Alois Kernbauer

Geschichte der pharmazeutischen Ausbildung in Österreich, Teil 2: Zwischen Zunft und Wissenschaft. Der österreichische Apotheker- und Pharmazeutenstand in der Krise. Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis in das Jahr 1922

Publikationen aus dem Archiv der Universität Graz 14/2

 

Graz
Akademische Druck- und Verlagsanstalt
1989
474 S.

 

Habilitationsschrift [1991], Universität Graz

 

Rezensent: Norbert Strobl

Historicum, Winter 1991/1992, 12—14

Die Geschichte der pharmazeutischen Ausbildung in Österreich ist Gegenstand einer relativ umfangreichen Publikation in der vom Archiv der Universität Graz herausgegebenen Reihe. Ein erster Band (von Herbert H. Egglmaier) behandelte die pharmazeutische Ausbildung in den habsburgischen Ländern bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, der zweite Band ist die Habilitation von Alois Kernbauer. Kernbauer arbeitet selbst im Universitätsarchiv Graz, die Lehrbefugnis wurde für »Österreichische Geschichte mit Einschluß der Wissenschaftsgeschichte Österreichs« erteilt.

Der Band greift in mehrfacher Hinsicht über die Geschichte der pharmazeutischen Ausbildung in Österreich hinaus: Es wird auch die Situation des Apothekerstands und der Pharmazeuten im allgemeinen dargestellt, und in einem Schlußkapitel wird auf die Ausbildung in anderen Ländern eingegangen.

Zu Beginn werden kursorisch die Fragestellungen skizziert. »Sie beziehen sich:

  • auf das von den Zeitgenossen im zunehmendem (!) Maß als zentrales Standesproblem empfundene Ausbildungswesen, das die Pharmazeuten von den übrigen akademischen Berufsgruppen trennte,
  • auf die Unterschiede zwischen den akademischen Berufen einerseits und den Pharmazeuten anderseits,
  • auf das Berufsbild und das Selbstverständnis der Pharmazeuten und
  • auf die konstitutiven Rahmenbedingungen des Berufsstandes« (S. 10).

Dabei ist auch von der Neustrukturierung der akademischen Berufe die Rede; analog zu den Medizinern kam es auch bei den Pharmazeuten zur Herausbildung eines einheitlich akademisch gebildeten Berufsstands, der den anderen akademischen Berufen gleichgestellt wurde. Es muß aber festgestellt werden, daß dieser Prozeß der Akademisierung inhaltlich nur vage beschrieben wird und die ganze Fragestellung nicht sonderlich konkret ist.

Im ersten Abschnitt geht es um die »gewerblichen Grundlagen«. Dieser Teil ist mit einem Viertel des Textes verhältnismäßig umfangreich und bringt in beschreibender Form einen Überblick über die im pharmazeutischen Bereich Beschäftigten, über institutionelle Fragen und in einem kurzen Kapitel über pharmazeutische Zeitschriften. Hier gibt es keine theoretischen Konzepte, es werden keine Thesen geprüft — trotzdem ist diese alles in allem biedere Beschreibung an sich nicht uninteressant: die Dichte der pharmazeutischen Versorgung der Bevölkerung in verschiedenen Gebieten, das Einkommen der Apotheker, die Verrechnung über die Krankenkassen, Gehälter und Arbeitsbedingungen der pharmazeutischen Assistenten — all das kann für sich interessant sein, wenn es bündig dargestellt ist.

Und bündig ist die Darstellung durchaus, da sie in erster Linie aus tabellarischen Übersichten zu den genannten Themen besteht bzw. sich auf diese stützt. Die Tabellen selbst wurden zwar in den Anhang verbannt (im Text gibt Kernbauer eine verbale Zusammenfassung, die, wie in solchen Fällen üblich, viel weniger klar als die Tabelle selbst ist), aber man kann ja blättern.

Dort, wo es keine einschlägigen Tabellen gibt und sich der Autor die Informationen aus verschiedenen Quellen zusammensuchen muß, ist die Darstellung allerdings schlecht. Dies gilt zum Beispiel für das Kapitel »Der ›Reichtum‹ der Apotheker« (S. 61—70): Da es keine brauchbaren Erhebungen über das Einkommen der Apotheker gibt, sammelt Kernbauer Informationen über den Wert der Apotheken selbst (anhand von erfolgten Verkäufen), über Mieten und Jahresumsätze und über Arzneitaxen. Die Präsentation folgt dem prägenden Muster von Kraut und Rüben. Eine regional differenzierte Abschätzung des Apothekereinkommens auf Basis dieser anderen Daten erspart sich der Autor, obwohl sie zumindest in grober Form sicherlich möglich gewesen wäre (wäre sie nicht möglich, müßte die zum Vergleich präsentierte Übersicht über die Beamteneinkommen, S. 65, absurd wirken).

