Maureen Healy
Vienna and the Fall of the Habsburg Empire. Total War and Everyday Life in World War I
Studies in the Social and Cultural History of Modern Warfare 17
Cambridge
Cambridge University Press
2004
XV, 333 S.
£ 45,00
Rezensent: Martin Moll
Historicum, Herbst 2004, 39
Auf den ersten Blick könnte der hier vorzustellende Band als einer unter vielen inmitten der boomenden Weltkrieg-I-Forschung angesehen werden; allenfalls wäre zu registrieren, daß es sich um eine der wenigen Österreich Ungarn gewidmeten Arbeiten handelt, hinkt doch die österreichische Forschung in quantitativer und qualitativer Hinsicht internationalen Trends immer noch hinterher.
In Wahrheit jedoch kann der Stellenwert von Healys Buch gar nicht hoch genug veranschlagt werden: Was ausweislich des Untertitels als eine Studie zur Alltags- und Kulturgeschichte des Ersten Weltkriegs daherkommt, ist dies zwar auch, aber keineswegs ausschließlich. Vorrangig geht es Healy darum, die Geschichte gleichsam vom Kopf auf die Füße zu stellen. Ohne die Sinnhaftigkeit kulturalistischer Deutungen in Frage zu stellen, betont sie die prägende Kraft materieller Lebensumstände für die Wienerinnen und Wiener, ohne deren Kenntnis jede Deutung der Kriegserlebnisse und -erfahrungen in der Luft hängen würde.
Diese Lebensumstände waren schon kurz nach Kriegsbeginn gekennzeichnet durch den drastischen Lebensmittelmangel, dessen Ausmaß weit über die nur partiell vergleichbaren Zustände im Deutschen Reich, ganz zu schweigen von den Entente-Staaten, hinausging. Was die der österreichischen Bevölkerung zugestandenen Nahrungsmittel anbelangt, war die Habsburgermonarchie unter sämtlichen kriegführenden Staaten einmalig. Folgerichtig formuliert Healy die Kernthese ihres Buches: Eine Bevölkerung, die in einem derartigen Ausmaß Hunger leidet, verfügt über keinen Spielraum für herkömmliche Politikformen. Vielmehr wird der Kampf ums tägliche Brot selber zum Politikum, und zwar zum einzig relevanten, dem gegenüber andere Themen in die Belanglosigkeit abgleiten. Freilich wird damit keineswegs die Existenz eines politikfreien Raums postuliert: Die Verknappung der Ressourcen, neben Lebensmitteln unter anderem auch Kleidung und Heizmaterial, wird von den Betroffenen explizit als politische Frage erfahren.
Die Reaktionen der Betroffenen, sofern sie nicht in Apathie verfielen, lassen sich unter zwei Gesichtspunkten deuten: Zum einen als Akte der Selbsthilfe, wobei diese je länger desto mehr als Verstöße gegen amtliche Gebote, bis hin zu Plünderungen und eigenmächtigen Hamsterfahrten in die Umgebung Wiens, in Erscheinung traten. Zum zweiten begegnet die Suche nach den Schuldigen, ob diese nun in den lieferunwilligen Ungarn, der unfähigen Regierung oder egoistischen Hamsterern und Wucherern festgemacht wurden.
In Summe zeichnet Healy das Bild einer atomisierten Gesellschaft, in der jeder der Feind des anderen war. Wenngleich sie gewisse Frontstellungen gegen in Wien lebende Slawen und vor allem gegen die in die Hauptstadt geströmten Flüchtlinge ausmacht, so konnte doch von einer Solidarität der eingesessenen Bevölkerung, gegen wen auch immer, keine Rede sein. Healy konstatiert für Wien anarchische Zustände, die Stadt sei unregierbar, ja die Stadtverwaltung selbst zum erstrangigen Feindbild geworden. Vor diesem Hintergrund mußten die propagandistischen Bemühungen des Staates, die das Durchhalten der Heimatfront und deren Verbundenheit mit der kämpfenden Truppe befördern sollten, zwangsläufig scheitern.
