Interview
Michael Mitterauer
Die Wunder müssen den Legenden vorangegangen sein. Über historiographische Klassiker
Historicum, Herbst 1989, 24—26
Das Interview erschien im Rahmen des HISTORICUM-Themenhefts Marc Bloch.
Michael Mitterauer (1937—2022) war Professor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien.
Der Terminus ist in der Geschichtswissenschaft durchaus gebräuchlich; ich halte seine Verwendung aber für problematisch. Der Klassikerbegriff kommt ja aus der Geschichte der Kunst und hat einen Bedeutungsgehalt wie »überzeitlich geltende Werte«, »überzeitlich geltendes Schönes«; und es ist sehr fraglich, ob es Werke mit überzeitlicher Geltung in der Geschichtswissenschaft überhaupt geben kann. Ich würde es bezweifeln. Es stellt sich die Frage, ob nicht mit der Übertragung dieses Begriffs von der Kunst in die Wissenschaft auch Verhaltensweisen übertragen werden: Daß die Stilisierung von Klassikern als überzeitlich auch einen Klassizismus als Folge haben kann, also bloße Nachbeter, die nichts Neues bringen, und daß Autoritäten aufgebaut werden, die eigentlich Innovation verhindern.
»Nachbeten« — da wären wir gleich bei der zweiten gefährlichen Wurzel von Klassikern: Ich glaube, es soll in der Geschichtswissenschaft keine »heiligen Schriften« geben, und es darf keine »Kirchenväter« der Geschichtswissenschaft geben. Es ist problematisch, wenn man von bestimmten kanonisierten Werken ausgeht und die immer wieder interpretiert, wie es ja zum Wesen von »heiligen Schriften« gehört, und nichts Neues erforscht.
Klassischer Fall: Max Weber, über den jetzt ein Band nach dem anderen herauskommt, wo nur darüber nachgedacht wird, was denn Max Weber eigentlich gemeint haben könnte, und vielleicht auf einer zweiten Ebene, wo er recht und wo er nicht recht gehabt hat. Das eigentlich Wesentliche geschieht dagegen nicht, daß nämlich die Themen Max Webers weberianisch weitergedacht werden.
Diese Form des Umgangs mit kanonisierten »heiligen Büchern« der Geschichtswissenschaft finde ich hochbedenklich.
Ich glaube, daß Bloch gar nicht so sehr zu den »heiligen Schriften« gehört. Sein Klassiker hat nicht so viel Nachahmer gefunden, hat keinen Klassizismus zur Folge gehabt. Bloch ist auch eigentlich nicht der, der das Musterwerk der Annales-Schule geschrieben hat. Ich glaube, daß Braudels La Méditerranée vom theoretischen Ansatz und auch von der praktischen Nachahmung her viel stärker gewirkt hat. Das ist wirklich ein Klassiker im französischsprachigen Raum, nicht allerdings im deutschsprachigen, weil er erst kürzlich übersetzt wurde.
Womit wir gleich bei einem anderen Problem von Klassikern sind: Internationale Klassiker werden dadurch gemacht, daß sie übersetzt werden. Und wer ein bißchen die Verlagspolitik oder auch die Wissenschaftspolitik beobachtet und sieht, wer zu Übersetzungsehren kommt, der bemerkt, daß es nicht unbedingt von der Eigendynamik der Wissenschaft getragen sein muß, wie jemand zu einem in drei, vier, fünf Sprachen publizierten Klassiker stilisiert wird.
Mit den Sentenzen, die aus den Klassikern geholt werden, haben Sie recht. Eine Variante des Umgangs mit Klassikern besteht darin, daß sie als geliehene Autorität benützt werden: Wenn es schon bei Otto Brunner oder bei Heinrich Mitteis so steht, so muß es ja stimmen, und der kleine Wissenschaftler kann damit seine eigene Aussage fundieren. Das würde ich den infantilistischen Umgang mit Klassikern nennen — daß man nicht emanzipiert genug ist, um selbst seine Aussage als fundiert belegen zu können.
