Lothar Höbelt

Die Heimwehren und die österreichische Politik 1927—1936. Vom politischen ›Kettenhund‹ zum ›Austro-Fascismus‹?

Graz
Ares Verlag
2016
456 S.
€ 34,90 

 

Rezensent: Michael Pammer

Historicum, N. F. III—IV, 67—68

 

 

 

 

Der Autor des nebenstehenden Artikels hat soeben auch eine umfangreiche Untersuchung über einen wichtigen Aspekt der politischen Geschichte der Ersten Republik und der ›Austrofaschismus‹-Debatte vorgelegt.

Zu einzelnen Aspekten hat der Autor schon früher Untersuchungen veröffentlicht, unter anderem im Zusammenhang des Projektes »Oberösterreich 1918—1938«, in dem verschiedene Autoren eine Reihe von Spezialuntersuchungen zu Oberösterreich in der Ersten Republik verfaßten.

Das vorliegende Buch geht über diese Perspektive hinaus und bietet, jedenfalls regional und zeitlich, eine Gesamtsicht. Höbelt beschreibt das Geschehen praktisch ausschließlich auf der Ebene der Heimwehrführung und ereignisgeschichtlich. Die einzelnen Phasen sind gut erkennbar: Die ersten umtriebigen Jahre, in denen die Heimwehr als »Rückhalt gegen die Sozialdemokratie« (Robert Ehrhart, 121) wahrgenommen wurde; drohende Marginalisierung; Regierungseintritt; neuerliche Profilierung in der ersten Phase des ›Ständestaats‹; offizielle Auflösung 1936 und auch de facto folgender Bedeutungsverlust.

Ein Aspekt, der sich durch die Darstellung zieht, ist die ›Macht im Staate‹, wie es der Korneuburger Eid formulierte. Hier geht es um die Putschideen, mit denen sich Heimwehrführer mehr oder weniger ständig beschäftigten und die dann im Pfrimer-Putsch gipfelten (die Beschreibung dieses bizarren Unternehmens, bei dem einige beteiligte Verbände durchaus in Konfliktsituationen gerieten, andere aber nicht viel mehr als eine Art Wandertag absolvierten, liest sich amüsant). Ganz klar kommt heraus, daß ein Heimwehr-Putsch nie irgendeine Chance auf Erfolg gehabt hätte, was auch der Vergleich mit dem Februaraufstand unterstreicht, der ebenfalls trotz der größeren Ressourcen des Schutzbundes von vornherein zum Scheitern verurteilt war.

Der alternative und erfolgversprechendere Weg zur ›Macht im Staate‹ ging über die Institutionen, sprich über die Regierungsbeteiligung und die allfällige Gunst der Stunde. Obwohl der Staatsstreich von 1933 nicht primär das Werk der Heimwehr war, erlangte diese in der Folge durch die Position Feys als Innen-Staatssekretär und dann Minister die Möglichkeit, bei der Etablierung des autoritären Regimes und der folgenden Eskalation mitzuwirken. Gerade nach dem Erfolg dieser Maßnahmen — sozusagen beim Verteilen der Beute – zeigt sich aber auch, wie schwach die Heimwehr in Wirklichkeit war: Der Eintritt in die Vaterländische Front führte gerade nicht zur Übernahme des Einheitsverbands durch die Heimwehr, denn mit wenigen Ausnahmen blieben die wichtigeren Funktionen den Heimwehrleuten verwehrt. Die Wirkung einer Massenorganisation hatte schon 1929 die niederösterreichische Heimwehr erfahren, als der Bauernbund geschlossen eintrat, was praktisch eine Unterwanderung darstellte und zu einer gemäßigteren Linie in diesem Bundesland führte.

