Michael John

Bevölkerung in der Stadt. »Einheimische« und »Fremde« in Linz (19. und 20. Jahrhundert)

Linzer Forschungen 7

 

Linz
Archiv der Stadt Linz
2000
568 S.

 

Habilitationsschrift [2000], Universität Linz

 

Rezensent: Andreas Resch

Historicum, Sommer 2001, 5—7

Der Linzer Wirtschafts- und Sozialhistoriker Michael John legte den Band Bevölkerung in der Stadt. »Einheimische« und »Fremde« in Linz (19. und 20. Jahrhundert) als Habilitationsschrift für das Fach Wirtschafts- und Sozialgeschichte vor.

Die Arbeit gliedert sich in einen einführenden Abschnitt, fünf chronologisch aufeinander abfolgende Großkapitel und ein ausführliches Resümee. Der umfangreiche Anhang mit Anmerkungen, Quellenangaben, Verzeichnissen der Tabellen und Graphiken sowie einem Register schließt den Band ab.

Im einleitenden Kapitel erläutert Michael John einige elementare Grundkonzeptionen der historischen Demographie. Er stellt den idealtypischen Entwicklungsverlauf des sogenannten »demographischen Überganges« dar, bespricht typische Ursachen für Migration in den Herkunftsgebieten und Zielgebieten sowie intervenierende Ereignisse und persönliche Faktoren, die das Migrationsverhalten bestimmen können. Weiters geht er auf die mögliche Eigendynamik von Migrationsprozessen im Rahmen von Personennetzwerken ein und thematisiert die Beziehungen zwischen Einheimischen und Fremden im Zusammenhang mit Assimilations- und Integrationsprozessen sowie bei der Ausbildung neuer Identitäten. In sehr knapper Form erwähnt der Autor Prozesse von Ethnisierung und Ausgrenzung, Unterschichtung und »ethnischer Segmentierung« sowie die Problembereiche der Arbeitsmarktentwicklung, der Relationen zwischen Zentrum und Peripherie und den Einfluß von Migration auf die Entwicklung der Altersstruktur.

Im zweiten Unterabschnitt des Einleitungsteiles gibt der Autor einen knappen Überblick über die gesamtösterreichische Entwicklung, gleichsam als Referenzfolie für den spezifischen Fall Linz.

In den Kapiteln, die sich mit der Linzer Entwicklung im speziellen befassen, verknüpft Michael John demographische Basisprozesse mit Aspekten der politischen, ökonomischen und kulturellen Entwicklung. Im zweiten Kapitel präsentiert er Informationen über die Bevölkerungsentwicklung von Linz im 19. Jahrhundert. Diese Zeitspanne unterteilt er in fünf Abschnitte mit einer Dauer von etwa zehn bis dreißig Jahren. Als Grundtendenz der Entwicklung geht hervor, daß ein großer Anteil der Wohnbevölkerung von Linz im 19. Jahrhundert nicht in der Stadt selbst geboren war. Seit den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts stellte die »fremde« Bevölkerung die Mehrheit dar. Durch die Zuwanderung wuchs der Anteil von Linz an der oberösterreichischen Bevölkerung von 6,7 Prozent im Jahr 1869 auf 11,5 Prozent bei der Volkszählung 1910. Die nach Linz zugewanderten Personen wurden in unterschiedlichem Ausmaß als »fremd« empfunden und ausgegrenzt. Auf die kleine Gruppe der Tschechen wirkte ein massiver Assimilationsdruck, zum Teil mittels offener Repressionen. Die jüdische Bevölkerungsgruppe (stets weit unter zwei Prozent der Gesamtbevölkerung) war mit einem teils sehr aggressiven Antisemitismus konfrontiert (antikapitalistische Modernisierungsproteste, traditioneller christlicher Antisemitismus, rassistische beziehungsweise nationalistische Haltungen), wodurch ihr der Status einer isolierten Minderheit aufgezwungen wurde. Zwei starke politische Kräfte, die Deutschnationalen und die Christlichsozialen, waren in ihrer politischen Programmatik antisemitisch ausgerichtet, auch bei den Sozialdemokraten traten antisemitisch-antikapitalistische Tendenzen zutage. In einer besonders prekären sozialen Lage befanden sich die italienischen Wanderarbeiter, die insbesondere im Baugewerbe und der Ziegelindustrie beschäftigt waren. Antitschechische und antijüdische Feindbilder dienten im öffentlichen Diskurs als programmatische Faktoren bei der Ausbildung starker deutschnationalistischer Kräfte in Linz.

