Stefan Eminger, Ernst Langthaler (Hg.)
Sowjets — Schwarzmarkt — Staatsvertrag. Stichwörter zu Niederösterreich 1945—1955
St. Pölten, Wien, Linz
Niederösterreichisches Pressehaus
2005
271 S., zahlr. Abb.
€ 19,90
Rezensent: Martin Felber
Historicum, Herbst 2006, 39
Das Titelbild ist kurios: Ein zerstörter T 34/85 im Wienerwald, daneben eine Frau mit Kopftuch, Rückentrage und Milchkanne. Wahrscheinlich gibt es da nicht viel zu deuteln (Rote Armee die wahren Verlierer? Essen wichtiger als Krieg? Feindbild Sowjets?), es war wohl nur irgendein Photo. Im Staatsvertrags-Jubiläums-Jahr erschien, getragen vom Niederösterreichischen Landesarchiv und dem Niederösterreichischen Institut für Landeskunde und versehen mit einem Geleitwort von Wolfgang Sobotka, Landesrat unter anderem für Lebensqualität (was es alles gibt!).
Der Ausdruck »Stichwörter« im Untertitel ist wörtlich zu nehmen. Der Band versammelt Beiträge zu ungefähr fünfzig Stichworten, die auf jeweils zwei bis fünf Seiten abgehandelt werden. Das Programm ist ganz gemischt, es geht um Personen (Figl, Helmer, Raab, Reither, Renner, Steinböck), um Personengruppen (Heimkehrer, Kriegskinder, Trümmerfrauen), Institutionen (Kirchen, Parteien), Ereignisse (Todesmärsche, Oktoberstreik), Mentalitäten (Opfermythos, Österreichbewußtsein), Wirtschafts- und Sozialpolitisches (Lebensmittelkarten, Marshallplan, Schilling) und so weiter. In der Art eines Lexikons verweisen die Artikel aufeinander. Drei Dutzend Autoren waren beteiligt, herausgeberisch ist das eine beachtliche Leistung.
Wie »niederösterreichisch« ist der Band? Klar ist der Bezug bei den meisten Politikern, ausgenommen Renner, der keinen spezifischen Bezug zu Niederösterreich aufweist (abgesehen davon, daß er den Zweiten Weltkrieg in Gloggnitz verbrachte). Unter »Übergriffe« findet man praktisch nur Informationen über Akte von sowjetischen Behörden und Soldaten, damit ist der Bezug zu Niederösterreich besonders stark. Gleiches gilt erwartungsgemäß für »USIA«. Bei anderen Stichworten wird eine allgemeine Darstellung mit besonderen Ausführungen zu Niederösterreich verbunden, so etwa unter »Denkmäler«, wo auch die niederösterreichische Denkmallandschaft besprochen wird; ähnlich beim Stichwort »Eigenheim«. Unter »Wiederaufbau, industrieller« wird die spezifische Situation Niederösterreichs explizit mit der sonstigen Lage verglichen, und es wird deutlich, wie sich die regionale Branchenstruktur, die Besatzungssituation und andere Bedingungen nach Region unterschiedlich auswirkten – das ist eigentlich das, was Regionalgeschichte leisten sollte. Regionale Besonderheiten kommen auch beim Artikel »Marshallplan« heraus, obwohl die Ausführungen hier viel allgemeiner gehalten sind und das ERP eher im großen charakterisieren; die Besonderheit Niederösterreichs, der durch die Besatzungssituation bedingte geringe Anteil an den österreichischen ERP-Mitteln, wird aber doch deutlich.
Bei einer ganzen Reihe von Stichworten ist der Niederösterreich-Aspekt hingegen ganz oder nahezu bedeutungslos. Das liegt teils in der Sache begründet, teils daran, daß manche Autoren erkennbar das geschrieben haben, woran sie gewöhnt sind, und das muß dann nicht Regionalgeschichte Niederösterreichs sein. Ersteres gilt für das Stichwort »Opfermythos«, denn in Niederösterreich trifft man zwar alle möglichen historischen Mythen an, ein spezifischer Opfermythos war aber bisher nicht zu entdecken, wenn man vom Leid der Besatzungszeit absieht, das hier kurz erwähnt wird, aber eigentlich nicht hierher gehört. Aber auch unter »Entnazifizierung«, wo Niederösterreich sehr wohl ein Thema wäre, findet man alle möglichen Informationen, ausgenommen solche über die Entnazifizierung in Niederösterreich. Ähnlich im Artikel »Sozialpartnerschaft«. Selbst unter dem Stichwort »Hamsterer«, in dem der Stadt-Land-Gegensatz als solcher stark herausgestellt wird, werden die Besonderheiten Niederösterreichs, die es aufgrund der Hamsterfahrten von Wienern jedenfalls gegeben haben muß, nicht konkret erkennbar.
Der ganze Band ist reich bebildert und richtet sich wohl in erster Linie an eine Leserschaft jenseits des Fachpublikums und wird dieses wohl auch erreichen. Er ist allgemeinverständlich geschrieben, ohne dadurch inhaltlich schlechter zu werden, vermeidet den Insiderjargon und kommt mit seiner lockeren Präsentationsform auch einem bloßen Unterhaltungsbedürfnis entgegen.
In Anbetracht der ansonsten unprätentiösen Machart des Bandes, der Zielgruppe und der landespolitischen Begleitmusik wirkt nur der Tonfall der Herausgeber in ihrer Einleitung etwas merkwürdig: »Ein Buch wie dieses kommt unserer Wissenschaftsauffassung nach nicht umhin, seinen Gegenstand näher zu bestimmen. Wir schlagen vor, Niederösterreich 1945 bis 1955 als Gesellschaft zu betrachten.« Dann wird erwähnt, daß jeder Mensch unterschiedliche Dinge tut (Politisieren und in die Kirche gehen, Zeitungslesen und Fußballschauen), es kommen die sozialen Felder ins Spiel, mit dem banalen Fazit: »Die niederösterreichische Gesellschaft 1945 bis 1955 besteht aus Handlungsfeldern, die über die handelnden Akteure — innerhalb der Landesgrenzen und darüber hinaus — untereinander vernetzt sind.« Das ist »ein grobes Modell«, aber es ist »fein genug, um weiter führende Forschungen anzustellen«. Es ist fraglich, ob irgendein Leser mit solchen Erklärungen etwas anfangen kann.
Aber das ist nur die Einleitung, die für den Band nicht so wesentlich ist.