Sylvia Hahn
Migration — Arbeit — Geschlecht. Arbeitsmigration in Mitteleuropa vom 17. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts
Transkulturelle Perspektiven 5
Göttingen
V & R unipress
2008
282 S.
Habilitationsschrift [2003], Universität Salzburg
Rezensent: Werner Drobesch
Historicum, Winter 2007/2008 — Frühling 2008, 13—16
»Das Thema Migration hat in den vergangenen Jahrzehnten in Europa, ja weltweit politisch massiv an Aktualität gewonnen.« (15) So die (zutreffende) Feststellung der Autorin am Beginn ihres fast dreihundert Seiten umfassenden Opus, das auf der Basis einer im September 2003 am Institut für Geschichte der Universität Salzburg eingereichten Habilitationsschrift1 — für die Drucklegung wurde diese gekürzt und überarbeitet — entstanden ist. Aber nicht nur in der Politik, auch im gegenwärtigen Wissenschaftsdiskurs, von der Soziologie über die Politikwissenschaft bis zur Geschichtswissenschaft, findet die Thematik verstärkt Beachtung. Das war nicht immer so. Insbesondere nach dem Zweiten Weltkrieg durchschritt, wie Hahn treffend feststellt, die Migrationsforschung ob ihrer »Nähe […] zur Ideologie und teilweise [ob der] Involvierung in die Politik des Nationalsozialismus« eine »Durststrecke« (63). In Österreich nahm erst in den letzten drei Jahrzehnten — ablesbar an der Fülle einschlägiger Publikationen — das Interesse an der Erforschung von Fragen, die mit der Wanderbewegung in Zusammenhang stehen, rapid zu. Dabei handelt es sich bei der Migration, mit unterschiedlicher Intensität, um eine die Menschheitsgeschichte stetig begleitende Erscheinung. Allerdings, so die Autorin, wurde ein »Mythos der Sesshaftigkeit« (16) aufrechterhalten und »so getan, als ob Migration ein völlig neues und ein das erste Mal auftretendes Phänomen« (16) wäre. Dieser Sichtweise führte sie »unweigerlich zur Frage nach der Geschichte der Migrationsgeschichte in Österreich in Vergangenheit und Gegenwart und insbesondere im Vergleich zu anderen Ländern« (16). So fügt sich der vorliegende Band in einen aktuellen Wissenschaftsdiskurs, an dem sich die Autorin mit mehreren Mikrostudien und mit einem Projekt2 beteiligte, ein. Entsprechend groß ist ob der Aktualität des Themas die Neugier, wenn der Rezensent das vorliegende Werk zur Lektüre in die Hand nimmt. Am Ende des Lesens wird die suggerierte, erwartungsvolle Neugier, welche die inhaltlich weit ausgelegte Titulatur erzeugt, aber nur teils befriedigt.
Denn die Darstellung bietet kein den Titel/Untertitel abdeckendes Gesamtpanorama der Migration in »Mitteleuropa« in den letzten Jahrhunderten. Dem Titel zufolge sollte sich die Untersuchung auf den Zeitraum »vom 17. bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts« und räumlich auf »Mitteleuropa«, von der Verfasserin in der Einleitung als »Donaumonarchie« (17) definiert, konzentrieren. Bei der Lektüre zeigt es sich allerdings, daß sowohl hinsichtlich der Zeitspanne als auch hinsichtlich des Raumes nur »Mosaike« präsentiert werden. So deckt das der Untersuchung zugrunde gelegte »Mitteleuropa« nicht jenen Raum ab, der in der historiographischen Literatur bisweilen als Synonym für die Habsburgermonarchie gebraucht wird. Dabei war es ein Ansinnen der Autorin, Aspekte der Arbeitsmigration »von der Makroebene des Staates über die Arena der Groß- und Kleinstadt bis hin zum Mikrokosmos der kleindörflichen Fabrikarbeitersiedlung« (18) zu analysieren. Das