Sabine Felgenhauer
Die materielle Kultur des Mittelalters im Licht der archäologischen Funde
Wien
1989
380 S.
Habilitationsschrift, Universität Wien
Rezensent: Karl Rosei
Historicum, Sommer 1991, 9—10
Die Mittelalterarchäologie steht weder im Zentrum der Mediävistik noch der Archäologie. Trotzdem bietet sie einzigartige Bearbeitungsmöglichkeiten für eine Reihe von Fragestellungen, für die der Mediävistik schriftliche oder bildliche Quellen nur eingeschränkt zur Verfügung stehen. Es handelt sich im wesentlichen um die gleichen Arbeitsgebiete wie bei der Ur- und Frühgeschichte, betroffen sind in erster Linie die Wirtschafts-, die Kultur- und die Sozialgeschichte: Siedlungen, Handel, Religion, materielle Kultur sind klassische Arbeitsbereiche der Archäologie und damit auch der Mittelalterarchäologie.
Die Methoden sind ebenfalls die gleichen wie bei der Ur- und Frühgeschichte. Ausgrabungen, Luftbilder und geophysikalische Methoden bieten den Zugang zu den Beständen, die Auswertung erfolgt mit Hilfe naturwissenschaftlicher Methoden; Interdisziplinarität ist in der Archäologie nicht die Ausnahme, sondern die Regel: Geologie, Mineralogie, Chemie, Physik und Biologie sind in die Arbeit integriert, und über die Altersbestimmung mit Radiokohlenstoff, Dendrochronologie und Thermoluminiszenz wird heute schon auf den Wissenschaftsseiten der Tageszeitungen geschrieben (übrigens auch im HISTORICUM: vgl. dazu die Ausgabe »Naturwissenschaftliche Methoden«, Herbst 88). Durch die Zusammenarbeit mit der auf der Basis von schriftlichen oder bildlichen Quellen arbeitenden Geschichte kann die Mittelalterarchäologie auch über die der Ur- und Frühgeschichte gesetzten Grenzen hinausgehen.
Erörterungen dieser Art finden sich im ersten Teil von Sabine Felgenhauers Die materielle Kultur des Mittelalters im Licht der archäologischen Funde. Auf diesen Teil, in dem auch auf einzelne Arbeitsgebiete der Mittelalterarchäologie (Stadtkernforschung, Burgenforschung, Dorfforschung usw.) eingegangen wird, folgt ein Abschnitt über die Rohstoffe des Fundguts: Ton, Glas, Metalle, Holz, Knochen. Dabei kommen Material- und Herstellungsfragen, Handel und Transport sowie methodische Probleme bei der Analyse der jeweiligen Materialien zur Sprache.
Die Verbindung zu den bildlichen und den schriftlichen Quellen ist Gegenstand des dritten Teils. Dabei widmet sich die Autorin der Frage, inwieweit archäologische Funde entsprechende Gegenstücke in den anderen Quellenarten haben, in welchen Bereichen Bilder, Inventare oder Zollordnungen (der Steiner Zolltarif wird eingehender berücksichtigt) leistungsfähigere Quellen sind und wo sie unergiebig bleiben.
Der vierte Teil – er nimmt mehr als die Hälfte des Textes ein — bringt unter dem Titel »Das mittelalterliche Leben im Spiegel der Bodenfunde« einen Querschnitt durch Alltag und materielle Kultur des Mittelalters nach den archäologischen Funden. Die in diesen Kapiteln berührten Themenkreise:
Als Beispiel für die Darstellung in diesen Teilen sei als erstes das Kapitel über das Wohnen (S. 121—163) herangezogen.
