Ingo H. Kropač
Informationssysteme in der Geschichtswissenschaft. Konzeption und Anwendung am Beispiel der Prosopographischen Datenbank zur Geschichte der südöstlichen Reichsgebiete bis 1250 (PDB)
Graz
1988
177 S.
Habilitationsschrift, Universität Graz
Rezensent: Franz A. Gmeiner
Historicum, Frühling 1991, 6—7
Es ist hier eine ungewöhnliche Habilitation zu besprechen. Auch die Lehrbefugnis, die für sie erteilt wurde, ist ungewöhnlich: Der Habilitatonswerber kommt vom Forschungsinstitut für Historische Grundwissenschaften an der Universität Graz, und seine wissenschaftlichen Leistungen wurden mit dem Titel eines Dozenten »für Fachinformation und -dokumentation als Historische Hilfswissenschaft (für Mittelalter und Neuzeit)« belohnt — mit einer ziemlich eingeschränkten Venia legendi also.
Das Hauptthema der Arbeit sind Konzeption und Struktur der im Titel genannten Prosopographischen Datenbank (einer Datenbank, die personengeschichtliche Informationen bereitstellt). Bei diesem Unternehmen werden Urkunden als Untersuchungseinheiten in eine Primärdatenbank verarbeitet, wobei hauptsächlich die in den Urkunden vorkommenden Personen von Interesse sind. Es können dann weitere Datenbanken — beispielsweise durch Verknüpfung mehrerer Primärdatenbanken — geschaffen werden, die z. B. als Untersuchungseinheiten Personen beinhalten.
Auslösend für die Planung der PDB waren die Arbeiten am Urkundenbuch der Steiermark und ihrer Regenten und am Urkundenbuch des Patriarchats Aquileia, wobei man sich — nach anfänglichen Karteiarbeiten — entschloß, die Dokumentation mit EDV durchzuführen. Mittlerweile ist die EDV-Dokumentation bei solchen Vorhaben wohl als Standard zu betrachten, hinter den man sinnvollerweise nicht mehr zurückgehen kann. Kropac war an den Arbeiten an der PDB beteiligt, was festgehalten werden muß, wenn man eine Beurteilung der Habilitationsschrift abgeben will.
Die Arbeit ist zweigeteilt. Der erste Teil ist betitelt mit »Konzeption geschichtswissenschaftlicher Informationssysteme«, und es geht dabei um Definitionen, Probleme der computergestützten Geschichtsforschung und Anforderungen an EDV-Systeme beim Einsatz in der Verwaltung von historiographisch relevanten Daten.
Kropač beginnt mit terminologischen Klärungen (Information, Informationssysteme, Datenbanken). Unter »Probleme und Konzepte« folgt ein Überblick über Forschungsschwerpunkte und noch einmal ein terminologischer Abschnitt. Dann geht es um unterschiedliche Konzeptionen der Datenverarbeitung: quellenorientiert (auf die Abbildung der Struktur der Quelle bezogen — typischer Anwendungsfall sind maschinelle Editionen), problemorientiert (auf eine konkrete Fragestellung bezogen — typisch für kleinere Projekte), methodenorientiert (im wesentlichen auf die Anwendung eines bestimmten statistischen Verfahrens konzentriert). Datenerfassung, Datenverwaltung, Datenaustausch und Quellenedition werden zum Schluß besprochen.
Dieser ganze erste Abschnitt besteht hauptsächlich aus Zitaten (wörtlich oder indirekt wiedergegeben); vieles von dem, was Kropač bekanntgibt, ist Allgemeingut. Das Erscheinungsjahr (1988) ändert an dieser Einschätzung nichts, da es zwar zugegebenermaßen eine rasche Entwicklung in der EDV-unterstützten Geschichtsforschung gibt, die hier besprochenen Dinge aber auch 1988 schon bestens bekannt waren.
Im zweiten Teil (ab S. 63) geht es um die Anwendung: Die Prosopographische Datenbank.
Dazu erfolgt zuerst eine Klärung von Begriff und Aufgabe der Prosopographie, dann werden Aufgaben und Ziele der PDB umrissen. Es sollten im Rahmen der PDB sämtliche in früh- und hochmittelalterlichen urkundlichen Quellen aus dem Bereich Steiermark/Aquileia genannten Personen samt ihren unmittelbaren Beschreibungen erfaßt werden. Das Ergebnis sollte für möglichst unterschiedliche Fragestellungen (z. B. Kollektivbiographie, Namensbuch, persönliche Attribute etc.) verwendbar sein. Wesentliche Aufgaben lagen darin, von den Personennennungen in den Urkunden zu einem Verzeichnis identifizierter Individuen zu gelangen, sowie in der Verknüpfung mit anderen Datenbanken. Auch sollte die Datenbank für Historiker verschiedener methodischer Richtungen verwendbar sein.
