Karel Hruza (Hg.)

Österreichische Historiker. Lebensläufe und Karrieren 1900—1945

 

Wien, Köln, Weimar
Böhlau
2012
673 S.
€ 79,90

 

Rezensentin: Doris A. Corradini 

Historicum, Sommer—Herbst 2012, 63

 

 

 

 

In der lesenswerten Einleitung zu seinem zweiten umfangreichen Sammelband über österreichische Historiker analysiert der Herausgeber die Rezeption des ersten Bandes in den bis dahin erschienenen Rezensionen.1 Neben der Kritik an der Auswahl der Portraitierten und vor allem dem Fehlen verschiedener als wichtig erachteter Historiker erhielt das Werk viel positiven Zuspruch, so zum Beispiel »Zentralfragen der Wissenschafts- und Politikgeschichte, wie das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Ideologie, zwischen Institution und wissenschaftlichem Einzelwerk oder zwischen kontinuierlicher akademischer Karriere und einer brüchigen politischen Gegenwart« zu behandeln (Pavel Kolář, 12), was auch für den vorliegenden Band die verdienstvolle Leistung des Herausgebers und der Beitragsautoren treffend charakterisiert. Im aktuellen Band finden sich Beiträge über die an deutschen Universitäten beziehungsweise an der Deutschen Universität in Prag wirkenden Mediävisten Michael Tangl, Anton Chroust und Gustav Pirchan, die Altertumskundler Arthur Stein und Edmund Groag, die Kunsthistoriker Max Dvořák und Karl Maria Swoboda, die Landeskundler Martin Wutte und Karl Lechner, die Neuzeithistoriker Heinrich von Srbik und Hugo Hantsch, den Orientalisten Adolf Grohmann sowie die Archivare und Mediävisten beziehungsweise Wirtschaftshistoriker Ernst Klebel, Franz Huter und Konrad Josef Heilig.

Die in Österreich, Deutschland und Tschechien wirkenden Beitragsautoren sind mit wenigen Ausnahmen jeweils Fachkollegen der von ihnen porträtierten Historiker und damit besonders berufen — neben der meist sehr kurz gehaltenen biographischen Einleitung und der mit besonderem Augenmerk behandelten Analyse der politischen Einstellung —, das wissenschaftliche Werk und Wirken der betreffenden Historiker sowie ihren Stellenwert in der gegenwärtigen Forschung zu beurteilen.

Die Beiträge zeichnen sich durch gründliche Quellenrecherche, sprachliche und erzählerische Qualität und vorbildliche Redaktion aus. Andrea Rzihaceks und Christoph Eggers Beitrag über Michael Tangl sowie jener von Peter Herde über Anton Chroust zeigen unter anderem die schwierige Stellung der in Österreich kleinbürgerlich, konservativ und vor allem katholisch sozialisierten Historiker in einem protestantisch-bürgerlichen Professorenumfeld. Klaus Wachtels Doppelbiographie der Althistoriker Arthur Stein und Edmund Groag vermittelt das Bild zweier feinsinniger befreundeter Gelehrter, deren Lebenswege oftmals parallel verliefen und die beide durch das NS-Regime in unterschiedlichem Ausmaß in ihrer wissenschaftlichen und physischen Existenz bedroht wurden (Arthur Stein überlebte die Internierung im Konzentrationslager Theresienstadt). Eine intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Werk des früh verstorbenen, nachhaltig prägenden Kunsthistorikers Max Dvořák bietet der Beitrag von Hans Aurenhammer. Ulfried Burz gewährt einen Einblick in die Problematik der Kärntner Landesgeschichte mit ihrem prominenten und umstrittenen Vertreter, dem Kärntner Landesarchivar Martin Wutte, und legt dessen politisches Weltbild differenziert dar. Eingehend, jedoch durch den stellenweise pamphlethaften und psychologisierenden Stil etwas zu eindimensional, analysiert Martina Pesditschek Persönlichkeit und wissenschaftliches Werk des von 1922 bis 1945 an der Universität Wien lehrenden Ordinarius für Neuere Geschichte Heinrich von Srbik. Wie wichtig und erkenntnisbringend eine differenzierte Sicht der individuellen politischen Haltung und Verantwortung ist, zeigen die folgenden Beiträge über die an der Deutschen Universität Prag lehrenden Historiker: so Stefan Lehrs und Tomáš Borovskýs Essay über den Wiener Mediävisten Gustav Pirchan, Sibylle Wentkers Beitrag über den Grazer Orientalisten Adolf Grohmann und Alena Janatkovás Biographie des aus Prag stammenden und in Wien ausgebildeten Kunsthistorikers Karl Maria Swoboda, der im Rahmen der deutschen Volkstums- und Kulturbodenforschung sudetendeutsche Kunstgeschichte betrieb und 1945 als Direktor des Kunsthistorischen Museums nach Wien wechselte. Mit den Beiträgen von Johannes Holeschofsky über den Benediktinerpater Hugo Hantsch (1938 und 1945 Ordinarius für Österreichische Geschichte an der Universität Graz und ab 1946 für Neuere Geschichte an der Universität Wien), von Wolfram Ziegler über den Mediävisten Ernst Klebel, von Stefan Eminger und Ralph Andraschek-Holzer über den niederösterreichischen Landeshistoriker Karl Lechner sowie von Helmut Maurer über Konrad Josef Heilig kommt als weitere politisch wirksame Komponente die christlich-katholische Weltanschauung hinzu. Michael Wedekinds Essay über Franz Huter, der 1937 als Archivar am Haus-, Hof- und Staatsarchiv, 1941 als Ordinarius für Geschichte des Alpenraumes und ab 1958 als Ordinarius für Österreichische Geschichte an der Universität Innsbruck wirkte, verdeutlicht, wie sich Personen den Zeitumständen anpassen und die Zeitumstände wiederum von Personen geprägt werden.

Erwähnung verdient eine Gemeinsamkeit fast aller Biographien: elf der fünfzehn hier vereinten Historiker waren Mitglieder des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, dessen Wissenschaftsnetzwerk in Österreich, Deutschland und der Tschechoslowakei offensichtlich gut funktioniert hatte.

Dank der nuancierten Analysen und Darstellungen der mittlerweile insgesamt 34 nach denselben Gesichtspunkten erstellten Biographien der beiden Bände entfaltet sich ein Panorama der Vielfalt der politischen Haltungen, die sich besonders im Werk von Historikern widerspiegeln, die es als ihre Berufung erachteten, dem Bedürfnis nach historischer Orientierung nachzugehen.

Es bleibt zu hoffen, daß die Biographien von Otto Brunner, Adolf Helbok, Gerhart Ladner, Oswald Redlich und Hermann Wopfner, die bereits für den ersten Band geplant waren, sowie jene von Balduin Saria, Samuel Steinherz, Erna Patzelt und Lucie Varga, die in diesem Band hätten erscheinen sollen, im sich bereits in Arbeit befindlichen, mit Interesse erwarteten dritten Band des Werkes zu finden sein werden.
 

  1. Vgl. dazu unter anderem Doris A. Corradini, Rezension: Karel J. Hruza (Hg.), Österreichische Historiker 1900—1945. Lebensläufe und Karrieren in Österreich, Deutschland und der Tschechoslowakei in wissenschaftsgeschichtlichen Porträts. Wien, Köln, Weimar 2008, Historicum Sommer/Herbst (2008), 76—78.