geschieht nur eingeschränkt. Der gesamtstaatliche Aspekt bleibt praktisch ausgeklammert, gleichfalls die Entwicklung auf der Ebene der Kronländer. Lediglich auf die »Arena der Groß- und Kleinstadt« und den »Mikrokosmos der kleindörflichen Fabrikarbeitersiedlung« wird ausführlich Bezug genommen. Dabei bildet das Territorium des heutigen Niederösterreich — in concreto Wiener Neustadt und Felixdorf — einschließlich Wien den räumlichen Kern der Untersuchungen. Andere Regionen des Habsburgerstaates, etwa Triest, werden zumindest peripher erwähnt, während der böhmische Raum mit den während des 19. Jahrhunderts entstehenden Industriezentren im Nordwesten oder das noch weitestgehend agrarisch geprägte Galizien und die südlichen Alpenländer nicht vorkommen. Gleichfalls ergibt sich, was den Zeithorizont betrifft, mit dem ausgehenden 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert ein Schwerpunkt. Lediglich bei der Darstellung der rechtlichen Rahmenbedingungen, insbesondere im Kapitel »Die Stadt, der Staat und die Fremden« (99—155), wird umfassender auf das 17. und 18. Jahrhundert Bezug genommen. Das mag durchaus pragmatische Gründe haben. Denn die Literatur zur Thematik ist für diese beiden Jahrhunderte bei weitem nicht so umfassend wie für die zweite Hälfte des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Und die Literatur — ältere, insbesondere in der Statistischen Monatsschrift erschienene Aufsätze (unter anderem Adolf Ficker, Franz von Meinzinger, Hugo Morgenstern, Albert von Randow, Heinrich Rauchberg), sowie neuere Spezialstudien zu Aspekten der Migration — bildet eine wesentliche Grundlage für die Darstellung. Hinzu kommen zu einem geringeren Teil gedruckte statistische Quellenwerke, etwa Joseph Hains Handbuch der Statistik des österreichischen Kaiserstaates, Karl Czoernigs Ethnographie und, in einem eingeschränkten Ausmaß, die im Rahmen der Österreichischen Statistik publizierten Volkszählungsergebnisse, von denen die Autorin meint, die in diesen enthaltenen Daten gestatteten nicht jene konkrete Analyse wie etwa die »(maschinenlesbar gemachten) Originallisten der Volkszählungen 1857, 1869 und 1880 aus Wiener Neustadt und Felixdorf in Niederösterreich« (18) für die Mikroebene. Anders, so ihre Argumentation, als im Fall der »für die Länder- und Staatsebene vorliegenden Daten« der Volkszählung können anhand dieser als Datenbank3 aufbereiteten Originallisten »Fragen nach der Erwerbstätigkeit, Herkunft, Alter und Stellung im (Arbeitgeber-)Haushalt […] weitaus konkreter analysiert werden«. (18) Das mag seine Richtigkeit haben. Dennoch bieten die Volkszählungsergebnisse ungeachtet methodischer Probleme im Hinblick auf die Arbeitsmigration aussagekräftiges Zahlenmaterial für die Entwicklung auf der staatlichen Ebene, in den Kronländern, in den Bezirken, teils sogar in den Gerichtsbezirken. Die Tatsache, daß »dieser Quellentypus […] nur eine spotlightmäßige Betrachtung der Arbeitsmigration« erlaubt, »da hier mit den Angaben zu Geburts- und Aufenthaltsort nur zeitlich punktuelle (Migrations-)Stationen […] geliefert werden« (19), trifft somit nur bedingt zu, enthalten die Volkszählungsergebnisse unter anderem hinsichtlich der Binnenwanderung, der Zuwanderung aus dem Ausland oder der Gebürtigkeit überaus informative Daten. Daher hätte eine Auswertung dieser, ungeachtet mancher Abstriche, Sinn gehabt und eine inhaltliche Bereicherung bedeutet.
