Martin Moll

Graz, Franz Conrad von Hötzendorf und seine Straße: Ein Beitrag zur aktuellen Diskussion über die Angemessenheit personenbezogener Straßennamen

 

Historicum, Winter 2012/2013 — Frühling 2013, 15—29

Weinberger, Plakette: K.u.k. Generaloberst Chef d. Generalstabes Franz Freiherr von Conrad-Hötzendorf, 1915, Zink, 65 x 43 mm. © Historicum

Zimmer des Generalstabschefs.
(Conrad v. Hötzendorf allein. Haltung: die Arme gekreuzt, Standfuß und Spielfuß, sinnend.)

CONRAD (mit einem Blick gen Himmel): Wann nur jetzt der Skolik da war!

EIN MAJOR (kommt): Exlenz melde gehorsamst, der Skolik is da.

CONRAD: Was denn für ein Skolik?

MAJOR: Na der Hofphotograph Skolik aus Wien, der was seinerzeit, während des Balkankrieges, die schöne Aufnahme gemacht hat, wie Exlenz in das Studium der Balkankarte vertieft sind.

CONRAD: Ach ja, ich erinnere mich dunkel.

MAJOR: Nein, ganz hell, Exlenz, volle Beleuchtung.

CONRAD: Ja, ja, ich erinnere mich, das war glorios.

MAJOR: Er beruft sich darauf, daß ihn Exlenz wieder bestellt haben.

CONRAD: No bestellt kann man grad nicht sagen, aber eine Anregung hab ich ihm zukommen lassen, weil der Mann wirklich hübsche Aufnahmen macht. Er schreibt, er weiß sich vor die illustrierten Blätter nicht zu helfen, die Aufnahme damals hat seltenen Sükses ghabt, kurzum —

MAJOR: Er hat auch die Bitte, ob er jetzt in Einem die Herrn Generäle aufnehmen könnt.

CONRAD: War mir nicht lieb! Die solln sich nur ihre eigenen Photographen kommen lassen.

MAJOR: Er sagt, die ham kan Kopf, da macht er eh nur a Brustbild.

CONRAD: Ah, das is was andres. Also herein mit dem Skolik! Warten Sie — sollen wir wieder beim Studium der Balkankarte — das war ja außerordentlich — aber ich denk, zur Abwechslung vielleicht die italienische —

MAJOR: Das paßt jetzt entschieden besser.

(Conrad v. Hötzendorf breitet die Karte aus und versucht verschiedene Stellungen. Er ist, wie der Photograph mit dem Major eintritt, bereits in das Studium der Karte vom italienischen Kriegsschauplatz vertieft. Der Photograph verbeugt sich tief. Der Major stellt sich neben den Tisch. Er und Conrad blicken starr auf die Karte.)

CONRAD: Was gibt's denn schon wieder? Kann man denn keinen Augenblick — ich bin doch gerade —

(Der Major zwinkert dem Photographen zu.)

SKOLIK: Nur eine kleine Spezialaufnähme, Exzellenz, wenn ich bitten dürfte.

CONRAD: Ich arbeite gerade für die Weltgeschichte und da —

SKOLIK: Ich soll nämlich für das Interessante Blatt und da —

CONRAD: Aha, zur Erinnerung an die Epoche —

SKOLIK: Ja, auch für die Woche.

CONRAD: Aber da kommt man am End zwischen unsere Generäle, das kenn ich schon, da möcht ich lieber —

SKOLIK: Nein, Exzellenz, darüber können Exzellenz vollkommen beruhigt sein. Bei dem unsterblichen Namen, den Exzellenz haben, versteht sich das von selbst, daß Exzellenz ganz separat erscheinen. Die andern, die kommen alle zsamm, so unter der Rubrik »Unsere glorreichen Heerführer« oder so, einzelweis kommeten s' höchstens für Ansichtskarten.

