Karolina Lanckorońska
Mut ist angeboren. Erinnerungen an den Krieg 1939—1945
Wien/Köln/ Weimar
Böhlau
2003
312 S.
€ 29,90
Rezensentin: Stefan Hofmann
Historicum, Herbst 2003, 38
Die polnische Kunsthistorikerin Karolina Lanckorońska wurde 1898 in der Nähe von Wien geboren. Ihr Vater war Oberhofmarschall am Hof in Wien, die Familie gehörte zu den bekannteren Familien im polnischen Adel. Das Interesse für Kunst entwickelte Karolina Lanckorońska schon zuhause in der Bildergalerie im Wiener Palais und in der Residenz in Galizien. Sie studierte in Wien bei Max Dvorak und Julius Schlosser, wurde dort 1926 promoviert und ging dann nach Rom. Nach dem Tod ihres Vaters übernahm sie eines der Güter in Galizien und ließ sich in Lemberg nieder, um dort weiter ihre wissenschaftliche Karriere zu verfolgen. 1936 wurde sie an der Jan-Kazimierz-Universität in Neuerer Kunstgeschichte habilitiert. Am 22. September 1939 marschierte die Rote Armee in Lemberg ein.
Ihre Erinnerungen an die Jahre 1939 bis 1945 hat Karolina Lanckoronska gleich nach dem Krieg geschrieben, aber jahrzehntelang nicht veröffentlicht. Im Alter von hundert Jahren entschloß sie sich zur redaktionellen Durchsicht und schließlich zur Veröffentlichung des Textes; die polnische Ausgabe erschien 2002. Kurz nach ihrem 104. Geburtstag starb die Autorin in Rom, wo sie die zweite Hälfte ihres Lebens als antikommunistische Exilantin verbracht und wo sie bis ins hohe Alter geforscht hatte.
Die Kriegsjahre waren für Karolina Lanckorońska eine Aneinanderreihung von höchst dramatischen Erlebnissen; sie wurde als politische Aktivistin von Sowjets und Deutschen verfolgt, überlebte nur knapp unter äußerst ungewöhnlichen Umständen und konnte auch nach Kriegsende nicht nach Polen zurückkehren. Bereits wenige Monate nach dem sowjetischen Einmarsch schloß sie sich einer Untergrundgruppe mit dem Namen Związek Walki Zbrojnej (Verband Bewaffneter Kämpfer) an, die militärisch organisiert war und dem Oberkommando in Frankreich unterstand. Die sowjetische Verwaltung entfaltete in dieser Zeit einen enormen Druck und deportierte Polen in großer Zahl; Karolina Lanckorońska konnte in dieser Phase wenig tun, im Frühjahr 1940 wurde sie an der Universität gekündigt und ging dann in den deutsch besetzten Teil Polens, um von dort nach Rom zu gelangen. Tatsächlich blieb sie aber zuerst in Krakau, wo sie sich im Roten Kreuz engagierte. Nach Beginn des deutschen Rußlandfeldzugs wurde sie mit der Betreuung sämtlicher Häftlinge im Generalgouvernement betraut. Diese Tätigkeit war hauptsächlich humanitärer Art: Die Gefängnisse waren in einem schauerlichen Zustand, die Ernährung erbärmlich. Karolina Lanckorońska bemühte sich um eine Verbesserung der Ernährung, wobei zwar das Ziel eine spezielle Betreuung der politischen Häftlinge war, tatsächlich aber alle Häftlinge betreut wurden, da die deutschen Behörden eine besondere Versorgung ihrer politischen Gegner nicht erlaubt hätten. Bei dieser Arbeit kam sie mit dem SS-Hauptsturmführer Hans Krüger in Berührung, der kurz davor die zu Geiseln genommene Oberschicht von Stanislau hatte ermorden lassen. Nach ihrer eigenen Verhaftung erfuhr sie von Krüger selbst, daß er außerdem auch noch 23 Professoren der Universität Lemberg umgebracht hatte.