Die Attraktivität von Linz als Zuwanderungsort stand im Einklang mit der ökonomischen Modernisierung der Stadtwirtschaft. 1910 entfielen 29 Prozent der Berufstätigen auf Industrie und Gewerbe, jeweils rund 23 Prozent auf die beiden Tertiärbereiche Handel, Verkehr, Kredit- und Geldwesen sowie Bildung, Soziales, Militär, öffentliche Dienste, freie Berufe und so weiter. Im Bereich Industrie und Gewerbe wiesen die beiden Branchen Energie, Metall, Maschinen einerseits sowie Bekleidung und Textilindustrie andererseits mit jeweils etwa 24 Prozent der im Sekundärsektor Beschäftigten einen besonders großen Stellenwert auf.

In der Zwischenkriegszeit erlebte Linz weitere Zuwanderungswellen, unmittelbar nach dem Ende des Ersten Weltkrieges sowie in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre. Während der Wirtschaftskrise der dreißiger Jahre sank erstmals die Geburtenrate unter die Sterberate. Das gesellschaftliche Klima gegenüber den »Fremden« entwickelte sich vorerst ambivalent. Mit dem Wirken der sozialdemokratischen Stadtverwaltung sowie von Strömungen der zeitgenössischen Moderne im städtischen Kulturleben machten sich Tendenzen zu einer sozialpolitischen Bewältigung sozialer Konflikte und einem weltoffeneren Klima geltend. Zugleich schürten Konflikte im Zusammenhang mit der Grenzziehung des neu errichteten tschechoslowakischen Staates antitschechische Ressentiments. Die Konflikte verschärften sich während der Weltwirtschaftskrise, insbesondere trat wiederum ein aggressiver Antisemitismus hervor. Die Anzahl der Juden in Linz ging bereits vor dem »Anschluß« 1938 zurück.

Zur aggressivsten Ausprägung der ungleichen Beziehungen zwischen »Einheimischen« und »Fremden« kam es auch in Linz in der Ära des Nationalsozialismus. Die »Einheimischen« und Dazugehörigen im Sinne der NS-Ideologie reagierten auf den »Anschluß« mit einem Eheschließungs- und Geburtenboom. In der »Führerstadt« Linz setzte eine bombastische Neuplanungswelle ein. Planungsschwerpunkte bildeten die Errichtung von industriellen Großbetrieben, der Ausbau des Donauhafens und von hochrangigen Straßen sowie die Elektrifizierung von Bahnstrecken, der Ausbau des Flughafens Linz-Hörsching und die Errichtung von Wohnsiedlungen. Mit diesen Aktivitäten war ein umfangreicher Einsatz von »Fremd-« und Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen verbunden. Die Ausbeutung, Diskriminierung und Ausgrenzung dieser Arbeitskräfte erfolgte abgestuft nach der nationalsozialistischen »Rassen«-Ideologie. Ihre Arbeits- und Lebensbedingungen illustriert Michael John durch Auszüge aus diversen zeitgenössischen Quellen, wie SD-Berichten, Denkschriften der Wirtschaftskammer und anderem Aktenmaterial.

Den größten Teil der Ausführungen über die NS-Zeit nimmt naheliegenderweise das Schicksal der jüdischen Minderheit in Linz ein (S. 232—283). Die ersten gewalttätigen Übergriffe setzten bereits am 12. März 1938 ein. Diffamierungen, gewalttätige Übergriffe, Drohungen in der lokalen Presse und »wilde« »Arisierungen« prägten von nun an den Alltag. Während der »Reichskristallnacht« wurden 96 Juden verhaftet, zahlreiche weitere mißhandelt und die Synagoge niedergebrannt. Die systematische Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben und der Druck auszuwandern wurden weiter verstärkt. Laut einer internen Landesstatistik aus dem Jahr 1954 waren 2261 in Oberösterreich während der NS-Herrschaft beschlagnahmte »arisierte« Vermögen angemeldet und wieder bereinigt worden. Der Schwerpunkt lag mit 1027 in Linz-Stadt und 234 in Linz Land. In eindrucksvollen Fallbeispielen schildert Michael John, wie sich die NSDAP die wirtschaftliche Kontrolle über das Kaufhaus Kraus & Schober verschaffte und wie unter zahlreichen NS-Parteigenossen ein Wettlauf einsetzte, sich in Arisierungsverfahren an jüdischem Eigentum zu bereichern. Weiters wurde jüdisches Vermögen in großem Umfang von der öffentlichen Hand beschlagnahmt und vom Land verwaltet oder weiterverkauft. Durchführendes Organ der Beschlagnahmungen war die Gestapo. Im Zeitablauf fand eine Verschiebung der politischen Prioritäten des antijüdischen Terrors statt. Während 1938 und 1939 Enteignung und Vertreibung im Vordergrund standen, dominierte ab den frühen vierziger Jahren die Vernichtung. Wegen des sofort nach dem 12. März 1938 einsetzenden massiven Vertreibungsdrucks hat eine große Mehrheit der jüdischen Bevölkerung von Oberösterreich noch in den späten dreißiger Jahren das Land verlassen, etwa 20 bis 25 Prozent sind jedoch der Vernichtung in NS-Lagern zum Opfer gefallen.

