Michaela Kronberger
Siedlungschronologische Forschungen zu den canabae legionis von Vindobona. Die Gräberfelder
Wien
Phoibos
2005
344 S., zahlr. Abb.
€ 65,00
Rezensentin: Doris Preindl
Historicum, Frühling 2005, 31
Basierend auf einer Dissertation entstand ein Buch über die siedlungschronologischen Forschungen zu den canabae legionis.
Die Arbeit läßt sich in zwei Teile gliedern. Der erste Teil beschäftigt sich mit der Zusammenfassung des aktuellen Forschungstandes zu Vindobona und mit der Verortung aller Informationen, die mit den canabae legionis zu tun haben. Im zweiten Teil werden die gewonnenen Daten ausgewertet, die Gräber typologisch und chronologisch eingeordnet und nach kulturhistorischen Fragestellungen wie Graborientierung oder Bestattungssitte analysiert.
Die zentrale Fragestellung der Arbeit sind Ausdehnung, Anlage und Auflassung der Lagervorstadt. Die ersten Berichte von Funden stammen aus dem 16. Jahrhundert, die bei fortifikatorischen Maßnahmen gefunden wurden. Aufgehoben und wieder identifizierbar sind vor allem Steine mit Inschriften. Sie wurden schon damals abgeschrieben und publiziert und oft sichtbar eingemauert. Ein besonderes Problem ist, daß viele Funde aus dem 19. Jahrhundert stammen, als gerade im 1. Bezirk, dem Ort des Legionslagers und der canabae legionis, viele Neubauten entstanden. Oft sind nur Zeichnungen von den Funden und Gräbern bekannt, ohne genaue Lagerangaben, die Funde sind heute verloren oder nicht mehr zuzuordnen, und nur in wenigen Bereichen wie Michaelerplatz, Freyung oder Albertina wurden moderne Grabungen durchgeführt.
Um die Siedlungsentwicklung nachzeichnen zu können, versucht die Autorin zuerst, die naturräumlichen Gegebenheiten zur Römerzeit (Verlauf des Ottakringerbaches und der Donau sowie die Geländestruktur) zu rekonstruieren. Basierend auf dem römischen Recht, das Siedlungsbereich und Gräberbereich streng trennte, werden die Funde und Berichte der Altgrabungen entsprechend zugeordnet. Durch die Lokalisierung und Datierung aller bekannten Bestattungen kann ein Wechsel in der Nutzung dokumentiert und somit die Ausdehnung zu einer bestimmten Zeit erschlossen werden. Durch die Anordnung und Orientierung der Gräber konnten auch die Straßenverläufe erschlossen werden.
Im Überblick werden die Entwicklung von den frühesten bekannten Siedlungsspuren an, die Truppengeschichte und die Geschichte des Legionslagers (Befestigungsanlagen, Innenbauten) rekonstruiert. Anschließend werden die Grabstätten nach ihren Regionen aufgelistet und interpretiert, die einzelnen Grabtypen besprochen und das Fundmaterial aufgelistet; das Fundmaterial wird typologisch und chronologisch aufgearbeitet. Weiters stellt die Autorin die Bestattungssitten (Lage der Skelette, Graborientierung, Beigabensitte) vor.
Der heutige 1. Wiener Gemeindebezirk entspricht dem römischen Legionslager und der zugehörigen Lagervorstadt. Die topographische Lage auf einer natürlich geformten Terrasse, die von Flußläufen begrenzt wurde, bot optimale Voraussetzungen für die Besiedlung. Gefunden wurden in den letzten hundert Jahren nur 174 Bestattungen, die sich wie folgt aufteilen: sechs Brandgräber, dreizehn Grabstelen, zwei Inschriftensteine, acht Sarkophage, zwölf Steinkistengräber, 38 Ziegelplattengräber, 56 einfache Körperbestattungen in Erdgräbern, zwei gemauerte Grabstätten, eine verputzte Grabmulde, fünf spätrömische Grabbauten und eine Vielzahl an Architekturteilen. Da das Legionslager und die Siedlung circa 350 Jahre bestanden, geben die Gräber nur punktuelle Einblicke in die Gräberfelder. Durch die Umstrukturierung der Legionen an der Wende vom 3. zum 4. Jahrhundert wurde innerhalb des Lagers Platz für die Zivilbevölkerung frei, man gab die Lagervorstadt auf und nutzte Bereiche des Lagers zivil. Zwei Bestattungen am Fleischmarkt und geringe Keramikfunde am Neuenmarkt gehören den spätsuebischen Mileu an und weisen auf einen germanischen Bevölkerungsanteil hin. Für das späte 6. und das 7. Jahrhundert sind im spätrömischen Siedlungszentrum Langobardengräber nachgewiesen. Ob damals Vindobona noch besiedelt war, ist unbekannt.
Diese Monographie bietet einerseits eine Zusammenfassung der Forschungsgeschichte und eine Auflistung aller Grabfunde sowie modernen Interpretationen. Akribisches Durchforsten, Kartieren und wissenschaftliches Auswerten aller Befunde und Funde innerhalb des gesetzten topographischen Rahmens und Zeit ermöglichte es erstmals, die Wechselwirkungen zwischen Siedlungsbefund und zugehörigem Gräberfeld in der über dreihundertjährigen Geschichte von Vindobona zu dokumentieren. Alles zusammen zeigt das lebendige Bild eines römischen Militärstützpunkts, der im Laufe der Zeit sowohl Wachstumsphasen als auch Zeiten der Reduktion auf das Kerngebiet innerhalb des Legionslagers erlebt hat. Das hervorragend wiedergegebene Bildmaterial und Kartenmaterial zur Topologie ergänzt den Text. Das Buch ist somit Grundlage für weitere Forschung als auch Überblickswerk für jeden, der sich mit wissenschaftlichem Interesse dem römischen Wien nähert.