Günther Lorenz

Antike Krankenbehandlung in historisch-vergleichender Sicht. Studien zum konkret-anschaulichen Denken

 

Innsbruck
1986

 

Habilitationsschrift, Universität Innsbruck

 

Rezensent: Karl Rosei

Historicum, Winter 1988/1989, 6—8

»Studien zum konkret-anschaulichen Denken« (so der Untertitel) hat der Innsbrucker Dozent Günther Lorenz vorgelegt. Das »konkret-anschauliche Denken« (im Gegensatz etwa zu animistischen oder sonstwie abstrakten Vorstellungen) findet dann auch im Text häufige Erwähnung; worin es besteht, ist bei aller intuitiver Einsichtigkeit jedoch schwer festzulegen, und auch der Autor tut sich nicht gar so leicht mit der Handhabung seines Lieblingsbegriffs. Und so behilft er sich in seiner Zwischenbetrachtung (S. 193—206) mit dem Verweis auf Beispiele, die an Konkretheit nichts zu wünschen übrig lassen: z. B. auf das Knöchelchen, das eine Krankheit verursacht haben soll und das der Medizinmann aus dem Körper des Patienten herausholt. Andererseits wird als Fall von abstrakt-unanschaulichem Denken die Beobachtung der krankheitsverursachenden Rolle von Mikroorganismen (S. 196) genannt — ich dagegen finde die Tierchen recht konkret.

Auch sonst sind die Ausführungen zu diesem Punkt wenig ergiebig: »Freilich, die eigentlich beabsichtigte Wirkung werden konkret-anschauliche mechanistische Maßnahmen in der Regel ebensowenig erzielen wie irgendwelche Beschwörungen, ja, anders als diese, können sie sogar Schaden stiften. Ein grober Aderlaß etwa oder eine massive Purgierung kann bei geschwächten Patienten sogar zum Tode führen. Durch Einschränkung, Milderung oder Variationen in der Anwendung kann jedoch dieser Schaden reduziert, gelegentlich sogar wirklich Nutzen gestiftet werden« (S. 200) — nun, das kennen wir ja alles aus der heutigen Medizin …

»Der Begriff des konkret-anschaulichen Denkens […] bezeichnet eine spontane Reaktions- und Denkweise vor-empirischen Ursprungs, die sich ebenfalls bei Kindern beobachten läßt, die jedoch auch empirisch-rationaler Modifikation unterworfen ist. Der Terminus bezeichnet zudem die Ausgangsbasis, die den Nährboden für eine religiös-magische Weltanschauung bilden kann, aber auch unabhängig von ihr beziehungsweise auch unter aufklärerischen Einflüssen als Disposition zu spontanem Denken und Handeln fortbesteht« (S. 205—206). Es ist also so gut wie alles möglich. In der Praxis und letzten Endes läuft es darauf hinaus, daß Lorenz die Fälle, in denen die Patienten mit dem Messer, dem Brenneisen oder bestimmten Drogen traktiert werden, dem konkret-anschaulichen Denken zuordnet, »denn diese Art der Krankenbehandlung setzt es sich zum Ziele, krankmachende Stoffe durch Klinge, Feuer [Fn.] oder Pharmaka zu beseitigen« (S. 203).

Brennen und Schneiden, hautreizende und purgierende Mittel — um nun das mäßig verwendbare »konkret-anschauliche Denken« endlich ad acta zu legen — in der medizinischen Praxis verschiedener Zeiten und Kulturen sind der Hauptgegenstand des Werks. Anhand ihrer Verbreitung sollen die vorhippokratische Medizin der Griechen und das Fortbestehen ihrer Eigenarten in den hippokratischen Methoden untersucht und eingeordnet werden. Die Art, wie die »Antike Krankenbehandlung in historisch-vergleichender Sicht« (Titel) untersucht wird, stellt eine Eigenheit der Arbeit (bzw. der Tradition des Innsbrucker Instituts) dar und ist in der hier vorgelegten Form doch einigermaßen fragwürdig.

