Doris H. Lehmann
Historienmalerei in Wien. Anselm Feuerbach und Hans Makart im Spiegel zeitgenössischer Kritik
Köln
Böhlau
2011
527 S.
€ 64,90
Rezensentin: Doris Preindl
Historicum, Winter 2010/2011—Frühling 2011, 63—64
Die Arbeit ist die Druckfassung einer 2005 in Köln angenommenen Dissertation. Die Autorin vergleicht die beiden Maler Anselm Feuerbach und Hans Makart anhand von teilweise bislang unpubliziertem Archivmaterial, intensiver Auseinandersetzung und Analyse der zeitgenössischen Wiener Kunstkritik und Briefen sowie Bildanalysen. Dabei deckt sie viele Klischees auf, die nach dem Tod der Künstler entstanden und der Werthaltung der Nachwelt geschuldet sind. Die Ergebnisse der Arbeit charakterisieren Makart nicht mehr als »naiv schaffenden« Maler, sondern als einen zielstrebig arbeitenden und geschickt taktierenden Geschäftsmann. Ebenso schärft die Autorin anhand der Quellen den Blick auf das Moderne und Besondere im Spätwerk Feuerbachs und relativiert das zugeschriebe Stigma der Verfallskunst und Rückwertsgewandheit. Sie untersucht die Konkurrenz der beiden Künstler, ihre Selbststilisierung und -vermarktung. Auch die Auswirkungen der Weltausstellung und des Börsenkrachs auf die Auftragssituation werden analysiert.
Im Quellenstudium gelingt der Autorin eine Revision des Forschungsstandes, indem Makarts Modelle für sein Bild Einzug Karl V. in Antwerpen identifiziert werden. Zahlreiche Überlieferungen (Zeitungskritiken, Karikaturen, Erinnerungen) und Anspielungen von Zeitgenossen nennen die Dargestellten. Die Autorin sammelt die von den Zeitgenossen genannten weiblichen Namen, überprüft sie und kombiniert sie mit bildlichen Darstellungen (Portraits von Makart, Photographien, Karikaturen). Sie erstellt Kurzbiographien der dargestellten Damen und untersucht die Beziehung zu Makart. Die elf verifizierten Damen gehören überwiegend den wohlhabenden und einflußreichen (teilweise hochadeligen) Familien an, gehören zu seinen Kunden. Die Untersuchung der männlichen Dargestellten ist noch ein Forschungsdesiderat.
Die Quellen bestätigen die Annahme, daß seit der Berufung Makarts und Feuerbachs nach Wien beide hofften, bei Ringstaßenaufträgen berücksichtigt zu werden. Sie unterstrichen diesen Anspruch, indem sie sich ihren eigenen Anforderungen gemäß und bisweilen in bewußtem Gegensatz zueinander stilisierten und sich innerhalb der Wiener Kunstszene profilierten. Sie verbildlichten ihre Kunstanschauungen in ihren Gemälden; dies wird werkimmanent nachgewiesen und für Feuerbach auch durch seine Briefe an seine Stiefmutter Henriette dokumentiert. Für Makart bestätigt sich dieses Vorgehen zudem aus der Untersuchung seiner Selbstdarstellung, seiner Arbeitsweise, die strategischen Image- und Stilwandel einschloß, seiner Ausstellungspraxis und den Äußerungen seiner Zeitgenossen.
Der Historismus ist eine Zeit des Stilpluralismus, die engen Gattungsgrenzen werden aufgeweicht und neu definiert. Die Differenzierungen zwischen den einzelnen Formen von Historienmalerei und den ihnen angemessenen Arbeitsfeldern werden vom Staat ebenso konsequent vorgenommen wie von Feuerbach. In Wien war das Gemälde Einzug Karl V. in Antwerpen wegen der Themenwahl, der unhistorischen Umsetzung, des Kolorits und der Zeichnung umstritten. Erst die internationale Ehrung des Bildes auf der Pariser Weltausstellung 1878 mit der Medaille d’Honneur wegen seiner neuen innovativen Vorstellung von Historienmalerei stärkte Makarts Stellung als Historienmaler. Makarts als »dekorativ« und »sinnleer« bezeichnete Malerei wurde erst durch Feuerbachs Rückzug aus der Wiener Kunstszene und mit dessen Tod 1880 vom Staat anerkannt, und Makart wurde Feuerbachs Nachfolger. Allerdings entwickelte Makart seine Malweise weiter, er arbeitete zeichnerischer und dämpfte sein berühmtes Kolorit.
Die Werke beider Künstler wurzeln in umfangreichem Bildwissen und Formenschatz. Sie verstießen systematisch gegen ästhetische und kunsttheoretische Prinzipien. Ihre Arbeiten wurden als moderne und bedeutende Arbeiten von den Zeitgenossen erkannt, ebenso ihre malerischen Fähigkeiten. Die Werke beider wurden in der zeitgenössischen Gesellschaft heftig diskutiert und teilweise sehr emotional rezipiert. Dies erhält sich in der nachfolgenden Rezeption der Werke, die oft mehr bestehende Klischees wiederholte, als sich wirklich mit den Quellen und Werken auseinanderzusetzen.
Außer der Abhandlung bietet das Buch im hundertseitigen Dokumentationsteil die spannende Begegnung mit den zeitgenössischen Zeitungskritiken im vollen Text und den satirischen Zeichnungen über Makart und Feuerbach. Dadurch kann sich der Leser ein Bild von der heftigen Auseinandersetzung in den damaligen Medien machen. Der umfangreiche Bildteil zeigt fast alle besprochenen oder erwähnten Bilder. Das Buch ist nicht nur für den Kunsthistoriker interessant, sondern für jeden, der sich mit der Wiener Kunstszene im Historismus auseinandersetzten will.