Rainald Franz und Andreas Nierhaus (Hg.)

Gottfried Semper und Wien. Die Wirkung des Architekten auf »Wissenschaft, Industrie und Kunst«

Wien
Böhlau
2007
256 S., zahlr. SW-Abb.
€ 29,90

 

Rezensentin: Doris Preindl 

Historicum, Frühling—Sommer 2007, 78—79

 

 

 

 

Gottfried Semper ist in Wien vor allem als Architekt des unvollendeten Kaiserforums bekannt. Seine Zeitgenossen und Nachfolger rezipierten aber den Kunsttheoretiker in kritischer Auseinandersetzung ebenso wie seine gebaute Architektur. Der vorliegende Tagungsband ist das Ergebnis der vom Verband österreichischer Kunsthistorikerinnen und Kunsthistoriker im April 2005 an der Universität Wien abgehaltenen Tagung Gottfried Semper und Wien. Für die Publikation wurden die Vorträge erweitert und um die anschließenden Diskussionen ergänzt.

Gottfried Semper war nicht nur Architekt, sondern auch Reformer der Kunsttheorie und des Kunstunterrichts sowie Theoretiker eines idealen Museums. 1852 publizierte er einen Aufsatz, auf den sich 1864 Rudolf von Eitelberger bei der Gründung des k. k. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie berief. 1869 wurde Semper nach Wien berufen, um als Architekt am Kaiserforum zu wirken. Das Kaiserforum hat eine politische Aussage und sollte mit den Museen für die Bevölkerung der Monarchie identitätsstiftend wirken, gleichzeitig aber dem Betrachter den Ruhm und die Verdienste der Habsburger zeigen. Gleichzeitig mit der Planung des Kaiserforums schrieb Semper seinen Vortrag Über Baustile. Diese Verflechtung zwischen Theorie und ausgeführten Bauten prägten nicht nur das Stadtbild von Wien, sondern rief kritische Stellungnahmen von Generationen von Architekten hervor. Diesem Wechselspiel und den Nachwirkungen Sempers in Wien ist der Band gewidmet.

Waren Hasenauer und Semper ein kogeniales Paar? Sempers Architektur steht am Ende einer Epoche, programmatisch im Stiegenhaus des Burgtheaters zu sehen, wo die reiche historistische Renaissancearchitektur auf die Deckenbilder des jungen Gustav Klimt trifft. Aber Semper schuf die Gesamtanlage und viele Details der Architektur der Hofmuseen. Die Außenfassaden des Kunsthistorischen Museums erzählen die Entwicklung der Kunst von der Antike bis zur Gegenwart, mit besonderer Betonung der Renaissance und des Barock, dem Schwerpunkt der habsburgischen Sammlung. Das Naturhistorische Museum erzählt die Erforschung der Natur, wobei die dargestellten Persönlichkeiten vom prominenten Mineralogen Ferdinand von Hochstetter ausgewählt wurden, die architektonische Gestaltung von Semper. Das von Hasenauer im Inneren weitergeführte Konzept verkörpert in seiner Gesamtheit ein universales Gesamtkunstwerk, das die »gesamte« Geschichte umfaßt. Es verkörpert die Einheit von Sammlung, Bau, Ausstattung und Souveränität des Bauherrn, ein Werk der Herrscherrepräsentation, aber auch geprägt durch das aufklärerische Bildungsideal, das den Besucher durch die Abfolge der Universalgeschichte (und die Sammlungstätigkeit des Hauses Habsburg) führt. Diese Vielschichtigkeit und Vieldeutigkeit in der Aussage von Fassade und Innenräumen war Ausgangspunkt von Umdeutungen und regen Diskussionen. Diese Idee des Gesamtkunstwerkes war im 19. Jahrhundert in Architektur und Musik weit verbreitet.

Besonders spannend ist der Beitrag über Sempers Manuskript Practical Art in Metals and Hard Materials, in dem er die »pädagogische Museumsidee« entwickelte. Semper mußte auf Grund seiner Teilnahme an der Revolution 1849 aus Dresden fliehen, ging nach London und konnte bei der Great Exhibition einige Ausstellungskojen gestaltete. Nach Ende der Weltausstellung bewarb er sich als Unterrichtskraft bei der School of Design mit einer Abhandlung über Porzellanmalerei. 1852 mußte er eine Abhandlung über Metallkunst schreiben und wurde darauf als Lehrer angestellt. Da diese Arbeit niemals publiziert wurde, schenkte Semper, der damals schon in Zürich an der Hochschule unterrichtete, 1855 eine Abschrift dem Museum in Wien. Er formuliert darin sechzehn Thesen und meint, Kunst habe eine volksbildende Aufgabe, und Architektur und Präsentation der Werke müßten dies ermöglichen. Der Besucher bewegt sich lernend und erfahrend durch die Museumsräume eines fiktiven Museums für Metallotechnik und lernt dabei, beginnend bei den technischen Vorbedingungen für die Bearbeitung der Rohmaterialien und die Herstellung angewandter Verfahren und Werkzeuge bis hin zum fertigen Produkt. Der ideale Raum ist ein Quadrat, in dem der Besucher durch die Stellung im Raum die wichtigsten Stücke findet und durch die Architektur und Anordnung im Lernen durch das Museum geleitet wird. Den Grundgedanken nahm Semper in sein Hauptwerk Der Stil in den praktischen und tektonischen Künsten oder praktische Ästhetik auf. Diese Idee der Wissensvermittlung durch Architektur findet sich in der Fassadengestaltung der Museen wieder. Auch der geforderte volksbildende Zusammenhang zwischen Raumdekor und Ausstellungsstücken wurde realisiert.

Im Geist des Gesamtkunstwerkes erkannte Theophil Hansen Architektur und Kunstgewerbe als einander ergänzende Kunstgattungen und widmete sich deren Durchsetzung in der »Wiener Kunstindustrie« vor allem als Praktiker. Bei der Realisierung von öffentlichen und privaten Bauaufträgen war die künstlerische Qualität immer auch durch die Entwürfe von dekorativen Ausschmückungen, Einrichtungs- und Gebrauchsgegenständen wie Möbeln, Beleuchtungskörpern, Tafelaufsätzen bis zu den Türgriffen bestimmt. Semper hat Überlegungen zur Kunstindustrie in seinem Hauptwerk publiziert, und er entwarf auch für die angewandte Kunst. Semper inspirierte Hansen, und sie beeinflußten einander in ihren Entwürfen. Hansen prägte den von Zeitgenossen als »griechische Antike« bezeichneten Stil innerhalb der Neorenaissance. Die Wechselwirkung in der angewandten Kunst zwischen Theophil Hansen und Gottfried Sempers Entwürfen wird an mehreren Beispielen gezeigt, so an einem Spieltisch von Hansen und einem Pfeilertisch von Semper.

Die verschiedenen Beiträge, auf die hier nur hinsichtlich einiger Aspekte eingegangen wurde, bieten einen Blick vor allem auf den Theoretiker Semper und die Konzepte, die hinter den realisierten Gebäuden stehen. Dabei entdeckt der Leser vieles Neues.