Peter Eigner
Die Wittgensteins. Geschichte einer unglaublich reichen Familie
Wien, Graz
Molden
2023
336 S.
€ 39,00
Rezensent: Georg Pammer
Mai 2026
Karl Wittgenstein (1847—1913) im Jahr 1868. Bild: wikimedia commons
Das Buch heißt Die Wittgensteins. Geschichte einer unglaublich reichen Familie.
Nachdem es seit 2008 The House of Wittgenstein. A Family at War von Alexander Waugh1 gibt, stellt sich die Frage, was Eigner Neues bietet. Von einem Wirtschaftshistoriker würde man insbesondere die ökonomischen Aspekte erwarten. Vorweg: Da wird man enttäuscht.
Zunächst werden auf 29 Seiten Hermann Wittgenstein (1802—1878), seine Frau und zehn seiner elf Kinder recht kursorisch abgehandelt. Dann ausführlich sein Sohn Karl Wittgenstein (1847—1913), in einem Durcheinander von unternehmensgeschichtlichen Bruchstücken und Familienanekdoten. Die Kinder Karls werden unterschiedlich genau, aber eher knapp vorgeführt, wenig verwunderlich gibt es am meisten zu Ludwig (1889—1951), zu dessen Werk und Leben ja ganze Bibliotheken existieren.
Die Form changiert zwischen konfus und flapsig. Schon nach ganz wenigen Seiten schreibt Eigner: »Es ist in vielem eine ganz ›gewöhnliche‹ Geschichte, in vielem aber eine einzigartige und mit Sicherheit eine außergewöhnliche Story, ein ›gefundenes Fressen‹ sozusagen — mit allen Ingredienzen eines Hollywood Films: […]« (15) Hollywood hat es ihm angetan: »Karl Wittgensteins Biographie liest sich wie ein Filmdrehbuch aus Hollywood.« (67) Und so auch sein Resümee: »Die faszinierende Geschichte der Familie Wittgenstein bietet viele Ingredienzien eines Hollywood Films.« (335).
Im Mittelpunkt des Buches steht wie gesagt Karl Wittgenstein, er ist schon auf dem Buchumschlag abgebildet. Neben seiner persönlichen und Familiengeschichte schildert Eigner die Entstehung seiner Firmengruppe:
Auch die Adalberthütte in Kladno wird ohne nähere Erläuterung angeführt. Tatsächlich war dieses Werk, 1854 als selbständiges Unternehmen gegründet und seit 1855 in Betrieb, 1857 mit anderen Unternehmen zur Prager Eisenindustrie-Gesellschaft fusioniert worden und blieb in der Folge ein Betrieb dieses Unternehmens. Überhaupt wird nicht recht klar, was (nur) Fabriksstandorte und was Unternehmen waren und wie die Unternehmen gesellschaftsrechtlich verschränkt waren. Diffus bleibt immer auch, was Managementfunktion und was (Teil-)Eigentümerschaft war.
»War Wittgenstein um bzw. nach 1895 bereits eine Zentralfigur der österreichischen Eisenindustrie, so erlangte er 1897 mit dem Erwerb der Aktienmehrheit an der Österreichisch-Alpinen Montangesellschaft (ÖMAG), die den Eisenmarkt in der Steiermark und Kärnten beherrschte, den Höhepunkt seines Einflusses.« (157) Allerdings legte Wittgenstein bereits 1898, also bloß ein Jahr später, sämtliche Funktionen in allen Unternehmen zurück. Wittgenstein hätte die Effizienz der Werke massiv erhöht — in einem Jahr? Das Problem bei Eigner ist, daß keinerlei Daten angegeben werden, weder zu Output, Umsatz und Investitionen noch zu Mitarbeitern oder Ergebnissen. Eigner behauptet zwar eine entscheidende Rolle Wittgenstein in den von ihm vorher dominierten Unternehmen, gibt aber keine Belege dafür (außer daß von ihm herangezogene Manager weiter tätig waren), sondern flüchtet sich in eine Reihe von Fragesätzen (167).
