Wolfgang Hameter, Meta Niederkorn-Bruck, Martin Scheutz (Hg.)
Freund Hein? Tod und Ritual in der Geschichte
Querschnitte 22
Innsbruck, Wien, Bozen
Studien Verlag
2007
332 S.
€ 27,90
Rezensent: Tomáš Malý
Historicum, Sommer 2006, 37—38
Der 22. Band der Querschnitte-Reihe, die meist Einführungstexte zur Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte umfaßt, ist den Problemen des Umgangs mit dem Tod und der Todesvorstellungen gewidmet, und zwar in einer langen Periode von der Antike bis zur Gegenwart.
Derartige Sammelbände, deren Ziel ist es, das Thema des Todes in längerem Zeithorizont, aus verschiedenen Perspektiven und interdisziplinär zu behandeln, sind seit den siebziger Jahren ziemlich häufig herausgegeben worden. Dies korrespondiert mit der Überzeugung, daß ein Blick in die Geschichte und das Wissen um das frühere Verständnis von Tod und Sterben auch heute bei der Bewältigung des Todes helfen können. An Veranstaltungen, die auf diese Art konzipiert wurden, können für den deutschsprachigen Raum in letzter Zeit erschienene Sammelbände genannt werden, nämlich jene von Constantin von Barloewen und Jan Assmann oder einige Bände der Reihe Irseer Dialoge.1 In den Querschnitten geht es um vierzehn Beiträge, die fast ausschließlich von Wiener Autoren — meist Historikern — abgefaßt wurden und die sich in der Regel auf Themen älterer Geschichte konzentrieren, nämlich auf das Mittelalter und die frühe Neuzeit (sechs Beiträge). Darin spiegelt sich die Tatsache, daß gerade in der Mediaevistik und der frühneuzeitlichen Forschung bis jetzt die bedeutsamsten methodologischen Innovationen und eine tiefgreifende Aufarbeitung der einzelnen Probleme erreicht wurden. Nach einer Leitabhandlung der Editoren über das Phänomen »Freund Hein« und über den Totentanz repräsentieren weitere Texte methodologisch und thematisch unterschiedlich konzipierte Überblicke nach konkreten Zeitabschnitten: von Ritualen und Sterben in der Antike (W. Hameter, P. Amann, B. Palme) über die Grundaspekte des Todes und seiner Rituale in Mittelalter und früher Neuzeit, nebst Sonderabhandlungen über Totenreden, bildende Kunst und polyphone Trauermusik (M. Niederkorn-Bruck, A. Zajic, M. Scheutz, H. Tersch, W. Telesko, S. Gasch) bis zur Problemen der Moderne, ob vom Gesichtspunkt der Rechtsbestimmung, der Rituale oder der gesellschaftlichen Reflexion des Todes (S. Schima, B. Perz, U. Klingenböck, K. Heimerl).
Wie schon die Ausrichtung der Reihe andeutet, sollen die Bücher »Einführungstexte« darstellen, was auch für diese Publikation gilt, die sich primär an Studenten und allgemein interessierte Leser richtet und in mehr oder weniger systematischer Form die Grundaspekte des Themas abhandelt, und zwar auch mit der relevanten Literatur. Im Hinblick auf den Inhalt kann man insgesamt sagen, daß der Sammelband alles Wesentliche umfaßt, was die ältere Geschichte betrifft. Hier ist es den Autoren gelungen, die Grundfragen und wichtigen Ergebnisse der bisherigen Forschung zu präsentieren: Totentanz (literarische und künstlerische Form), Jenseitsvorstellungen, Totenkult, Grabkultur, Wandel der Einstellungen zum Tod, Ars moriendi-Literatur, Seelenheil, Memoria und ihre Medien, die vier letzten Dinge, die Vorbereitung auf den Tod, Begräbnis (Rituale, Umgang mit den Toten, Liturgie), Trauer, Repräsentation, Friedhöfe und ihre Veränderungen. Besonders wichtig ist namentlich der Aufsatz von M. Scheutz, der auf die Bedeutung von sozialer und konfessioneller Dimension des Rituals verweist und das Thema in die Prozesse der Konfessionalisierung, Dekonfessionalisierung und Säkularisierung einbettet. Aus dem Blickpunkt der liturgischen Praxis nimmt auch die musikwissenschaftliche Abhandlung über die mehrstimmige Trauermusik einen wichtigen Platz ein (S. Gasch), und nicht einmal das Thema der Totenreden, vor allem der Leichenpredigten, als bedeutsamer Quellen der Forschung wurde vergessen (H. Tersch).
