Ernst Hanisch
Der große Illusionist. Otto Bauer (1881—1938)
Wien
Böhlau
2011
478 S.
€ 39,00
Rezensent: Ferdinand Lacina
Historicum, Herbst 2010, 38—39
Ernst Hanisch hat eine wissenschaftliche Biographie des führenden österreichischen Sozialdemokraten Otto Bauer vorgelegt.
Hanischs Ziel ist es, »hinter dem Werk« des austromarxistischen Theoretikers und Politikers den Menschen Otto Bauer aufzuspüren, nachdem er sich bereits in drei Aufsätzen mit dessen Werk auseinandergesetzt hatte. Dies wäre »mühsam« gewesen, war Bauer doch, wie Hanisch schreibt, »ein Mann fast ohne Privatleben«.
Der Ehrgeiz, den »Menschen« Otto Bauer darzustellen, verführt Hanisch zu so manchen Spekulationen über Bauers Charaktereigenschaften, über seine Beweggründe, über seine Haltung im politischen Tagesgeschäft, denen der Leser nicht immer zu folgen vermag. So leitet der Autor Bauers Drang als Mittler zwischen Rechten und Linken in der Sozialdemokratie, zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten, zwischen Theorie und Praxis zu wirken, aus seiner Familiengeschichte ab und vernachlässigt dabei den »Einheitsmythos«, der für die österreichische Sozialdemokratie nach Hainfeld so wirksam war.
Die Herkunft Otto Bauers als Sohn des jüdischen Textilindustriellen Philipp Bauer sieht Hanisch als prägend an. So fragt sich Hanisch, ob Bauers Haß gegen den Kapitalismus nicht »ein wenig« latenter Haß gegen seinen Vater und gegen sich selbst, als Teilhaber einer Fabrik, gerichtet war, was fatal an die These vom »jüdischen Selbsthaß« erinnert. Freilich merkt Hanisch an: »Aber das Problem ist komplexer.«
In der praktischen Politik glaubt Hanisch immer wieder Motivationen Otto Bauers zu entdecken, die aus seiner Herkunft erklärbar sind. So glaubt er, das Interesse des Sozialdemokraten für das Schicksal der Industrie auf seine Abstammung zurückführen zu können. Die wesentlich einfachere Erklärung, daß die industrielle Arbeiterschaft den Kern der sozialdemokratischen Bewegung, insbesondere der Gewerkschaften, bildete, und damit ein zwar ambivalentes, aber bis heute wirksames Interesse der Arbeiterbewegung an der Industrie besteht, fällt damit einfach unter den Tisch.
In seinem Ehrgeiz, die Beweggründe einer Persönlichkeit zu ergründen, begibt sich Hanisch oft auf das Glatteis der Spekulation, vor allem weil er sich auf wenige persönliche Zeugnisse Bauers oder dessen Zeitgenossen stützen kann. Ebenso gefährlich sind seine Überlegungen zur Frage: »Was wäre, wenn …?« — beispielsweise, wenn Bauer nicht 1938 gestorben, sondern in die USA oder Schweden emigriert wäre. Hanisch bietet dem Leser mehrere Optionen an, deren Darstellung er als »reizvoll« bezeichnet. Mit diesen Spekulationen begibt er sich allerdings auf das Gebiet der Fiktion und gewagter Schlüsse.
Ebenso problematisch ist die Darstellung von Otto Bauers »Glauben« an den Sozialismus, den Hanisch geradezu als Religionsersatz darstellt. Leitmotivisch zieht sich diese spirituelle Erklärung für die Wirkungsweise des Theoretikers und Politikers Bauer durch die gesamte Biographie. Nun ist es zweifellos richtig, daß die Austromarxisten von einer geradezu naturnotwendigen Entwicklung überzeugt waren, die vom Kapitalismus — sei es auf revolutionärem Weg, sei es mit dem Stimmzettel — zum Sozialismus führen werde. Aus meiner Sicht ist dies aber weniger eine »Glaubensfrage«, sondern die Überzeugung, mit dem Rüstzeug des »wissenschaftlichen Sozialismus« ausgestattet, die Mechanik der gesellschaftlichen Triebkräfte entdeckt zu haben. Insofern waren die Austromarxisten Kinder ihrer Zeit, als sie, von wissenschaftlichen Erkenntnissen geprägt, glaubten, Naturgesetze auf die gesellschaftlichen Verhältnisse übertragen zu können.
