Karel J. Hruza (Hg.)
Österreichische Historiker 1900—1945. Lebensläufe und Karrieren in Österreich, Deutschland und der Tschechoslowakei in wissenschaftsgeschichtlichen Porträts
Wien, Köln, Weimar
Böhlau)
2008
859 S.
€ 99,00
Rezensentin: Doris A. Corradini
Historicum, Sommer—Herbst 2008, 76—78
Dem Engagement und dem wissenschaftsgeschichtlich selbstreflexiven Interesse von Karel Hruza, Leiter der Abteilung Regesta Imperii am Institut für Mittelalterforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), ist Österreichische Historiker 1900—1945 zu verdanken. Inspiriert durch das seit den achtziger Jahren verstärkt einsetzende kritische Hinterfragen der Positionen der Forschergenerationen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, das Niederschlag fand in Historikertagungen in Deutschland und in der Tschechoslowakei sowie in Publikationen, wie unter anderem dem richtungweisenden Werk von Monika Glettler und Alena Míšková über Prager Professoren1, erkannte Karel Hruza, wie er in seiner profunden einleitenden Literaturschau darlegt, den Mangel an diesbezüglichen Forschungen und Publikationen zur Situation in Österreich. Anders als Glettler und Míšková, die sich in ihrer Darstellung auf einen Querschnitt an der Prager Universität in dem klar abgesteckten politischen Zeitraum 1938—1948 beschränkten, umfaßt Hruzas Kompendium eine wesentlich längere und heterogene Zeitspanne und einen größeren geographischen Raum.
»Ziel des vorliegenden Buches ist eine Sammlung wissenschaftsgeschichtlicher Porträts ausgewählter österreichischer Historikerinnen und Historiker, die weit über den Umfang der Skizzen in biografischen Lexika hinausgehen« (33), wobei aber nicht ein Handbuch oder biographisches Lexikon mit einheitlich strukturierten Texten verwirklicht werden sollte; stattdessen haben »im vorliegenden Buch 19 ›individuelle‹ Historikerinnen und Historiker ›ihresgleichen‹ biografisch aufgearbeitet«, wobei auf die Auswertung bislang ungenutzten Quellenmaterials besonderes Gewicht gelegt wurde (10). Das Konzept »ihresgleichen« zu bearbeiten, wurde konsequent umgesetzt und bildet einen der primären Vorzüge des Buches, da die wissenschaftliche Leistung von Vertretern der entsprechenden historischen Fachrichtung und damit kompetenter Seite dargestellt und auf ihre Geltung und Gültigkeit im gegenwärtigen Forschungsstand hin untersucht wird.
Die hier vorgestellten neunzehn Historiker, gereiht nach den Geburtsjahren zwischen 1848 und 1912, darunter Mathilde Uhlirz als einzige Frau, sind zum größten Teil Vertreter der Nominalfächer Mittelalterliche Geschichte und Historische Hilfswissenschaften (Emil von Ottenthal, Harold Steinacker, Hans Hirsch, Mathilde Uhlirz, Theodor Mayer, Richard Heuberger, Leo Santifaller und Heinz Zatschek), gefolgt von Lehrenden der Mittleren und Neueren Geschichte (Johann Loserth, Alfons Dopsch, Ludwig Bittner) und Österreichischer Geschichte (Anton Mell, Raimund F. Kaindl, Hans Pirchegger und Otto Stolz) sowie Wilhelm Bauer als Vertreter des Faches Neuere Geschichte. Die Osteuropäische Geschichte ist vertreten durch Eduard Winter, der ebenso Kirchengeschichte und Geistesgeschichte lehrte, sowie Wilfried Krallert, Mitarbeiter der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft. Die meisten der Portraitierten wirkten im Lauf des Berufslebens auch als Archivare, als Bibliothekar wurde Paul Heigl aufgenommen. Zu den hier veröffentlichten Beiträgen wären auch solche über Otto Brunner, Lothar Groß, Adolf Helbok, Gerhart Ladner, Oswald Redlich, Heinrich von Srbik und Hermann Wopfner geplant gewesen, die leider nicht geliefert wurden. Gemeinsam ist den Portraitierten, mit Ausnahme von Anton Mell, Mathilde Uhlirz und Eduard Winter, daß sie alle Absolventen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung (IÖG) waren und auch aus diesem Grund viele Berührungspunkte miteinander hatten.