Ausgehend von der Hauptthese, »dass es einen Konnex zwischen regionaler Herkunft und der je geschlechtsspezifischen Berufs- und Erwerbstätigkeit gibt« (18), und der Tatsache, daß »dem Aspekt der geschlechtsspezifischen Erwerbstätigkeiten, den Berufen, […] im Zusammenhang mit der Migration (abgesehen von einigen Ausnahmen wie etwa den Handwerkern) in der Migrationsforschung noch kaum ein Augenmerk geschenkt wurde« (18), entwickelt Hahn in drei Hauptkapiteln ihre Überlegungen. Im ersten Abschnitt, betitelt mit »Geschichte der Migrationsgeschichte« (21—98), wird, basierend auf einschlägiger Literatur, von den »Wissenschaften von den Staatsmerkwürdigkeiten« bis hin zu den »Frauen in der Migrationsgeschichte« ein Überblick über die Forschungstendenzen in Vergangenheit und Gegenwart, die Forschungsergebnisse und die Forschungsperspektiven gegeben. Den Darlegungen über die Bestrebungen des sich konstituierenden (früh)absolutistischen Staates in Umsetzung der merkantilistischen Theorie, zu »Zahlen, Daten, Fakten« (22—30) über seine Untertanen zu gelangen, folgt ein Abriß über die Entstehung erster statistischer Aufnahmen und des Volkszählungszählungswesens während des 19. Jahrhunderts im westlichen Europa (England, Frankreich, Teile des Heiligen Römischen Reiches) sowie in der Habsburgermonarchie. Auf letztere wird detaillierter eingegangen. Der inhaltliche Bogen spannt sich von den ab 1754 durchgeführten »Seelenbeschreibungen« mit dem Ziel, die wehrpflichtigen Männer zwecks Rekrutierung besser zu erfassen, über die Verkündigung des »Conscriptionspatents« (1804), das zum »Grundstein für das Volkszählungswissen des 19. Jahrhunderts« (27) wurde, bis hin zur Etablierung der modernen Volkszählung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Daran anschließend gibt Hahn in zwei Unterkapiteln einen Überblick über die deutschsprachige (31—65) und die amerikanische Migrationsforschung (65—71). Kompakt formuliert, erfährt man Anregendes und Weiterführendes: über die Pioniere der Migrationsforschung im österreichischen Kaiserstaat (Josef Hain, Karl von Czoernig, Adolf Ficker, Heinrich Rauchberg, Gustav Schimmer), die »neben den Statistikern aus dem skandinavischen und französischsprachigen Raum […] zu den europaweit führenden Wissenschaftlern in diesem Bereich« (31) zählten, über die staatlichen Bemühungen während des ausgehenden Vormärz hinsichtlich der statistischen Erfassung der Ein- und Auswanderung, über die seit den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts stattfindenden wissenschaftlichen Diskussionen im Zusammenhang mit der Wanderungsbewegung im Habsburgerstaat in einschlägigen, vom Statistischen Zentralamt herausgegebenen Zeitschriften (Mittheilungen aus dem Gebiete der Statistik, Statistische Monatschrift) oder über die Bedeutung der Meßvariablen Heimatzuständigkeit, mit der sich Rauchberg in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts in mehreren Artikeln kritisch auseinandersetzte und feststellte, daß die Variable Heimatzuständigkeit einerseits »zwar wichtige Information zur rechtlichen Zuständigkeit der Bevölkerung liefere«, andererseits jedoch »daraus keine Rückschlüsse auf die tatsächliche Herkunft gezogen werden [könnten], da Geburts- und Zuständigkeitsort beim Großteil der Bevölkerung nicht mehr identisch waren« (37). Zunehmend wurden herkunfts- und wanderungspolitische Fragen auch im Kontext mit den aufkommenden, sich extremisierenden Nationalismen gesehen, wobei sich die Frage der »Aufrechterhaltung bzw. des Verlusts der Dominanz der deutschsprachigen Bevölkerung« (39) in der wissenschaftlichen Diskussion zu einem der Kernthemen herauskristallisierte. Verstärkt begann man sich mit der Frage auseinanderzusetzen, inwieweit durch Zuwanderung anderssprachiger Bevölkerung die Majorität der deutschsprachigen Bevölkerung in Wien und den Alpenländern gefährdet wäre. Weitere Kapitel