Wenngleich der buchstäbliche Kampf um Nahrungsmittel, ausgetragen beim Schlangestehen, im Mittelpunkt der Studie steht, so erschöpft sich darin keineswegs das »Everyday Life« im Wien während des Ersten Weltkrieges. In weiteren Kapiteln behandelt die Verfasserin neben der erwähnten Durchhaltepropaganda das der Bevölkerung zur Verfügung stehende Unterhaltungsangebot, welches sie freilich selektiv zur Kenntnis nimmt. Inwieweit neben dem neuen, durch den Staat vermittelten und kriegsbedingten Angebot auch traditionelles Amüsement überleben konnte, bleibt unterbelichtet. Weitere Abschnitte behandeln die Mobilisierung von Frauen und Kindern, wobei neben der offiziellen Sichtweise deren faktische Politisierung ins Zentrum rückt. In diesen Abschnitten fmden sich viele Beobachtungen, die einerseits an die etablierte Gender-Forschung anknüpfen, ihr andererseits aber viele neue Facetten abgewinnen. Hinzuweisen ist auf den Abschnitt über die vaterlose Gesellschaft, der sowohl die Erosion tradierter Bilder von Männlichkeit als auch das Abbröckeln des Monarchen als ehemals allmächtiger, nun als ohnmächtig empfundener Vaterfigur thematisiert. Im übrigen war Wien keineswegs völlig von Männern entblößt; die aus welchen Gründen immer Daheimgebliebenen sahen sich mit neuen und vielschichtigen Rollenproblemen konfrontiert, galt doch nur der Frontkämpfer als der »wahre Mann«.
Ob das Alltagsleben, wie Healy anzunehmen scheint, erschöpfend behandelt wurde, mag man in Frage stellen; tatsächlich hat sich um dieses Buch im Internet (H-Net und Habsburg) eine ebenso intensive wie kontroverse Debatte entwickelt. Mir scheint, daß die Verfasserin Streiflichter auf dieses Alltagsleben bietet, wobei sie zweifellos die den Menschen am meisten unter den Nägeln brennenden Fragen eingefangen hat. Hierzu hat sie eine Fülle bislang ungenutzter Quellen erschlossen, insbesondere Polizeiberichte, Eingaben an die Behörden sowie Denunziationen, die sie quellenkritisch analysiert und mit angelsächsischer Knappheit auf den Punkt bringt. Wer etwa die Abschnitte über die in Wien umlaufenden Gerüchte und deren vergebliche obrigkeitliche Bekämpfung liest, fühlt sich mitten ins Geschehen versetzt und erhält ein Bild vermittelt, das sich von den offiziellen Verlautbarungen kraß unterscheidet. Unter dem Strich entsteht die Charakterisierung einer Massengesellschaft, die von den sic Regierenden nicht weiter entfernt sein könnte. Damit werden Ursachen für den Zusammenbruch der Habsburger-Monarchie benannt, die bislang unterbelichtet geblieben sind. In Summe leistet diese sehr gut lesbare, ja spannende und quellen nahe Studie, deren Urteilen man nur selten wider sprechen möchte, einen wichtigen Beitrag zur Erklärung des Verlaufs des Ersten Weltkrieges, der für Österreich-Ungarn vor allem aus internen Gründen im Kollaps endete (300). Healy merkt allerdings auch an, daß erst das zeitliche Zusammentreffen des inneren Zusammenbruchs mit dem Debakel an der Italienfront im Sommer 1918 eine ausweglose Situation schuf. Das Zerbrechen tradierter Dualitäten vollzog sich keineswegs nur bei den nicht-deutschen Nationalitäten, sondern in der Reichshaupt- und Residenzstadt selbst, auf ihren Marktplätzen und in ihren Straßen.
Überzeugend wird dargelegt, daß die zeitgenössische und die in der Historiographie mitunter anzutreffende Trennung zwischen Front und Heimatfront auf einem Trugschluß beruht; die hungernden Menschen »daheim« empfanden sich gleich den Frontsoldaten als Opfer des Krieges; folglich gab es Stimmen, wonach es an der Front weniger schlimm sein könne als in Wien. Daher zerbrach die Vorstellung, die Soldaten könnten nach Friedensschluß in eine intakt gebliebene Heimat zurückkehren. Diese Heimat war mittlerweile zu einer »series of minor battlefields« geworden (300). Daran konnte auch die mindestens partiell erfolgreiche Mobilisierung der Familie als zentraler Institution des totalen Krieges nichts ändern. Gegen Ende des Krieges, dessen Wendepunkt Healy mit 1917 diagnostiziert, waren alle Durchhalteparolen Makulatur geworden (305). Die Bevölkerung hatte sich an Gewalt nicht nur gegen die sichtbaren Feinde so gewöhnt, daß diese Haltung — weit mehr als der bisher zur Erklärung herangezogene, weiterlebende »Frontgeist« der Heimkehrer — für die Eskalation der Gewalt in der Zwischenkriegszeit in Betracht gezogen werden muß.