Joachim Hösler

Von Krain zu Slowenien. Die Anfänge der nationalen Differenzierungsprozesse in Krain und der Untersteiermark von der Aufklärung bis zur Revolution, 1768 bis 1848

Südosteuropäische Arbeiten 126

 

München
Oldenbourg
2006
414 S.
€ 49,80

 

Rezensentin: Gudrun Baumgartner

Historicum, Frühling—Sommer 2007, 78

 

 

 

 

Im gleichen Jahr, in dem Joachim Hösler die erste deutsche Geschichte Sloweniens von ihren Anfängen bis zum EU-Beitritt 2004 veröffentlicht1, legt er seine Habilitationsschrift vor, mit der er die slowenische Geschichtsforschung um einige neue Erkenntnisse bereichert.

Alle bekannten Geschichtsbilder, die zum Beispiel von einer »slowenischen Wiedergeburt« (Kidrič), oder den »Anfängen des slowenischen nationalen Erwachens und der slowenischen nationalen Bewegung« (Gestirn et al.) sprechen, gehen davon aus, daß die Akteure in nationsbildender und identitätsstiftender Absicht gehandelt hätten. Diese Meinung widerlegt Hösler in seiner sorgfältig recherchierten Habilitationsschrift. Er zeigt vielmehr, daß der Kreis um Sigmund Freiherr von Zois von den vielfältigsten Intentionen geleitet war, die man nicht auf das Ziel, eine slowenische Nation zu gründen, reduzieren kann. Tatsächlich war der Ausgangspunkt ihrer unterschiedlichen wissenschaftlichen, theologischen und historischen Interessen ein aufgeklärter krainischer Landespatriotismus mit dem Zentrum Laibach. Herauszunehmen aus der Schar der Neun ist der Seelsorger, Lehrer und Dichter Valentin Vodnik, der durch seine zahlreichen Publikationen dazu beitrug, die slowenische Sprache zu verbreiten und somit an der »Wiege der Slowenzität« (5) stand.

Durch die ganze Arbeit zieht sich das Drei-Phasen-Modell zur Periodisierung von Nationsbildungsprozessen von Miroslav Hroch von 1968, das den Grad der Verbreitung eines »Nationalbewußtseins« als Kriterium zur Unterscheidung der Entwicklungsphasen heranzieht. Für Höslers Studien sind vor allem die ersten beiden Phasen von Interesse: Die Phase A spricht von gelehrten Patrioten, die eine nationale Bewegung vorbereiten, indem sie die Sprache, die Sitten, die Geschichte und so weiter der nicht führenden ethnischen Gruppe studieren und dadurch zu der Meinung gelangen, daß aus dieser ethnischen Gruppe eine vollwertige Nation gegründet werden sollte. Die Phase B stellt die eigentliche nationale Bewegung dar, in der man möglichst viele Mitglieder der ethnischen Gruppe für dieses moderne Nationalbewußtsein zu gewinnen sucht. (Nach einer erfolgreichen Phase B kommt es zu einer Massenbewegung, der Phase C, die sich dadurch auszeichnet, daß die nationale Agitation in alle Regionen und Schichten so weit vorgedrungen ist, daß die Signale aus dem Zentrum allgemein befolgt werden). Hösler widerspricht in seiner Habilitation der Meinung anderer Wissenschaftler, daß die Tätigkeit des Zois-Zirkels die Phase A des Hrochschen Modells darstellte. Sehr ausführlich schildert er den langen Weg zu einer einheitlichen slawischen Orthographie, der schon mit den Gelehrten um Zois seinen Anfang nahm, aber erst in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts mit der gajica in der alpenslawischen Publizistik Krains mit Hilfe des heute in Slowenien hochverehrten Dichters Franc Prešeren zu einem Ende kam. Hösler zeigt die wichtige Bedeutung des Vereins- und Zeitungswesens für die Anfänge der slowenischnationalen Differenzierungsprozesse im Vormärz und im Revolutionsjahr 1848. Bemerkenswert ist es, daß Vereine wie der Schützenverein, die Kasino-Gesellschaft, der Historische Verein für Krain und der 1848 in Laibach gegründete Slowenische Verein nicht die Sprache als Auswahlkriterium heranzogen — wichtig war die Zugehörigkeit zur Oberschicht (Hösler weist nach, daß viel mehr »Slowenen« als bisher angenommen der städtischen Oberschicht Laibachs angehörten).