widmen sich der Auseinandersetzung mit den Wanderungsbewegungen durch die »Historische Schule der Nationalökonomie« (41—49), den »Soziologischen Standpunkten zur Migration« (49—59) und den »Bevölkerungswissenschaftlichen Standpunkte[n]« (58—62) Gunther Ipsens und insbesondere Friedrich Burgdörfers. Letzterer stellte »einen Zusammenhang zwischen Geburtenrückgang und den Wanderungsvorgängen her und benutzte dies als argumentative Grundlage für einen deutsch-nationalen Chauvinismus und Rassismus gegenüber den slawischen und anderen Bevölkerungsgruppen« (61). Derartige Sichtweisen führten zur Instrumentalisierung der Bevölkerungswissenschaften durch den Nationalsozialismus. Das wiederum bedingte nach 1945 einen lange anhaltenden Stillstand in der Forschung, in der die während der fünfziger Jahre von Gerhard Mackenroth entwickelte These einer weitgehenden Immobilität der Bevölkerung vor dem 19. Jahrhundert bestimmend wurde. Otto Brunner knüpfte mit seinem Konzept des »ganzen Hauses« daran an. Vehement stellt sich Hahn gegen das Modell des »ganzen Hauses« als Ausdruck einer statischen Gesellschaft in der vormodernen Periode. Sie postuliert, daß »die Bevölkerung der ›vormodernen Periode‹ […] überaus mobil und nur teilweise sesshaft [gewesen wäre], und diese Jahrhunderte waren auch von einer enormen gesellschaftspolitischen und sozialen Dynamik geprägt« (64). Dieser generalisierenden Sicht kann der Rezensent — zumindest für den Fall der Habsburgermonarchie — nur bedingt beipflichten. Denn im Habsburgerstaat entwickelte sich erst im Gefolge des Wirksamwerdens der theresianisch-josephinischen Reformen, die eine Aushöhlung des statischen Feudalsystems einleiteten, eine sich intensivierende Bevölkerungsbewegung und gesellschaftliche Dynamik – und das moderat und mit großen regionalen Unterschieden. Die Entwicklung im böhmisch-mährischen Raum verlief anders als etwa im innerösterreichischen Länderkomplex oder in den Karstländern. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts stellte sich die Situation wie folgt dar: »93,5% der österreichischen Bevölkerung waren in der Gemeinde ihres Aufenthalts heimatberechtigt […]. Weitere 4,4 % waren im Reichsdurchschnitt in einer anderen Gemeinde desselben Landes, knappe 2 % in einem anderen Land der Monarchie heimatberechtigt […] Auswanderer über Staatsgrenzen spielten praktisch überhaupt keine Rolle.«4 Ein Blick auf den Status quo, auf neue Ansätze und Perspektiven »jenseits« (71—74) und »diesseits des Atlantiks« (74—84) sowie auf »Die Frauen in der Migrationsgeschichte« (85—98) runden das erste Hauptkapitel ab. In einem eingefügten Kapitel (»Sonderfall Österreich?«, 76—84) finden sich Ausführungen zur Forschungsentwicklung nach 1945 in Österreich, wo man ab den siebziger Jahren »die neuen Methoden- und Forschungsansätze aus der angelsächsischen und französischen Geschichtsforschung« (77) zu rezipieren begann. Neben den Studien Monika Glettlers — für Hahn eine »Pionierin« (78) — werden ausführlicher die Arbeiten Heinz Fassmanns, in denen die »Push and Pull-Faktoren« als Erklärungsmodell für die Migrationsbewegungen herangezogen werden, und die Studien Josef Ehmers zur Handwerksmigration gewürdigt.
Für das zweite Hauptkapitel formuliert die Autorin die Prämisse, »dass es keineswegs eine fixe Konstante war, wer, wann, warum als ›fremd‹ angesehen und stigmatisiert wurde. Auch lässt sich die Festlegung und Definition, wer als ›fremd‹ galt oder zu gelten hat(te), nicht auf die Variablen der Sprache, Religion, staatliche, nationale oder ethnische Zugehörigkeit allein zurückführen. Ebenso war und ist das Fremdsein oder fremd zu sein nicht nur ein geografischer, regionaler oder lokaler, sondern stets auch ein sozialer Parameter, der entlang der Ebenen der geschlechts-, schicht-, oder klassenspezifischen bzw. politischen Zugehörigkeiten verlaufen konnte« (17). Dementsprechend geht