Die »historisch-vergleichende Sicht« ist der Gegenstand der ersten Hälfte der Arbeit. Es geht dabei um die Frage, ob in der vorhippokratischen griechischen Medizin das Brennen der Haut von Patienten oder die Verwendung des Messers in der Behandlung (ohne daß dabei an Operationen im heutigen Sinn zu denken ist) nur in der Wundbehandlung oder auch in der inneren Medizin zur Anwendung kamen. Die Quellenlage ist sehr schlecht, Lorenz zieht lediglich Schlüsse aus Stellen bei Platon, Pindar, Aischylos, Euripides. Für die zweite Frage — Behandlung mit Pharmaka — gibt es nur Stellen bei Homer, die auf den auch sonst bekannten Konsum von Rauschgift hinweisen, also auf eine nichtmedizinische Verwendung von Drogen. Die Belege zum Brennen und Schneiden spiegeln mithin, wie Lorenz (S. 49) zutreffend bemerkt, nur die Vorstellungen der Autoren des 5. bzw. 4. Jahrhunderts über die vergangene Zeit wider. Einen Ausweg aus dem Mangel an Quellen sucht Lorenz eben im Vergleich mit den anderen Kulturen.

Er wählt dafür sechs Beispiele aus: Rezente Primitive, altorientalische Hochkulturen, Alt-Indien, Alt-China, altamerikanische Hochkulturen. Es werden dabei die genannten Verfahren und die Begründungen untersucht, die von den Anwendern angegeben werden. Der Verzicht auf die hippokratische, die römische, die islamische und die mittelalterliche und neuzeitliche europäische Medizin wird von Lorenz damit gerechtfertigt, daß deren Annahmen »nicht ohne weiteres Klarheit über die traditionelle Medizin« bringen könnten (S. 86), was aber an sich für jede denkbare Kultur gilt. Mit einem Wort: die Auswahl ist zufällig.

Das macht aber wahrscheinlich nichts. Denn die Untersuchung wird folgendermaßen vorgenommen (vgl. S. 87—88): Es werden für die Therapien und die vorgelegten Begründungen Parallelen zwischen den Kulturen gesucht; sofern es solche gibt und sofern das noch dazu häufig der Fall ist und wenn die Kulturen in den Parallelfällen gleichmäßig vertreten sind, soll das Ergebnis auf die quellenmäßig unterversorgte frühgriechische Kultur einfach übertragen werden. Weiters soll dann wegen der allgemeinen Gleichförmigkeit die Frage allfälliger Übernahmen von Verfahren bzw. Motivationen zwischen den Kulturen in den Hintergrund treten.

Das Ergebnis der Darstellung der medizinischen Traditionen in den einzelnen Kulturen selbst ist ziemlich eindeutig. Lorenz stellt eine Fülle von Belegen vor, zuerst zum Brennen und Schneiden, dann zu den Vomitiven und Purgativen. Es ist klar, daß bei den ausgewählten Gesellschaften auf die vorhandene Literatur zurückzugreifen war und daher die Verdienste Lorenz' in diesem Teil hauptsächlich kompilativer Natur sind - bei vergleichenden Studien eines Einzelforschers wohl unvermeidlich. Wenn es sich auch um ein eingeschränktes Thema handelt, sollen doch diese Breite und der zeitlich und geographisch relativ große Horizont nicht ungewürdigt bleiben - Gerechtigkeit muß sein.

Es ergeben sich also beim Vergleich tatsächlich Parallelen in der oben beschriebenen Form. »Ins Chronologische gewendet, kann das nur heißen, daß es sich um uraltes, nur langsam abgewandeltes, Menschheitserbe handelt« (S. 182). Daher sei diese Therapie auch für die altgriechische Medizin anzunehmen. »Versuche, die solcherart rekonstruierten Grundideen und Methoden konservativer altgriechischer Medizin auf Einflüsse aus Nachbarkulturen zurückzuführen, […] erübrigen sich. Dazu ist die damit umrissene Art von Krankenbehandlung eben viel zu einfach, häufig und einheitlich in der Welt verbreitet« (S. 184).

Als Kommentator zu diesen Äußerungen soll am besten Lorenz selbst zu Wort kommen: »Der konsequent durchgeführte interkulturelle Vergleich nimmt zwar dem einen oder anderen antiken Gedanken den Schmelz der Einmaligkeit, welche die Verehrung, die der hellenischen Kultur zu Recht gezollt wird, gerne allen ihren Äußerungen zusprechen möchte.
Andererseits macht er es aber möglich, das Besondere, Außergewöhnliche, Einmalige an bestimmten Verhaltens- und Denkweisen nicht gefühlsmäßig zu postulieren, sondern seinen Rang evident zu machen«
 (S. 419).