Wichtig für die Zwecke der PDB ist die »quellennahe« Datenerfassung. Das heißt: Es wird zwar vorweg eine Quellenstruktur angenommen, die bestimmt, in welcher Hinsicht die einzelnen Dokumente von Interesse sind bzw. welche Informationen, die die Quellen bieten, in die Datenbank übernommen werden sollen; doch werden die einzelnen Informationen möglichst im Wortlaut der Quelle festgehalten. Für die weitere Verarbeitung der in der Datenbank gespeicherten Informationen, für Verknüpfungen, für die Identifikation von Personen etc. gibt es zahlreiche weitere methodische Probleme, von denen beispielartig nur die wechselnde Orthographie älterer historischer Quellen genannt sei, die bei der maschinellen Verarbeitung erhebliche Probleme mit sich bringt.
Wer sich einmal der EDV als Hilfsmittel in der Geschichtswissenschaft bedient hat, der wird vielleicht erraten, welches Stichwort nun kommt: CLIO oder KLEIO, so heißen Prototyp und aktuelle Variante einer speziell für Historiker konzipierten Datenbanksoftware, die am Max-Planck-Institut für Geschichte in Göttingen seit Jahren entwikkelt und verbessert wird. Die Grundzüge und Haupteigenschaften dieses Programms werden von Kropač kurz skizziert, dann geht er zum konkreten Anwendungsfall der PDB über.
Dabei wird am Beispiel einer konkreten Urkunde ein Datenmodell, also die Struktur für die Erfassung der Informationen, erstellt und gezeigt, wie nach diesem Datenmodell die Aufnahme der betreffenden Urkunde zu erfolgen hätte. (Die Erfassung von Daten, die mit CLIO oder KLEIO weiterbearbeitet werden, ist mit jedem Textverarbeitungsprogramm möglich). Unter dem Stichwort »Generierung der Datenbanken« werden dann die Befehle dargestellt, die zur Errichtung der eigentlichen Datenbank aus dem erfaßten Text führen.
Dann werden die einzelnen Informationseinheiten, die nun in der PDB enthalten sind, en detail beschrieben:
Aus diesen Informationen, die, soweit verfügbar, zu jedem Dokument erhoben werden, setzt sich die Primärdatenbank zusammen (de facto handelt es sich allerdings nicht um eine einzige Primärdatenbank, da es ökonomischer sein kann, die Daten auf mehrere kleine Datenbanken aufzuteilen).
Kropač bespricht bei diesen Informationseinheiten jeweils den Datentyp (das Programm unterscheidet zwischen Text, Zahlen, Datumsangaben etc.) und die Stellung der Information im Rahmen der festgelegten Struktur der Urkunde und gibt eine "semantische Beschreibung" (Bemerkungen zu den Eigenarten der Urkunden im Hinblick auf die betreffenden Informationen, Eingabekonventionen und dgl.).
Hat man aus diesen Informationen Primärdatenbanken gebildet, können aus diesen Sekundärdatenbanken hergestellt werden, worauf Kropac im letzten Teil eingeht. Der einfachste Anwendungsfall ist die Aneinanderkettung (Kumulation) mehrerer kleinerer Primärdatenbanken; das Hauptinteresse richtet sich im vorliegenden Fall jedoch auf prosopographische Kataloge. Für diese eröffnen sich die wohl gravierendsten Probleme für Datenverarbeitung dieser Art im historischen Bereich: Denn hier müssen Möglichkeiten gefunden werden, um Personen zu identifizieren, die in verschiedenen Dokumenten genannt werden — dabei aber häufig unterschiedlich geschrieben werden und in ihrem Beruf und anderen Merkmalen unterschiedlich bezeichnet werden. Kropač stellt dazu Identifikationskriterien vor, beschreibt die Befehle, die für eine solche Arbeit (z. B. für »normalisierte Beschreibungen« von Personen) gegeben werden müssen und gelangt schließlich zu einem neuen Datenmodell: In diesem Modell werden, vereinfacht gesagt, nicht Urkunden hinsichtlich der in ihnen vorkommenden Personen beschrieben, sondern bestimmte Personen nach ihrem Vorkommen in verschiedenen Urkunden gekennzeichnet.
