Gerhard Hartmann

Für Gott und Vaterland. Geschichte und Wirken des CV in Österreich

 

Kevelaer
Lahn-Verlag
2006
821 S.
€ 35,90

 

Rezensent: Ernst Hanisch

Historicum, Herbst 2006, 38—39

 

 

 

 

Gerhard Hartmann ist der Historiker des Cartellverbandes (CV) in Österreich. Er ist dies, weil er ein leidenschaftlicher CVer ist und weil er seit Jahren Berge von Material über den CV zusammenträgt, das er nun in einem neuen Buch von 821 Seiten ausbreitet.

Als CVer hat Hartmann eine ausgeprägte Abneigung gegen Deutschnationale, Sozialdemokraten und — die Katholische Aktion. Diese Abneigungen ziehen sich durch das ganze Buch. Ist er auch ein guter Historiker? Da habe ich einige Zweifel. Die Darstellung ist, zugegeben, ein Bergwerk von Informationen, als Nachschlagewerk durchaus wertvoll, aber ihr fehlt die analytische Dimension. Der CV als Männerbund wird zwar angesprochen, aber nie systematisch analysiert; auch das katholische Milieu kommt als Begriff vor, ohne jedoch wirklich untersucht zu werden; die Kultur des Alkohols im CV fehlt völlig, und die Netzwerkfunktion — die »Stellenjägerei«, wie es ein Bischof einmal nennt — kommt nur am Rande vor. Stolz zählt Hartmann die Bundeskanzler und Regierungsmitglieder, die Mandatare und Sektionschefs aus dem CV auf, es gab viele, die soziale Herkunft der Funktionselite, die durch den CV sozialisiert wurde, bleibt jedoch im Dunkeln. Ich sage das nicht aus Rancune, weil mich Hartmann mehrmals kritisiert, wo er das macht, hat er recht, sondern weil er eine Chance vergeben hat, die Geschichte des CV tatsächlich in die Geschichte des österreichischen 20. Jahrhunderts zu integrieren.

Davon abgesehen holt der Autor breite Bereiche der vergessenen Geschichte der Studentenschaft zurück ins Licht der Historie: die Kämpfe der katholischen mit den deutschnationalen Studenten um Gleichberechtigung an den Universitäten vor dem Ersten Weltkrieg. Dabei ging es um konträre Wissenschaftsauffassungen, um Elitenbildung und symbolische Politik. Dürfen katholische Studenten bei Repräsentativveranstaltungen der Universität in Farbe und mit Schläger auftreten, wenn sie das Duell aus moralischen Gründen ablehnen? Sarkastisch meinte Kardinalstaatssekretär Merry del Val, es sei doch selbstverständlich »dass jene katholischen Verbindungen, die das Duell ablehnen, keine Schläger tragen« (165). Die inneren Konflikte im CV beim Übergang von der Monarchie zur Republik. Der Streit mit der katholischen Jugendbewegung, die ziemlich führeranfällig war in den dreißiger Jahren. Dann allerdings häufen sich falsche historische Aussagen über die Sozialdemokratie. Das Linzer Programm von 1926 kann man mit Recht kritisieren. Aber die »Diktatur des Proletariats« kommt so im Text nicht vor, daher ist auch die Folgerung falsch, daß die Sozialdemokratie nach einer Wahlniederlage die Macht nicht mehr abgeben wollte. Ebenso falsch ist, daß die politische Gewalt während der Ersten Republik im großen Ausmaß von der Sozialdemokratie ausging. Wenn es »totalitär« ist, daß der Sozialismus den Menschen in seinem gesamten Lebenszusammenhang umfassen wollte, dann war wohl der Katholizismus ebenso »totalitär«. Das machte wenig Sinn.

Eine Geschichte des CV muß wohl die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ins Zentrum stellen. Hartmann neigt dabei, in alter CV-Tradition, ein wenig zum Heldenepos, verschweigt aber weder die Katholisch-Nationalen (er nennt zwölf prominente Namen) noch den Befund von Michael Gehler, daß von den Innsbrucker Verbindungen 40 Prozent Nationalsozialisten waren, zum überwiegenden Teil »Mitläufer«. Unbestritten ist, daß der CV einen großen Teil der Funktionselite des autoritären »Ständestaates« stellte, die dann 1938 zu den ersten Opfern der NS-Herrschaft zählte. Ebenso unbestritten ist, daß in den meisten konservativen Widerstandsgruppen CVer vertreten waren.

In den fünfziger Jahren erreichte der CV den Zenit seines Einflusses. Ob freilich die CV-Elite nach 1945 über jeden (antidemokratischen) Verdacht erhaben war, wie der Autor pathetisch schreibt, ist durchaus kontrovers. In der linken Meistererzählung über »1968« werden die Reformansätze und die inneren Kontroversen im CV über die Universitätsreform meist übersehen. Das ist eine Dimension von »1968«, die das Buch nun nachholt. Allerdings gingen die Reformer dann in die innere Emigration, verließen den CV oder wurden ausgeschlossen. Eine andere Wirkung von »1968« war, daß die Integrationskraft der studentischen Mitte in der Folge verloren ging, aber in der Politik der CV innerhalb des ÖVP (mit 40 Prozent der Mandatare) bis Ende der achtziger Jahre einen beträchtlichen Einfluß bewahren konnte. Mit der Auflösung der katholischen Milieus, mit der Privatisierung der Religion schwächte sich das Katholische auch im CV ab. Der Neoliberalismus verschob dann das berufliche Ideal des CVers: nicht mehr die Position eines Hofrates in der Bürokratie, sondern Vorstandsmitglied in einer Aktiengesellschaft wurde das Ziel. Das Buch allerdings endet mit einer guten alten katholischen Predigt!

Zusammengefaßt: Hartmann trägt eine Fülle von nützlichen weiterführenden Informationen zusammen, aber als historische Darstellung bleibt das Buch unbefriedigend.