es um die »Nachzeichnung« der von den Zuwanderern geweckten Gegenkräfte in den Aufnahmeländern beziehungsweise -orten, resultierend aus der Skepsis gegenüber Fremden, sowie um die Abwehrstrategien und -mechanismen der staatlichen beziehungsweise städtischen Behörden in der Habsburgermonarchie, deren staatliche Instanzen eine ambivalente Migrationspolitik verfolgten. Einerseits waren diese in Umsetzung der wissenschaftlichen Befürwortung der Einwanderungspolitik mit dem Ziel des Bevölkerungswachstums seit der Mitte des 18. Jahrhunderts bestrebt, qualifizierte Landfremde ins Land zu holen, andererseits aber auch darauf aus, Maßnahmen »zur Kontrolle, Ausforschung und ›Dokumentation‹ der fremden, aber auch der einheimischen Bevölkerung« (17) zu treffen. Ein vorläufiger Endpunkt dieser Entwicklung war, daß mit dem »Heimatgesetz« des Jahres 1863 »das Recht zur Erlangung der Heimatberechtigung bereits dermaßen eingeschränkt [war], dass ohne Probleme ›nur noch definitiv angestellte Hof-, Staats- Landes- und öffentliche Fondsbeamte, Geistliche und öffentliche Lehrer das Heimatrecht in der Gemeinde, in welcher ihnen ihr ständiger Amtssitz angewiesen ist‹ erwerben konnten.« (137) Nur eingeschränkt vermag der zweite Abschnitt Neuigkeiten zu bieten. Das liegt wohl daran, daß sich die Verfasserin weitestgehend auf einschlägige Literatur stützt. Das gilt in besonderer Weise für das erste Unterkapitel »Die Stadt« (100—117), in dem bei der Darstellung von »Kommen und Gehen« (100—108) sowie von »Kontrollen und Visitation« (108—114) vorrangig auf die Situation in Wien eingegangen wird. Andere Städte wie Salzburg, Graz und Wiener Neustadt werden am Rande gestreift. Die außerhalb des heutigen Österreich liegenden Städte der Habsburgermonarchie bleiben, sieht man von zwei Randbemerkungen zu Prag (106 und 112) ab, überhaupt unberücksichtigt. In gleicher Weise basiert das zweite Unterkapitel »Der Staat« (118—138), das sich vornehmlich dem Aufbau des Meldewesens und der nicht unproblematischen Heimatrechtsgesetzgebung widmet, nahezu ausschließlich auf Literatur. Reichlich wird etwa aus Hermann Oberhummers5 Studie über die Wiener Polizei geschöpft. Der Blick auf die »fontes« — gedruckte wie archivalische — kommt zu kurz. Was mit dem Rückgriff auf die Quellen — hierbei handelt es sich um die Tafeln zur Statistik sowie die entsprechenden Bände über die Volkszählungen 1867 bis 1910 im Rahmen der Österreichischen Statistik – möglich wäre, deutet Hahn im dritten Unterkapitel (»Die Fremden«) an, in dem sie sich mit der Vergabe des Heimatrechts auseinandersetzt. Mittels Quantifizierung gelingt es ihr zu zeigen, daß sich die »realpolitischen Auswirkungen der restriktiven Gesetzgebung […] an einem enormen Anstieg der nicht heimatberechtigten Bevölkerung, der ›Fremden‹ bemerkbar« (140) machten, wobei sich vier Perioden ausmachen lassen: eine erste Phase (1851—1857), in der »für einen Großteil der Bevölkerung die Heimatberechtigung noch mit dem tatsächlichen Aufenthaltsort identisch war« (140), eine zweite Phase (1858—1869), in der »die Anteile der Personen ohne Heimatrecht am jeweiligen Ort enorm nach oben« schnellten (141), eine dritte Phase (1870–1900), in der sich der prozentuelle Anstieg der nichtheimatberechtigten Personen in den einzelnen Kronländern fortsetzte, in den österreichischen Alpenländern und im böhmisch-mährischen Raum sogar mit Zuwachsraten zwischen zehn und fünfzehn Prozent (142), sowie einer vierten Phase (1901—1910), in der es aufgrund einer Reform des Heimatrechts, mit der »all jenen, die bereits zehn oder mehr Jahre an einem Ort ihren Aufenthalt hatten, das Heimatrecht nachträglich verliehen wurde« (143), zu einer deutlichen Reduktion der nichtheimatberechtigten Personen kam. Zudem wird auf andere Aspekte wie unter anderem die Zusammenhänge von Heimatberechtigung und geborener Bevölkerung (151) detailliert eingegangen.
