Lucian Hölscher
Unter Mitarbeit von Tillmann Bendikowski, Claudia Enders und Markus Hoppe
Datenatlas zur religiösen Geographie im protestantischen Deutschland. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg. Band 1: Norden. Band 2: Osten. Band 3: Süden. Band 4: Westen
Berlin, New York
de Gruyter
2001
Zus. CIV und 3026 S.
€ 357,80
Lucian Hölscher
Geschichte der protestantischen Frömmigkeit in Deutschland
München
Beck
2005
466 S.
€ 41,10
Rezensent: Richard Fischnaller
Historicum, Frühling 2005, 34—36
Der Bochumer Neuzeithistoriker Lucian Hölscher beschäftigt sich seit langem mit der Geschichte der protestantischen Frömmigkeit besonders seit dem 18. Jahrhundert. Dabei interessierte ihn als aussagekräftige Größe das Maß der Teilnahme an den liturgischen Handlungen, da daraus zumindest die Bindungskraft der protestantischen Kirchen erkennbar wird. In verschiedenen kürzeren Arbeiten hat Hölscher solche Indikatoren, darunter vor allem die Häufigkeit der Teilnahme am Abendmahl, schon früher verwendet und das Bild einer seit der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts nach und nach immer schwächer werdenden Kirchenbindung gezeichnet. Dazu konnte er Daten aus städtischen Gemeinden verwenden. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts liegen die entsprechenden Daten in dichtester Form vor; dazu erstellten Hölscher und seine Forschungsgruppe einen Atlas, der das Thema in kleinräumiger Gliederung behandelt.
Wie schon aus den bibliographischen Angaben erkennbar wird, ist das Ergebnis ein Monumentalwerk: Auf über 3000 Seiten werden Tabellen, Graphiken und Karten präsentiert. Den größeren Teil des Platzes nehmen die Tabellen ein, die die Abendmahlsstatistik, Taufstatistik, Trauungsstatistik, Beerdigungsstatistik und Konfessionswechselstatistik Jahr für Jahr mit absoluten und Verhältniszahlen auf Kreisebene abhandeln. Die Graphiken dienen vorwiegend einer kurzen Zusammenfassung des Tabelleninhalts und dem Vergleich der Verhältnisse im Kreis mit den Verhältnissen in der jeweiligen Landeskirche. Die Karten geben großräumige Überblicke, in der kleinräumigen Darstellung identifizieren sie vor allem den Kreis und die Landeskirche geographisch. Karten und Graphiken beschränken sich auf eine schwarz-weiße Darstellung. Eine elektronische Version des Werks wäre sinnvoll.
Das Projekt wurde schon in den achtziger Jahren konzipiert und sollte die Bundesrepublik in den damaligen Grenzen umfassen. Nach dem Beitritt der neuen Bundesländer wurde das Untersuchungsgebiet um das Gebiet der neuen Bundesländer erweitert. Die preußische Provinz Sachsen, Königreich beziehungsweise Freistaat Sachsen und die thüringischen Staaten sind in der gleichen Dichte wie die Länder der alten Bundesrepublik berücksichtigt. Hingegen sind für Brandenburg, Pommern, Posen, West- und Ostpreußen sowie Schlesien nur Daten auf Provinzebene enthalten; in diesen Gebieten ist anscheinend die Überlieferung aus verschiedenen Gründen schlechter.
Der Untersuchungszeitraum reicht prinzipiell von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Kirchliche Statistiken zu den genannten Fragen gab es regional für bestimmte Zeitabschnitte schon davor, in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts kam aber die Idee auf, eine einheitliche und vollständige Statistik in allen protestantischen Kirchen Deutschlands zu führen, zu archivieren und zum Teil zu publizieren. In diesem Sinn verfügbar sind die Daten in den meisten Gebieten ab 1880. Bei der Arbeit am Datenatlas ging man aber pragmatisch vor und nahm weiter zurückreichende Daten ebenfalls auf. In der Pfalz als frühestem Beispiel etwa liegen Daten für Abendmahl und Beerdigungen aus den Jahren 1818 bis 1820 auf Ebene der Dekanate vor, dann in der Regel für 1854 bis 1858 (hier auch Trauungen) und 1862, eventuell auch dazwischen noch für einzelne Jahre. Für die Untersuchung eines langfristigen Verlaufs sind solche frühen Daten aufschlußreich, auch wenn sie nicht flächendeckend verfügbar sind.
