannt ist und beklagt wird das »Große Schweigen« zwischen den Generationen über diese Zeit. Wie ist das Schweigen der Mütter zu erklären? Was waren die Gesprächsblockaden? Wann und wie sind Gespräche geglückt?
Als 1998 die Frauenbände erschienen, wußte ich, daß ich noch nicht am Ende meiner Zeitzeugenarbeit war. Eine große Zahl der Frauen waren ja Mütter, die Kinder waren bei all diesen Erfahrungen immer irgendwie dabei. Ich hatte diese Kinder immer nur mit den Augen der Mütter gesehen. Wie aber hatten sie selbst diese Zeit erlebt? Was haben sie mitbekommen? Wie haben sie es verkraftet? Wie sich später damit auseinandergesetzt? Ich hoffte inständig, daß sich junge Historiker, am besten ein ganzes Team, dieser Forschungsarbeit widmen würden — das geschah nicht, obwohl die Kriegskinderproblematik vor allem von der Psychotherapie und Gerontologie schon entdeckt war und auch bearbeitet wurde.5 Trotzdem fehlte noch eine ähnlich breit angelegte zeitgeschichtliche Studie wie die zu den Frauen. So widmete ich ein weiteres Jahrzehnt meines »Ruhestandes« der neuen Aufgabe. Millionen von Kriegskindern leben noch unter uns. Sie sind meist im Renten- oder Pensionsalter, blicken auf ihr Leben zurück, erzählen – auch sie wieder mündlich und schriftlich — gerne. 2007 konnte die Dokumentation — wiederum auf der Basis von mehr als fünfhundert schriftlich und mündlich von mir gesammelten Lebensgeschichten — ebenfalls bei Campus erscheinen.6 Ich verzichtete diesmal auf vollständige Lebensgeschichten, legte die beiden Bände (insgesamt 1090 Seiten) in 22 thematischen Kapiteln an, die sich aus meinen Fragestellungen und aus den Erzählungen der Kriegskinder ergaben. Die Bände sind bebildert, wobei die Abbildungen keine bloße Illustration sind, sondern wichtige historische Quellen. Mich interessierten nicht nur die extremen, sondern auch die glimpflichen »üblichen« Kinderschicksale, denn etwa zwei Drittel der damaligen Bevölkerung lebten auf dem Lande oder in kleinen und mittleren Städten und bekamen — zunächst jedenfalls — vom Krieg noch nicht allzuviel mit. Es entstand ein detaillierter Aufriß des damaligen Alltagslebens, teilweise idyllisch verklärt, das sich von unserer technisch geprägten Welt zutiefst unterscheidet. Woher rührte aber bei diesen Kindern die fraglose Begeisterung für den Krieg? Sie kam aus der langen militärischen Tradition, in der diese Kinder aufwuchsen, die sich bis zum Kriegsspielzeug und den Kriegsspielen schon im Kindergarten und in den Elternhäusern verfolgen läßt und durch die NS-Erziehung in der Hitlerjugend und in der Schule immens verstärkt wurde. Besonders fesselnd für junge Menschen von heute ist, wie raffiniert es das Regime anstellte, ihre Altersgenossen von damals bis zur Todesbereitschaft zu begeistern. Es ist ungleich überzeugender, wenn sie das Tagebuch eines damalige Pimpfs selbst lesen und nicht nur eine Darstellung über die Hitlerljugend. Für heutige Jugendliche stellt sich dabei unabweisbar die Frage: Wäre mir das damals nicht passiert? Und wo bin ich heute manipulierbar, vielleicht ohne es zu merken? Wie erlebten Kinder den Keller- und Bunkeralltag, in den größeren Städten Tag für Tag und Nacht für Nacht, und die fürchterlichen Angriffe? Wie erlebten sie das erste lange Getrenntsein von der Familie in der Evakuierung und in der Kinderlandverschickung? In welcher Weise nützte das NS-Regime dann die Bereitschaft dieser Jungen aus, »für das Vaterland zu sterben«? Hatten Kinder ein anderes Verhältnis zu den Besatzern als ihre Mütter? Wie überstanden sie die oft jahrelang sich hinziehende Flucht oder das Leben unter den neuen Herren, den Polen, den Tschechen und den Russen in den besetzten Ostgebieten? Wie viele Kinder wurden Waisen, und wie erging es ihnen, wie erging es den »verlorenen«, verschleppten Kindern? Bedeutete für sie der Verlust der Heimat, das Ankommen in einer fremden Umgebung, etwas anderes als für ihre Mütter? Lebten sie sich schnell ein? Es gab dann nach dem Krieg ja nicht nur die berühmten »Trümmerfrauen«, es gab die »Trümmerkinder«, die in den Trümmern lebten, spielten und schufteten, die halfen, das Überleben zu sichern. Wie war es für sie, wenn der Vater nicht mehr aus dem Krieg zurückkam oder als psychisch und physisch lädiertes Wrack? Und wie stehen sie heute zu diesen Erfahrungen? In welcher Weise hat sie der Krieg geprägt, was haben sie daraus gelernt, was möchten sie ihren Kindern und Enkeln weitergeben? Aber nicht nur der Vater, sondern auch die Mutter soll einmal mit den Augen der Kinder gesehen und beurteilt werden. »Meine Mutter« heißt ein Kapitel.
Während die Frauendokumentation sich auf Deutsche in den Grenzen des Deutschen Reiches von 1939 beschränkte, greift die Kinderdokumentation auch beispielhaft deutsche Volksgruppen jenseits dieser Grenzen heraus, die oder deren Nachkommen heute zu Millionen unter uns leben: Die Donauschwaben und die Rußlanddeutschen, die unter den Deutschen am meisten unter Hitler und diesem Krieg gelitten haben, obwohl sie am wenigsten dafür konnten.
