Werner Matt und Hanno Platzgummer (Hg.)
Geschichte der Stadt Dornbirn
Band 1: Von den Anfängen bis zum Loskauf
Band 2: Von der Früh- industrialisierung bis zur Jahrtausendwende
Band 3: Ortsansichten und Lebenswelten in historischen Fotografien
Dornbirg
Verlag Stadt Dornbirn
2002
288 + 407 + 144 S., zahlr. Abb.
€ 109,00
Rezensent: Michael Pammer
Historicum, Herbst 2004, 37—39
Im 18. und 19. Jahrhundert, so wie heute immer noch, war Dornbirn der bevölkerungsreichste Ort Vorarlbergs und bildete das Zentrum der Textilindustrie des Landes. Erst im Jahr 1901 wurde es zur Stadt erhoben. Die vorliegende dreibändige Stadtgeschichte geht freilich weit hinter dieses Datum zurück.
Gleich auf den ersten Blick sprechen Machart und Ausstattung der Bände an. Ein großformatiges Werk, schön illustriert und gelayoutet — eine erfreuliche Erscheinung. Besonders ist in dieser Hinsicht auch der dritte Band hervorzuheben, in dem Werner Matt und Helga Platzgummer vom Stadtarchiv Dornbirn und Hanno Platzgummer vom Stadtmuseum einen reichhaltigen Bestand von Photographien, zeitlich und thematisch geordnet, präsentieren. Architektur, Wohnungsbau, Freizeit, politische Vereinigungen und Versammlungen, Wahlen, Industrie, Gewerbe, Messen, Schulen, Kriegszeiten und Besatzung sind die Themen, und das Ergebnis ist ein schöner Bildband.
Die anderen beiden Bände handeln die Geschichte Dornbirns in einer zwar nicht übermäßig aufwendig illustrierten, aber doch auch sehr schön präsentierten Darstellung ab (kleiner Kritikpunkt: es ist überflüssig, den Inhalt einer Tabelle anschließend auch als Graphik zu präsentieren). Die Autoren sind Alois Niederstätter vom Vorarlberger Landesarchiv (Geschichte bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts), der Vorarlberger Regionalhistoriker Manfred Tschaikner (Dornbirn von 1550 bis zum Loskauf, dem 1771/4 erfolgten Kauf der Güter und Rechte, die das Haus Hohenems in Dornbirn gehabt hatte, durch die Gemeinde), Hubert Weitensfelder vom Technischen Museum Wien (Zeit von 1770 bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs), Ingrid Böhler von der Universität Innsbruck (1914 bis 1945) und Werner Matt (Zeit nach 1945). In allen Teilen wird, wenn auch in unterschiedlichem Aufbau, eine Art Gesamtgeschichte angestrebt, die Verwaltung, Herrschaft und Politik ebenso einschließt wie Wirtschaft, Recht, Kultur in einem breiteren Sinn sowie Kirche und Religion. Das ergibt eine Fülle von Informationen zur Geschichte Dornbirns, durchaus auch mit Unterhaltungswert und auch für Leser ansprechend, die keinen besonderen persönlichen Bezug zu Dornbirn haben, eben eine Stadtgeschichte und keine Ortschronik.
