Irmtraut Heitmeier
Das Inntal. Siedlungs- und Raumentwicklung eines Alpentales im Schnittpunkt der politischen Interessen von der römischen Okkupation bis in die Zeit Karls des Großen
Schlern-Schriften 324. Studien zur Frühgeschichte des historischen Tiroler Raums 1
Innsbruck
Universitätsverlag Wagner
2005
430 S., 44 Karten u. Abb.
€ 50,00
Rezensent: Christoph Roth
Historicum, Winter 2006/2007, 36—37
Die Studie beginnt bei einigen terminologischen Unklarheiten in Quellen des 8. Jahrhunderts: Da gibt es »Vallenenses«, das sind Bewohner des Inntals; das von ihnen bewohnte Gebiet, die »partes Vallenensium«, die anscheinend das gleiche sind wie der »pagus Vallenensium«, der Gau der Inntalbewohner. Und es gibt »Preonenses«, Breonen, ein Name, der schon bei der römischen Eroberung des Gebiets als Name eines Volkes auftaucht, das dort lebt. Wer waren diese Breonen des Frühmittelalters? Standen sie in ungebrochener Kontinuität mit den vorrömischen Breonen? Gab es wirklich einen Inntal-Gau im Sinn einer Verwaltungseinheit? Hatte sich ein Volk der Breonen in einem Inntal-Gau organisiert? Welche Rolle spielten bei alldem die römische Verwaltung und die bairische Landnahme? Ausgehend von diesen Fragen wurde eine Arbeit, die ursprünglich als Frühmittelalter-Projekt konzipiert war, zu einer Untersuchung der römischen, spätantiken und frühmittelalterlichen Geschichte des Inntals, die den Siedlungsraum, die Bevölkerungsgeschichte und die politische Organisation in langfristiger Perspektive in den Blick nimmt.
Ethnische Zugehörigkeit der Bevölkerung und Siedlung können für die vorrömische Zeit nur mit großen Unsicherheiten erfaßt werden, da sich die antiken Autoren erwartungsgemäß nicht im klaren waren, welches Volk sie in Gestalt der Breonen vor sich hatten, und die Namens- und archäologischen Befunde auf eine komplexe Situation deuten. Heitmeier kommt zum Schluß, daß es im Nordtiroler Raum eine Bevölkerung gab, die sich von Rätern und Kelten sprachlich unterschied, mit diesen aber in einem Austausch stand, was sich in den archäologischen Funden bemerkbar macht. Weiters nimmt die Autorin aufgrund von Ortsnamen an, daß es eine rätische Überformung der Namen gab, die mit einer führenden Rolle von Rätern zu erklären sei; es habe mithin eine rätische Oberschicht gegeben, die aber die breonische Bevölkerung nicht tiefgreifend rätisiert habe – eine These, die mit der gebotenen Begründung ziemlich spekulativ wirkt.
Die römerzeitliche Entwicklung sieht Heitmeier entscheidend durch den strategischen Hintergrund der römischen Eroberung und Verwaltung geprägt. Tirol war für die Römer aus Verkehrsgründen wichtig, die Kontrolle der Pässe von Anfang an ein Ziel. Dabei benutzte man vermutlich die alten Verkehrswege; bei einigen Strecken ist dies sicher, bei anderen ist die Lage nicht restlos klar, allerdings erlauben die natürlichen Gegebenheiten ohnehin nur begrenzte Wahlmöglichkeiten. Ab Beginn des 4. Jahrhunderts wurde der militärische Bezug deutlicher, da jetzt die Verkehrswege verstärkt unmittelbar für die Nutzung durch Truppen ausgebaut wurden und die militärischen Bedürfnisse bei der Landnutzung stärker zum Tragen kamen.