Darin werden bei den Wohnbauten Grubenhäuser, ebenerdige Blockbauten, ebenerdige Pfostenbauten, Schwellbauten und Steinbauten berücksichtigt. Grubenhäuser wurden je nach Gebiet als Wohn- oder Nebengebäude, auch mit Keller- oder Werkstattfunktion, benützt und waren zum Teil beträchtlich eingetieft; sie wurden besonders im Früh- und Hochmittelalter errichtet, in gewissen Fällen auch noch im Spätmittelalter. Für ebenerdige Blockbauten, die schwer nachzuweisen sind, gibt es einige Beispiele. Ebenerdige Pfostenbauten in unterschiedlicher Bauart gab es allgemein im Frühmittelalter und auf dem Land bis ins Spätmittelalter; sie konnten ebenso die Funktionen von Haupt- wie von Nebengebäuden haben. Schwellbauten gab es in Mischformen bereits im Hochmittelalter, im Spätmittelalter nahm dieser Bautyp zu. Steinbauten waren bis ins Hochmittelalter hinein nur im herrschaftlichen Bereich üblich, zum Teil blieben aber auch hier noch lange Zeit selbst wichtige Gebäude aus Holz; in den Städten liegen Beispiele für profane Steingebäude seit dem 11. Jahrhundert vor, regional dominierten sie dann bereits im Spätmittelalter.
Als Fußboden gab es den Erdboden, Mörtel- und Gipsestriche und Pflasterungen bzw. Bodenfliesen; die Fliesen waren bis ins 13. Jahrhundert den kirchlichen Bauten vorbehalten, dann verbreiteten sie sich auch in Burgen. Gedeckt wurden die Häuser großteils mit Holzschindeln oder Stroh; Dachziegel waren auf repräsentative Bauten beschränkt, Glasfenster vor allem auf den kirchlichen Bereich; bei profanen Bauten gehobener sozialer Schichten gibt es aber bereits aus dem Ende des Frühmittelalters Beispiele für Glasfenster. Unter den Herden und Öfen werden eingehender Kachelöfen behandelt – für den Archäologen ein dankbares Material. Es geht weiter mit Öllampen und Kerzenhaltern, Möbeln und Schlössern; Geschirr aus Ton und aus Metall in verschiedenen Formen und Besteck finden wieder (sicherlich der Fundsituation entsprechend) stärkere Berücksichtigung. Schließlich noch einige Seiten zu den Aufbewahrungseinrichtungen.
Diese Wiedergabe von Details soll demonstrieren, wie sehr sich die Autorin auf die bekannte Methode der Aufzählung verläßt. Der Abschnitt über das Wohnen ist in dieser Hinsicht repräsentativ für den Großteil der Arbeit. Am meisten wird davon noch im Abschnitt über den Handel (S. 210—232) abgewichen. Nach kurzen Bemerkungen über die Nachweisbarkeit von Handelstätigkeit überhaupt werden in diesem Teil verschiedene Produkte besprochen:
Auch transportable Waagen und Geld werden als Indikatoren für Handelstätigkeit erwähnt. Dabei wird jeweils die Verbreitung anhand von Fundorten besprochen; in einigen Fällen gibt es nur Einzelfunde (z. B. beim Fleisch), aus denen auf Handelstätigkeit geschlossen wird, in anderen gibt es eine Vielzahl von Funden eines Produkts, über einen großen Raum verstreut, die dann auch mit Karten dokumentiert werden. Gelegentlich werden auch mögliche Verbreitungswege angesprochen.
In diesem Kapitel geht die Autorin ebenfalls nicht wirklich über die Aufzählung von Einzelheiten hinaus, und es werden die verschiedenen Produktgruppen nicht gleichmäßig berücksichtigt. Worauf diese Darstellungsform zurückzuführen ist, ist gleich zu besprechen. Dennoch bringt es schon der Gegenstand »Handel« mit sich, daß dieser Abschnitt auch über den einzelnen Fundgegenstand hinaus informativ ist. Das dokumentiert sich auch in der Anzahl von Übersichtskarten zu einzelnen Produkten – von den 32 Karten des Werks finden sich 13 allein in dem kurzen Abschnitt über den Handel.
Die Aufzählerei, wie sie hier dominiert, ist eine Darstellungsform, die in der Geschichte nicht besonders angesehen ist und die auch nicht gerade leserfreundlich ist. Es gibt in der ganzen Arbeit keine übergreifenden Fragen, die die Abschnitte strukturieren würden, und es ist in Wirklichkeit auch keine Zusammenfassung von Ergebnissen möglich (tatsächlich gibt es in der Arbeit auch keine Zusammenfassungen): es gibt nur eine Aneinanderreihung von Einzelinformationen, die je nach Kapitel z. B. mit den vier Wänden eines Hauses (samt den Öffnungen darin), seinem Boden und dem Dach oder auch mit Kleidung und Schmuck zu tun haben.