Die Einschränkung dieses allgemeinen Lobs liegt vor allem in der Ungleichmäßigkeit, mit der wichtige Aspekte der Geschichte Dornbirns in den Epochenbeiträgen abgehandelt werden. So wird die Bevölkerungsgeschichte nicht durchgehend in ausreichendem Maß behandelt, was nicht nur mit der je nach Epoche unterschiedlichen Quellensituation zusammenhängt. Klar ist, daß die Angaben für das Mittelalter dürftig und auch für die frühe Neuzeit nur einige wenige Zahlen verfügbar sind. Nicht mehr verständlich ist, daß für den Zeitraum vom späten 18. Jahrhundert bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs das Thema so oberflächlich behandelt wird, wie es hier geschieht. Im wesentlichen erhält man für diese Zeit nur einen groben Eindruck von der Entwicklung der Bevölkerungszahl insgesamt, für die Zwischenkriegszeit auch die Berufsgliederung von 1934, während Bevölkerungsbewegung und Altersaufbau ausgeklammert bleiben. Dies ist deshalb besonders schade, weil Dornbirn nicht nur rasch wuchs, sondern auch Zuwanderungsregion war, was spezifische Implikationen für Geschlechterproportion, Altersstruktur und damit den Anteil gebärfähiger Jahrgänge an der Bevölkerung hatte, wichtig im Hinblick auf das Heiratsverhalten war und so weiter. Solche Prozesse an einem der industriellen Zentren Österreichs zu verfolgen, wäre höchst interessant gewesen. Wesentlich mehr in dieser Hinsicht bietet der Teil über die Zeit nach 1945, in dem genau diese Themen, nun auch mit Blick auf die Gastarbeiterwanderung und andere zeitspezifische Aspekte, diskutiert werden.
Enttäuschend fällt auch die Behandlung der Landwirtschaft und ihrer Verbindung mit der industriellen Entwicklung aus. Dornbirn gehört zum Realteilungsgebiet; die Realteilung, die in einer wachsenden Bevölkerung tendenziell zur Schaffung immer kleinerer Güter führt, war im Fall Vorarlbergs eine wichtige Vorbedingung für die Industrialisierung, da die Verkleinerung der Güter die Bevölkerung zum Mischerwerb nötigte, zunächst in hausindustriellen, dann in fabriksmäßigen Formen. Diesen Prozeß würde man an einem so interessanten Fall wie Dornbirn gerne in seiner ganzen Komplexität verfolgen können. Wichtig sind hier nicht nur die Größe der landwirtschaftlichen Betriebe und die aus ihnen zu erzielenden Einkommen, sondern etwa auch die Familienstrukturen; die Realteilung ging in Vorarlberg mit einem relativ hohen Anteil von Unverheirateten einher (öfters lebten auf dem real eigentlich geteilten Gut mehrere Geschwister zusammen), uneheliche Kinder waren selten — wer waren die lebenslang Unverheirateten? Welchen landwirtschaftlichen Besitz hatten die Hausindustriellen, welchen die Fabriksarbeiter? Wie änderte sich das Heiratsverhalten im Industrialisierungsprozeß? Welches Einkommen bezog man aus Landwirtschaft und Industriearbeit? All dies bleibt entweder ausgeklammert oder wird nur in anekdotischer Form angerissen, etwa wenn ein Zeitzeuge mit seiner Erzählung über die dreißiger Jahre zitiert wird, in denen die Arbeiterfamilie auch einen Acker bebaute und eine Kuh hielt.
Überhaupt gehört die Landwirtschaft auch abgesehen von diesen Querbezügen zu den Themen, die recht ungleichmäßig berücksichtigt sind, im Teil über die Nachkriegszeit ziemlich dünn ausgefallen sind und in der Zwischenkriegszeit fast gar nicht vorkommen. Zur Verteilung der landwirtschaftlichen Flächen und zu den Betriebsgrößen findet man nur einige spärliche Informationen und jedenfalls kein Gesamtbild, dafür erhält man, besonders in den Teilen über die Zeit vor 1914, einige Informationen über die Produktion, wenngleich auch hier nicht recht deutlich wird, in welcher Relation Erträge und Bedarf der örtlichen Bevölkerung an landwirtschaftlichen Produkten standen. Für die Zeit nach 1945 wird man dafür mit einem trübseligen Bild von einer Landwirtschaft versorgt, die im buchstäblichen Sinn immer mehr Boden verliert und mit immer höheren Bodenpreisen konfrontiert ist: »Die stark wachsenden Siedlungen beanspruchten immer mehr Boden« (319) — arme Bauern! Man erhält den Eindruck, man hätte den Bauern einfach ihre Äcker zugebaut. Tatsächlich kamen die steigenden Bodenpreise von erfolgten oder erhofften Baulandwidmungen, das heißt der eine oder andere Bauer muß mit der Zersiedelung ein schönes Geschäft gemacht haben, und von den steigenden Bodenpreisen profitierten alle, die Boden besaßen.