Die prosopographischen Kataloge können dann wiederum kumuliert werden, auch eine Verbindung mit Datenbanken außerhalb der PDB ist möglich (z. B. wurde das Urkundenbuch des Herzogthums Steiermark aus dem 19. Jahrhundert, das z. T. dieselben Urkunden berücksichtigt wie das Urkundenbuch der Steiermark und ihrer Regenten, mit Scanner eingelesen und als Volltextdatenbank aufbereitet; es kann nun mit der PDB verbunden werden).
Soweit der Inhalt von Ingo Kropač' Arbeit. Diese Arbeit selbst, das dürfte deutlich geworden sein, wird wenig befriedigen, wenn man Maßstäbe der »Neuheit« anlegt: Der erste Teil kann, wie bereits angemerkt wurde, als sekundär bezeichnet werden, und für die Konzeption der PDB waren die wesentlichen Gedankengänge bereits vorgegeben — CLIO/KLEIO ist eben ein Programm, das für quellennahe Datenerfassung und weitreichende Möglichkeiten zum Datenaustausch steht (von der Berücksichtigung der speziellen Manipulationsprobleme, denen sich Historiker gegenübersehen, ganz abgesehen).
Die eigentliche Bearbeitung der Dokumente ist ebenfalls keine Besonderheit der PDB — die Erstellung eines Datenmodells für CLIO/KLEIO ist in keinem Fall eine besonders schwierige oder aufwendige Tätigkeit; das gilt noch mehr, wenn das Modell nicht auf ganz spezielle Bedürfnisse zugeschnitten sein soll, sondern so wie hier höchst unterschiedliche Bedürfnisse befriedigen soll — entsprechend einfach strukturiert ist das Ergebnis. Daß die Eingabekonventionen festgehalten werden müssen, ist ohnehin eine Selbstverständlichkeit, und die maßgebenden Befehle für die Errichtung der Datenbank, für den Datenaustausch usw. sind ja vom Programm abhängig.
Mit einem Wort: Die Überlegungen, die jeder Historiker anstellen muß, der sich des Computers für Datenbanken oder quantifizierende Untersuchungen bedient, und die rein manipulatorischen Aufgaben, die man bewältigen muß, damit man auch ein Ergebnis aus dem Gerät herausbekommt, werden hier mit großer Gewichtigkeit besprochen und vorgelegt.
Diese Kritik klingt nun sehr nach Vernichtung und muß aufgrund der besonderen Umstände etwas relativiert werden: Sie bezieht sich nämlich nur auf die Habilitationsschrift, die tatsächlich, gemessen an den üblichen Ansprüchen (»neue wissenschaftliche Ergebnisse«), wenig hergibt.
Es fragt sich allerdings, ob das in diesem Fall der richtige Maßstab ist. Dies deshalb, weil die Prosopographische Datenbank ja keine Datenbank für ein kleines Projekt mit enger Fragestellung und kurzer Laufzeit ist; gegenüber einer solchen begrenzten Studie gibt es daher von vornherein ganz andere organisatorische Anforderungen — die PDB ist eben keine thematisch festgelegte Arbeit, die im Stadium der Datenerfassung steckengeblieben ist, sondern sie ist einem Editionsunternehmen traditionellen Zuschnitts vergleichbar.
Darüberhinaus geht es um den Stellenwert von EDV-Entwicklungen und ähnlichen Aktivitäten in der Geschichtswissenschaft im allgemeinen. Auf der einen Seite ist die Konzeption von CLIO/ KLEIO keine eigentliche (inhaltliche) historische Forschungstätigkeit. Auf der anderen Seite ist die Bereitstellung von Software für Historiker notwendig — und irgendjemand muß diese Arbeit machen. Es handelt sich bei dieser Tätigkeit auch um Arbeiten, die von Historikern oder zusammen mit Historikern zu erledigen sind, weil klare Vorstellungen von den Anforderungen eingebracht werden müssen, die die historische Forschung an EDV-Pakete stellt. Es ist daher hilfswissenschaftlichen Tätigkeiten dieser Art zuzugestehen, daß sie mit etwas anderen als den üblichen Kriterien zu bewerten sind.
Man kann in diesem Sinn die Kritik an der unbefriedigenden Habilitationsschrift durch einen Hinweis auf die PDB und auf die Mitarbeit Kropač' an KLEIO (er hat einen Teil des Handbuchs für die neueste KLEIO-Version geliefert) relativieren. Vielleicht macht diese Bereitstellung von Basismaterial und von Arbeitswerkzeugen für Historiker die Erteilung der ungebräuchlichen Lehrbefugnis etwas verständlicher.