Der dritte Abschnitt beschäftigt sich unter Heranziehung einer von der Autorin gemeinsam mit Gerald Sprengnagel erstellten Datenbank (»Wiener Neustadt im Industriezeitalter«)6 mit den »regionalen Arbeitsmärkten mit ihrem je spezifischen Arbeitskräftepotential und ArbeitsmigrantInnen« (157). Es geht Hahn darum, »aufzuzeigen, dass die Geschichte der Migration stets auch eine Geschichte der Fremdheit war.« (16) Den Ausgangspunkt für ihre Betrachtungen und Analysen bilden Studien von Jan Lucassen, Leslie P. Moch und Albert von Randow über Arbeitsmigrationssysteme. Anhand der Fallstudie Wiener Neustadt wird den Fragen, »wann, woher und warum kamen bestimmte Arbeitskräfte in einzelne Arbeitsmarktregionen« (158) und welcher Zusammenhang zwischen der spezifischen Erwerbstätigkeit und »der regionalen Herkunft, dem Alter, der Haushalts- und Familienstruktur, der Stellung im Haushalt etc.« (158) bestand, nachgegangen. Mit der Konzentration auf den Raum Wiener Neustadt begibt sich Hahn auf ein ihr bestens vertrautes örtliches Terrain. In zahlreichen Studien hat sie sich seit den achtziger Jahren mit Aspekten der gesellschaftlichen und ökonomischen Entwicklung dieser niederösterreichischen Stadt, vornehmlich im Zusammenhang mit dem Themenfeld »Industrialisierung und Arbeiterschaft«7 sowie dem Themenfeld »Migration«8 beschäftigt. Das heißt: Sie kann sich auf Bekanntes stützen. Als Einstimmung auf die Darstellung der »Arbeitsmigration im (Familien-)Verband« (171—204) im Fall von Wiener Neustadt beziehungsweise Felixdorf erfolgt ein allgemeiner Überblick über die »Migration und Bevölkerung in Mitteleuropa« (160—170). Der Focus richtet sich (wieder einmal) primär auf Wien, dessen demographische Entwicklung in den europäischen Kontext gestellt und mit der Entwicklung anderer europäischer Städte verglichen wird. Als Grundlage hierfür dienen die demographischen Studien von Andreas Weigl.9 Im Anschluß daran werden nach einem kurzem Ausblick auf die gezielte Anwerbungspolitik des (aufgeklärt-) absolutistischen Staates — versehen mit zahlreichen Tabellen zu einzelnen Fragestellungen (zum Beispiel: Angehörige nach Stellung im Haushalt, Alter und Erwerbstätigkeit 1857; Herkunft der TextilarbeiterInnen in Felixdorf 1869 und 1880) — Aspekte der familiären Arbeitsmigration im Hinblick auf Textilarbeiterhaushalte in Wiener Neustadt und Felixdorf abgehandelt. Dieser industrielle Sektor bot sich — so die Autorin — an, weil gerade »der Produktionsprozeß im Textilgewerbe eine familienübergreifende Beschäftigung für jüngere und ältere Männer, Frauen und auch Kinder erlaubte bzw. erforderte« (182). Dabei zeigt es sich nach Auffassung der Autorin, daß soziale Ausgrenzungen einen nicht unwesentlichen Beitrag zur Entstehung eines »homogenen und abgeschlossenen Milieus der Manufakturarbeiter« (186) beitrugen. Woher die Arbeiter und Arbeiterinnen kamen, wie sich vor allem die Struktur dieses »abgeschlossenen Milieus« (unter anderem Alter, Zivilstand, Haushaltsposition) darstellte und veränderte, wird am Beispiel eines Vergleiches der Erhebungsjahre 1869 und 1880 gezeigt. Thematisch bewegt sich die Autorin hierbei auf bekannten Pfaden. Betrachtungen über die »Feminisierung der persönlichen und häuslichen Dienstleistungen« auf Gesamtstaatsebene und im regionalen Bereich (Wien, Wiener Neustadt) (207—228) sowie ein Versuch der Klärung der »Wege in die Fabrik: vom Handwerker zum Fabriksarbeiter« 1869/1880 (228—244) am Beispiel der Metallarbeiter Wiener Neustadts runden die Studie, die mit einer allgemeinen »Zusammenfassung« (245—252) abgeschlossen wird, ab.
Kurz noch eine Annotation zum Formalen: Für den Quellen- und Literaturnachweis wählt die Autorin die unkonventionelle, wenig gebräuchliche Form, diesen in runder Klammer als Kurzzitat in den Text einzufügen. Das ist durchaus eine Möglichkeit. Allerdings wird dieses Prinzip nicht durchgängig angewandt. Warum an anderer Stelle das Prinzip durchbrochen und für den bloßen Literaturnachweis doch auf die Form der Fußnote zurückgegriffen wird (zum Beispiel 68 und 69, Anm. 59 bis 71), bleibt ein Rätsel. Apropos Fußnoten/Anmerkungen: In der Regel finden sich — abgesehen von den zuvor angeführten Literatur- und Quellenverweisen — in diesen Erläuterungen zum Text beziehungsweise Kommentierungen des Textes. Das mag manchmal durchaus Sinn haben. Oft wäre aber die Einfügung des Anmerkungstextes in den Text die sinnvollere Variante gewesen und würde die Lektüre erleichtern.
