Franz Mathis

Unter den Reichsten der Welt — Verdienst oder Zufall? Österreichs Wirtschaft vom Mittelalter bis heute

 

Innsbruck, Wien, Bozen
StudienVerlag
2007
136 S.
€ 16,90  

 

Rezensent: Felix Butschek

Historicum, Sommer 2006, 38—39

 

 

 

 

Franz Mathis, Ordinarius für Wirtschaftsgeschichte an der Universität Innsbruck, geht in seiner Studie den Gründen nach, welche dazu geführt hätten, daß Österreich heute zu den reichsten Staaten der Welt zählt. Er fühlt sich zu dieser Arbeit dadurch veranlaßt, daß, wie er sagt, zwar eine Fülle von umfangreichen Untersuchungen über die österreichische Wirtschaftsgeschichte existieren, die jedoch allesamt eher beschreibenden und weniger analytischen Charakter trügen. Als Beispiel nennt er die monumentale Arbeit Sandgrubers Ökonomie und Politik (Wien 1995). Darin sei der Autor nur zyklischen und nicht längerfristigen Problemen nachgegangen.

Freilich fragt sich, ob Mathis dem Autor hier gerecht wird, denn allein aus dem Umstand, daß Konjunkturzyklen ein Phänomen sind, das erst seit der Industrialisierung auftritt, läßt sich schließen, daß Sandgruber für die Zeit davor andere Entwicklungsphasen untersucht haben muß. Das sieht zwar auch Mathis, ist aber offenbar der Meinung, daß die spezifischen Elemente der österreichischen Wirtschaftsentwicklung nicht ausreichend herausgearbeitet worden wären.

Wie immer dem sei, der Autor vertritt die Auffassung, daß für die langfristige ökonomische Entwicklung des heutigen Bundesgebietes zwei Perioden maßgebend gewesen seien. Das Mittelalter habe die Grundlagen geschaffen, die auslösenden Bedingungen hätten sich im 19. und 20. Jahrhundert entwickelt.

Um den ersten Aspekt klären zu können, setzt sich Mathis grundsätzlich mit den Erklärungen der mittelalterlichen Wirtschaftsentwicklung auseinander, die er als unzulänglich einschätzt. In diesem Zusammenhang kritisiert er auch Max Webers Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus, weil schon lange vor der Reformation protokapitalistische Verhaltensweisen von den großen Handelshäusern an den Tag gelegt worden seien. Damit hat er zweifellos recht, doch die These Webers, in ihrer ursprünglichen Form, wird heute ohnehin von kaum jemandem vertreten. Er nennt in der Folge noch eine Reihe von Faktoren, welche die mittelalterliche Wirtschaftsentwicklung beeinflußt haben könnten, freilich ohne eine konsistente Hypothese zu konzipieren.

Das wäre aber auch gar nicht notwendig, weil die Prozesse, welche zur Industriellen Revolution führten, ja weitgehend geklärt sind. Hier sei nur auf die wichtigsten Arbeiten verwiesen, wie E. L. Jones, The European Miracle (Cambridge 1981), D. C. North, Theorie des Institutionellen Wandels (Tübingen 1988) oder D. S. Landes, The Wealth and Poverty of Nations ( New York/London 1999). Auch der Autor dieser Zeilen hat sich bemüht, eine konsistente Darstellung dieses Prozesses zu präsentieren, Europa und die Industrielle Revolution (Wien/Köln/Weimar 2002).

Diese Entwicklung läßt sich in kurzem etwa derart zusammenfassen, daß sich in Europa seit der Antike eine spezifische Institutionen-, also Regelstruktur herausbildete, die am Vorabend der Industriellen Revolution durch folgende Merkmale charakterisiert war: die hohe Bewertung der — physischen — Arbeit; den individualistischen, verantwortungsbereiten, initiativen, selbstreflektierten europäischen Menschentyp; die technisch-wissenschaftliche Ausprägung seines Denkens, die sich in der Existenz einer Scientific Community niederschlug; durch den Rechtsstaat sowie die Einkommensmaximierung infolge permanenter Neukombination der Produktionsfaktoren unter Einsatz des technischen Fortschritts. Es war diese »Governance Structure«, welche die Voraussetzung für die Industrielle Revolution darstellte.

Und aus dem Gesagten geht hervor, daß die Industrielle Revolution ein rein europäisches Phänomen repräsentiert. Zwar enthielt die japanische Wirtschaftsentwicklung, auf die sich Mathis als Parallelfall bezieht, manche Elemente, welche den europäischen Gegebenheiten ähnelten, sodaß Landes meint, Japan wäre das einzige Land gewesen, in dem man sich einen autonomen Industrialisierungsprozeß hätte vorstellen können. Faktisch aber setzte die Meiji-Restauration 1868 eine Entwicklung in Gang, in welcher bewußt die europäische Institutionenstruktur übernommen wurde. Japan repräsentierte den ersten Fall des »catching-up« zum europäischen Einkommensniveau.

In der Folge beschreibt Mathis den ökonomischen Fortgang des Bundesgebietes vom frühen Mittelalter bis zum Barock auf Basis der Arbeiten von Tremel, Bruckmüller und Sandgruber. Im Laufe dieser Präsentation stellt er wiederholt die Frage, ob der Ablauf der Geschehnisse jeweils einem »Verdienst« oder dem »Zufall« zuzuschreiben wäre. Nicht überraschend kommt er fast stets zu dem Ergebnis, letzteres treffe zu.