Inwieweit ist diese Stadtgeschichte auch eine Dombirner Industriegeschichte? Es wird wahrscheinlich überraschen, aber das Thema spielt eine weniger prominente Rolle, als man erwarten würde. Im Teil über das 19. Jahrhundert bekommt man zuerst einen kurzen Hinweis auf die verlagsmäßige Textilproduktion, dann werden die ersten Manufakturgründungen und der Maschineneinsatz in der Produktion erwähnt und die wichtigsten Fabrikgründer vorgestellt (30—36). In diesen Kontext gehören auch einige Seiten über die Arbeiter, nicht nur Arbeiter in Dornbirner Fabriken, sondern auch Dornbirner, die in schwäbischen Fabriken arbeiteten, alles in allem eine eher an Einzelfällen orientierte Darstellung, aus der ein Gesamteindruck kaum zu gewinnen ist (37—40). Sehr interessant ist hingegen die folgende Beschreibung der Sozialmaßnahmen der Unternehmen, insbesondere jener von F. M. Hämmerle, die Wohnungsbau, Wärmeeinrichtung, Arbeiterküche und Pensionsfonds für Arbeiter ebenso umfaßten wie Freizeiteinrichtungen vom Schwimmbad über Sportvereine bis zur Arbeiterbibliothek (40-47). Weitensfelder weist zu Recht daraufhin, daß diese Engagements selbstverständlich nicht altruistischen Beweggründen entsprangen, sondern auch einen Nutzen für die Fabrikanten erbrachten, weil sie eine engere Bindung zwischen Arbeitern und Unternehmen schufen, zur Bildung eines verläßlichen Stocks von Mitarbeitern beitrugen und die Wertvorstellungen von Arbeitern beeinflussen sollten. Leider gibt der Autor keine Schätzung des wirtschaftlichen Aufwands für diese Aktivitäten ab.
Mit diesen Fragen ist die Industriegeschichte Dornbirns im 19. Jahrhundert aber auch schon abgeschlossen. Die Darstellung der Zwischenkriegszeit klammert wirtschaftsgeschichtliche Fragen überhaupt weitgehend aus: Nach ein paar Bemerkungen zu Hyperinflation und Weltwirtschaftskrise ohne spezifischen Bezug zu Dornbirn geht die Autorin auf die Krise in den dreißiger Jahren ein. Manches an ihren Schlußfolgerungen kann man leicht akzeptieren, so ihre nicht eben überraschende Erkenntnis, daß auch in der Krise die Unternehmen rationalisierten und sich modernisierten: »Solche nach kommerziellen Gesichtspunkten kalkulierten Personaleinsparungen bei gleichzeitiger Expansion lieferten einen weiteren Beleg dafür, dass die bis heute mythenumrankte Verbundenheit von F. M. Hämmerle mit seinen Arbeitnehmerinnen und der ganzen Stadt klaren Geschäftsinteressen untergeordnet war« (184) — wer hätte das gedacht. Was man aber vermißt, sind beispielsweise Zahlen über die Belegschaften der Unternehmen in den Krisenjahren, die die Vorarlberger Textilindustrie ja vergleichsweise gut überstand, oder Angaben über die Lohnentwicklung insgesamt. Solche Zahlen hätten mehr über die Situation der Arbeiter ausgesagt als die paar zitierten Einzelfälle — eine Frau, die als Aushilfsweberin engagiert wurde, die Löhne einiger weniger Einzelpersonen (183) —, deren Repräsentativität ungeklärt bleibt.