Von einem Wirtschaftshistoriker würde man erwarten, daß er eine systematische Einordnung der Aktivitäten, Erfolge und Mißerfolge der Familienmitglieder bei der wirtschaftlichen Entwicklung der Unternehmen vornimmt und deren Stellung in den Branchen und der Gesamtwirtschaft darstellt. Das ist bestenfalls anekdotisch der Fall, am ehesten im peinlich betitelten Abschnitt »Der ›Wittgenstein-Clan‹: Ein Netzwerk von ›Big Linkern‹«. Eigner nennt dabei, und das hat Waugh nicht wiedergegeben, wichtige Partner von Karl Wittgenstein: Isidor Weinberger, Carl von Wessely, Karl und Otto Wolfrum, Karl und Paul Kupelwieser, Max Feilchenfeld, Oskar Rothballer, Guido Hell von Heldenwerth, Anton von Kerpely, Johann Blaschczik, Wilhelm Kux, Hermann Rosche, Wilhelm Kestranek, Robert Lenk »und Georg Günther selbst« (95—96). Wieso »selbst«, ist unerfindlich — waren die anderen nicht »selbst«? Die meisten werden in anekdotenartiger Form skizziert, der wichtigste sei Kestranek gewesen, warum bleibt unklar. Wie in vielen anderen Fällen werden auch in diesem Fall (neben unklaren, ohnehin nicht direkten, verwandtschaftlichen Beziehungen) Funktionen aufgeführt: Ingenieur bei der Witkowitzer Gewerkschaft, »Leiter des kommerziellen Zentralbüros« eines Kartells böhmischer Montangesellschaften, Verwaltungsrat, Zentraldirektor. Bei Sandgruber kann man nachlesen, daß Kestranek 1910 circa 650.000 Kronen Einkommen gehabt hat, also nicht wenig.2 Als Manager? Aus Unternehmensbesitz? Auf derartige Fragen pflegt Eigner, wie gesagt, nicht einzugehen.
Den Brüdern Kupelwieser sei durch die Einheirat in die Familie Wittgenstein (Karl Kupelwieser heiratete Bertha, eine der Schwestern Karl Wittgensteins) der »Weg für die Karriere und Wohlhabenheit« geebnet worden (81). Ein paar Seiten vorher liest man allerdings: Karl Wittgenstein verdankte »die erste Etappe seines beruflichen Aufstiegs« der Empfehlung von Karl Kupelwieser an dessen Bruder Paul, Direktor der Neufeldt-Schoeller-Werke in Ternitz (72).
Zu Paul Kupelwieser schreibt Eigner (83), daß er 1861 bis 1865 »zunächst bei Andritz bei Graz in der Bessemer-Stahlhütte und dem Schienenwalzwerk unter Direktor Josef Hall« gearbeitet hätte. Bessemerhütte und Schienenwalzwerk haben aber mit Andritz, also der Maschinenfabrik Josef Körösis (der heutigen Andritz AG), weder örtlich noch als Unternehmen etwas zu tun. Sie waren Anlagen der Südbahn-Gesellschaft unmittelbar beim Grazer Hauptbahnhof (damals Südbahnhof) unter Leitung des englischen Ingenieurs Joseph Hall, die seit 1861 in Betrieb waren; mit dem Bessemer-Verfahren begann das Werk 1865. In diesem Jahr war Kupelwieser nach seinem Studienabschluß in Leoben für wenige Wochen dort Volontär. In der Andritzer Maschinenfabrik wiederum hatte er in derselben Phase während einer vorübergehenden Abwesenheit Halls ein paar Wochen lang Einblicke in die Gießerei gewonnen.3
Ebenso charakteristisch für die Oberflächlichkeit ist die aus der Wikipedia übernommene Feststellung, daß das von Kupelwieser großzügig bedachte Institut für Radiumforschung (gegründet 1910) das erste Institut gewesen sei, das sich der Erforschung der Radioaktivität gewidmet habe (82); freilich hatte das Ehepaar Curie schon 1903 den Nobelpreis für die Entdeckung der Radioaktivität (seit 1897) bekommen.
Noch störender finde ich, daß Eigner immer wieder Verfahren der Metallurgie nennt und deren Bedeutung betont, ohne zu erklären, worin diese bestehen. Wer von den Lesern kann sich unter dem Bessemer-, dem Thomas- oder dem Siemens-Martin-Verfahren Genaueres vorstellen?
Zu den Familien Rothschild und Gutmann werden zwar diverse Schnurren erzählt (193 ff., sie sind reich und pflegen einen entsprechenden Lebensstil — erstaunlich), aber nichts Substanzielles über deren Montanimperium um die Witkowitzer Eisenwerke. War es bedeutender als die Wittgenstein-Unternehmen oder nicht? Eigner sagt nichts dazu. Welche anderen Mitbewerber hat es gegeben? Nichts bei Eigner (erwähnt wird nur die ungarische Rimamurány-Gruppe, ohne Zahlen für diese). Wie ist der Umfang der österreichisch-ungarischen Eisen- und Stahlindustrie im Vergleich mit anderen Nationen? Wieder nichts. (Signifikanterweise taucht Otto Hwaletz’ Die österreichische Montanindustrie im 19. und 20. Jahrhundert4 im Literaturverzeichnis gar nicht auf.)
