Günther Holler-Schuster, Christa Steinle (Hg.)

Wilhelm Thöny. Im Sog der Moderne

 

Bielefeld
Kerber
2013
528 S.
€ 59,70

 

Rezensentin: Doris Preindl 

Historicum, Sommer—Herbst 2012, 62—63

 

 

 

 

In vielen Ausstellungen, Museen, Galerien und Kunstmessen, die sich mit österreichischer und internationaler Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts beschäftigen, finden sich Bilder, Zeichnungen und Aquarelle von Wilhelm Thöny.

Wilhelm Thöny (geboren am 10. Februar 1888 in Graz, gestorben am 1. Mai 1949 in New York) war der Sohn eines Papiergroßhändlers und wuchs mit seinem Bruder Herbert, der Opernsänger wurde, in Graz in kulturell interessierten Kreisen auf. Nach der Matura ging er nach München zum Kunststudium, lernte dort den erfolgreichen, jüdisch-amerikanischen Kunstmaler Frank S. Herrmann und seine Tochter Thea kennen, die später seine zweite Frau wurde. Thöny knüpfte viele Kontakte und feierte 1912/13 mit seinen Bildern die ersten Erfolge. Er stellte in der Münchner Secession und dann in der Neuen Münchner Secession sowie bei den Ausstellungen der bildenden Künstler der Steiermark aus. Er erhielt Aufträge für Portraits und Buchillustrationen. Im Ersten Weltkrieg war er als Regimentsmaler tätig. 1915 heiratete er die Amerikanerin Fanny Hilma Valborg White, mit der er seine einzige Tochter Margit hatte. Sie lebten in der Schweiz. 1922 trennten sie sich, sie ging mit der Tochter nach Amerika zurück, 1926 war die Scheidung. 1923—1931 verbrachte Thöny in Graz, gründete die Grazer Sezession, und es gelang ihm der internationale Durchbruch. Seine Themen waren Landschaften, Portraits, Stilleben, Gesellschaftsszenen, Städteportraits, Traumszenen sowie ein Zyklus Zeichnungen zu Beethoven, dabei sind seine Bilder düster, in gedämpften Farben. Dies änderte sich mit seiner Übersiedlung nach Paris, seine Bilder bekamen Licht, Leichtigkeit, etwas Irisierendes. Diese Merkmale behielt seine Kunst bis zum Spätwerk. Nach Graz kehrte er nicht mehr zurück, blieb aber brieflich in enger Verbindung zur Grazer Sezession, deren Präsident er war. 1933 fuhr er mit seiner Lebensgefährtin Thea nach New York, wo sie ihre amerikanische Staatsbürgerschaft erneuerte. Thöny verarbeitete seine Eindrücke von New York und Elberon in New Jersey (dem Heimatort Theas) in mehreren Bildern, viele Skizzen entstanden, die in Paris dann ausgearbeitet wurden. 1932—1935 sowie 1937 verbrachten sie die Sommermonate in Südfrankreich, in Sanary-sur-Mer, wo sie im Kreis deutscher Exilanten verkehrten.

1938 übersiedelte Thöny nachdem er seine langjährige Lebensgefährtin Thea geheiratet hatte, nach New York. Dank der Verbindungen von Theas Vater fand er schnell Zugang zur New Yorker Gesellschaft und konnte sich in Amerika als erfolgreicher Maler etablieren. Das Metropolitan Museum und andere Museen kauften Bilder von ihm. Nach 1942 nahmen seine Erfolge ab.

Sein Altersstil ist beeinflußt von der naiven Malerei, das Duftig-Helle fehlt, die Bilder sind in satten Farben gemalt. Thöny war oft krank. 1947 erhielt er Werke, die in verschiedenen Städten gelagert waren, teilweise zugesandt, teilweise wurden sie durch den Krieg vernichtet. Viele Werke lagerte er in Brown’s Warehouse, die dann am 4. März 1948 durch Brand vernichtet wurden. Umstritten ist, wieviel Werke verbrannten, er schreibt von Hunderten Werken. Dies entmutigte ihn sehr. Am 1. Mai 1949 starb er an einen Schlaganfall. Nach seinem Tod setzte sich seine Witwe Thea sehr für seinen Nachlaß und sein Werk ein.

Im Buch wird das Leben Thönys in die politischen und sozialen Entwicklungen von 1888 bis 1949 eingebettet und die Entwicklung seiner Kunst in Verbindung zu den zeitgenössischen Kunstströmungen dargestellt, ebenso seine Rezeption nach dem Zweiten Weltkrieg bis heute. Thöny gelang es immer wieder, Netzwerke aufzubauen und seine Werke erfolgreich zu präsentieren und zu verkaufen. Schon als junger Maler erhielt er mehrere Preise. Dabei war er sehr fleißig und malte viel. Er reiste viel, wohnte immer in Hotels und mietete sich meist extra noch ein Atelier. Er pflegte eine enge Brieffreundschaft mit Alfred Kubin. Nach Thönys Überzeugung ist Kunst unpolitisch, er setzte dies auch in seinem Werk um. Er ist für die Mitte, gegen das Radikale, aber begeistert von Beethoven oder Napoleon. Er malte elegante Damen und Herrn in Frack, er liebte das elegante Ambiente, in dem er verkehrte. So malte er Gesellschaftsszenen oft ein wenig karikierend, schmunzelnd, ohne aber in eine Satire oder Gesellschaftskritik abzugleiten.

Zu seinen Lebzeiten künstlerisch und gesellschaftlich international sehr erfolgreich, wurde er aber nach dem Zweiten Weltkrieg zurückgedrängt, da er weiter figurativ und nicht abstrakt malte, unpolitisch war und nicht zu den verfolgten abstrakten Malern gehörte, die nun in voller Aufmerksamkeit standen. Der Bekanntheitsgrad Thönys ging nach seinem Tod zurück. 1966 erhielt das Joanneum von seiner Witwe eine Stiftung mit Werken und Archivalien aus dem Nachlaß.

Den bedeutenden steirischen Maler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts würdigte das Universalmuseum Joanneum, Neue Galerie Graz, mit dieser Monographie und einer Ausstellung. Die wissenschaftliche Aufarbeitung zeigt die enge Verknüpfung zwischen Thöny, seiner internationalen Karriere und der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung wie auch — solange es möglich war — seinen Einsatz für die Grazer Sezession. Die wissenschaftliche Aufarbeitung und die Katalogpublikation wurden von der Steiermärkischen Sparkassa unterstützt, die auch Thöny Werke sammelt und als Leihgaben dem Joanneum zur Verfügung stellt.