Die Recherchen über die Frauen fielen in die Zeit kurz vor und kurz nach der deutschen Wiedervereinigung. Es war mir daher in der Frauendokumentation nicht möglich, die Frauen der SBZ beziehungsweise DDR in größerer Zahl zu befragen. Bei den Kindern aber fragte ich ausdrücklich: Wie erlebten die älteren unter ihnen, die eben noch Pimpfe oder Jungmädel in der Hitlerjugend gewesen waren, den Übergang von der braunen in die rote Diktatur? Wie erlebten sie die Grenze mitten durch Deutschland?
In der Frauendokumentation kommen Verfolgte nicht selbst zu Wort, ich betrachte nur das Verhältnis der Frauen zu den Verfolgten. In der Kinderdokumentation hingegen ist ihnen ein eigenes Kapitel gewidmet: Beispiele von verfolgten Kommunisten, Bibelforschern, Sinti und Roma und Juden werden dokumentiert, und natürlich wird auch danach gefragt, was Kinder von den Verbrechen gesehen oder gewußt haben.
Daran schließt sich selbstverständlich auch die Frage, wie die Kinder ihre Eltern und deren Verhältnis zum Nationalsozialismus wahrgenommen haben. Stimmt es, wenn behauptet wird, sie nähmen sie in Schutz, verharmlosten ihre Mitschuld.7 Stimmt der Satz, der ihnen häufig in den Mund gelegt wird: »Die Nazis, das waren die anderen«?
Bei der erwähnten Rückschau auf ihr Leben und das Fazit, das sie als reife, ältere Menschen in der Rückschau ziehen, durfte auch die Frage nicht fehlen: Wie stehen die Kriegskinder zu ihren damaligen Feinden, die ihnen soviel Leid zugefügt haben, besonders zu den östlichen Nachbarn, den Polen, den Tschechen, den Russen? Im letzten Kapitel, »Gelebte Versöhnung«, berichten altgewordene Kriegskinder eindrucksvoll von ganz individuellen und vielfältigen Aktionen, die über die Gräben des Hasses und der Gewalt Brücken bauen.
So können besonders junge Menschen von heute bei der Lektüre der Bände viele Aufschlüsse zu Fragen finden, die sie im Hinblick auf das »Dritte Reich« bewegen und auf die die herkömmlichen historischen Darstellungen die Antwort schuldig bleiben. Auf immer noch bestehende Forschungslücken weise ich hin.8
Aber kommen wir noch einmal auf die Problematik der Methode zurück. Zwei Haupteinwände vernehme ich immer wieder, vor allem den einen: Wie verläßlich sind denn solche Erinnerungen nach mehr als sechzig Jahren? Und zum anderen: Wie repräsentativ sind die Ergebnisse? In den beiden Einleitungen zu den Büchern setze ich mich mit diesen Einwänden eingehend auseinander. Dort sind die wesentlichsten Aussagen zu Nutzen und Grenzen von Oral History zusammengefaßt, dabei wird auch die Gedächtnisforschung berücksichtigt. Viele Hinweise darauf, wie solche Gespräche beziehungsweise Interviews zu führen und nicht zu führen sind, werden gegeben. Hier nur das Allerwesentlichste: Ich bin keine reine und keine naive Oral Historian, das heißt ich habe die Methode beträchtlich erweitert, und zwar in drei Richtungen: Weil ich mißtrauisch war und bin gegenüber dem, was Menschen mir aus ihrem Leben erzählen, zumal nach so langer Zeit, habe ich in großem Umfang, besonders in der Kinderdokumentation, persönliche Dokumente aus der damaligen Zeit herangezogen, besonders Tagebücher.9 Es war ein großer Vertrauensbeweis mir gegenüber, die lange, inzwischen verstrichene Zeit machte es leichter für die Verfasser, sich so zu öffnen. Daß ich selbst Zeitzeugin bin und meine eigenen Tagebucheintragungen in die Dokumentation eingebracht habe, war eine zusätzliche Hilfe. Dazu kommen Briefe, Schulhefte, Schulungshefte, Trauerpredigten, Zeitungsausschnitte, aussagekräftige Photos und anderes. Diese persönlichen Dokumente sind durch Erinnerung nicht überlagerte und verfälschte Quellen ersten Ranges. Zum zweiten beließ ich es nicht bei einem einzigen Interview, sondern blieb mit sehr vielen meiner Gewährsleute in brieflichem oder telefonischem Kontakt. So konnte vieles geklärt, nachgetragen, verbessert und vervollständigt werden. Im Gegensatz zu einem Aktenstück oder zu einem Dokument kann man mit der lebenden Quelle sprechen, nachfragen, Zweifel äußern und ausräumen. Und drittens ist die große Zahl der Gesprächspartner keine Marotte oder Rekordsucht von mir gewesen, sondern notwendig, damit sich die Zeugnisse gegenseitig kontrollieren, verifizieren und falsifizieren lassen. Was nach diesem Klärungsprozeß herauskam, sind sicher keine statistisch harten Ergebnisse, aber begrenzt verallgemeinerbare Einsichten. Zu den Grunderkenntnissen, zu denen die Methode zwangsläufig führt, ist die Ablehnung von simplen Wahrheiten, von Schwarz-Weiß-Malerei, zum Beispiel auch von einer einfachen Klassifizierung in »Opfer« und »Täter«, eindeutig bösen Nazis und eindeutig guten Widerstandskämpfern. Die Methode zwingt vielmehr zur Differenzierung. Das gefällt vielen nicht, die nach »handfesten« und leicht zu vermittelnden Ergebnissen fragen, aber es führt zu einem vorstellbareren und vollständigeren Bild von unserer Vergangenheit und ihrer Prägekraft.