CONRAD: So? Wen ham S' denn da, vergessen S' mr den Höfer nicht, das is ein gar ein tüchtiger Mann, der kriegt 20.000 Kronen Feldzulage dafür, daß er täglich seinen Namen lesen muß, wenn er am Ring die Extraausgab kauft.

SKOLIK: Is scho vorgemerkt, Exzellenz, selbstverständlich, in erster Linie.

CONRAD: Was, erste Linie, hammer an Gspaß ghabt! No wo tun S' mich dann selber hinmanipuliern? Nur nicht auffallend, nur nicht auffallend mein Lieber wissen S', nicht mit die andern, diskret! immer diskret!

SKOLIK: Der Raum ist bereits eigens reserviert. Es wird das Titelbild sein, von der Woche nämlich. Eine sehr eine intressante Nummer, aus Wien hab ich noch die Probiermamselln von der Wiener Werkstätten und den Treumann zu liefern, es kommt aber auch noch, wie ich sicher weiß, Seine Majestät der deutsche Kaiser auf der Sauhatz, eine bisher unbekannte Aufnahme und gleich daneben sehr sensationell, Allerhöchstderselbe im Gespräch mit dem Dichter Ganghofer. Also ich glaube Exzellenz —

CONRAD: No ja, nicht übel, nicht übel — aber, lieber Freund, im Augenblick bin ich leider — können S' nicht bißl später kommen, ich bin nämlich – ich sag's Ihnen im Vertrauen, Sie dürfen's nicht weiter sagen, ich bin nämlich grad beim Studium der Karte vom Balkan — ah was sag ich, von Italien —

(Der Major zwinkert dem Photographen, der zurücktreten will, zu.)

SKOLIK: Das trifft sich gut — das ist ein Augenblick der höchsten Geistesgegenwart, den muß man beim Zipfel erwischen. Ich siech schon die Aufschrift: Generaloberst Conrad v. Hötzendorf studiert mit seinem Flügeladjutanten Major Rudolf Kundmann die Karte des Balkan-, ah was sag ich, des italienischen Kriegsschauplatzes. Derf's so heißen, Exzellenz?

CONRAD: Na also meinetwegen — weil's der Kundmann will, der kann's ja gar net erwarten —

(Er starrt unablässig auf die Karte, der Major, der sich nicht vom Fleck gerührt hat, gleichfalls. Beide richten ihren Schnurrbart.)

Wird's lang dauern?

SKOLIK: Nur einen historischen Moment, wenn ich bitten darf —

CONRAD: Soll ich also das Studium der Karte vom — also von Italien — fortsetzen?

SKOLIK: Ungeniert, Exzellenz, setzen nur das Studium der Karten fort — so — ganz leger — ganz ungezwungen — so — nein, das war bißl unnatürlich, da könnt man am End glauben, es is gstellt — der Herr Major wenn ich bitten darf, etwas weiter zrück — der Kopf — gut is — nein, Exzellenz, mehr ungeniert — und kühn, bitte mehr kühn! — Feldherrnblick, wenn ich bitten darf! — es soll ja doch — so — es soll ja doch eine bleibende histri — historische Erinnerung an die große Zeit — so ist's gut! — nur noch — bisserl — soo — machen Exzellenz ein feindliches Gesicht! — bitte! jetzt — ich danke!

Karl Kraus, Die letzten Tage der Menschheit,

I. Akt, 24. Szene

Bild: Ch. Scolik jun., Feldpostkarte

Es war vorauszusehen: Franz (ab 1918: Graf) Conrad von Hötzendorf (1852—1925), mit einer einjährigen Unterbrechung 1911/12 Generalstabschef der »bewaffneten Macht« Österreich-Ungarns von 1906 bis zu seiner Entlassung Anfang 1917, würde 2014, im Gedenkjahr an die 100. Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs, für Aufregung sorgen — nicht unter Historikern, die sich über die (extrem kritische) Einschätzung seiner Person heute weithin einig sind, und auch nicht überall, aber doch in Graz, wo eine der längsten Straßen der Stadt seit 1935 nach Conrad benannt ist.