Es gibt aber sehr wohl auch diesen Umgang mit großen Historikern quasi als »heilige Schriften«. Ich würde sagen, daß das eher eine linke Angelegenheit ist. In der historisch-materialistischen Wissenschaft spielt die Autorität, spielen die einmal festgelegten Dogmen eine viel größere Rolle. Den Epigonen linker Klassiker bleibt vielfach nur mehr die Explikation. Das ist sicherlich ein säkularisierter »Heiliger-Schriften«-Ansatz, der in der Wissenschaft sehr bedenklich ist.
Genau auf diese Zeit vor zwanzig Jahren habe ich angespielt. Es waren Kritiker des »realen Sozialismus«, die umgekehrt in ihrer »Neue Linke«-Ideologie sehr dogmatisch sein konnten und sich sehr stark auf Gründerväter berufen haben. Nach Studentengenerationen eingestuft, könnte man sagen, daß schon die Spontibewegung sehr viel von diesem Dogmatismus der 68er Bewegung beiseitegeräumt hat.
Mir geht es darum, daß es generell sehr zählebige Traditionen gibt, große Autoritäten der eigenen ideologischen, philosophischen, der religiösen oder der wissenschaftlichen Vergangenheit zu zitieren und immer wieder neu auszulegen. Ich glaube, das wurzelt letztlich in religiösen Traditionen, die ja in der deutschsprachigen Philosophie so stark weitergewirkt haben und, würde ich vermuten, von dort in die Soziologie und auch in die Politische Wissenschaft Eingang gefunden haben. Das kommt ganz schlicht von der alten Bibelexegese, diese Verfahren mit den Gedanken von …
Ja, das ist Bibelexegese, die auf säkularer Ebene sich fortsetzt.
Die deutschsprachige Sozialwissenschaft hat ja insgesamt sehr stark die Tendenz, große Autoren immer wieder neu zu interpretieren. Bei der 68er Generation kommen sozialwissenschaftliche und linke Traditionen zusammen. Habermas, Marcuse und Adorno zu zitieren, hat für sie aber auch eine besondere Funktion gehabt: Da hat es dann auch zur Verständigung des Insiderkreises, des Jüngerkreises, gedient, auch zur Ausgrenzung: Diejenigen, die nicht gelesen haben, auch nicht zitieren konnten, haben ja eigentlich nicht zu den Eingeweihten, zu den Initiierten gehört. Auch diesen Umgang mit Autoren als Abgrenzungsmittel zwischen gebildet und ungebildet, eingeweiht und nichteingeweiht halte ich für höchst problematisch. Man findet ihn bei soganannten Klassikern immer wieder.
Ich glaube, daß die Annales-Schule eine echte innovatorische Schule ist und das gar nicht notwendig gehabt hat. Ich kann die jüngere Entwicklung nicht so abschätzen, glaube aber, daß die Franzosen traditionell diesen Umgang mit wissenschaftlichen Autoritäten nicht gehabt haben. Das ist ein spezifisch deutschsprachiges Phänomen und so wie der ganze Heroenkult eine typische Sache der deutschsprachigen Wissenschaft und der deutschsprachigen Gebildeten; da spielt der heroisierte Wissenschaftler, wie der heroisierte Künstler, als ein Quasiheiliger eine sehr große Rolle. Ich glaube nicht, daß das in Frankreich im gleichen Maß ausgeprägt ist und daß es für die Verbreitung der Annales-Schule eine so große Bedeutung gehabt hat.
Bei der Revolutionsgeschichte sind natürlich die Wissenschaftler die Bannerheiligen, mit denen in die Schlacht gezogen wird und die Schlachten von vorgestern noch einmal geschlagen werden.