Für die religionsgeschichtliche Bedeutung eines solchen Materials sind mindestens drei Fragen wesentlich. Die erste ist relativ leicht zu beantworten: Wie verläßlich sind die Angaben? Hier kann man annehmen, daß die absoluten Zahlen ziemlich zuverlässig sind. Für Taufen, Trauungen oder Beerdigungen gilt dies, weil sich die Angaben auf die kirchlichen Register stützten, die sicherlich sorgfältig geführt wurden. Beim Abendmahlsempfang wurden die ausgegebenen Oblaten gezählt (mancherorts wurden die Kommunikanten allerdings wohl auch nur geschätzt); auch diese Angaben kann man wohl im wesentlichen glauben. Eine gewisse Unsicherheit ergibt sich jedoch bei der Bestimmung der Größe der protestantischen Bevölkerung des jeweiligen Gebiets, da genaue Erhebungen nur für die Jahre der Volkszählungen vorliegen; diese Information ist notwendig, da die letztlich interessanten Größen die Zahl der Abendmahlbesuche pro protestantischem Kirchenmitglied, die Zahl der Taufen pro Geburten in protestantischen Familien et cetera sind. Allzu schwer wiegt diese Unsicherheit indessen trotz mancher starker kurzfristiger Bevölkerungsschwankungen nicht, da man sich in der Regel für mittel- und langfristige Verläufe interessieren wird und dafür die Qualität der Daten ausreicht.
Die zweite Frage ist jene nach der Aussagekraft der erhobenen Daten für Kirchennähe und -ferne der protestantischen Bevölkerung. Auch hier kann man den Wert dieser Statistiken hoch ansetzen, obwohl der Herausgeber einleitend auf unterschiedliche Interpretationen gleichen Verhaltens hinweist: So kann Nichtteilnahme an den Riten aus einer Art heiliger Scheu kommen, wenn sich jemand zu sündig fühlt, um etwa zum Abendmahl zu gehen; Angehörige der unteren Klassen mochten zu Hause bleiben, weil sie keine angemessene Sonntagskleidung besaßen, was dann ebenfalls eher ein Indiz für eine Hochschätzung der Riten und nicht für Gleichgültigkeit oder Ablehnung wäre. Nichtteilnahme konnte aber auch wirklich aus diesen letzteren Gründen kommen; Gleichgültigkeit oder Ablehnung konnten sich dann entweder gegen den religiösen Inhalt, also etwa gegen Taufe oder Abendmahl als solche richten, man konnte mit einer Nichtteilnahme aber auch seine Ablehnung der Kirche als Institution zum Ausdruck bringen. Entsprechendes gilt für die Teilnahme: Nicht jeder, der zum Abendmahl ging, tat dies aus religiöser Inbrunst, und Übergangsriten wie Taufe, Trauung und Beerdigung waren auch unter distanzierten und innerlich unbeteiligten Personen durchaus üblich. Es bleibt also als kleinster gemeinsamer Nenner die Interpretation dieser Akte als Maß für eine minimale Akzeptanz kirchlich geprägter Religiosität in irgendeinem Sinn, ein Maß, das durch die unterschiedliche Wertigkeit des Abendmahls einerseits und der Übergangsriten andererseits für die Gläubigen eine gewisse Differenzierung erlaubt.
Die Interpretation dieser Statistiken als weiter nicht eindeutig interpretierbares Maß für Kirchlichkeit könnte als mageres Ergebnis erscheinen. Es ist dies aber in Wirklichkeit gar nicht wenig, da kirchliche Frömmigkeit im Protestantismus nur eine unter mehreren religiösen Lebensformen war und die Fähigkeit der Kirchen, ihre Kirchenmitglieder anzusprechen, im 19. Jahrhundert auf eine harte Probe gestellt wurde. Selbst eine hohe Konstanz in den statistischen Daten, die man in manchen Gebieten findet, ist unter diesen Umständen kein triviales Ergebnis. Für den Großteil der Regionen, besonders auch die Städte und das Gesamtbild, gilt aber ohnehin, daß die gebotenen Daten einen beträchtlichen Wandel in der kirchlich gebundenen Religionsausübung indizieren, da die Teilnahme, wie schon eingangs erwähnt, langfristig immer schwächer wurde.
Daraus ergibt sich die dritte große Frage, die diese Arbeit aufwirft: Welche Bedeutung hat der festgestellte Schwund in der Teilnahme an kirchlichen Riten im Kontext der protestantischen Religiosität? Diese Frage kann anhand des Datenatlas nicht beantwortet werden, da aus der kirchlichen Statistik nicht ausreichend hervorgeht, in welche Richtung – Freikirchen, Kulturprotestantismus, Religionslosigkeit – sich Kirchenmitglieder aus dem Geschehen verabschiedeten (die Konfessionswechselstatistik beleuchtet nur Teilbereiche davon). Jedoch hat Hölscher im Anschluß an die Arbeit am Datenatlas eine Monographie verfaßt, in der er protestantische Religiosität in Deutschland in ihrer Vielfalt darstellt: Geschichte der protestantischen Frömmigkeit in Deutschland.