Darf diese mehr als zwei Kilometer lange Chaussee1 weiter den Namen »Conrad-von-Hötzendorf-Straße« führen, oder ist eine Umbenennung fällig, ja überfällig, weil sie, wie manche meinen, nicht schon längst erfolgt ist, obwohl man doch über Conrad seit langem allerhand Grausliches weiß? Daran entzündeten sich in Graz rund um die Jahreswende 2013/14 die Gemüter, und die Debatte um diese Frage wird wohl nicht mehr abreißen, wenngleich sie vom Gemeinderat an eine Expertenkommission delegiert wurde (dazu unten mehr), deren Befunde nicht so bald vorliegen dürften. Graz als zweitgrößte Stadt Österreichs ist bedeutend genug, um landesweit für einschlägige Pressemeldungen zu sorgen. Daß es zum Beispiel in Innsbruck und im weststeirischen Voitsberg ebenfalls eine nach Conrad benannte Straße, in Klagenfurt einen Feldmarschall-Conrad-Platz und im burgenländischen Rust ebenfalls einen »Conrad Platz« gibt, scheint weder die Medien noch die dortigen Kommunalpolitiker sonderlich aufzuregen. Die »Conradstraße« und der »Bivio Conrad« auf dem Altopiano der Sette Comuni im Veneto waren Teil der militärischen Infrastruktur im Ersten Weltkrieg und heißen immer noch so.

Wenngleich der Fall Conrad — anders als der Fall Lueger in Wien — aus historischer Sicht ein ziemlich klarer ist, bietet er Veranlassung, den immer mehr um sich greifenden Umbenennungsfuror einmal kritisch unter die Lupe zu nehmen. Hierzu sollen, ausgehend von der Diskussion in Graz, einige allgemeine Beobachtungen angestellt werden; anschließend unterziehe ich die pro und contra Conrad beziehungsweise die Beibehaltung des Straßennamens vorgebrachten Argumente einer Würdigung.

Hinterlassenschaft des Nationalsozialismus und der DDR

Überblickt man die lange Geschichte der Umbenennung topographischer Bezeichnungen im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert, so sticht zunächst die zwischen 1918 und 1945 — bedingt durch die mehrmaligen Wechsel der Staats- und Regierungsformen — dichte und in kurzen zeitlichen Abständen aufeinanderfolgende Serie solcher Namensänderungen ins Auge. Ihre Ursachen (Sturz der Monarchien 1918, Beseitigung der Demokratie in Deutschland und Österreich 1933/34, NS-Herrschaft in Österreich ab März 1938 und Untergang des Nationalsozialismus im Mai 1945) liegen auf der Hand. Wer von einem dieser Regime geehrt wurde, war häufig im darauf folgenden persona non grata, um im dritten wieder angesehen zu sein. Nachdem schon unmittelbar nach Kriegsende 1945 die manifest NS-belasteten Namen (Adolf-Hitler-Platz, Hermann-Göring-Straße und so weiter) beseitigt worden waren, kehrte für längere Zeit Ruhe ein. Quasi als Störfaktor ragt eine Erinnerung aus meiner Gymnasialzeit (zweite Hälfte der siebziger Jahre) in diese Ruhe hinein: Schon zu dieser Zeit forderten sozialistische Jugendorganisationen die Umbenennung der Conrad-von-Hötzendorf-Straße. Sie konnten sich damals wenig Gehör verschaffen, und das Thema verschwand rasch wieder in der Versenkung.