Treffend hingegen ist Hanischs Darstellung der gesellschaftlichen Situation, in die Otto Bauer hineingeboren wurde, die Darstellung der Nationalitätenkonflikte in der Donaumonarchie und der Niedergang des Habsburgerreiches im Ersten Weltkrieg, an dem Bauer als Offizier teilnahm. Nach dem kurzen Frühling des Liberalismus, der durch den Börsenkrach des Jahres 1873 jäh beendet worden war, begann der Aufstieg der Christlich-Sozialen, der Deutsch-Nationalen wie auch der Sozialdemokratie. Nach Hanisch »verband eine politische Kultur des latenten Antijudaismus« alle diese Bewegungen. Er schreibt: »Es entstanden drei neue politische Lager, die alle antiliberal waren, die Deutschnationalen und Christlichsozialen auch offen antisemitisch, die Sozialdemokraten, trotz teilweise jüdischer Führung, etwas verdeckt.« Die antikapitalistische Propaganda der Sozialdemokratie war ohne Zweifel nicht frei von antisemitischen Ausfällen, auch die Hinweise auf die Skepsis, der (jüdische) Intellektuelle in der Arbeiterbewegung begegneten, und auf die antijüdische Haltung einiger führender Funktionäre sind berechtigt. Dennoch erhebt sich die Frage, ob der Antijudaismus als Bindeglied der offen antisemitischen Lueger- und Schönerer-Bewegung mit der Sozialdemokratie angesehen werden kann. Diese war vielmehr, ebenso wie das »jüdische Kapital«, die Zielscheibe der Antisemiten und erlag im großen und ganzen nicht der Versuchung, mit Judenfeindlichkeit gekoppelte antikapitalistische Sentiments auf die »Mühlen« ihrer Agitation zu lenken.
Ausführlich behandelt Hanisch viele Schriften und Artikel Otto Bauers im Kontext des politischen Geschehens der Ersten Republik. Wenig Beachtung schenkt er allerdings dem wirtschaftlichen Geschehen und Otto Bauers ökonomischen Schriften, etwa seinem Buch Rationalisierung — Fehlrationalisierung. Hanisch richtet sein Interesse vor allem auf das politische Geschehen — etwa die Frage der Koalitionsbereitschaft der Sozialdemokratie —, dem er deutlich mehr Beachtung als dem wirtschaftlichen Geschehen zumißt. Gerade die unzulängliche Reaktion der Sozialdemokratie auf die Austeritätspolitik der Regierung ist jedoch eine der wichtigsten Begründungen für den Verlust an Loyalität, die Gewerkschaft und Partei im Laufe der Weltwirtschaftskrise hinzunehmen hatten. Otto Bauer hat zwar für einzelne Bereiche Gegenkonzepte entworfen, die Sozialdemokratie hat aber insgesamt zu spät und zu halbherzig versucht, wirtschaftspolitische Alternativen zu entwickeln. Dieses Defizit ist unter anderem auch dem mechanistischen Weltbild des Austromarxismus zuzuschreiben. Man lehnte es ab, »Arzt am Krankenbett des Kapitalismus« zu sein, war davon überzeugt, daß das Heil der Gesellschaft nur in der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung zu finden sei. Folgerichtig wies Otto Bauer auch das Keynessche Konzept der Krisenbekämpfung durch Stärkung der Nachfrage als »kleinbürgerlich« zurück. Eine wachsende Zahl von Arbeitslosen und von Arbeitslosigkeit Bedrohten resignierte angesichts der Vertröstung auf eine sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft, die mit dem Erstarken reaktionärer Tendenzen in Mitteleuropa immer mehr als Schimäre erscheinen mußte.