Die zwanzig Autoren selbst gehören zum überwiegenden Teil einer in den sechziger und siebziger Jahren geborenen Historikergeneration an. Wie der Herausgeber selbst sind — dem inhaltlichen Schwerpunkt entsprechend — vier Autoren am Institut für Mittelalterforschung der ÖAW tätig, die Arbeitsstätten der anderen verteilen sich, wie im Vorwort erwähnt, auf Graz, Innsbruck, Linz, St. Pölten, Wien, Basel, Prag, Brünn und Konstanz.
Als Aufnahmekriterien galten: in der Habsburgermonarchie geboren, nach 1918 österreichische Staatsbürger, entscheidende Wirkungsphase zwischen 1900 und 1945; als Historiker ausgebildet, auch wenn später Archivare oder Bibliothekare, sollen zudem »solche bleibenden Spuren in der Wissenschaft oder in anderen Bereichen hinterlassen haben, dass die Auseinandersetzung mit ihrer Biografie lohnende wissenschaftsgeschichtliche Ergebnisse erwarten lässt« (33). Während die Aufnahmekriterien somit genau erörtert werden, sind die Auswahlkriterien — und damit auch die Fragestellung des Buches — etwas weniger klar erkennbar. Denn sollte die Sammlung darstellen, welche Personen die Geschichtswissenschaft dieser Zeit prägten, so fehlen eine Reihe wichtiger Persönlichkeiten, wie Alfred Francis Přibram, Samuel Steinherz, Wilhelm Erben, Hans Uebersberger, Ignaz Philipp Dengel oder Hugo Hantsch. Sollte sie aber, wie die Aufnahme von Paul Heigl, dem Direktor der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) von 1938 bis 1945, und Wilfried Krallert, deren wissenschaftliche Leistung keineswegs eine Aufzählung unter neunzehn bedeutende österreichische Historiker dieser Zeitspanne rechtfertigt, nahelegen, den Einfluß des Nationalsozialismus auf die Wissenschaft sowie die persönliche Verstrickung der ausgewählten Wissenschaftler zeigen, so wäre ein expliziter Hinweis, zum Beispiel im Titel oder Untertitel des Werkes, hilfreich. Bei einer nach politischen Gesichtspunkten erfolgten Aufnahme wäre es übrigens auch sehr reizvoll, ein heterogenes Bild zu entwerfen (zum Beispiel durch Aufnahme von Ludo Moritz Hartmann oder Kurt Kaser), wiewohl dies nichts an der Subjektivität der Auswahl ändern würde.
Den Autoren wurde vom Herausgeber ein detailliertes Konzept zur Erstellung der Beiträge zugesandt, seine Beachtung aber nicht eingeklagt, da einige Autoren auf ihre bereits existierenden Skizzen zurückgriffen (10). So sind die Beiträge im Umfang mit durchschnittlich circa dreißig Seiten — mit Ausnahme der Beiträge von Karel Hruza selbst über Heinz Zatschek mit 115 und von Andreas Zajic über Hans Hirsch mit 110 Seiten — relativ kurz und in der Gliederung einheitlich und übersichtlich. Auch wenn der Detailreichtum der beiden Beiträge ein interessantes Bild der Portraitierten bietet, wäre vielleicht eine Kürzung und eine Veröffentlichung in extenso an anderer Stelle für die Ausgewogenheit des Buches und inhaltlich im Sinn einer adäquaten Wertung, die sich durch den Umfang ergibt, von Vorteil gewesen.