Ein abschließendes Resümee: Die vorliegende Studie, die in ihrem Aufbau als wenig homogen erscheint, bietet, aufbauend auf einem vorhandenen Œuvre, entgegen der Ankündigung im Titel/Untertitel keine umfassende Darstellung der Arbeitsmigration im neuzeitlichen »Mitteleuropa«. Vielmehr dominiert örtlich wie zeitlich die mosaikartige Betrachtungsweise. Die Lektüre wird nicht zum großen Aha-Erlebnis. Einerseits meint man, vieles nicht das erste Mal zu lesen, andererseits vermißt man manches, etwa die Auseinandersetzung mit der Frage nach der Wechselwirkung von Arbeitsmigration und Nationalisierung der Massen. Ebenso hätte sich eine vertiefte Auseinandersetzung mit der (Arbeits-)migration zwischen den Kronländern der Habsburgermonarchie angeboten, zumal der Autorin bewußt ist, daß wir über diese »noch immer kaum etwas« (84) wissen. Offen bleibt auch, inwieweit sich die Ergebnisse über den von der Autorin untersuchten Mikrokosmos hinaus auf andere Städte beziehungsweise Territorien des österreichischen Vielvölkerstaates übertragen lassen, zumal diese auch wanderungsbedingte Besonderheiten aufwiesen. Aufgrund der unterschiedlichen gesellschaftlichen und ökonomischen Strukturen Cisleithaniens wäre ein Eingehen auf diese Fragestellungen — selbst für einen kürzeren Zeitraum wie etwa das ausgehende 19. Jahrhundert, für das eine ausreichende statistische Quellengrundlage vorhanden ist — eine höchst lohnenswerte Aufgabe gewesen. Das zu leisten, wird Aufgabe künftiger Forschungen sein.
Hermann Oberhummer, Die Wiener Polizei. Neue Beiträge zur Geschichte des Sicherheitswesens in den Ländern der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie, 2 Bde., Wien 1938.
Unter anderem: Karl Flanner/Sylvia Hahn, Wiener Neustadt im Maschinenzeitalter 1800—1914. Forschungsauftrag des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung. Endbericht, Wien 1984; Sylvia Hahn, Fabriksordnung. Zu den Bedingungen industrieller Arbeit und berufsspezifischen Bewußtseins. Am Beispiel der Wiener Neustädter Lokomotivfabrik und der Daimler-Motoren-Ges. 1890—1914, Diss., Wien 1984; dies., Eifrige Demokraten und organisierte Arbeiter. Wiener Neustadt und die Frühphase der österreichischen Arbeiterbewegung, in: Sozialdemokratie und Habsburgerstaat, Wien 1988, 7—24; dies., Auf dem Weg zur Industriestadt — Wiener Neustadt im 19. Jahrhundert. Ein Überblick, in: »Die Wienerische Neustadt«. Handwerk, Handel und Militär in der Steinfeldstadt, Wien/Köln/Weimar 1994, 203–238.
Sylvia Hahn, Frauenerwerbstätigkeit in Wiener Neustadt 1869–1880, in: Bericht über den siebzehnten österreichischen Historikertag in Eisenstadt, veranstaltet vom Verband Österreichischer Geschichtsvereine in der Zeit vom 31. August bis 5. September 1987, Wien 1989, 354—357; dies., Fremde Frauen, Migration und Erwerbstätigkeit von Frauen am Beispiel von Wiener Neustadt, Zeitgeschichte 20 (1993), 139—157; dies., Nowhere at home? Female Migrants in the nineteenth-century Habsburg Monarchy, in: Pamela Sharp (Hg.), Women, Gender and Labour Migration: Historical and Global Perspectives, London 2001, 108—126; dies., Migration, Job Opportunities, and Households of Metalworkers in 19th-century Austria, The History of the Family 8 (2003), 85—102; dies., Migranten als Fremde — fremd als Migranten. Zuwanderung in Wien und Niederösterreich im 18. und 19. Jahrhundert, in: Walz — Migration — Besatzung. Historische Szenarien des Eigenen und des Fremden, Klagenfurt/Celovec 2002, 77–119.