Vielleicht sind auch die vielen Wiederholungen im Text auf diese letztlich unsystematische Vorgangsweise zurückzuführen. Ein Beispiel dafür ist die Erwähnung der EDV bei der Aufarbeitung großer Keramikbestände auf S. 14 und S. 56, jeweils mit Fußnote und Verweis auf dieselbe Literatur — derartige Beispiele finden sich viele.
»Aufzählende« Darstellungen gibt es auch in vielen nicht-archäologischen Arbeiten zur Geschichte des Alltags, der materiellen Kultur usw. und in gewissen volkskundlichen Arbeiten. Dabei gibt es je nach fachlicher Herkunft des Autors einen »volkskundlichen Blick« (auf die Trachten und Heugabeln gerichtet) oder einen »archäologischen Blick« (auf die Keramik und auf die Fibeln bzw. bei den Mittelalterarchäologen auf die Gürtelschnallen). Das Ergebnis fällt jeweils ziemlich willkürlich aus, und in allen diesen Fällen ist Kritik angebracht. Die Kontroversen, die sich um die Alltagsgeschichte gerankt haben, und der zweifelhafte Ruf mancher volkskundlicher Aktivitäten erklären sich nicht zuletzt aus dieser Darstellungsform, die hauptsächlich als theoretische und methodische Mangelkrankheit anzusehen ist.
Freilich ist im Zusammenhang mit der vorliegenden Arbeit ein Einwand zu bedenken: In einigen Gebieten der historischen Wissenschaften gibt es die »katalogartige« Aufarbeitung eines Wissensgebietes, die als anspruchsvolle und höchst respektable Leistung anzusehen ist. Gemeint sind damit klassifikatorische Analysen von Beständen von Einzelstücken (Zuschreibungen, Einordnungen usw.), die diese Einzelstücke überhaupt erst einer zusammenfassenden Bearbeitung zugänglich machen. Typisch sind solche Arbeiten z.B. für Teile der Kunstgeschichte und eben auch für die Archäologie.
Liegen mit der Arbeit Felgenhauers derartige Leistungen vor? Man muß die Frage verneinen. Denn – und damit zum gewichtigsten Mangel dieser Arbeit — es wurde hier gar nicht primär archäologisch gearbeitet. Das Vorwort beginnt mit dem Satz: »Die vorliegende Arbeit unternimmt den Versuch, Forschungsergebnisse der Archäologie des Mittelalters unter besonderer Berücksichtigung der Realien darzustellen«; dieser Satz bereitet die Leser gleich darauf vor, daß sie es mit einer Art Forschungsbericht zu tun haben.
Anders als bei manchen Forschungsberichten werden in der Arbeit zwar keine wissenschaftlichen Positionen einander gegenübergestellt, es werden keine »Trends« in der mittelalterarchäologischen Realienkunde skizziert, aber es werden (ich glaube keine versteckten Neuigkeiten übersehen zu haben) ausschließlich Forschungsergebnisse anderer Autoren und eigene bereits publizierte Ergebnisse schlicht und einfach reproduziert. Dies gilt sogar für die Karten und Illustrationen, die ebenfalls zum allergrößten Teil aus anderen Werken abgekupfert sind (die Karte »Fundorte romanischer, durchbrochener Anhänger«, S. 223, ist bereits eine Ausnahme – eine selbstverfertigte Kompilation aus acht Publikationen). Daraus erklärt sich auch die oft arbiträr wirkende Auswahl von Einzelbeispielen für irgendwelche historischen Erscheinungen — sie resultiert aus dem einfachen Umstand, daß diese Einzelbeispiele das waren, was in der Literatur vorlag.
Der gänzliche Mangel an neuen Ergebnissen läßt es tatsächlich überraschend erscheinen, daß die Arbeit überhaupt akzeptiert wurde. Denn eine der wenigen Anforderungen an eine Habilitation besteht ja eben darin, daß sie neue wissenschaftliche Erkenntnisse beinhalten muß. Indessen zeigt die Erfahrung, daß immer wieder Forschungsberichte oder etwas verschämter auftretende sekundäre Arbeiten von den Fakultäten angenommen werden. Warum es auch im Fall Felgenhauer wieder so war, ist eine Frage, die an die Geisteswissenschaftliche Fakultät der Wiener Universität weiterzugeben ist.