Malcolm Lambert
Geschichte der Katharer. Aufstieg und Fall der großen Ketzerbewegung
Darmstadt
Primus/Wissenschaftliche Buchgesellschaft
2001
408 S.
€ 41,10
Jörg Oberste
Der Kreuzzug gegen die Albigenser. Ketzerei und Machtpolitik im Mittelalter
Darmstadt
Primus/Wissenschaftliche Buchgesellschaft
2003
222 S.
€ 25,60
Rezensentin: Cäcilia Pfeifer
Historicum, Herbst 2003, 36—38
Malcolm Lambert von der Universität Bristol ist einer der bekanntesten Historiker der mittelalterlichen Ketzerbewegungen. 1977 erschien sein mittlerweile klassischer Band Ketzerei im Mittelalter (auf deutsch 1981), der eine Vielzahl von häretischen Bewegungen im Überblick behandelte. Dabei vertreten waren selbstverständlich auch die Katharer; 1998 erschien im englischen Original ein eigener Band über diese wichtige Bewegung.
Das Buch beinhaltet eine umfassende Geschichte des Katharertums: Lambert beschreibt die geistesgeschichtlichen Rahmenbedingungen der Entstehung dieser dualistischen Religion und beginnt dabei mit dem aus Bulgarien stammenden und in Byzanz verbreiteten Bogomilismus. Obwohl eindeutige Belege einer direkten Abhängigkeit des Katharertums vom Bogomilismus fehlen, konstruiert Lambert einen möglichen Zusammenhang durch Personen aus dem Westen, die in Konstantinopel mit der dualistischen Lehre in Berührung gekommen sein könnten; eine direkte bogomilische Missionstätigkeit in Frankreich oder Italien schließt er hingegen aus. Wenngleich es sich bei all dem nur um Vermutungen handelt und das Katharertum sich prinzipiell auch unabhängig vom Bogomilismus entwickelt haben könnte, ist Lamberts These sehr wohl plausibel. Immerhin zeigte sich in weiterer Folge, daß es enge Kontakte zwischen Katharern in Italien und Südfrankreich und Persönlichkeiten aus dem byzantinischen Reich gab: Die Byzantiner gründeten im Westen eigene ordines, also Kirchenorganisationen, die sie auch spirituell durch die entsprechenden Riten konstituierten. Lambert gibt einen guten Überblick über diese Verbindungen und die durch sie ausgelösten Spaltungen und Verwirrungen unter den Katharern; im wesentlichen entstanden Probleme immer aus der Frage, ob eine bestimmte Persönlichkeit gültig das reinigende consolamentum habe spenden können — geriet der Gründer eines ordo in Verdacht, selbst nicht zu den Vollkommenen im Sinn der katharischen Lehre zu gehören (was sich etwa an bestimmten Verfehlungen erkennen ließ), dann waren auch die von ihm verabreichten consolamenta ungültig. Trotz solcher Schwierigkeiten wuchs das Katharertum beständig an.
In der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts bereitete das Ausmaß der Häresie den Vertretern der Kirche größte Sorgen. Einzelne Territorialherren im Languedoc, die Trencavel, Vicomtes von Albi, Beziers und Carcassonne, und die Grafen von Foix, erlaubten bekannten Katharern, sich in ihrem Bereich breitzumachen, und Raimond VI., Graf von Toulouse, der 1194 die Herrschaft antrat, verfolgte eine Politik der Toleranz. Auch nicht wenige Angehörige des niederen Adels unterstützten Katharer. Von all den Faktoren, die Lambert für die Ausbreitung der Häresie im Süden verantwortlich macht, sind diese die handfestesten. Die anderen Gründe — pastorale Schwächen des ungebildeten Klerus, die Ausplünderung der Kirche durch einen frechen Adel, Antiklerikalismus — sind entweder nicht spezifisch für die Region oder lassen die Häresie nicht als naheliegende Folge erscheinen. Entscheidend scheint doch gewesen zu sein, daß in der Region ein auch andernorts vorhandenes Bedürfnis nach religiöser Erneuerung von oben nicht unterdrückt und zum Teil sogar mit Wohlwollen wahrgenommen wurde. Etwas anders war die Situation in Italien; Lambert macht hier die hohe räumliche Mobilität in der Gesellschaft mit der Folge einer Desintegration kirchlicher Strukturen, aber auch das »italienische« Thema der Armut, das für die Häresie hier höhere Bedeutung als in Frankreich hatte, verantwortlich.
