Hartmut Leppin, Bernd Scheidmüller und Stefan Weinfurter (Hg.)

Kaisertum im ersten Jahrtausend

 

Regensburg
Schnell + Steiner
2011
424 S., 91 SW- u. 11 Farbabb.
€ 34,95

 

Rezensentin: Doris Preindl

Historicum, Winter 2010/2011—Frühling 2011, 62

 

 

 

 

2012 ist der 1100. Geburtstag Otto des Großen und die 950. Wiederkehr seiner Kaiserkrönung. Das Kulturhistorische Museum Magdeburg veranstaltet dazu von 27. August bis 9. Dezember 2012 eine Ausstellung über das Kaisertum im ersten Jahrtausend mit dem Titel Otto der Große und das Römische Reich, Kaisertum von der Antike zum Mittelalter. Dazu fand ein wissenschaftliches Symposion statt, das in einem Tagungsband publiziert wurde.

Vorgegeben wurden folgende sechs Leitthemen und Leitfragen:

  • Kaisertum als gesteigerte Königsherrschaft: Wie gelang die qualitative und quantitative Differenzierung?
  • Einheit des Kaisertums und Vielfalt monarchischer Herrschaften: Wie hielten Zeitgenossen dieses Spannungsverhältnis aus, und welche Erklärungsmodelle eröffnen sich für die Beschreibung des Politischen in vergangenen Zeiten?
  • Kaisertum und religiöse Transzendenz: Welche Bedeutung und welchen Wandel durchlief die sakrale Begründung von Herrschaft, und welche Aufgaben übten Kaiser als Mittler zwischen den Menschen und Gott aus?
  • Kaisertum im Spannungsfeld von imperialer Theorie und politischer Pragmatik: In welchem Wechselverhältnis entstand und veränderte sich das Denken vom Imperium?
  • Kaisertum als Weltherrschaft: Wie verbanden sich Kaisertum und Weltdeutung mit Kaisertum und Repräsentation?
  • Innen und außen: Wie gestaltete sich das Verhältnis des Kaiserreichs zu seinen Nachbarn und zur Deutung der einen Welt?

Diese Fragen fokussieren die Entstehungsgeschichte des Kaisertums ausgehend vom augusteischen Prinzipat bis zur Wiederbegründung des weströmischen Kaisertums auf karolingischen Fundamenten durch Otto den Großen 962. Was verstand man unter Kaiser zu den verschiedenen Zeiten und Kulturen? Die Fragen werden für die Antike an die Römer und Perser gestellt, dann für Byzanz und die arabische Welt (Kalifate) sowie für China. Dabei werden die Strukturen und Mechanismen der einzelnen »Kaiserbegriffe« herausgearbeitet. Das Selbst- und Fremdbild der einzelnen Kaiserreiche wird an Hand von schriftlichen und bildlichen Quellen rekonstruiert.

Das Kaisertum steht in der Spannung zwischen virtueller Weltkonstruktion und realer Macht, Sakralität und Repräsentation sowie der Stellung des Kaisers zum Recht. Die Vorstellung eines »Imperium sine fine« wie bei Vergil in Aeneis 1,279 beschreibt den römischen Traum, der von einer Friedensherrschaft unter römischen Wertevorstellungen und Kultur der »ganzen Welt« ausgeht. Dabei ist die Verwendung des Begriffes Kaisertum für Augustus und die ersten zwei Jahrhunderte in der Alten Geschichte eher unüblich, man spricht vom Prinzipat, um es vom spätantiken Kaisertum abzuheben. Der antike heidnische Kaiser hatte eine numinose Größe. Dies änderte sich durch die Christianisierung ab Konstantin den Großen. Zuerst wurden die Polisreligionen zurückgedrängt. Mit dem Christentum konnte der Kaiser kein Moderator zwischen Menschen und Gott mehr sein, im Gegenteil, der christliche Kaiser mußte sich vor hohen Vertreten des Christentums selbst rechtfertigen. Er wurde der Pflicht unterworfen, den richtigen Glauben herzustellen, zu schützen und zu verbreiten, kontrolliert durch christliche hohe Religionsvertreter. Neu war die Tugend der humilitas für den Kaiser, dafür werden Bezeichnungen der Herrschertitulatur wie zum Beispiel Soter auf Christus übertragen.

Der Begriff Kaiser ändert sich nochmals im Mittelalter. Bei der Wiedererrichtung des westlichen Kaisertums unter Karl den Großen und Otto den Großen entstand die enge Verknüpfung antiker Vorbilder mit dem Christentum als einheitstiftende Idee und Kraft, die imperiale Aufgabe der Missionierung der heidnischen Völker und der imperiale Superioritätsanspruch gegenüber angrenzenden Völkern und Reichen. Aber gleichzeitig beschränkten sich Byzanz und das westliche Kaiserreich auf eine Gleichrangigkeit. Der universale Anspruch wurde in der Theorie weiter formuliert, aber nur durch die römische Kirche vertreten.

Im Frühmittelalter wird ein Kaiser zum Unterschied von Königen wie folgt definiert: »König ist, wer über ein Volk herrscht, und Kaiser, wer über die ganze Welt herrscht oder in ihr den Vorrang einnimmt.« In der Realität war die Abgrenzung zwischen Kaisertum und Großkönigtum schwer, und die Aufgaben und Selbstdarstellung überschnitten sich.

In den verschiedenen Aufsätzen werden die Themen sehr prägnant abgehandelt und diskutiert.