Auch die Geschichte der Industrie in der Nachkriegszeit ist nicht gerade erschöpfend ausgefallen. In großen Zügen werden die Expansion der Textilindustrie bis in die siebziger Jahre und die nachfolgende Schrumpfung mit Konkursen, Stillegungen von Betriebsstätten und der Reduktion von Beschäftigtenzahlen beschrieben, etwas ein-gehender der Aufstieg des Elektrounternehmens Zumtobel. Alles in allem befriedigen die industriegeschichtlichen Teile nicht: Es fehlt das Gerüst von Zahlen, das für ein Gesamtbild nötig ist, also Zahlen zu Beschäftigten, Löhnen (auch Reallöhnen), Produktion, Produktionsmitteln, Umsätzen und Marktposition für die in Dornbirn ansässigen Industrieunternehmen, jeweils im zeitlichen Verlauf; die Zahlen die geboten werden, sind stark auswahlhaft und lassen einige der genannten Bereiche überhaupt aus, und so erhält die Darstellung einen zufälligen Charakter. Darüber hinaus fehlen Ausführungen etwa zur technischen Ausstattung (die Ausnahme sind einige Angaben über die Zahl von Dampfmaschinen im 19. Jahrhundert) oder zu den Verfahren, und warum Vorarlberg (und das heißt wesentlich Dornbirn) zur führenden Region in der österreichischen Textilindustrie wurde, wird nach der Lektüre dieser Geschichte niemand beantworten können.
Wesentlich informativer ist die Darstellung der Verwaltungsgeschichte bis 1771 und der politischen Geschichte seither ausgefallen. Im Mittelalter-Teil findet man eine eingehende Beschreibung der grundherrschaftlichen Besitzverhältnisse und einiges über lokale Verwaltung und Gerichtsbarkeit, im Teil über die frühe Neuzeit werden ausführlich Gerichtsbarkeit und Verwaltungsangelegenheiten besprochen. Im Abschnitt über das 19. Jahrhundert ist die Politik das gewichtigste Thema, die Zwischenkriegszeit wird überhaupt großteils als politische Geschichte abgehandelt, und für die Nachkriegszeit gibt es einen ausreichenden Überblick. Hier erhält man sowohl den großen Überblick anhand der Wahlergebnisse als auch eine Vielzahl von Details zum politischen Geschehen, zu den Dornbirner Politikern und so weiter. Deutlich kommen dabei auch Dombirner und Vorarlberger Besonderheiten heraus, vor allem die von jeher bestehende Schwäche der Sozialdemokratie selbst im industriell geprägten Milieu. Sehr interessant ist auch der Abschnitt über die Politik im späten 19. Jahrhundert mit der durch das Wahlrecht bedingten Dominanz der Liberalen (die Fabrikanten bestimmten die Gemeindepolitik) und dem starken deutschnationalen Element. Zur Zwischenkriegszeit meint die Autorin einleitend, »vor zwei oder drei Jahrzehnten« habe dem Nationalsozialismus »der Platz in der Geschichtsschreibung erst erkämpft werden« müssen (131) — die Mythenbildung in diesem Bereich nimmt langsam groteske Formen an. Dornbirn ist in der Geschichte des Nationalsozialismus in Österreich ein interessanter Fall, es hatte den Ruf eines »braunen Nests«, der insofern verdient war, als die Stadt tatsächlich viele illegale Nationalsozialisten aufzuweisen hatte, insofern aber unverdient, als Mitglieder und Sympathisantenzahlen kolportiert wurden, die völlig unrealistisch waren und wahrscheinlich auf Übermittlungsfehlern beruhten. Interessant ist jedenfalls die politische Herkunft der Dornbirner Nationalsozialisten: Ein nicht unbeträchtlicher Teil der Aktivisten kam nämlich aus der Heimwehr,die sich spaltete und einen Flügel an die Nationalsozialisten verlor. Engagiert waren aber auch einige Personen aus den Industriellenfamilien Hämmerle und Rhomberg — die Dornbirner Nationalsozialisten waren anscheinend wirklich eine Art Volkspartei, jedenfalls wenn man nach den schieren Mitgliederzahlen geht (eine sozialhistorische Analyse der Mitgliederschaft unterläßt die Autorin leider).
Alles in allem sind die politischen Aspekte in dieser Geschichte Dornbirns am anregendsten ausgefallen.