Außer den Voraussetzungen der Entwicklung der Häresie bespricht Lambert auch die Lebensweise der Katharer, die typischen Verhaltensweisen der Katharermissionare und ähnliches. Dabei steht der französische Süden im Mittelpunkt, der nicht nur das wichtigste Ausbreitungsgebiet der Häresie ist, sondern auch über besonders gute Quellen für ihre Erforschung verfügt. Nicht zufällig ist mit Le Roy Laduries Montaillou ein historiographischer Klassiker auf Basis dieses Materials entstanden. Diese Quellen sind der planmäßigen Unterdrückung durch die Inquisition zu verdanken, die die Kirche im Lauf des 13. Jahrhunderts zu einem wirkungsvollen Instrument der Glaubenssicherung ausbaute. Lambert stellt diesen Vorgang dar, ausgehend von der Politik der Päpste ab Innozenz III., der mit dem Albigenserkreuzzug (siehe dazu gleich unten) ein großangelegtes Unternehmen mit dem Ziel einer Ausrottung der Ketzerei in Angriff nahm. Der Albigenserkreuzzug und seine territorialen Folgen im Languedoc sind selbstverständlich ebenfalls Thema des Bandes. Der Weg der Inquisition begann als Institution, die unter Innozenz eingerichtet wurde, um Prälaten, die Verfehlungen begangen hatten, zur Verantwortung zu ziehen. Erst unter Gregor IX., der nach dem Tod von Innozenz’ Nachfolger Honorius III. Papst wurde, begann die Ketzerverfolgungsbehörde ihr Werk im großen Stil — typisch, daß in der Person Gregors einer der Juristen auf dem Papstthron ein rechtsförmliches Instrument für die Regelung von Glaubensfragen zum Einsatz brachte. Lambert schildert die Arbeit der ersten Inquisitoren, Konrad von Marburg in Deutschland und Robert le Bougre in Frankreich, die Angst und Schrecken verbreiteten, phantastische Geständnisse produzierten und offensichtlich eine Vielzahl von Fehlurteilen herbeiführten. Die weltlichen Obrigkeiten waren in der Regel tatkräftige Mithelfer, eine Ausnahme bildeten die Konsuln von Toulouse, die in der traditionell stark katharischen Stadt die Arbeit des Inquisitors eher behinderten.
Im Languedoc blieben die Katharer trotz aller Bemühungen der Inquisition noch lange eine funktionierende Bewegung. Dank der Quellenlage kann Lambert die Situation ganz konkret auf unterster Ebene des Dorflebens beschreiben: Die verschiedenen Kategorien von Anhängern, die Wechselwirkung zwischen unterstützendem Milieu und wandernden »Vollkommenen«, die die zentralen Träger der Botschaft und des consolamentum waren, die Einzelheiten des Glaubens, die man im Süden anfraf. Ein traumatisches Ereignis für das Languedoc war der Fall der Katharerburg Montsegur, einer Burg, die über lange Zeit offen als Zufluchtstätte und spirituelles und soziales Zentrum der Häretiker gedient hatte. Die Begleitumstände des Falls von Montsegur im Jahr 1244, die dabei erfolgte Bekehrung einer größeren Zahl von Sympathisanten, die im Wissen, damit den Tod auf sich zu nehmen, sich ganz am Ende den Katharern anschlossen, haben dieses Ereignis zu einem der einprägsamsten in der Geschichte dieser Häresie gemacht.
In den letzten Teilen bespricht Lambert die Ausrottung der Häresie in den Jahrzehnten nach 1244. Das Katharertum überlebte im Untergrund noch bis weit ins 14. Jahrhundert, gegen Ende des 13. Jahrhunderts gab es sogar eine Renaissance mit den Gebrüdern Autier, die in der Grafschaft Foix eine rege Untergrundmission betrieben. Die Ausrottung der Ketzerei erforderte einen ungeheuren Aufwand mit der Einvernahme ganzer Dörfer durch den Inquisitor. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts wurde so die Häresie im Languedoc beseitigt. Das gebirgige Piemont blieb noch länger ein Zufluchtsort, um 1400 gab es aber auch dort keine Katharer mehr. Einige Jahrzehnte überlebte noch die dualistische Kirche in Bosnien, bis sie um 1460 eher sang- und klanglos erlosch.
Eine der interessantesten Fragen wird in diesem Band nicht näher diskutiert: Warum ging das Katharertum so vollständig unter? Warum überlebten keine Reste, die später, in Zeiten schwindender Kraft der Kirche, in neu gewonnenem Freiraum eine neuerliche Blüte hätten herbeiführen können? Andere Häresien wie die Waldenser haben länger überlebt. Lag es an der Komplexität der katharischen Gemeinschaft mit der schwierig auszufüllenden Rolle der »Vollkommenen«, die nur in einer größeren Gemeinschaft erfolgreich agieren konnten? Auffallend ist auch, daß in der großen Vielfalt der konfessionellen Ausdifferenzierung in der Neuzeit der Dualismus keine besondere Rolle spielte. Ähnlichkeiten des Katharertums mit neuzeitlichen Konfessionen, etwa mit den asketischen Zügen des Puritanismus oder mit dem Glauben der Hexenjäger an das Wirken des Satans, sind nur oberflächlicher Art und berühren die Substanz nicht — daß die physische Welt vom Satan geschaffen worden sei, hat man nach den Katharern nicht mehr geglaubt.