Eröffnet wird der Band durch Pavel Soukups instruktiven Beitrag über den aus Mähren stammenden Johann Loserth (1846—1936), in welchem dessen wissenschaftliche Leistungen und Interessen im Zentrum der Darstellung stehen. Emil von Ottenthal (1855—1931), der, bevor er 1904 die Direktion des IÖG übernahm, Ordinarius an der Universität Innsbruck war, wird von der Innsbrucker Historikerin Susanne Lichtmannegger portraitiert; der Direktor des Steiermärkischen Landesarchivs, Anton Mell (1865—1940), vom Archivar am selben Archiv, Gernot Peter Obersteiner. Alexander Pinwinkler skizziert den der Geschichte der Karpatendeutschen verpflichteten Historiker Raimund Friedrich Kaindl (1866—1930), der 1915 von Czernowitz an die Universität Graz übersiedelte; Thomas Buchner geht in seinem sehr informativen Beitrag über Alfons Dopsch (1868—1953) nur kurz auf dessen Biographie ein und widmet dessen grundsätzlichen wissenschaftlichen Aussagen sowie der Wirkungsgeschichte seines Werkes durch das Seminar für Wirtschafts- und Kulturgeschichte eine instruktive Darstellung. Interessant ist, wie sich die Karrieren nach 1945 weitergestalteten: dies zeigt sich zum Beispiel in Renate Spreitzers Beitrag über den überzeugten Gesamtdeutschen und Nationalsozialisten Harold Steinacker (1875—1965), der Anfang der sechziger Jahre als Ehrenmitglied der ÖAW wieder voll rehabilitiert war. Auch ohne Nationalsozialist zu sein, konnte man 1938 Karriere machen, wie aus dem Beitrag von Alois Kernbauer über Hans Pirchegger (1875—1973) hervorgeht; Kernbauer bezieht die im Beitrag erwähnten Personen in die Darstellung mit ein und bietet auf diese Weise ein instruktives Rahmenbild. Martin Scheutz schildert in seinem Beitrag den gesamtdeutschen Neuzeithistoriker an der Universität Wien Wilhelm Bauer (1877—1953); Thomas Just, Archivar am Haus-, Hof- und Staatsarchiv, zeigt in seinem Beitrag den, nach einem Urteil Friedrich Engel-Janosis, fähigen, aber nicht objektiven Wissenschaftler und Leiter des Reichsarchivs Wien, Ludwig Bittner. Andreas Zajic schildert in seinem umfang- und detailreichen Aufsatz über den zunächst an der Deutschen Universität Prag, ab 1926 an der Universität Wien lehrenden Hans Hirsch (1878—1940) die Kommunikation in personalpolitischen Fragen, die dieser von Prag aus und auch als Direktor des IÖG in den Jahren 1929 bis 1940 stark mitgestaltete. Gerhard Siegl portraitiert den Innsbrucker Archivar und Professor für österreichische und tirolische Geschichte Otto Stolz (1881—1957). Anne-Kathrin Kunde schildert in ihrem Beitrag die Widerstände, mit denen sich die Grazerin Mathilde Uhlirz (1881—1966) als erste Frau, die sich in Österreich für ein historisches Fach habilitierte, konfrontiert sah, und die beruflichen Benachteiligungen und Rückschläge, die ihr durch die Zeitumstände mehrfach widerfahren waren. Ein differenziertes Bild entwirft Helmut Maurer vom Nachfolger Hans Hirschs an der Prager Universität, Theodor Mayer (1883—1972), der zwischen 1930 und 1945 an verschiedenen deutschen Universitäten lehrte: Obgleich er bekennender Nationalsozialist war, wollte er die Wissenschaft frei von politischer Einflußnahme wissen. Die Frage nach Mayers persönlicher Mitschuld im NS-Regime, die Maurer kurz in seinem Beitrag aufwirft, wirkt im Zuge der Lektüre etwas abstrakt. Interessant ist die Biographie des infolge einer Verletzung im Ersten Weltkrieg erblindeten Innsbrucker Ordinarius Richard Heuberger (1884—1968) von Julia Hörmann-Thurn und Taxis und Roland Steinacher. Heuberger, der wie viele seiner Kollegen