Der gewiß auch zu einer Bevölkerungsgeschichte gehörende Aspekt, wie viele Linzer als Soldaten der NS-Streitkräfte in den Tod geschickt wurden und wie viele Menschenverluste Linz selbst durch Kriegseinwirkungen erlitt, wird vom Autor nicht bearbeitet.

Im Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Linz zur Drehscheibe zahlreicher Migrationsströme. Rund 80.000 KZ-Häftlinge wurden in Oberösterreich befreit, 200.000 Zwangsarbeiter befanden sich im Land. Linz wurde neben Salzburg zum Headquarter der Truppen aus den USA. Michael John schildert die schwere Aufgabe, die die amerikanischen Besatzungstruppen als Ordnungsmacht übernommen hatten. Sie mußten das Sicherheitsdefizit nach dem Zusammenbruch der alten Strukturen bewältigen, die Versorgung der Bevölkerung gewährleisten, die dramatische Wohnungsnot verwalten und eine demokratische Entwicklung sicherstellen, obwohl bei Umfragen nach Kriegsende noch 62 Prozent der Linzer der Meinung waren, »der Nationalsozialismus sei eine gute Idee gewesen«. Racheaktionen, Plünderungen, Aggressionen der »Einheimischen« gegen die große Zahl der Displaced Persons (D.P.’s), gewalttätige Übergriffe und Konflikte im Zusammenhang mit Schwarzmarktgeschäften mußten einigermaßen unter Kontrolle gehalten werden. Die Bevölkerungszahl von Linz war bis zum Jahresbeginn 1945 auf rund 195.000 Personen angewachsen, davon 45.000 Flüchtlinge. Die Zahl der »volksdeutschen« Flüchtlinge nahm von rund 14.000 (1945) auf 32.000 (1948) weiter zu. Die alliierten beziehungsweise fremdsprachigen D.P.’s wurden von der United Nations Relief and Rehabilitations Administration (U.N.R.R.A.), ab 1947 von der International Refugee Organisation (I.R.O.) versorgt. Für volksdeutsche Flüchtlinge und Vertriebene — sie wurden von der Besatzungsmacht als »Ex Enemies« kategorisiert — war ab Oktober 1945 auf Landesebene das »Amt für Umsiedlung« und die Umsiedlungsstelle im Bundesministerium für Inneres zuständig.

Bis 1948 wagte es die amerikanische Besatzungsmacht schrittweise, den österreichischen staatlichen Organen wieder die volle Souveränität zu überlassen. In der Wahrnehmung der Bevölkerung wurden die amerikanischen Soldaten den sowjetischen vorgezogen, wenngleich ihre Rolle als Ordnungsmacht und als Sieger sowie kulturelle Differenzen und auch sexuelle Übergriffe zu Konflikten führten. Besonders kraß war die Wahrnehmung von schwarzen Besatzungssoldaten von rassistischen Stereotypen der »einheimischen« Bevölkerung geprägt.

In den sechziger Jahren nahm die Bevölkerung im Ballungsraum Linz wieder zu. Für das Stadtgebiet selbst ergaben die Volkszählungen 1961 und 1971 jeweils einen geringfügigen Zuwachs gegenüber dem vorhergehenden Zählungsergebnis. 1971 zählte man 202874 Einwohner. Der Bevölkerungszuzug rekrutierte sich hauptsächlich aus Nahwanderern, der Zuzug von sogenannten »Gastarbeitern« war vergleichsweise gering ausgeprägt. Der Arbeitsmarkt attrahierte erhebliche Pendlerströme. Fremdenfeindliche und antisemitische Haltungen galten im öffentlichen Leben kaum noch als gesellschaftsfähig, in gleichsam »privatisierter« Form bestanden sie jedoch weiter.

Der größte Saldo ausländischer Zuwanderer trat in den frühen neunziger Jahren auf. Wie in vielen Publikationen dazu, nennt auch Michael John als Hauptursache für diesen Zuwanderungsschub den »Fall des Eisernen Vorhangs«. Die Zusammensetzung der Zuwandererströme nach Nationalitäten zeigt jedoch, daß die Zuwanderer überwiegend nicht aus ehemaligen sogenannten »Ostblockländern« kamen, sondern aus dem sich in kriegerischen Wirren auflösenden (ehemaligen) Jugoslawien.