Otto Bauer und mit ihm die Parteiführung saß zwischen zwei Stühlen. Auf der einen Seite hatten reformistische Ansätze in der Kommunalpolitik der Gemeinde Wien, in der Genossenschaftsbewegung und der gewerkschaftlichen Praxis erfolgreich Anwendung gefunden. Sie kamen auch in den laufenden Kontakten zwischen Parteiführung und Regierung, die über viele Jahre hindurch hinter den Kulissen stattgefunden hatten, zum Ausdruck. Ein politisch und wirtschaftlich realistisches Konzept gegen die Austeritätspolitik der Regierung konnte die Sozialdemokratie jedoch nicht entwickeln. Es erschien den Austromarxisten undenkbar, das Problem der Massenarbeitslosigkeit innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft zu lösen.
Überdies war es der »Attentismus« der Parteiführung, ihr Zurückweichen gegenüber einer aggressiver werdenden Politik der Regierung, die sich immer mehr von der demokratischen Ordnung abwendete. Sie bewirkte den Verlust an Loyalität jener, die eine Einlösung der revolutionären Rhetorik der Partei in deren praktischer Politik einforderten.
Hanisch sieht diese Schwäche vor allem im Typus des »Politiker-Intellektuellen« begründet:
»der Politiker in Bauer drängte zu Entscheidungen, der Intellektuelle dachte in Alternativen … Ein Hamlet eben.« Der Charakter Otto Bauers mag wohl eine Rolle gespielt haben. Tatsächlich versagte aber nicht nur in Österreich die Arbeiterbewegung in ihren Bemühungen, den Faschismus abzuwenden. Eine verhängnisvolle Kombination der Überzeugung, daß die historischen Triebkräfte auf den Sozialismus hinsteuern, mit der Unfähigkeit, ein wirksames Konzept zur Krisenbekämpfung zu entwickeln, war wohl eher für den Niedergang der Arbeiterbewegung in Kontinentaleuropa verantwortlich als die Charaktereigenschaften ihrer Führungspersönlichkeiten.
Die Tragik Otto Bauers besteht darin, daß er in seinem letzten Werk Zwischen zwei Weltkriegen? wohl die Gefahr erkannt hat, daß die Folgen der Weltwirtschaftskrise auf einen neuen Weltkrieg hinsteuerten. Was Bauer jedoch unterschätzte, war die Wehrhaftigkeit der bürgerlichen Demokratien Großbritanniens und der Vereinigten Staaten, die im Gegensatz zu den herrschenden Kräften in vielen Ländern Kontinentaleuropas dem Faschismus Widerstand leisteten. Diese Alternative zog Bauer — wohl auf Grund seiner Erfahrungen in Deutschland, Österreich und der Mehrzahl der Nachfolgestaaten der Habsburg-Monarchie — nicht in Betracht.
Hanischs Werk bietet eine Fülle von Material über die politische Entwicklung Österreichs von der Habsburgermonarchie zur Eingliederung in das Dritte Reich. Die »Große Illusion« sei Otto Bauers Glaube an die große Mission des Sozialismus gewesen. Wenn man diese These aufgreift, so ist es eher die Wissenschaftsgläubigkeit, die Otto Bauer mit vielen Vertretern seiner Generation teilte. Die Überzeugung, daß die Entwicklung der Produktivkräfte im Kapitalismus naturnotwendig die Widersprüche in dieser Gesellschaftsordnung verschärfen und die Alternative einer sozialistischen Gesellschaft unausweichlich machen werde, hat tatsächlich nicht zu einer Mobilisierung der Widerstandskräfte gegen einen krisenhaften Kapitalismus geführt. Im Gegenteil: Die sozialistische Vision verblaßte gegenüber der gewaltsamen Realität von Krise und Faschismus.