Diese Mitteilung, die der SS-Offizier im Glauben an die eigene Unangreifbarkeit machte, war der Start für eine ungewöhnliche Häftlingskarriere einer Gegnerin des nationalsozialistischen Regimes. Nach einer Scheinendassung wurde Karolina Lanckorońska nämlich der Geheimen Staatspolizei in Lemberg überstellt und dort weiter in Haft behalten. Der verantwortliche Beamte in Lemberg war der Polizeikommissar Kutschmann, der nicht nur an Krügers Mordaktionen als Untergebener beteiligt, sondern auch Krügers Gegner war und der die Zeugenaussage der polnischen Gefangenen erlangen wollte, um seinen Kollegen vor Hitler und Himmler wegen der begangenen Taten zur Verantwortung zu ziehen. Dieser Teil der Geschichte wirkt äußerst seltsam — meinte Kutschmann ernsthaft, daß Krüger wegen der verübten Morde in Berlin Schwierigkeiten bekommen würde? Wie auch immer, in weiterer Folge bekam Krüger nicht deshalb Schwierigkeiten, weil er Morde begangen hatte, sondern weil er einer polnischen Widerständlerin davon erzählt hatte. Karolina Lanckorońska wurde zur Zeugenaussage nach Berlin und anschließend ins Konzentrationslager Ravensbrück gebracht. (Krüger wurde in den sechziger Jahren wegen der Morde in Stanislau zu lebenlanger Haft verurteilt, Kutschmann entkam nach Argentinien und blieb trotz aller Bemühungen Simon Wiesenthals, der sich des Falls annahm, praktisch unbehelligt).
In ihrer Haft wurde Karolina Lanckorońska zeitweise ganz anders behandelt, als man es von den Berichten anderer Verfolgter des nationalsozialistischen Regimes kennt. In der Gestapo-Haft bei Kutschmann bewohnte sie eine Zelle, die mit ordentlicher sauberer Bettwäsche ausgestattet war, und erhielt adäquate Ernährung und Bücher; sie bekam sogar Haftausgang. In Ravensbrück bereitete man für sie eine Zelle nach »Sonderhäftlings«-Standard vor, wieder mit ordentlicher Wäsche, mit SS-Verpflegung und Blumen, phasenweise auch mit einem täglichen Paradeiserdeputat. Der Grund dafür lag in einer entfernten Verbindung zur italienischen Königsfamilie, die bei Heinrich Himmler für die polnische Gräfin intervenierte, und im Engagement des Bruders Antoni Lanckoroński, der in dieser Zeit in der Schweiz war; auch Carl Burckhardt, der Präsident des Internationalen Roten Kreuzes, verwendete sich bei Emst Kaltenbrunner für die Lanckorońska. Himmler verfügte zwar nicht die Freilassung, wohl aber Hafterleichterung. Um aus der Einzelhaft in die Gemeinschaftshaft zu kommen, unternahm die Lanckorońska — vielleicht singulär in der Geschichte der Konzentrationslager — zwei Hungerstreiks, die auch Erfolg hatten, sodaß sie in der Folge im Prinzip mit den gleichen Lebensbedingungen wie andere Häftlinge konfrontiert war. Ihre Befreiung aus Ravensbrück im April 1945 und die anschließende Deportation in die Schweiz gingen ebenfalls auf eine Intervention Burckhardts zurück. Diese ausgesuchte Behandlung einer mehr oder weniger prominenten Gefangenen hebt die Geschichte von Karolina Lanckorońska markant von Erinnerungen anderer Häftlinge ab.
Eine ungewöhnliche, sehr interessante Geschichte. Manche Nebengeräusche stören. Mit einer gewissen Deutlichkeit charakterisiert die Autorin die Angehörigen der beteiligten Nationen ihren Besonderheiten nach. Polen sind edel und tapfer, Deutsche sind zackig und brutal (plündern aber dennoch), Russen sind kulturell gesehen der Abschaum (waschen sich in der Klomuschel die Haare). Ein paar Ausnahmen bestätigen die Regel — polnische Verräter, die man aber bald findet, und Kommissar Kutschmann, der hier der gute Deutsche ist. Auch wenn man berücksichtigt, daß die Erinnerungen kurz nach dem Krieg geschrieben wurden und die Autorin unter dem unmittelbaren Eindruck der Geschehnisse keinen Grund hatte, Deutsche oder Russen besonders hochzuschätzen, sind solche Klischees unerfreulich. Einer der wenigen interessanteren Fälle ist übrigens Krüger: vorgeschobenes Unterkiefer und Maul (Bulldogge?), was eigentlich nicht vorwerfbar ist; wichtiger: er spielt wundervoll Klavier, vor allem Beethoven, was man bei einem halbverrückten Massenmörder in SS-Uniform nicht erwartet, jedenfalls nicht als Selbstverständlichkeit und schon gar nicht bei einer solchen Physiognomie.
Trotz solcher Begleitmusik verdient der Band starkes Interesse, weil er das Geschehen aus einer ungewohnten Perspektive zeigt: Die polnische Sicht, geprägt von der doppelten Gegnerschaft gegen sowjetische und deutsche Unterdrücker, und die ungewöhnlichen persönlichen Umstände der Erzählerin ergeben ein fesselndes Bild von Verfolgung und Widerstand in den Jahren des Zweiten Weltkriegs.