Der Band ist in zeitlicher Hinsicht wesentlich breiter angelegt, er behandelt die Geschichte von der Reformation bis zum Ersten Weltkrieg in drei Teilen, der erste bis zum ausgehenden 17. Jahrhundert gehend, der zweite bis 1800, beide kürzer gehalten; wesentlich umfangreicher mit gut der Hälfte des Bandes ist der Teil über das 19. Jahrhundert. Innerhalb der Epochenabschnitte ist der Band sachlich gegliedert, mit unterschiedlichen Schwerpunkten.
Durchwegs ist das Thema die protestantische Frömmigkeit in einem weit aufgefaßten Sinn. Das Hauptinteresse ist die Frömmigkeit in der breiten Bevölkerung, verstanden als religiöse Vorstellungswelt und religiöser Glaube ebenso wie als Ausübung der Religion in der Öffentlichkeit der Gemeinde und im privaten Bereich. Der Band geht also über die im besprochenen Datenatlas behandelten Fragen kirchlicher Religionsausübung hinaus. Zur Erklärung der Religiosität behandelt Hölscher aber auch noch eine ganze Reihe weiterer Fragen, die für das Verständnis protestantischer Frömmigkeit wichtig sind: Die protestantische Theologie, die sich in verschiedene Richtungen auffächerte, sich im Lauf der Zeit veränderte und über die Seelsorge wahrscheinlich auf den Glauben der Bevölkerung einwirkte; den institutionellen Rahmen mit der kirchlichen Gemeinde, der Verfassung der protestantischen Kirchen, ihrer Stellung innerhalb der Staaten; damit im Zusammenhang die politische Situation und die religiösen Präferenzen der Fürsten, die durch die Stellung des Landesherrn als Summus episcopus direkt das kirchliche Leben bestimmen konnten; und den allgemeinen geistesgeschichtlichen Wandel, in dem eine neue Weltsicht mit einer neuen Sicht von Religion einherging.
Letzteres ist eigentlich das Hauptkriterium für die Grobgliederung des Bandes. Hölscher bezeichnet die Zeit bis zum späten 17. Jahrhundert als »Die letzte Zeit vor dem Ende der Welt«, also die letzte Zeit, in der man mit einem mehr oder weniger nahe bevorstehenden Weltende rechnete. Hölscher bringt dies mit einer allgemein bestehenden zyklischen Zeitvorstellung in Verbindung, die von jahreszeitlichem Wechsel, Lebenszyklus und Erfahrung von sozialem Auf und Abstieg diktiert gewesen sei und die Erwartung einer langen Dauer der Welt verhindert habe. Der Zusammenhang ist nicht ganz überzeugend, da die Erwartung eines Weltendes ja eher eine klare zeitliche Richtung und nicht eine zyklische Bewegung voraussetzt. Wie auch immer, die Endzeiterwartungen seien dann gegen 1700 und im folgenden philosophischen Jahrhundert einer optimistischen Erwartung immer weitergehenden irdischen Fortschritts gewichen. Freilich muß hier angemerkt werden, daß wir über das Vorhandensein oder das Fehlen von Endzeitstimmungen in der Bevölkerung insgesamt weder vor noch nach 1700 viel wissen. Offenkundig ist, daß es sie durchgehend und bis heute in Erweckungsbewegungen gegeben hat, die aber in Deutschland immer nur eine kleine, allenfalls regional stärker wahrnehmbare Minderheit bildeten. Für die weiten Gebiete, in denen die lutherische Orthodoxie dominierte, sind wir auf Vermutungen angewiesen.
Die Zeit der Aufklärung, der der zweite Abschnitt gewidmet ist, ist hingegen in ihren Auswirkungen auch auf breiter Ebene besser zu fassen. Dies deshalb, weil sich vieles am aufklärerischen Protestantismus in der äußeren Gestaltung des Gemeindelebens manifestierte, etwa in neuen Gottesdienstordnungen. Hier verfügen wir über viele Quellen aus den protestantischen Kirchen selbst, von den Agenden (Liturgieordnungen) bis zu den oben erwähnten Statistiken über die Teilnahme an den liturgischen Handlungen, die zumindest partiell Aufschlüsse über die Präferenzen der Kirchenmitglieder geben. Dennoch bleiben manche Fragen zur protestantischen Frömmigkeit im 18. Jahrhundert offen: Über die Landbevölkerung sind wir wesentlich schlechter informiert als über die städtischen Gemeinden, und Prozesse wie Entkirchlichung oder Ausbreitung von Deismus und Atheismus sind ihrem Ausmaß nach nur vage abzuschätzen.