Vorgänge innerhalb der Heimwehren, besonders personelle Angelegenheiten, sind ein wichtiges Thema des Bandes, er erschöpft sich aber nicht darin. Unvermeidlich kommt ei­ne ganze Reihe von wichtigen Themen der politischen Geschichte der Ersten Republik zur Sprache. Durchgehend gilt, daß Höbelt auch bei Themen wie Gewalt, Staatsstreich, Putschversuchen und Diktatur lobenswert distanziert und sachlich bleibt und sich jeder politischen Wertung enthält. Das muß man deshalb betonen, weil die Geschichte der Ersten Republik vielfach immer noch (oder sogar: wieder) in der Art der seinerzeitigen Parteigeschichtsschreibung abgehandelt wird, mehr als die Geschichte des Nationalsozialismus. Die löbliche Sachlichkeit des Autors betrifft auch Themen wie die Verfassungsreform 1929 (die verfassungsrechtliche Basis der Zweiten Republik), die sonst kurioserweise immer wieder als Vorzeichen der Diktatur der dreißiger Jahre erwähnt wird, obwohl sie dafür unerheblich war; ob sich Starhemberg nach dem nationalsozialistischen Putschversuch über­haupt mit dem Gedanken an eine Präsidialdiktatur abgab (334), bleibt eine Spekulation (das Bundes-Verfassungsgesetz war allerdings zu diesem Zeitpunkt ohnehin nicht mehr in Geltung).

Regional und zeitlich bietet das Buch also eine Gesamtsicht, sachlich hätte eine klarere Strukturierung der Untersuchung gut getan. Die soziale Basis der Heimwehren wird nur in Teilaspekten erkennbar, insbesondere bei der tragenden Rolle von Personen aus dem ehemaligen Adel (von Höbelt immer getreulich mit ihren Phantasietiteln genannt) unter den führenden Heimwehrfunktionären. Genauer: Höbelt hebt hervor, daß Personen aus vielen ehemals adeligen Familien Funktionäre oder Sympathisanten der Heimwehren waren. Die Heimwehren hatten also eine gewisse Bedeutung für dieses Milieu. Wie groß die Bedeutung des ehemaligen Adels für die Heimwehren ihrerseits war, wird weniger klar, abgesehen von Einzelfällen wie Starhemberg, der so wie einige andere in diesem Buch selbstverständlich stark beachtet wird.

Wenig erfährt man hingegen über die Heimwehrbasis, das heißt die Mitglieder. Aus den verstreuten Bemerkungen über einzelne Personen (im allgemeinen wieder lokale Anführer) läßt sich kein Bild über die soziale Herkunft der Masse der Mitglieder gewinnen, schon gar nicht in Zusammenhang mit dem Grad ihrer Aktivität. Stadt und Land, sektorale Zugehörigkeit, berufliche Stellung, Einkommensstatus, all dies bleibt offen. Sogar eine so wichtige Frage wie Religion und Kirche, zwar programmatisch klar, aber in der Realität keineswegs selbstverständlich, wird so gut wie nicht abgehandelt. Das Verhältnis des katholischen Klerus zu den Heimwehren kommt im wesentlichen nur als Verhältnis zwischen Ignaz Seipel und Richard Steidle zur Sprache.

Während also über das Verhältnis zum Ka­tholizismus nicht viel zu finden ist, ist der Antisemitismus sehr wohl ein Thema. Die Heimwehrführung war in ihrem Verhältnis zum Judentum ganz pragmatisch, da sich unter den Unternehmern, von denen die Heimwehren Unterstützung erhielten, eben auch Juden befanden. Die Heimwehren waren spätestens Ende der zwanziger Jahre programmatisch explizit nicht antisemitisch (»Die Bundesführung bedroht jeden Pogromisten mit sofortigem Ausschluß«, 80) und bemühten sich auch ausdrücklich um jüdische Mitglieder. Wie es um die Stimmung unter den gewöhnlichen Mitgliedern stand, ist eine andere Frage, die wiederum eine Untersuchung verdient hätte. Die Heimwehren wurden jedenfalls auch vom seinerseits nicht gerade zimperlichen politischen Gegner entsprechend vorgeführt: »Wir wissen, daß neben den ungetauften Großindustriellen und Großbankhyänen die Aristokraten und die Klöster die Hauptstützen der Heimwehren sind.« (Tagblatt, 28.6.1929, 6; Höbelt zitiert das Tagblatt merkwürdigerweise immer als »Linzer Tagblatt«). Und die ebenfalls sozialdemokratische Salzburger Wacht schrieb, Rothschild sei Geldgeber der Heimwehr: »Der Grund hiefür ist folgender: Rothschild ist Jude, mehr, er ist der ungekrönte König der Geldjuden, denen es bei gewaltsamem Umsturz am leichtesten an den Kragen gehen kann.« Daher unterstütze er die Heimwehr, die zwar ausgesprochen antisemitisch sei, aber »jesuitisch genug«, das Geld zu nehmen. Fazit: Es »gehen der Oberpriester Seipel der katholischen Kirche und der Oberpriester Rothschild der Mammonskirche Arm in Arm gegen die Sozialdemokraten.« (10.9.1929, 2) Für Starhemberg gehörte dann 1934 die Ablehnung der »Rassenlehre« (so wie auch die christliche Orientierung) zur Abgrenzung vom Nationalsozialismus (315).