Einen großen und verdienten Platz räumt der Autor dem Tierarzt Janez Bleiweis in seinem Opus ein. Dieser gibt ab 1843 die slowenischnationale Zeitung Novice heraus, die vor allem Bauern und Handwerkern nützliches Wissen zur Modernisierung der Landwirtschaft vermitteln sollte. Dieses Ziel verfehlt Bleiweis jedoch, denn die Mehrzahl seiner Leserschaft ist unter den Klerikern zu finden (die aber aufgrund ihrer Tätigkeit die Inhalte an die Bauern weitergeben konnten), gefolgt von Besitzbürgern und Beamten. Durch Bleiweis’ Zeitung findet der Terminus slowenski immer mehr Verbreitung, wobei er den Begriff krajnski ersetzt. Dieser neue Ausdruck wurde aber nicht »von oben« befohlen, sondern er findet vielmehr durch die unterschiedlichen Autoren Eingang in der Novice und kann sich in den Jahren 1844 bis 1848 in einer nationalen Bedeutungsdimension festigen. Bleiweis holt Prešeren mit Hilfe seiner Zeitung aus der Isolation, wobei Hösler aufzeigt, daß nicht Prešeren der Novice seinen Stempel aufdrückte, sondern vielmehr der große Dichter sich an den Stil der Zeitung anpaßte. Hösler macht deutlich, daß Bleiweis vor 1848 mit seiner »slowenischen« Zeitung »einen konkurrenzlosen slowenischnationalen, konservativen und hyperloyalen historischen Gedächtniskatalog« (349) schuf und damit alle Hrochschen Kriterien (mit der Ausnahme, eine Nation schaffen zu wollen) erfüllte.

Im Revolutionsjahr 1848 ergriffen weder die Laibacher noch die Krainer die Initiative, um ihre Interessen in Wien zu vertreten; es waren die »Slowenen« in Klagenfurt, Graz und vor allem in Wien, die sich um das Programm eines Vereinten Sloweniens bemühten, das erstmals eine administrative Vereinigung aller Slowenen innerhalb ethnisch definierter Grenzen im Schoß der Habsburger Monarchie forderte und damit eine nationalistische Stoßrichtung anzeigte. Interessant ist es, daß Hösler zeigen kann, wie zum Beispiel die Mitglieder des Laibacher Slowenischen Vereins sehr konservative Positionen bezogen: sie waren für die Errungenschaften der Märzunruhen (Aufhebung der Zensur, kaiserliches Versprechen einer Verfassung, …) dankbar, zeigten sich dem Kaiser gegenüber sehr loyal und schlossen sich im Mai und Oktober 1848 dem gegenrevolutionären Lager an. An einer Entwicklung der Demokratie waren die meisten Mitglieder der Oberschicht sowohl deutschösterreichischer als auch alpenslawischer Herkunft nicht interessiert, was ihre Gleichgültigkeit gegenüber den Wahlen zur Nationalversammlung in Frankfurt/Main (Paulskirche) deutlich machte.

Der soziale Aspekt wird ebenfalls eingehend beleuchtet. So zeigt Hösler, daß die Bauernkinder entgegen dem Wunsch vieler Eltern nur »slowenisch« unterrichtet wurden und kein Deutsch in der Schule lernten; das lag aber vor allem an der »slowenischen« Oberschicht, die die Sozialstruktur nicht gefährden wollte. Bemerkenswert erscheint auch, daß in der Zeit der Revolution nicht alle »Slowenen« für eine gemeinsame Sache kämpften; ganz das Gegenteil war der Fall: das Besitzbürgertum, die Intelligenz und die Geistlichen, sowohl deutscher als auch »slowenischer« Provenienz, waren, wie bereits erwähnt, mit den Märzerrungenschaften sehr zufrieden, die ihre sozialen Interessen erfüllten; sie hatten kein Verständnis für die Forderungen der größtenteils alpenslawischen Bauern, deren erklärtes Ziel die Abschaffung der Feudallasten zur Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage war. Abschließend gibt Hösler L. A. Kirilina Recht, »dass ›die slowenischen nationalen Akteure‹ nicht die ›Kundgebungen des Volkes‹ sondern die ›Politik der österreichischen Regierung‹ unterstützt hätten« (355), und er ist der Auffassung, daß man dies zur Kenntnis nehmen muß, um den Konservatismus der slowenischen Nationalbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und seine Wirkung auf den Nationalismus in Slowenien bis in die Gegenwart analysieren zu können.

 

  1. Joachim Hösler, Slowenien. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, Regensburg 2006.