Der zweite Abschnitt trägt die Überschrift »Der Wandel der Berufsbedingungen«. Hier geht es im wesentlichen um den Markt für Arzneimittel und verwandte Produkte, ein Thema, das vielfältige Fragestellungen ermöglicht: die Betriebsgröße bei der Herstellung pharmazeutischer Produkte, die Differenzierung der Produktpalette, die Art des Zusammenhangs von Herstellung und Vertrieb. Dies alles gewinnt beim hier gegebenen Thema seine spezifische Bedeutung aus den institutionellen Gegebenheiten, die mit den besonderen Eigenarten pharmazeutischer Produkte begründet wurden und werden (und z. T. natürlich auch damit begründbar sind) und die die Beschränkungen beim Vertrieb mit sich bringen. Ein sehr interessantes Thema also.

Bei der Arbeit Kernbauers zeigt sich, daß schon aufgrund der Themenstellung mit der Beschränkung auf Österreich gewisse Abstriche hinzunehmen sind; Österreich hatte praktisch bis Ende des Untersuchungszeitraums kaum eine chemische Industrie, sodaß die Bedingungen, unter denen eine pharmazeutische Industrie zu arbeiten hatte, hier gar nicht untersucht werden können. Die Versuche einer genossenschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den Apotheken zum Zweck einer zentralisierten Produktion hatten ebenso wie die Versuche eines genossenschaftlich organisierten Großhandels wenig Erfolg. Diese Versuche werden ebenso dargestellt wie die Produktionsbedingungen in Apotheken, im weiteren widmet sich Kernbauer dem florierenden Markt der Patentmittelchen und Drogerieprodukte, an dem auch die Apotheker zu partizipieren suchten, und den einschlägigen gesetzlichen Regelungen.

Der Abschnitt ist alles in allem recht informativ.

In den folgenden beiden Abschnitten geht es um die »Suche nach zusätzlichen beruflichen Aufgabengebieten für Pharmazeuten« und um die »Suche nach einem neuen Selbstverständnis«. Die neuen Aufgabengebiete wären neuzuschaffende öffentliche Dienstposten gewesen, nämlich Kreis- und Landeschemiker, Gerichtschemiker, Lebensmittelchemiker, Sanitätsbeamte; diese Aspirationen der Apotheker waren durchwegs zum Scheitern verurteilt. Beim »neuen Selbstverständnis« wird das Verhältnis zu den Ärzten angesprochen, wobei Kernbauer noch einmal auf den Vertrieb pharmazeutischer Produkte zu sprechen kommt (hier gab es ja Abgrenzungsprobleme zwischen den Apotheken und den ärztlichen Hausapotheken); dieser Teil hätte in den Abschnitt über den Wandel der Berufsbedingungen gehört. Weiters geht es um die Beschäftigung des Standes mit seiner eigenen Vergangenheit und, als Auftakt zum nächsten Abschnitt, um die Wandlungen im Wissenschaftsbetrieb.

Dieser nächste Abschnitt ist der bei weitem umfangreichste (er umfaßt nahezu die Hälfte des Textes); er ist ausgesprochen schwach. Thema ist das Ausbildungssystem. Hauptsächlich werden nach einigen kurzen Einleitungskapiteln (darunter »Die Frauenfrage in der Pharmazie«) die Studienvorschriften für die Apothekerausbildung behandelt. Es gab im Untersuchungszeitraum eine Reihe von Studienreformen, die die Angelegenheiten der pharmazeutischen Ausbildung bis hin zum Doktorat zum Gegenstand hatten (die Studienreform des Jahres 1922 bildet die Grenze der Untersuchung). Das Gräßliche an diesem Teil liegt darin, daß die Studienreformdiskussionen, die erstellten Studienordnungen und deren Durchführung bis ins kleinste Detail abgehandelt werden und daß dem Leser so eine endlose Aneinanderreihung von irgendwann einmal geäußerten Stellungnahmen zugemutet wird. Keine Wortmeldung wird ausgelassen, kein Vorschlag darf unerwähnt bleiben; es ist nicht ersichtlich, was daran wichtig und was unwichtig war, und es ist auch nicht ersichtlich, was an den erlassenen neuen Vorschriften wichtig und unwichtig war. Warum es für Autoren so schwierig ist, aktenkundige Details zwar zur Kenntnis zu nehmen, sie aber nicht abzuschreiben, wenn sie irrelevant sind, bleibt unerfindlich.