Das einzige Thema, bei dem die ›Massenbasis‹ erörtert wird, sind die Wahlergebnisse, die freilich etwas anderes sind als Mitgliederdaten. Höbelt referiert die Ergebnisse der historischen Wahlforschung und beschreibt insbesondere die regionalen Schwerpunkte des Heimatblocks. Wichtig ist sein Hinweis auf die Bedeutung lokaler Faktoren wie einzelner besonders exponierter Funktionäre in einem bestimmten Gebiet; tatsächlich wirkt das regionale Muster in großen Teilen des Bundesgebiet höchst zufällig (Höbelt bezieht sich unter anderem auf die lokale Bedeutung ehemals adeliger Heimwehrführer — rund ums Schloß war dann der Heimatblock besonders erfolgreich). Beim ebenfalls angesprochenen Faktor Geschlecht (der Heimatblock war wurde mehr von Männern als von Frauen gewählt) müßte in Rechnung gestellt werden, daß es unter den Wahlberechtigten wesentlich mehr Frauen als Männer gab (daher ist Höbelts Bemerkung über den Schoberblock, »zum ersten Mal stimmten mehr Frauen als Männer für eine nationale Liste« [161], zwar in absoluten Zahlen richtig, aber dennoch irreführend, denn der Schoberblock erreichte bezogen auf Wahlberechtigte wie auch auf gültige Stimmen unter den Männern einen höheren Prozentsatz als unter den Frauen; der ›männliche‹ Charakter des Heimatblocks tritt damit noch entsprechend stärker hervor).

Das Buch ist flüssig geschrieben, durchaus unterhaltsam und bietet auch die eine oder andere gute Anekdote. Typisch für den Autor ist der Hang zur lockeren Formulierung und zum Sprücheklopfen, das gelegentlich überanstrengt wirkt. Etwas in der Art von ›Se non è vero, è ben trovato‹ paßt natürlich immer (dann aber bitte nicht auch noch in Übersetzung), der »Erlkönig« und alle möglichen modischen Anglizismen auch, aber daß sich die Sozialdemokratie 1927 ›einen Sprung nach vorne‹ (auch im Buch unter Anführungszeichen) erwartet habe, paßt eigentlich gar nicht, weil jede Parallele fehlt. Sonst — »Packler«, »Radikalinskis«, der »Skalp Seefehlners« und so weiter. Naja.

Nicht recht verständlich ist, daß der Autor diese Studie im Ares-Verlag publiziert hat. Der Ares-Verlag ist eine Tochter des Leopold-Stocker-Verlags und ist in seiner Selbstdarstellung politisch ebenso klar weit rechts positioniert wie der Stocker-Verlag selbst. Der Verlag beansprucht explizit die politische Stellungnahme entgegen den »immer gleichen Meinungen des medialen Mahlstroms«.1 Insofern paßt Höbelts Buch nicht einmal ins Programm. Daß die Publikation im Ares-Verlag dem Ruf des Autors nicht gut tun würde, ist weniger relevant, da sich Höbelt diesbezüglich bekanntermaßen nie viel angetan hat. Aber es gibt diesem Buch von vornherein eine Punze, die nicht paßt. Seltsam.

  1. http://www.ares-verlag.com/der-verlag.html