Abschließend legt Michael John an seine Forschungsergebnisse den Kategorisierungsraster an, ob sich Linz hinsichtlich Migrationsgeschichte und Umgang der »Einheimischen« mit den »Fremden« als »Schmelztiegel«, als »Mosaik« oder als »regionales Zentrum« entwickelt habe. Er gelangt zum Ergebnis, daß regionale Zuwanderung den Zustrom von kulturell und ethnisch als »fremd« empfundenen Gruppen bei weitem überwogen habe, und sich Linz daher als regionales Zentrum entwickelt habe, das weder großen Assimilationsdruck auf große »fremde« Zuwanderergruppierungen ausgeübt habe (Schmelztiegel) noch ein kleinräumiges Mosaik von nebeneinander bestehenden unterschiedlichen ethnischen Kulturen ausgebildet habe.

Michael John gehört zweifelsohne zu den kompetentesten österreichischen Autoren zu Fragen sozialgeschichtlicher Demographie und der Beziehungen von »Einheimischen« und »Fremden«. Offenbar resultiert gerade aus diesem Aufruhen seiner Habilitationsschrift auf breite, langjährige Forschungsarbeiten ein kompositorisches Defizit des Textes, das er selbst freimütig einbekennt. Gleichsam entschuldigend fügt er dem Vorwort den Disclaimer ein, daß die Arbeit »nicht in einem ›Guß‹ entstanden, sondern … über einen längeren Zeitraum erstellt und dabei von unterschiedlichen erkenntnisleitenden Interessen beeinflußt« worden sei. Dem Text ist deutlich anzumerken, daß ihm Studien und Forschungsergebnisse zugrunde liegen, die nicht im Rahmen eines einzigen stringent durchkomponierten Forschungsprojektes entstanden sind. Offenbar war von den Buchherausgebern erwünscht, daß die Textteile zu einer Monographie zusammengefügt werden, obwohl eine Publikation als Sammelband in diesem Fall adäquater gewesen wäre. Womöglich spielte dabei auch eine Rolle, daß in Habilitationsverfahren vielfach noch immer eine Monographie einem Sammelband vorgezogen wird.

Wegen der Entstehungsweise des Textes kann das einleitende Kapitel über Demographie und Migrationsforschung nicht ein Arbeitsprogramm vorstellen, das dann in den folgenden Abschnitten durchgeführt wird und auf das im abschließenden resümierenden Kapitel Bezug genommen wird. Vielmehr bietet es eine allgemeine Einführung in grundlegende Begriffe einer sozialhistorisch orientierten Demographie. Im Schlußkapitel werden nicht Fragen, die in der theoretischen Einleitung aufgeworfen und in den darstellenden Abschnitten aufbereitet worden sind, beantwortet, sondern dem Gesamttext wird eine weitere, neue Fragestellung aufgesetzt.

Ein anderes, schwerer wiegendes Defizit kann jedoch nicht aus der Entstehungsgeschichte erklärt werden; nämlich daß der Autor ein Werk sozialdemographischer Geschichtsschreibung vorlegt, in dem die wesentliche demographische Kategorie »gender« nicht oder zumindest nicht systematisch vorkommt.

Als Detailkritik sei noch angemerkt, daß das Kapitel über das 19. Jahrhundert eine recht unsystematische Gliederung aufweist, die offenbar mehr vom zeitlichen Ablauf des Aufkommens von Quellengattungen bestimmt ist als von der Logik der demographischen Entwicklung selbst. So beginnt der dritte Unterabschnitt just mit dem Stichjahr der ersten »modernen« Volkszählung 1869. Leider findet sich erst gegen Ende des Kapitels ein Gesamtüberblick über das 19. Jahrhundert. Wäre dieser an den Anfang gestellt, könnte man beim Lesen die jeweiligen kurzen Zeitabschnitte bereits in eine Gesamtentwicklung einordnen.

Als besonders profund und gut gelungen sind die Kapitel über die NS-Ära und die Nachkriegszeit hervorzuheben. Beide beruhen auf vielschichtigem Quellenmaterial und umfangreichen Studien in österreichischen und ausländischen Archiven. Das Kapitel über die Nachkriegsjahre zeigt in beeindruckender Weise die immensen Ausmaße der Aufgabe auf, die die US-Besatzungsmacht nach 1945 übernommen hat.

Die Hinweise auf die primär formalen Defizite des Buches sollen nicht den Gesamteindruck schmälern, daß das Werk einen überaus wertvollen und lesenswerten Beitrag zur kritischen Geschichtsschreibung über Linz und Oberösterreich darstellt.