Die Schule der Annales hat aber gerade das nicht gemacht, und ich würde sie als positives Beispiel des Umgangs mit Autoritäten hinstellen, daß nämlich die neuen Wege der Gründerväter auf neuen Gebieten und mit neuen Methoden weitergeführt wurden. Und daran liegt ja der innovatorische Charakter, daß es so viele sind, die in unterschiedlicher Weise dieses neue Ideengut entfaltet haben. Für mich ist die Annales-Schule eine Bewegung, und ich bin sicher, daß keiner der Gründerväter der Annales selber ein Gründervater hätte sein wollen.
Eigentlich sollte es ja so sein, daß die neuere Forschung die alte aufnimmt, daß wirklich nur Neues weitertradiert wird und sozusagen das Erscheinungsjahr Fortschritt signaliert. Nur schaut die Wissenschaftspraxis so nicht aus. Und wenn man beispielsweise auf den guten alten Mommsen einmal zurückgreift, liest man immer wieder Dinge, die man seither nirgends mehr lesen konnte? das ist sicherlich vor allem eine Eigenart der Polyhistoren des 19. Jahrhunderts gewesen, daß sie noch eine solche Fülle von Informationen verarbeiten konnten, wie das seither kaum mehr der Fall war. Mir ist es immer wieder so gegangen, daß ich, nach einem Klassiker der Jahrhundertwende greifend, etwas Neues gefunden habe. Auch bei unserem Gründervater Alphons Dopsch finde ich immer wieder Neues. Insofern wäre es naiv zu glauben, alles sei in der neueren Forschung aufgehoben.
Da ist eine Vielfalt drinnen: Man kann methodische wie inhaltliche Neuansätze herausholen, etwa scheint mir das sozialanthropologische Modell des »wundertätigen Königs« als ein richtungweisender Ansatz, der in verschiedene Richtungen weitergedacht werden kann — herrschaftsgeschichtlich, religionsgeschichtlich, mentalitätsgeschichtlich, insbesondere in interkulturell vergleichender Perspektive.
Aber ich glaube eben, daß man sich bei Klassikern, die noch immer eine Fundgrube sind, nicht so ohne weiteres auf dieses oder jenes festlegen kann. Viele finden Unterschiedliches in ihnen. Die Methode, der Grundgedanke der Klassiker, wird, sofern sie einen innovatorischen Ansatz gehabt haben, weiterentwickelt, und es gibt dann sicherlich Erkenntnisse, die über sie schließlich hinausgehen.
Es ist die Frage, ob nicht manche Klassiker schon zu Lebzeiten von den Verlagen dazu gemacht werden und ob es nicht Klassiker gibt, die gleichsam als Modeautoren ein paar Jahrzehnte später nichts mehr bringen — ich glaube, das hängt sehr stark davon ab, wodurch man zum Klassiker wird: durch Inhalt oder durch Form. Es gibt Klassiker der Form, die inhaltlich nicht mehr viel bieten, die großen Erzähler. Wenn wir ins 19. Jahrhundert zurückgehen, so sind ja viele Historiker deswegen als groß eingeschätzt worden, weil sie wirklich fabelhafte Erzähler waren und als solche heute noch mit Genuß gelesen werden. Hier gilt vielleicht der künstlerische Ansatz von Klassik als bleibender wertvoller Lektüre. Das ist aber ein anderer Typus als der Typus der innovatorischen Wissenschaftler, die die neue Idee, die neue Methode kreiert haben, die dann eigentlich weiterentwickelt werden sollten, womit letztlich der Gründervater überholt sein müßte.
Es ist sicher so, daß Biographien Geschichtsschreiber besonders als Kultgestalten heraussteilen. Nur wird die Biographie ja nicht geschrieben, wenn nicht eine gewisse Heiligenverehrung schon vorgegeben ist. Erst dann wird die Heiligengeschichte geschrieben. Kein Heiliger, der nicht, bevor seine Legende aufgezeichnet wird, schon seine Wunder gewirkt hat.