Eine neue Welle begann ab 1990 zunächst im gerade wiedervereinigten Deutschland, in dessen Ostteil allerhand sowjetischer und SED-Schutt in der Topographie der Städte der ehemaligen DDR zu beseitigen war. Am Ende dieses mehrjährigen Prozesses waren die Stadtpläne fast aller ostdeutschen Städte einzustampfen beziehungsweise neue zu drucken; diese gewaltige Aktion war zeitraubend, kostspielig und mit vielerlei Anrainerprotesten verbunden, aber sie erwies sich im Rückblick gesehen als machbar. Dies muß man der Wahrheit zuliebe jenen entgegnen, die schon mit Blick auf eine einzige, nämlich Conrads Straße in Graz, unüberwindliche organisatorische Schwierigkeiten voraussehen.

Im Osten Deutschlands wiederholte sich, was wir schon betreffend die unmittelbare Nachkriegszeit konstatiert haben: Über das Verschwinden prominenter Nationalsozialisten (Hitler, Göring, Horst Wessel und anderer) aus dem Straßenbild herrschte ebenso Konsens wie darüber, daß ab 1990 deren DDR- und Sowjet-Pendants (Lenin, Stalin, Ulbricht, Dimitrov und so weiter) nicht mehr tragbar waren. Aber wo hörte dieser engere Kreis der Schwerstbelasteten auf und wo überschritt man die Grenze zum Führungspersonal der sozialistischen, kommunistischen beziehungsweise der Arbeiterbewegung bis 1945, denen keine Verbrechen vorgeworfen werden konnten, die aber verdächtig waren, weil sie die Staatspartei SED in das Pantheon der von ihr umgeschriebenen deutschen Geschichte erhoben hatte? Wofür hatten Figuren wie — ich nenne nur einige Beispiele — Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht (beide 1919 ermordet), Clara Zetkin, Ernst Thälmann (1944 als ehemaliger Parteivorsitzender der KPD im KZ Buchenwald ermordet) gekämpft, und wofür waren sie gestorben — für ein besseres, demokratisches, friedliebendes Deutschland oder für eine Sowjet-Republik und Sowjet-Diktatur auf deutschem Boden? Da das Regime der DDR und seine sowjetischen Masterminds jahrzehntelang Zeit gehabt hatten, das ganze Land mit Straßennamen et cetera zu überziehen, die sich — im weitesten Sinn — sozialistische Heroen, auch heute vollkommen vergessene aus der zweiten und dritten Reihe, zum Patron nahmen, gab es massig Diskussionsbedarf. Festzuhalten bleibt, daß keineswegs alle der von der SED-Nomenklatura auf den Schild Gehobenen nach 1990 aus dem Straßenbild verschwanden; man ging einen Mittelweg und eliminierte die schwärzesten Schafe, allen voran Stalin.

Es ist nicht ohne weiteres zu erkennen, ob, inwieweit und auf welchen Wegen der soeben beschriebene Vorgang, der sich auf das Namen-Erbe der DDR bezog, in Deutschland die NS-Thematik aufs neue aktuell werden ließ. Jedenfalls wurde sie in den neunziger Jahren wieder flächendeckend virulent, warum auch immer. Es ging jetzt allerdings nur mehr sekundär um während der NS-Herrschaft erfolgte Straßen(um)benennungen und so weiter, sondern vorrangig um vielfältige, an historische Personen angelehnte Bezeichnungen jeglicher Art (zum Beispiel auch Namen von Gebäuden, Schiffen und so weiter), die erst nach 1945 verliehen worden waren und in den neunziger Jahren vor dem Hintergrund eines völlig gewandelten (vergangenheits-)politischen Klimas dubios oder gar untragbar erschienen. Ins Visier geriet, anders formuliert, die Benennungspraxis der fünfziger und sechziger Jahre, kaum mehr die der sozialliberalen Regierungen Willy Brandt und Helmut Schmidt ab 1969.

