Astrid Edlinger, Marlies Raffler (Hg.)
Der Schüler Ferdinand. Unterrichtstafeln für die »jüngeren« Erzherzöge aus den Sammlungen des Joanneums
Joannea. Berichte aus den Sammlungen des Universalmuseums Joanneum. Beiträge zur Kunst- und Kulturgeschichte der Steiermark, Neue Folge 4
Graz
Universalmuseum Joanneum
2012
189 S.
€ 29,90
Rezensentin: Doris Preindl
Historicum, Winter 2011/2012—Frühling 2012, 61—62

Lerntafel »Justitia Christiana«. Abbildung aus dem besprochenen Werk.
In der Sammlung des Universalmuseums Joanneums in Graz findet sich ein kulturhistorisch besonders bemerkenswertes Konvolut von zu Lehrzwecken erstellten und kommentierten Bildtafeln für die jüngeren Söhne Maria Theresias, die Erzherzöge Ferdinand Karl Anton (1754—1806) und seinen jüngeren Bruder Maximilian (1756—1801). Die Tafeln sind in der Neuaufstellung des Museums im Palais in der Sackstraße ausgestellt, vorher wurden sie gemeinsam mit der Universität Graz wissenschaftlich bearbeitet. Die Tafeln sind Unterrichtsbehelfe und sollten konkretes Wissen vermitteln.
In der Nationalbibliothek in Wien hat sich ein ähnliches Werk erhalten, der Codex miniatus 33a Institutio archiducalis, verfaßt von Philipp von Rottenberg für Erzherzog Ferdinand. 99 Tafeln in drei Schubern, aufgeteilt nach Alter des Schülers, enthalten den Lehrstoff inklusive eines Lehrplans (Inhaltsverzeichnis) im ersten Schuber. Der Inhalt des ersten Schubers ist für sieben- bis elfjährige, der zweite für elf- bis vierzehnjährige und der dritte für vierzehn- bis sechzehnjährige Schüler gedacht.
Der Inhalt des ersten Schubers entspricht den Grazer Tafeln, die aber weniger aufwendig und umfangreich sind. Bei den Grazer Tafeln fehlen die Fachbereiche Geographia und Artes et Exercitia. Die Wiener Tafeln sind in Latein, die Grazer in Deutsch verfaßt. Die Wiener Tafeln sind nachweislich zwischen 1765 und 1769 entstanden, die Grazer um 1760, als der Schüler Erzherzog Ferdinand sechs Jahre alt war. Die Wiener Tafeln stammen vom Kupferstecher Charles Josef Roettiers, der Text der Grazer Tafeln von Ferdinands Instruktor Philipp von Rottenberg. Die Illustrationen werden ihm zugeschrieben.
Interessant sind die Tafeln, da wenig Unterrichtsmaterial für Schüler überliefert ist und die Tafeln in einer pädagogischen Umbruchszeit entstanden. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts kam das Postulat der Anschaulichkeit auf. Dabei entwickelten sich Fächerkanons und eine Ordnung, Hierarchisierung und Präsentation von Wissen im Spannungsfeld zwischen Religion und Wissenschaft. Auf den Grazer Tafeln wird das Wissen kompakt dargeboten. In den Ovalen werden die Unterbereiche der Disziplinen in binären Verästelungen stichwortartig in »Sprechblasenzellen« aufgefächert. Die Ovale enthalten Bild und Text vereinende piktorale Elemente, sogenannte Ikonotexte.
Somit ist eine Tafel eine übersichtliche, systematische Darstellung eines bestimmten Wissensgebietes. Als Beispiel sei die Tafel mit der Justitia Christiana hervorgehoben. Die Tafel beinhaltet verschiedene Sünden, die in Kategorien zusammengefaßt sind, und jede Sünde ist sowohl bildlich dargestellt als auch kurz beschrieben. Unter der Darstellung Christus als Weltenrichter sind folgende Kategorien von Sünden dargestellt: VII PECCATA CAPITALIA, SEX PECCATA IN SPIRITUM SANCTUM, QUATUOR PECCATA IN COELUM CLAMANTIA, NOVEM PECCATA ALIENA. Die Überschriften sind in Latein, die Benennung der Sünde und die Erklärung in Deutsch. Zur Trägheit etwa sieht man einen schlafenden Menschen; während der Mensch schläft, sät der Teufel Unkraut in den Acker (Mt 13,24—30). Das Ovalbild ersetzt den Körper eines Esels, der für Dummheit und Trägheit steht (aber auch für den Teufel). Der Aufbau der Tafel ist systematisch nach Sündenkategorien gegliedert. Das Bild veranschaulicht das im Unterricht Gelernte und dient als Gedächtnisstütze.
Mit Bildern als Gedächtnisstütze hat sich bereits Cicero beschäftigt. Erhalten hat sich ein Codex mit Psalmentexten (der sogenannte Utrechter Psalter) mit 166 flüchtigen Zeichnungen zu 150 Psalmen, die den Psalmentext zur Veranschaulichung und besseren Erinnerung in konkrete Bilder umsetzen. Lerntafeln forderte Magister Boncompagno im 13. Jahrhundert für sein ideales Schulhaus. Immer wieder setzten sich Pädagogen damit auseinander, wie Wissen altersgerecht aufbereitet und leichter memoriert werden kann. Vor allem im 18. Jahrhundert erfüllten Sachillustrationen, Tabellen und Übersichtsbilder ihren Zweck als Gedächtnisstütze und Motivationshilfe.
Das Buch enthält einen Überblick über die Geschichte der Sachillustration zu Lernzwecken und eine genaue historische und kulturgeschichtliche Einordnung der Grazer Tafeln. Dabei ist jede Tafel abgebildet und interpretiert. In der Dauerausstellung sind die Tafeln so präsentiert, daß der Besucher zum Vertiefen in jede einzelne eingeladen wird.