Manches wäre leicht zu finden. Zur Orientierung für Interessierte: Im Jahr 1900 lag die Roheisenproduktion im Deutschen Reich bei 6,46 Millionen Tonnen, in Großbritannien bei 4,98 Millionen, in Frankreich bei 2,55 Millionen und in Cisleithanien bei 1,0 Miollionen (ungefähr wie Belgien). Für die Steiermark wird davon ein Anteil von etwa einem Viertel angegeben. Für die Stahlproduktion, die sich nicht sehr von der Roheisenproduktion unterscheidet, wird ein Anteil der Alpine von etwa 17 Prozent genannt, was einen etwas geringeren Anteil der steirischen Roheisenproduktion an jener Cisleithaniens bedeuten würde. So oder so heißt das, daß Böhmen/Mähren jedenfalls die österreichische Eisenindustrie mengenmäßig stark dominiert haben. Umso interessanter wären die Anteile der dortigen Unternehmensgruppen.
Neu und interessant ist das Testament Karl Wittgensteins, das Eigner darlegt (204): die 1913 lebenden sechs Kinder erben zu gleichen Anteilen; bestimmte Liegenschaften werden als Legate in diese Anteile eingerechnet, zum Beispiel die Hochreith mit 900.000 Kronen, und es besteht die Verpflichtung zur Zahlung von insgesamt 300.000 Kronen jährlich an die Witwe. Nicht bekannt ist das Gesamtvermögen. Gerüchteweise betrug es 30 Millionen Kronen (210), das wären etwa 216 Millionen Euro. Leider gibt Eigner keinerlei Erklärung zur vorherigen Generation: Wer von den elf Kindern hat etwas von Hermann Wittgenstein geerbt? Immerhin hat auch die sicher nicht unternehmerisch tätige Clara (1850—1935) 1910 ein Einkommen von fast 200.000 Kronen versteuert.
Ein einzelner, aber schwerer Fehler: zu Ludwig (Louis) Wittgenstein (1845—1925, Onkel des Philosophen) schreibt Eigner, um dessen wirtschaftliche Erfolge herauszustreichen: »Louis Wittgenstein versteuerte 1910 ein Vermögen von über 687.000 Kronen […]« (49) und zitiert dazu Sandgrubers Millionärsliste. Die 687.000 Kronen sind aber nicht das Vermögen, sondern das Einkommen von Louis im Jahre 1910. Fairerweise muß man sagen, daß er in anderen Fällen die Sandgruberschen Werte richtig als Einkommen bezeichnet. Um es besser vorstellbar zu machen: Nach dem Historischen Währungsrechner der Oesterreichischen Nationalbank wären das heute circa 5,2 Millionen Euro. Eigner findet es übrigens nie notwendig, den aktuellen Wert irgendwelcher Summen abzuschätzen.
Besonders ärgerlich ist, daß Eigner zwar (wörtlich gleich mit Waugh) die amerikanischen, schweizerischen und niederländischen Bankhäuser nennt, wo Karl Wittgenstein einen »Teil seines Geldes« »angelegt« hätte (205), nicht aber sagt, welchen Teil und in welcher Form: »Geld« suggeriert Bargeld, was es angesichts der Erträge, die das Vermögen für die Nachkommen abgeworfen hat, sicher nicht zum Großteil war. Aktien? Anleihen? Und was war der andere Teil (die Kriegsanleihen, die Paul gezeichnet hatte und die verloren waren? [237])?
Die verwickelte Geschichte des Deals der Wittgensteins mit den Nazis 1938/39, bei dem gegen hohe Devisenzahlungen, die ein unheilbares Zerwürfnis zwischen Paul und den Schwestern zur Folge hatten, eine »arische« Abstammung fingiert wurde, wird ausgesprochen unübersichtlich dargestellt, nicht klarer als bei Waugh seinerzeit. Die beiden »Wistag« Gesellschaften, in die das Anlagevermögen der Familienmitglieder eingebracht worden sei, wiesen ein Kapital von etwa 9 Mio Schweizer Franken (heute ungefähr 72 Millionen Franken oder 72 Millionen Euro) aus. Das war nur mehr ein Drittel des Vermögens von Karl Wittgenstein bei dessen Tod. Wie konnte der Wert so schrumpfen, wenn in (inflations)sicheren Ländern veranlagt? Die Frage stellt sich Eigner nicht.
Das Buch enthält nicht den Stammbaum (oder die Stammbäume) der Wittgensteins, was bei Waugh 2008 noch selbstverständlich war, und auch kein Register, obwohl naturgemäß eine Unzahl von Personen immer wieder einmal auftaucht und nur mit großer Mühe wieder zu finden ist.
Paul Kupelwieser, Aus den Erinnerungen eines alten Österreichers, Wien 1918 [Nachdr. Norderstedt 2013], 18—20.