Selma Krasa-Florian
Die Allegorie der Austria. Die Entstehung des Gesamtstaatsgedankens in der österreichisch-ungarischen Monarchie und die bildende Kunst
Wien, Köln, Weimar
Böhlau
2007
285 S., 42 SW-Abb.
€ 29,90
Rezensentin: Doris Preindl
Historicum, Sommer 2006, 37
Was bedeutet die Symbolgestalt der Austria in den verschiedenen Jahrhunderten? Die Gestalt der Austria spiegelt die Entwicklung der Staatsauffassung bis zum Ende der Monarchie wider.
Schon die griechisch-römische Antike kennt eine Frauengestalt, meist mit einer Mauerkrone bekrönt, als Symbol für Stadt oder Staat. Der Name Österreich scheint das erste Mal in der Ostarrîchi-Urkunde Kaiser Ottos III. vom 1. November 996 für den Bischof von Freising auf, der Name Austria wird zuerst in einer Besitzbestätigung König Konrads II. für das Stift Klosterneuburg vom 25. Februar 1147 genannt. Daraus entwickelte sich die Bezeichnung für das Herrscherhaus; so nennt Friedrich der Schöne seine Angehörigen domus nostra, und im 15. Jahrhundert wurden die Länder, die im Besitz der Habsburger sind, als domus Austriae bezeichnet. Damit wird die Gesamtheit der Länder unter der Habsburgerherrschaft bezeichnet, aber nicht ein bestimmtes Land. Diese Gesamtheit der Länder wird immer wieder durch die Symbolgestalt der Austria in der bildenden Kunst dargestellt. Dabei bleibt die genaue Bedeutung, welche Länder gemeint sind, unscharf. Es steht das Verhältnis zum absoluten Herrscher im Mittelpunkt der Darstellung. Mit der Pragmatischen Sanktion von 1713 wollte dann Kaiser Karl VI. eine Erbverbrüderung der Länder erzielen, eine rechtliche Situation, die den Familienbesitz sichern sollte, aber nicht mit einem modernen Gesamtstaat gleichzusetzen ist. Dieser Herrschaftsanspruch wird immer wieder so ausgedrückt, daß die Austria über die Hungaria, Bohemia et cetera herrsche. Bis zum Ende der Monarchie gelang es nicht, die Gesamtheit der unter habsburgischer Herrschaft stehenden Länder in einen modernen Gesamtstaat mit einheitlichem Recht umzuwandeln. Dies drückt sich durch die neben der Austria existierenden Symbolfiguren wie zum Beispiel Hungaria oder Bohemia aus.
Durch die Verknüpfung und Zusammenschau von Ereignissen der politischen und wirtschaftlichen Geschichte mit Werken der bildenden Kunst wird der Wandel in der Staatsauffassung vom Staat als Familienbesitz der Habsburger, dem »Haus Österreich« über Kaiser Franz II. (I.), der unter dem Eindruck der Französischen Revolution sich nicht mehr als absoluter Herrscher, sondern als »pater patriae« sieht, zum Revolutionsjahr 1848 erkennbar. Der aufkommende Nationalismus im 19. Jahrhundert bedroht den Vielvölkerstaat der Monarchie. Gleichzeitig beginnt sich die Auffassung Hegels von einem von der Dynastie unabhängigen Staat durchzusetzen. Dem versucht man entgegenzuhalten, daß die Nation kein ethnischer, sondern ein politischer Begriff sei. Am Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Idee eines »Großösterreich« propagiert, dem aber entgegenstand, daß die Deutsch-Österreicher sich als staatstragende Nation sahen. Mitten im Ersten Weltkrieg trat die Idee von »Mitteleuropa« als übernationale Staatsauffassung auf. Das war der letzte Versuch, die Nationalitäten in einem gemeinsamen Staat unter der Führung der Habsburger zu erhalten. All diese unterschiedlichen Auffassungen von Staat und Nation und dem Verhältnis von Herrscherhaus zu den verschiedenen sozialen Schichten und Gruppen der Untertanen drücken sich in der bildenden Kunst aus, besonders im Programm von Brunnen, Statuen auf öffentlichen Plätzen oder Programmen auf und in öffentlichen Gebäuden. Die Autorin untersucht, beginnend mit der Zeit Rudolf II. und bis zum Ende der Monarchie, die Gestalt der Austria an einer repräsentativen Auswahl an Kunstwerken; dabei arbeitet sie die unterschiedlichsten Auffassungen verschiedener politischer Auftraggeber zur gleichen Zeit heraus. Sie analysiert verschiedene Kunstwerke und zeigt, soweit dies aus den Quellen bekannt ist, was zur Beauftragung des Künstlers führte und welche ideologischen Vorgaben bestanden.
Die Austria als Symbol der Dynastie trägt meist die rudolfinische Hauskrone oder den Herzogshut, als bürgerlich-staatliches Symbol die Mauerkrone. Ein Beispiel aus dem 19. Jahrhundert sei herausgegriffen: Ludwig Schwanthaler schuf für den Brunnen auf der Freyung im Auftrag von Wiens Bürgermeister Czapka zwischen 1844 und 1846 die Statue der Austria. Diese diente Hanns Gasser als Vorbild für seine Sandsteinfigur, die 1848, vom Reichstag beauftragt, als Symbol für die liberale Regierung in wenigen Wochen entstand. Nach Ende der Revolution wurde die Statue auf die sogenannte Löwenstiege in der Böhmischen Hofkanzlei in der Wipplingerstraße, dem heutigen Verwaltungsgerichtshof, übertragen, wo sie noch heute steht. Der ursprüngliche Sockel mit Beschriftung ist verloren, aber über die erhaltene Skizze des Bildhauers ist die Statue eindeutig identifizierbar. Mit dem Standortwechsel sollte das Kunstwerk erhalten bleiben, aber aus dem öffentlichen Bewußtsein verschwinden. Gleichzeitig schuf Leopold Kupelwieser ein Deckenfresko im Neubau des Sitzes der niederösterreichischen Landesregierung in der Herrengasse mit ganz anderem Inhalt. Den Programmentwurf legte Kupelwieser dem damaligen Präsidenten der allgemeinen Hofkammer, Freiherrn von Kübeck vor, der sehr konservativ und der eigentliche Initiator des Neoabsolutismus unter Franz Josef I. war. Als Oberaufsicht über alle öffentlichen Gebäude hatte er das Programm zu genehmigen. Kupelwieser war auch sehr konservativ und lehnte die Revolution ab. So wird die Austria dem Glauben/Religion als Repräsentanten des Kaisers untergeordnet. Charakterisiert durch den Erzherzogshut und den Bindenschild repräsentiert sie im Gegensatz zu Grassers Figur eindeutig das Erzherzogtum Österreich, welches dem Gesamtstaat und dem Herrschergeschlecht den Namen gab und nicht die Nation.
Laut Autorin scheitete die Monarchie am Fehlen einer von allen akzeptierten übergeordneten Reichsidee. Der abstrakte Begriff einer Staatsnation an Stelle des Nationalstaates konnte sich nicht durchsetzen. Es war aber auch nicht möglich, den Staat nach Nationen aufzuteilen, da in vielen Gebieten mehrere verschiedene Nationen mit unterschiedlichen Sprachen und Kulturen zusammenlebten, ohne daß es eine klare Mehrheit einer Nation gab. Spannend an diesem Buch ist, da die Autorin Historikerin und Kunsthistorikerin ist, die historische Auswertung der Ikonographie von Austria-Darstellungen und die Einbettung der Analyse in die politische Geschichte.