Für das 19. Jahrhundert ist die Situation aus vielen Gründen besser. Aus dieser Zeit liegen nicht nur die vorzüglichen Quellen vor, die Hölscher im Datenatlas verarbeitet hat, jetzt lassen sich auch immer reichlichere Quellen aus Politik (bis hin zu Wahlergebnissen) und Publizistik nutzen. Die religiöse Vielfalt des 19. Jahrhunderts gerade im protestantischen Bereich und abseits der Landeskirchen und die weltanschauliche Konkurrenz zu den Kirchen, die Parteien, sonstige Vereinigungen und gesellschaftliche Bewegungen darstellten, läßt sich nun viel besser fassen.
Durchgehend findet man aber auch vieles zur Religiosität der Mehrheit, zum Alltag protestantischer Frömmigkeit in allen Bereichen. Man wird über den Wandel des Gottesdiensts entsprechend den veränderten Ansprüchen von Seelsorgern und Kirchenleitung informiert. So wie auch im Katholizismus wurde der protestantische Gottesdienst im 18. Jahrhundert im Geist neuer Vorstellungen von Vernunft, Naturerfahrung und praktischer Nützlichkeit umgestaltet, Gottesdienst wurde auch zu einem volksbildnerischen Unternehmen. Seelsorger wurden kreativ und entwickelten Formen der Liturgie, von denen sie meinten, sie würden den Anforderungen eines aufgeklärten Christentums besser gerecht. Im frühen 19. Jahrhundert setzte die Gegenbewegung ein, mit dem Versuch des preußischen Königs, eine einheitliche Gottesdienstordnung im Geist der Reformatoren durchzusetzen. Der Streit darüber und die zugleich einsetzende, ebenfalls vom preußischen König kommende Bewegung zur Union zwischen Lutheranern und Reformierten offenbarte grundlegende Meinungsverschiedenheiten über die Rechte der Gläubigen, ihrer Gemeinden und der Synoden einerseits und des Königs andererseits und zeigte die Bedeutung von regionalem Sonderbewußtsein insbesondere im Rheinland. Der Streit um Union und Einheitsliturgie wurde zu einem Prüfstein für das Selbstverständnis von Protestanten verschiedener Richtung.
So wie über Kirche, Kirchenordnung und öffentliches Erscheinungsbild protestantischer Religion informiert das Buch auch über die private, häusliche Religionsausübung. Der Protestantismus ist notorisch für seine positive Bewertung individueller, privater Beschäftigung mit Religion und Schrift, sei es in Form privaten Gebets und Gesangs im Kreis der Familie, sei es in Form von individueller und gemeinsamer Schriftlektüre. Diese privaten Andachten, lange noch kennzeichnend für die in der pietistischen Tradition stehenden Bewegungen, sind in ihrer Bedeutung zunächst auch für den Protestantismus im allgemeinen nicht gering einzuschätzen. In der abnehmenden Bedeutung dieser Art von Religionsausübung liegt auch einer der Punkte, in denen ein Wandel in der protestantischen Religiosität seit dem 18. Jahrhundert festgestellt werden kann.
Ein Eindruck, den man aus Hölschers Band mitnimmt, ist neben der generell geringer werdenden Bindungskraft der Religion der im 18. und 19. Jahrhundert größer werdende Pluralismus. Religiöses Gefühl und religiöses Bedürfnis wurden in vielen Fällen nur mehr in geringem Maß oder gar nicht mehr durch das kirchliche Angebot befriedigt, an die Stelle dieser Option traten distanzierte Formen von Religion, die etwa über Naturerlebnis und kulturelle Bedürfnisse vermittelt wurden und mit persönlicher Gotteserfahrung oft kaum mehr etwas zu tun hatten. Eine formale Mitgliedschaft in der jeweiligen Kirche blieb dabei meist bestehen, die wichtigeren Termine im Jahres- und Lebenslauf wurden auch noch in der Kirche begangen, die fraglose oder zumindest durch Ausübung der Kirchenzucht erzwungene Beteiligung am gesamten Programm war aber vorbei.
Das Buch ist ein vorzüglicher und klarer Überblick, gut geschrieben, auch sachlich im allgemeinen verläßlich (abgesehen von der Sakramentenlehre, wo Hölscher nur das Abendmahl als Sakrament ansieht (57); tatsächlich ist heute im Protestantismus beiderlei Richtung auch die Taufe ein Sakrament, bei Luther ursprünglich auch die Buße, bei Melanchthon auch Predigtamt und Ordination). Ein ausgezeichneter Band.