großdeutsch gesinnt war, schloß sich zunächst dem Nationalsozialismus an, erkannte aber seinen Irrtum und unterstützte die Widerstandsgruppe um sein Patenkind Fritz Molden, weshalb er auch 1945 bis zur Pensionierung 1949 in Amt und Würden blieb. Christina Köstner schildert in ihrem Beitrag über Paul Heigl (1887—1945) die Karriere eines nationalsozialistischen Bibliothekars, der 1938 Direktor der ÖNB wurde, sowie dessen Leistungen als Bibliothekar. Hannes Obermair analysiert in seinem methodisch orientierten Beitrag über Leo Santifaller (1890–1974), der die Verbindung von einer Karriere vor 1945 und nach 1945 bruchlos bewerkstelligte, dessen wissenschaftstheoretische Verankerung im Historismus. Sehr interessant ist der Beitrag von Jirí Nemec über Eduard Winter (1896—1982), dessen wandlungsreiche Biographie wie ein Kaleidoskop der politischen Haltungen von den dreißiger, vierziger, fünfziger bis in die achtziger Jahre ist und deren Wandel gut vorstellbar macht. Karel Hruzas Beitrag über Heinz Zatschek (1901—1965) ist für das Verständnis der fünfziger und sechziger Jahre aufschlußreich, als den wieder in öffentliche Stellen zurückgekehrten Professoren der NS-Zeit die Frage nach ihrer Vergangenheit gestellt wurde, »der Moment der öffentliche Anklage«, »vor dem sich ehemalige Nationalsozialisten insgeheim fürchteten« (677). Den Abschluß des Bandes bildet der Beitrag Michael Fahlbuschs über den Mitarbeiter der Südostdeutschen Forschungsgemeinschaft Wilfried Krallert (1912—1969), dessen Mittäterschaft im NS-Regime anhand der Schilderung der Organisationsstruktur der für die Datenbeschaffung für volkspolitische Themenkarten des NS-Regimes tätigen Institute dargestellt wird. Bemerkenswert an allen Beiträgen dieses Bandes sind die unglaubliche Fülle an herangezogener Sekundärliteratur und die Gründlichkeit der Recherchen und der Quellenanalysen. Ebenso positiv ist die Illustration der Beiträge durch Photographien der Protagonisten. Die kritische Auseinandersetzung mit den Biographien abseits der meist dem Gesetz des »nil nisi bene« folgenden Nachrufe ist wertvoll. Es zeigt, daß der Großteil — wohl auch zeitbedingt durch den Zerfall der Österreichisch-Ungarischen Monarchie und die strittigen Grenzfragen — aus dem nationalen Lager stammte, wobei die Frage offen bleibt, ob dies einem repräsentativen Querschnitt entspricht oder die Auswahl absichtlich diesem Kriterium folgte. Die Beschäftigung mit vordergründig unbedeutenden Wissenschaftlern wie Krallert und Heigl lohnt, wie die Beiträge zeigen, insofern, als sie einen Teil der Realität des Wissenschaftsbetriebes darstellten. Aufschlußreich sind die einzelnen Karrieren nicht nur für die Zeit bis 1945, sondern vor allem danach: an manche Karrieren ließ es sich 1945 direkt anschließen, manche folgten verspätet zögerlich, oft nicht mehr in so gehobener Stellung oder gar nicht mehr (oft auch aus Altersgründen). Daß in diesem Band nicht nur »innovative und ›positiv‹ arbeitende Historikerinnen und Historiker porträtiert« wurden, »sondern auch jene, die sich wissenschaftlich und politisch auf Irrwege begaben«, wie der Herausgeber formuliert (36), ist vom Erkenntniswert durchaus legitim. Allerdings ist es auch schade, daß jene Historikerinnen und Historiker, die fachlich ebenso bedeutend waren, sich aber politisch weniger auf Irrwege begaben, so wohl noch weiter auf eine adäquate Darstellung warten müssen. Doch vielleicht finden sich auch für diese in einem unbedingt zu begrüßenden Folgeband die passenden Biographinnen beziehungsweise Biographen.