Die Siedlungen und ihre römische oder einheimische Herkunft diskutiert Heitmeier auf Basis unterschiedlicher Quellen. Archäologische Funde legen eine Verdichtung der Siedlungen im Talbereich nahe, die wiederum ziemlich unsicheren namenkundlichen Befunde deuten zumindest nicht in eine andere Richtung. In welcher Form, etwa in Form von Gutshöfen, diese Besiedlung erfolgt ist, ist unsicher; die Autorin tendiert zur Annahme differenzierter Siedlungsformen. Zu den Höhensiedlungen führt Heitmeier Beispiele an, in denen vorrömische Siedlungen in der römischen Zeit nicht weitergeführt wurden, sodaß die Verdichtung im Tal zum Teil Ergebnis einer Siedlungsverlagerung war. Es gibt allerdings sehr wohl auch Befunde für Siedlungskontinuität, wobei die römischen Gebäude erst aus der mittleren Kaiserzeit oder späterer Zeit stammen, das heißt die Besiedlung folgte bis dahin einheimischen Traditionen. An einigen Beispielen wird näher vorgeführt, wie Flurformen und bis ins Mittelalter bestehende Rechte zu Rückschlüssen auf die Besiedlung verwendet werden. Wichtig ist dabei die Unterscheidung zwischen den kurvig abgegrenzten Siedlungsarealen der vorrömischen Bevölkerung und den tendenziell rechteckigen Begrenzungen, die die Römer vornahmen.
Daß die römische Flurgliederung stark prägend geworden ist, muß deshalb betont werden, weil die Autorin den römischen Einfluß eigentlich eher gering ansetzt. Die ansässige Bevölkerung sei, so Heitmeier, in religiöser und sprachlicher Hinsicht im wesentlichen bei den vorrömischen Traditionen verblieben, eine Romanisierung von Oberschichtangehörigen habe nur oberflächlichen Charakter gehabt. Die Mutmaßungen verschiedener Autoren über nativistische Tendenzen (also eine Betonung und Wiederbelebung traditioneller, in diesem Fall vorrömischer, Kulturformen in bewußter Abgrenzung von der Kultur des Eroberers) im 1. Jahrhundert weist die Autorin nicht zurück, obwohl die archäologischen Belege dafür nicht gerade überwältigend sind und das Verschwinden der betont »autochthonen« Kultur nicht recht erklärlich ist. Auch die sprachlichen Einflüsse seien erst spät zum Tragen gekommen. Heitmeier diskutiert auch explizit die Frage, was »Romanisierung« überhaupt bedeuten kann und anhand welcher Kriterien sie bestimmt werden kann. Ihr Konzept ist recht umfassend und faßt Akkulturation als Prozeß auf, der Religion, Gesellschaft, Mentalität und so weiter betrifft und nicht bloß an einzelnen äußerlichen Merkmalen wie etwa bestimmten Gegenständen, die jemand besaß, erkannt werden kann. Dies ist zwar grundsätzlich überzeugend, eröffnet aber die Frage, wie auf Grundlage der zur Verfügung stehenden Quellen überhaupt etwas über eine so verstandene Romanisierung gesagt werden kann, noch dazu mit einer Genauigkeit wie in diesem Band, der besondere Aussagen über die ersten Jahrzehnte nach der römischen Okkupation macht.
Akkulturation betrifft außer den genannten Aspekten auch die politische Ordnung in einem Gebiet. Römische Verwaltungsstrukturen waren in der Regel flexibel an die regionalen Bedingungen angepaßt und bedienten sich durchaus auch überkommener Einrichtungen. Vieles an den Verhältnissen, die im frühen Mittelalter vorgefunden werden, können nur mit Hilfe mehr oder weniger plausibler Vermutungen in einen Bezug zur Antike gesetzt werden. Vorgefunden werden zwei Pagi (»Gaue«), die konkret erst, wie eingangs gesagt, im 8. Jahrhundert bezeugt sind. Heitmeier nimmt an, daß diese Pagi in der Kaiserzeit gebildet wurden, hauptsächlich weil es sich eben um ein römisch besetztes Gebiet handelte und weil die Namen der Pagi römischen Benennungen entsprechen; Basis seien nicht Civitates gewesen, sondern eine Stellung des Gebiets als kaiserlicher Domänenbezirk, der aufgrund des Bergbaus in der Region gebildet wurde. Die breonische Bevölkerung habe den Status von Kolonen gehabt, also bäuerlichen Pächtern, die zu einer Gemeinschaftsbildung fanden, wie sie auch aus anderen Gebieten bezeugt ist. Diese These beruft sich praktisch nur auf Analogieschlüsse, Quellenbelege, die sie stützen, sind nicht zu erkennen, freilich auch keine Quellen, die das Gegenteil beweisen würden.