Lorenz will also alles auf einmal: Er füllt Lücken mittels historischen Vergleichs und möchte gleichzeitig wissen, wieso sich die Interpolationen von anderen Fällen unterscheiden. Das ist eben eine gewisse Schwäche der Lückenfüllung: sie vermutet Gleichheiten; aus anderen Bereichen kennt man aber auch das ebenso interessante Phänomen der historischen Besonderheit.

Wie Lorenz mit dieser umgeht — denn so völlig gleich sind ja die medizingeschichtlichen Entwicklungen in den verschiedenen Gesellschaften auch wieder nicht —, zeigen die Ausführungen zu den Asmat auf Neuguinea, »die […] mit den Brandmarken, die sie auf schmerzende Körperstellen setzen, der umherirrenden Seele des Patienten gewissermaßen Orientierungszeichen anbieten wollen, die ihr die Rückkehr ermöglichen. Diese Begründung wirkt umständlich und weit hergeholt; zudem steht sie innerhalb unseres Materials ganz vereinzelt da — so liegt der Schluß nahe, daß sie sekundär ist, also einem überkommenen Verhalten einen neuen Sinn geben will. Und zwar wird die Behandlung mit dem Glimmstengel solcherart wohl in die animistische Vorstellungswelt eingebaut, die diese Papuas auch sonst sehr stark beschäftigt« (S. 151—152). Und zu China: »Dort konkurriert die Idee, man könne schädliche Faktoren aus dem Körper herauslassen oder sie durch Feuersglut vernichten, mit anderen Auffassungen, wonach Nadeln oder Moxen den Strom des Pneumas oder der Energie ch'i in den Meridianen verteilen, aufhalten oder anregen können. Diese Lehren bilden ein überaus kompliziertes System und sind zudem spezifisch für die chinesische Kultur (und ihre Tochterkulturen) - auch sie dürften daher als sekundär gelten, als modifizierende Umdeutung uralten Erbes. Im übrigen lebt ja daneben die primäre Motivation des ›Schneidens und Brennens‹ auch in der Akupunktur deutlich fort« (S. 152—153).

Es werden also die Vorstellungen, die nicht in das Bild vom »alten Menschheitserbe« (eine Art Faktotum für alle Unerklärlichkeiten) (vgl. a. S. 264) passen, weil sie besondere Entwicklungen einzelner Kulturen darstellen, für sekundär erklärt — ganz abgesehen vom Geschmacksurteil, dem die »umständlichen« Erklärungen zum Opfer fallen. Auf diese Weise bleibt die Einheitlichkeit gewahrt, und nach den Regeln der Kunst können nun Überlieferungslücken gefüllt werden. Dabei muß ich zugeben, daß es mir zwar nicht zwingend, aber auch nicht gar so unwahrscheinlich erscheint, daß die vorhippokratischen (und auch noch die späteren) Griechen sich der Methoden des Brenneisens und des Messers, der Vomitive und Purgiermittel bedient haben. Ich kann es mir sogar ganz gut vorstellen. Aber nicht wegen der chinesischen Gewohnheiten und auch nicht trotz ihnen. Aus den chinesischen Gewohnheiten und denen anderer Kulturen kann nämlich überhaupt nicht auf Griechenland geschlossen werden, da das Beispiel Chinas oder der Asmat zeigt, daß es auch in anderen Fällen Sonderentwicklungen in der Medizin gibt; überdies geht Griechenland auch in manchen anderen Bereichen eigene Wege - warum nicht auch in der Medizin? Wir wissen eben schlicht und einfach nichts darüber.