Gerade im Lichte des zuvor Gesagten kann man natürlich darüber debattieren, ob der Ausdruck Zufall zur Analyse dieser Veränderungen angemessen sei. Diese repräsentieren ja das Resultat aus dem Wandel vieler Elemente, wie politischen und konfessionellen Interventionen, der Marktsituation, der Institutionenstruktur, des einsetzenden technisch-organisatorischen Fortschritts zu einem dynamischen Prozeß. Der Autor weist selbst immer wieder auf Veränderungen hin, welche die Entwicklung in Richtung auf die Industrielle Revolution vorantreiben. Vielleicht hätte es genügt, auf allfällige wirtschaftspolitische Maßnahmen hinzuweisen.

Sicherlich bewegte sich die österreichische Entwicklung durchaus im Rahmen der gesamteuropäischen, freilich mit gewissen Abweichungen. Als positiv mag man den Umfang und das technische Niveau der Eisengewinnung und -verarbeitung hervorheben, negativ etwa das von Mathis betonte Fehlen der kommerziell hoch entwickelten Reichsstädte mit ihren kompetenten Handelsherren.

Das letzte Kapitel beschreibt schließlich den Weg Österreichs in die urbane Industriegesellschaft bis zur Gegenwart. Darin greift der Autor stärker auf eigene Arbeiten zurück — wiewohl dieses Thema in der Literatur natürlich gleichfalls schon ausführlich behandelt wurde. Auch hier steht der »Zufall« im Vordergrund, wenngleich das »Verdienst« jetzt eine größere Rolle spielt, wie etwa durch die Investitionspolitik der Bundesregierung nach 1945 oder durch die »Sozialpartnerschaft«.

So gelangt der Autor abschließend, wie schon im Text erkennbar, zu dem Ergebnis, daß die österreichische Wirtschaftentwicklung im wesentlichen »Zufällen« zuzuschreiben war, oder mit den Worten des Autors: »Die Entwicklung Österreichs zu einer mehrheitlich wohlhabenden Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft und zu einem der reichsten Länder der Welt ist daher letztlich — und insbesondere im Vergleich zu anderen Ländern — nur zum eindeutig kleinen Teil als Verdienst zu bezeichnen, zum wesentlich größeren Teil dagegen dem Zufall zuzuschreiben und zu verdanken« (125).

Natürlich stellt sich der Leser zuletzt die Frage, ob Mathis seinem ambitionierten Ziel, die spezifische Entwicklung der österreichischen Wirtschaft und deren Determinanten herauszuarbeiten, gerecht geworden ist. Manche Fragen bleiben sicherlich ungeklärt. Zunächst hätte man jener nachgehen müssen, wann der Durchbruch zu der internationalen Spitzenposition geglückt sei. Gewiß ist dem Autor zuzustimmen, daß die Basis für diesen Aufstieg insofern im Mittelalter gelegen ist, als das heutige Bundesgebiet jenem Europa zugehörte, das sich zur Industriellen Revolution hinbewegte und diese auch realisierte. Es zählt zu den entwickelten Industriestaaten, welche heute noch — einschließlich ihrer Ableger — die reichsten Länder der Welt repräsentieren.

Auch trifft sicherlich zu, daß eine Wachstumsbeschleunigung im 19. und 20. Jahrhundert einsetzte. Dann jedoch stellt sich die Frage, welcher Stellenwert Österreich in diesem Prozeß zukommt, umso mehr, als es zwischen den Weltkriegen einen schweren Rückschlag erlitt. Gewiß beschleunigte sich das Wachstum nach 1950 dramatisch, doch das galt für alle OECD-Staaten. Tatsächlich vollzog sich dieser Aufholprozeß in zwei Schritten. Der erste erfolgte in der Periode des »Wirtschaftswunders« 1953 bis 1962, als Österreichs Pro-Kopf-Einkommen den höchsten Zuwachs in Westeuropa erreichte, der zweite ab 1967 während des »längsten Aufschwungs der Nachkriegszeit« in der Ära Kreisky/Androsch, die bis in die achtziger Jahre nachwirkte. Danach entwickelte sich Österreich mehr oder weniger im EU-Durchschnitt.

Weiters wäre zu klären, welchen Faktoren dieses außerordentliche Wachstum zugeschrieben werden kann. Das gibt sicherlich wieder »Zufälle«, wie die Expansion des Haupthandelspartners BRD nach 1950 oder den Wandel im Osten, der freilich von den österreichischen Unternehmern hervorragend genutzt wurde. Daneben spielte jedoch auch die Wirtschaftspolitik eine Rolle; von der internationalen Literatur wird der Sozialpartnerschaft eine zentrale Rolle zugeschrieben (siehe etwa A. Henley/E. Tsakalotos, Corporatism and Economic Performance, Aldershot 1993), doch könnte man noch eine Reihe weiterer Gründe anführen.

Wenn in diesem Zusammenhang wieder auf eine Arbeit des Schreibers dieser Zeilen verwiesen wird, die eine solche Diskussion versuchte (Vom Staatsvertrag zur EU. Österreichische Wirtschaftsgeschichte von 1955 bis zur Gegenwart, Wien/ Köln/Weimar 2004), dann deshalb, um der Kritik Mathis an der »nur beschreibenden Wirtschaftsgeschichte« zu entgehen.