Die Aufsätze zur neueren Geschichte behandeln wichtigere Themen, die im heutigen wissenschaftlichen Diskurs eine essentielle Rolle spielen. Äußerst anregend ist die Studie über die Rechtsaspekte der Selbstmörder-Begräbnisse und der Kremation, die die Beziehungen zwischen Staat und Kirche in diesem Bereich im 19. und 20. Jahrhundert beleuchtet (S. Schima); für die Erfassung moderner Modalitäten des Umgangs mit dem Tod ist auch der Text über »Deritualisierung« des Todes im deutschen nationalsozialistischen Staat, mit einem Hinweis auf die Problematik des Massenmordes und auf die Durchsetzung des »politischen Totenkults«, von großer Bedeutung (B. Perz). Die Beiträge zur modernen Geschichte werden mit einem griffigen Aufsatz über gegenwärtige Konzeptionen des Todes und des Sterbens beschlossen, der einen Überblick über Grundtrends in der Institutionalisierung des Sterbens und in der sogenannten »Palliative care« bietet (K. Heimerl).
Natürlich lassen sich in einem so breit definierten Stoff wie Tod und Todesritual auch Themen finden, die im Sammelband nicht behandelt werden, auch wenn sie zu bedeutsamen Bestandteilen moderner Forschung gehören — etwa die Rolle der Frauen im Rahmen der Rituale, Probleme der »medizinischen Anthropologie« in der älteren Geschichte (Grabstätten und so weiter) oder demographische Aspekte und ihre Auswirkung auf die Gestalt des Rituals. Das ist selbstverständlich nicht als eine Schwäche des Buches anzusehen, weil die vollständige Ausschöpfung irgendeines Themas heute faktisch undenkbar ist und darüber hinaus — wie schon erwähnt — die wichtigen Phänomene in einzelnen Zeitphasen der historischen Entwicklung im Sammelband enthalten sind.
Ein paar kleinere kritische Bemerkungen können zur methodologischen Unausgewogenheit der Beiträge gemacht werden — auf der einen Seite stehen wirklich »lehrbuchartige«, überschaubare Texte, auf der anderen eher konfuse unsystematische Aufsätze. Die Abhandlungen zur ältesten Geschichte (vor allem die von P. Amann und W. Hameter) sind leider meist von einem deskriptiven Charakter geprägt, und es fehlt ihnen sowohl an Reflexion moderner anthropologischer Konzepte (wenigstens der Studien von J. Assmann) als auch an Eingliederung in den breiteren Kontext der Geschichte des Todes. Auch das Bemühen der Editoren um Interdisziplinarität war nicht immer erfolgreich, und bei den Autoren lassen sich erhebliche Unterschiede zwischen jenen, die sich mit der Problematik des Todes befassen oder befaßten, und den anderen erkennen. Das führt bei manchen Beiträgen zu Unstimmigkeit und sowohl methodologischer als auch thematischer Verwirrtheit, wie zum Beispiel der Text von M. Niederkorn-Bruck zeigt (es handelt sich um unsystematische Andeutungen zu ausgewählten Themen), der hier im direkten Kontrast zu methodologisch kompakten und höchst überschaubaren Aufsätzen wie jenen von A. Zajic und M. Scheutz ist. Von Uneinheitlichkeit und Absenz irgendeiner Art von Zusammenschau ist auch der Beitrag über die gegenwärtige Literatur geprägt (U. Klingenböck), der nur eine Untersuchung etlicher ausgewählter Werke heutiger Autoren bietet. Interdisziplinäre Ansätze konnte man besonders verwirklichen, wenn man sich auf die systematische Forschung früherer Jahre stützen konnte, wie zum Beispiel bei der Abhandlung über die Totenreden; das kunsthistorische Gebiet bleibt hingegen methodologisch zurück, was auch der Text von W. Telesko dokumentiert. Daneben könnte man manchen Autoren die oft unkritische Aufnahme der Postulate der bisher größten Autorität der thanatologischen Forschung Philippe Ariès vorwerfen, trotz der Tatsache, daß mittlerweile mehrere wesentliche Revisionen seines Werks erschienen sind.
Insgesamt ist aber der Sammelband ein wertvoller Beitrag, vor allem als Ausgangstext für weitere Befassung mit diesem umfassenden Thema. Er zeigt zahlreiche Zugangsweisen zur Problematik, spezifisch für einzelne Zeitabschnitte hinsichtlich der Quellenmöglichkeiten, er dokumentiert die lange Kontinuität vieler Elemente des Todesrituals, er bietet einen Grundüberblick der Todesvorstellungen in der Geschichte, und nicht zuletzt aktualisiert er das gegebene Thema für den heutigen Menschen. Auch in der sich fortwährend vermehrenden Flut von Literatur zum Tod hat also der Sammelband seinen Platz, und er ist der adäquate Beitrag zur Querschnitte-Reihe.