Nichtsdestoweniger ist der historische Vergleich nicht uninteressant. Er zeigt, was auch Lorenz in der zitierten Stelle erwähnt, Eigenarten und Sonderentwicklungen von Gesellschaften bzw. ihre Ähnlichkeiten mit anderen Gesellschaften; die Erkenntnisse, die der Vergleich bieten kann, sind also für die Geschichtsschreibung wertvoll, weil sie die Einschätzung von Entwicklungen in Gesellschaften differenzieren können und wohl auch dem Historiker durch seine Bekanntschaft mit verschiedenen Gegebenheiten neue Fragestellungen eröffnen. All das ist aber nur möglich, wenn die Verhältnisse in den verschiedenen Gesellschaften aus den vorhandenen Quellen adäquat erschlossen werden können. Der historische Vergleich soll also nicht so überfordert werden, wie es Lorenz in seinen abschließenden Fragen tut: »Was hat die Entwicklung gerade in Griechenland, Indien und China unter gewissen Aspekten in ähnlichen Bahnen vorangetrieben; welche Kräfte schufen demgegenüber das jeweils Besondere?
Neue Fragen - sie sind vielleicht die beste Frucht des interkulturellen Vergleichs«
 (S. 419—420) — hier irrt Lorenz: Nach seiner Arbeit können diese Fragen gar nicht mehr beantwortet werden.

Ich will ihm auch zugeben, daß es vor dem Hintergrund dieser Arbeit müßig ist, nach Abhängigkeiten und Einflüssen zwischen den verschiedenen Kulturen zu fragen (S. 418); dies aber deshalb, weil das Ergebnis nur in jeder Hinsicht spekulativ ausfallen muß, und nicht, weil ein diffuses und nicht näher erklärbares »altes Menschheitserbe« zur Debatte steht. Übrigens macht sich der Autor zum Schluß doch noch daran, die Frage zu beantworten: »Die praktische komparatistische Arbeit hat im übrigen gezeigt, daß es für Parallelen zwischen den alten Hochkulturen neben der diffusionistischen noch zwei weitere Erklärungen gibt: Herkunft einer Verhaltens- oder Denkweise aus dem Erbe der Vor- und Frühgeschichte (was nichts mit ethnischer Verwandtschaft zu tun hat!) oder unabhängige, parallele Entwicklung innerhalb der Hochkulturen. Die zuletzt genannte Lösung bietet sich wohl im Hinblick auf Ideen griechischer Ärzte an, die durch gewisse Ähnlichkeiten mit indischen und/oder chinesischen Konzepten auffallen, ohne jedoch identische Gedankenkomplexe zu bilden« (S. 418—419).

Bei all dem scheint mir auch die Art recht wagemutig, wie Lorenz die große Entwicklungslinie zieht: Ein eigener Teil ist der Rationalisierung in der antiken Medizin gewidmet; nach seinen eigenen Kriterien für Rationalisierung (klare Begriffsbildung, Systembildung, empirische Überprüfung und Kritisierbarkeit) behauptet er für die hippokratische Sammlung rationalisierende Grundzüge und (S. 387) dabei Fortschritte gegenüber der älteren Medizin.

Dieser Abschnitt über die Rationalisierung steht im zweiten Teil der Arbeit, in dem die »entwickelte Praxis« der Antike untersucht wird; im Mittelpunkt stehen dabei die genannten Therapiemethoden sowie, detaillierter, eine Reihe von einzelnen Mitteln, die entweder hautreizenden oder ekelerregenden Charakters sind und die eine prominente Rolle spielten. Auch hier kann ich zu den einzelnen Beobachtungen keine abfälligen Bemerkungen anbringen, obwohl Lorenz auch bei diesem Gegenstand nicht der erste Bearbeiter ist. Gleiches gilt natürlich für die Darstellung der »entwickelten hippokratischen Theorien« (physiologische und pathologische Theorien; Flüssigkeiten, Wirkung von Temperatur, Umweltwirkung, Diätetik).

Bei einer zusammenfassenden Kritik bleibt doch ein zweideutiges Ergebnis: Nach meinem Eindruck wird hier ein Teil der antiken Medizin zwar recht umfassend und dabei genau dargestellt, doch sind die einzelnen Beobachtungen zumindest zu einem beträchtlichen Teil schon einmal gemacht worden. Das Neue soll wohl nach Intention des Autors in der gewählten Methode für die Erforschung der älteren Geschichte liegen — im historischen Vergleich, der meiner Meinung nach in der Arbeit überfordert wird. Hier hätte sich Lorenz seines Ergebnisses etwas weniger gewiß sein sollen. Und dann soll das Neue wohl auch in der Einordnung der antiken Medizin in das »konkret-anschauliche Denken« liegen — ein Begriff, dem zwar nicht jede Verwendbarkeit abgeht, der aber letztendlich doch zu schwammig ist, um das ganze Werk darauf abzustützen.