Dieses Buch ist eine exzellente Gesamtdarstellung eines der großen Themen der Religionsund Kirchengeschichte des Mittelalters. Mit seiner Verbindung aus Geistes-, politischer und Sozialgeschichte gibt es einen vorzüglichen Einblick in ein komplexes Geschehen — uneingeschränkt zu empfehlen.
Der Albigenserkreuzzug als eines der bekanntesten und wichtigsten Kapitel des Kampfes gegen die Katharer steht im Mittelpunkt eines Bandes des Dresdener Mediävisten Jörg Oberste.
Der Albigenserkreuzzug bereitete sich um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert vor und resultierte 1208/9 in einem Feldzug, der lange Jahre der Auseinandersetzungen eröffnete und die Geschichte des französischen Südens maßgeblich bestimmte. Immerhin wurde am Ende dieser Ereignisse aus der Grafschaft Toulouse, die sich zu einem eigenen okzitanischen Staat hätte entwickeln können, ein Teil der französischen Monarchie.
Der erste Höhepunkt des Kreuzzugs war die Einnahme von Beziers. Die Stadt fiel durch eine Ungeschicklichkeit der Belagerten sehr schnell, und das Kreuzzugsheer verübte ein ungeheures Gemetzel unter der Bevölkerung. Caesarius von Heisterbach berichtet, daß der Abt von Citeaux, Arnaud Amaury, der als päpstlicher Legat am Kreuzzug teilnahm, auf Anfrage gesagt habe: »bringt sie alle um«, denn, so in wörtlichem Paulus-Zitat, »der Herr kennt die Seinen«. Während Lambert diese Geschichte für möglicherweise wahr befindet, hält Oberste sie für erfunden — wenn das stimmt, ist sie immerhin gut erfunden.
Oberstes Buch liest sich flüssig, es ist eine richtig packende Ereignisgeschichte mit allerdings deutlich wertender Note. Der Autor konzentriert sich auf die politischen Aspekte, den schlichten Wunsch der Eroberer, sich Ländereien im Languedoc anzueignen, der mit der Absetzung Raimunds VI. als Graf von Toulouse und der Installierung Simons von Montfort zum vorläufigen Erfolg gelangte und im Versuch des französischen Königs, nach dem Tod Simons und dem Scheitern von dessen Nachfolgern selbst die Herrschaft über Toulouse zu erlangen, seine Fortsetzung fand. Mit der ehe- und erbvertraglichen Regelung zwischen Raimund VII. und dem König, die dem französischen Königtum die Grafschaft Toulouse verschaffte, endet der Band.
Zu diesen Vorgängen auf höchster Ebene, bei denen noch eine Reihe weiterer Protagonisten auftritt, kommt die Beschreibung der Stimmungen und Loyalitäten in der Bevölkerung. Hier wird einerseits die Rolle der Religion, andererseits aber auch die mindestens ebenso große Bedeutung der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Stellung der insbesondere städtischen Oberschicht deutlich. Da der Kreuzzug nicht bloß ein Feldzug zur Ausrottung der Ketzerei war, sondern das Kriegsziel auch ganz wesentlich in der Bereicherung der Teilnehmer bestand, beschränkte sich die Gefährdung der örtlichen Bevölkerung de facto nicht auf die Katharer, sodaß sich in der Verteidigung gegenüber den Eindringlingen vielfach katholische und katharische Bewohner verbanden
Als dritter Aspekt ist klarerweise die Rolle des Papstes und seiner vor Ort agierenden Vertreter bedeutsam. Abgesehen von der gewaltigen Macht, die der Kirche mit dem Mittel der Exkommunikation auch gegenüber einem Fürsten wie dem Grafen von Toulouse zur Verfügung stand, arbeitet Oberste in seinem Buch vor allem das taktische Geschick heraus, mit dem die päpstlichen Vertreter Raimund VI. zum stückweisen Nachgeben und nach der Exkommunikation zur zeitweiligen Versöhnung brachten, bis die kirchlichen Forderungen dem Grafen zuviel wurden und er zum zweiten Mal exkommuniziert wurde. Für den Verlauf des Feldzugs 1209/10 bedeutete das zwischenzeitliche Einlenken Raimunds VI. eine Erleichterung, und zum Zeitpunkt der zweiten Exkommunikation arbeitete der Abt von Citeaux bereits tatkräftig an der Spaltung der Bürgerschaft von Toulouse. Diese Abläufe werden hier recht gut verständlich und nicht allzu detailliert dargestellt.
Alles in allem ist dieser Albigenser-Band also eine gut geschriebene Darstellung dieses Kapitels der Katharerverfolgung.