Für die frühmittelalterliche Entwicklung bietet Heitmeier eine These an, die die politische Zugehörigkeit des Inntals differenzierter klären soll. Eine fränkische Oberhoheit seit der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts kann vorausgesetzt werden, fraglich ist das Verhältnis zum bairischen Dukat. Wurde Nordtirol sogleich dem bairischen Dukat angeschlossen, oder verblieb es unter unmittelbarer fränkischer Verwaltung? Die Autorin entscheidet sich für die letztere These, begründet mit allgemein politischen Überlegungen (es ging den Franken darum, insbesondere nach Beginn der langobardischen Herrschaft in Italien 568 das Gebiet zwischen Baiern und Langobarden und besonders die Pässe unmittelbar zu kontrollieren), archäologischen Funden (Schatzfund von Adrans) und namenkundlichen Überlegungen. Zu den Ortsnamen folgen dann noch längere Ausführungen, die zur Folgerung führen, daß es in dem Gebiet keine intensivere germanische Besiedlung gegeben, sondern eine romanische Kontinuität bis ins Hochmittelalter bestanden habe. Allerdings ergibt sich hier doch der Eindruck, daß die Autorin sich hauptsächlich um Argumente bemüht, die die Bedeutung des germanischen Elements und die Aussagekraft der tatsächlich großen Zahl deutscher Ortsnamen geringer erscheinen lassen: Solche deutschen Namen seien Ergebnis einer gelenkten und begrenzten germanischen Ansiedlung gewesen, ansonsten habe die romanische Bevölkerung weiter den Raum geprägt, und sie habe ihre sprachliche Eigenart bewahren können. Auch politisch habe es eine Kontinuität mit der Antike gegeben, indem der Kolonenstatus und die Kolonengemeinschaft bestehen blieb. Die politische Funktion des Gebiets änderte sich grundlegend im Lauf des 8. Jahrhunderts, als die Pagi des Gebiets im Abstand eines halben Jahrhunderts an Baiern kamen und schließlich mit dem Ende des Langobardenreichs für das Inntal nun die Verbindung zwischen Baiern und Italien im Vordergrund stand.
Letztlich gelangt die Autorin somit in praktisch allen Punkten zum Ergebnis, daß sich im Inntal die spätantiken Verhältnisse, ob in der ethnischen Zugehörigkeit der Bevölkerung, in der wirtschaftlich-sozialen Zusammensetzung oder in der politischen Struktur, bis ins 9. Jahrhundert weitgehend erhalten hätten. Da viele Argumente bekannte archäologische, namenkundliche und literarische Zeugnisse neu gewichten, nicht selten in der Konstruktion von mehr oder weniger plausiblen Szenarien und gelegentlich in bloßen Analogieschlüssen bestehen, kann man über das Ergebnis streiten, gerade weil sich der Eindruck ergibt, daß die Autorin bevorzugt ihre These stützen möchte und um Gegenargumente nicht sonderlich bemüht ist. Dennoch liegt das Anregende dieses Bandes gerade in dieser Argumentation, die abgesehen von der bloßen Fakteninformation auch eine kritische Würdigung des Gedankengangs ermöglicht. Die Untersuchung informiert in diesem Sinn nicht nur über das Inntal, sondern auch über verschiedene methodische Zugänge wie Namenkunde und archäologische Untersuchungen in einer solchen Studie.
Positiv hervorzuheben ist auch die Ausstattung des Bandes mit Karten, die für wichtige Aspekte gute und gerade bei einem solchen Thema unverzichtbare Unterlagen liefern.