(Wissenschaftsminister Busek hat vor einiger Zeit einmal erklärt, daß im Zug der geplanten Universitätsreform bereits in der Vorbereitungsphase über 1200 schriftliche Stellungnahmen von Universitätsangehörigen in seinem Ministerium eingelangt seien. Der Leser erlaube mir in diesem Zusammenhang einen grauenerfüllten Blick in die Zukunft: In hundert Jahren werden Habilitationen über die Geschichte der österreichischen Universitäten nach 1945 erscheinen. Eine davon wird sich exklusiv den Jahren 1991 und 1992 und dabei v. a. der Universitätsreform widmen. In ihr wird getreu der Methode Kernbauer, die zu dieser Zeit bereits als klassisch und schulenbildend angesehen werden wird, jeder einzelne Reformvorschlag österreichischer Universitätsangehöriger in Paraphrase wiedergegeben werden. Die Habilitation wird 5000 Seiten umfassen, sie wird den dann amtierenden HISTORICUM-Rezensenten Monate an Arbeit kosten und wird sein Leben um mehrere Jahre verkürzen. Das Rezensieren von Habilitationen wird in hundert Jahren kein Spaß mehr sein.
Ich bin froh, daß ich dann nicht mehr lebe.)

Im Rahmen der Besprechung des Ausbildungssystems steht auch ein eher abstruses Kapitel »Von der Leistung des Eides auf die Apothekerordnung zur feierlichen Sponsion«, in dem es um Sponsionsformeln, Sponsionsordnungen und dgl. geht.

Die Besprechung der Pharmakopöen (amtliche Arzneibücher) fällt ebenso lähmend aus wie die Darstellung der Studienreformen. Hier wird aufgelistet, was sich bei den jeweiligen Neuauflagen (berücksichtigt wird jede dieser welthistorischen Sternstunden) gegenüber dem bis dahin geltenden Stand geändert hat; auch werden fesselnde Einzelheiten wie die Bandaufteilung (»…, so war somit erstmals der verdeutschte Text der Pharmakopöe getrennt, und zwar als dritter Band, erschienen, bildete also mit dem Sachregister den Schlußband«, etc. S. 341) oder die Anordnung der Arzneien (alphabetisch, sachlich, unstrukturiert) den Lesern nicht vorenthalten.

Der Abschnitt über das Ausbildungssystem hätte ohne weiteres auf ein Viertel gekürzt werden können, ohne daß etwas abgegangen wäre.

Wie bereits oben bemerkt, wird im letzten Abschnitt die pharmazeutische Ausbildung in anderen Ländern behandelt. Es wird dabei Land für Land hergenommen und kurz besprochen. Die Vorgangsweise ist nicht einheitlich, und das Ergebnis ist dementsprechend ungleichmäßig. Einige Länder werden etwas eingehender, andere in wenigen Zeilen abgehandelt. Inwiefern diese Ausführungen für das Thema der pharmazeutischen Ausbildung in Österreich von Bedeutung sind, ist nicht ersichtlich (abgesehen davon, daß es gegen Ende des 19. Jahrhunderts Versuche einer internationalen Vereinheitlichung der Ausbildung gab).

Alles in allem entsteht der Eindruck, daß in diesem Kapitel angesammelte Informationen endgelagert werden sollten.

Das Resümee fällt also bestenfalls lauwarm aus: In den gewerbegeschichtlichen Teilen gibt es zwar keine ausformulierte Fragestellung, doch war es dem Autor hier trotzdem möglich, eine ausreichend sinnvolle Struktur und eine alles in allem rezipierbare Darstellung zu bieten.

Für die zweite Hälfte gibt es ebenfalls keine klare Problemstellung; diese Teile sind ein einziger Wust von Informationen ungeklärter Wichtigkeit, die Darstellung ist hier eigentlich unlesbar.

Der Grund liegt wohl wieder einmal darin, daß der Autor nicht im vorhinein klargestellt (und sich wohl auch selbst nicht klargemacht) hat, worauf es ihm im einzelnen ankommt. Anscheinend ist das in Bereichen wie der Gewerbegeschichte nicht so schlimm — vielleicht gibt es da in den Köpfen einen quasi selbstverständlichen Raster, der ein zwar nicht gerade sensationelles, aber doch irgendwie ergiebiges Resultat ermöglicht. In anderen Fragen, z. B. legistik-/ institutionengeschichtlichen, geht es daneben.