Den Anfang machte oder besser: erlebte die deutsche Bundeswehr, die jahrzehntelang — heute kaum mehr vorstellbar — immerhin eine gewisse Traditionspflege ihrer Vorgängerin, der Wehrmacht, betrieben hatte. Es gab etwa ein Jagdgeschwader Mölders (benannt nach dem Ende 1941 abgestürzten Jagdflieger-Ass Oberst Werner Mölders), eine nach Eduard Dietl (Generaloberst der Gebirgstruppen, 1944 ebenfalls bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen) benannte Kaserne im bayerischen Füssen und dergleichen mehr. Dies alles verwundert nur aus heutiger, nicht aber aus damaliger Sicht, wenn man bedenkt, daß zahlreiche den Krieg überlebende Wehrmachtsoffiziere später maßgeblich am Aufbau der Bundeswehr beteiligt waren.2 Adolf Heusinger (1897—1982), Chef der Operationsabteilung des Oberkommandos des Heeres 1940 bis 1944 und unter anderem führend an der Ausarbeitung des Angriffsplans »Barbarossa« gegen die Sowjetunion beteiligt, amtierte von 1957 bis 1961 sogar als erster Generalinspekteur der Bundeswehr.3 Diese Männer waren verständlicherweise geneigt, ihre einstigen und quasi »rechtzeitig« gefallenen oder sonstwie ums Leben gekommenen Kameraden in die Traditionspflege der Bundeswehr zu überführen. Es war allerdings der sozialdemokratische Verteidigungsminister im Kabinett Brandt, Georg Leber, der noch 1972 eine Kaserne nach Mölders benennen ließ – ein vielsagendes Indiz für den damaligen, noch weitgehend komplikationsfreien (man könnte freilich auch sagen: unkritischen) Umgang mit dem Erbe der Wehrmacht sogar auf der Linken.

Nachdem sich die politische Führung der Bundeswehr, selbst unter den Rahmenbedingungen wechselnder Regierungen von CDU/CSU-FPD, Rot-Grün, CDU/CSU-SPD, CDU/CSU-FPD und jetzt neuerlich CDU/ CSU-SPD, während der letzten fünfzehn bis zwanzig Jahre einmütig dazu bekannt hat, daß die Wehrmacht überhaupt nicht mehr »traditionswürdig« sei, sind Mölders, Dietl und Co. aus dem militärischen Orbit Deutschlands weitgehend verschwunden. Entsprechende Anweisungen von ganz oben kamen bei der Truppe gar nicht gut an, denn die Angehörigen des in Bayern stationierten Jagdgeschwaders 74 reagierten nicht nur auf den Wegfall des Namens »Mölders« unwirsch, sondern mehr noch auf die ersatzlose Einziehung ihrer prestigeträchtigen Ärmelbänder mit dem Namen des einstigen, nun in Ungnade gefallenen Geschwaderpatrons. Nicht zum letzten Mal stoßen wir hier auf das Phänomen, daß die Meinung der in erster Linie Betroffenen wenig bis gar nicht gefragt war — sie wurden auch nicht gefragt, nicht einmal von den ständigen Befürwortern der »Basisdemokratie«, weil man die Antwort vorhersehen konnte und wußte, sie würde mit den Postulaten der political correctness so gar nicht harmonieren.

Die wichtigste — durch vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam, einer Einrichtung der Bundeswehr, vorgelegte Gutachten untermauerte — Begründung für die Namensänderungen in den genannten Fällen lautete, Dietl, Mölders und so weiter wären nicht nur Soldaten gewesen, sondern seien dem NS-Regime politisch nahegestanden (für Dietl trifft dies sicherlich zu) und/oder hätten sich von dessen Heldenprogaganda wissentlich oder wenigstens ohne erkennbaren Widerspruch (sic!) mißbrauchen lassen. Mit einer parallelen Begründung (Nähe zur NS-Ideologie) wurde übrigens in Österreich 2003 einem weiteren Jagdflieger, dem 1944 gefallenen Walter Nowotny beziehungsweise seinem Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof dieser Status per Gemeinderatsbeschluß aberkannt.

»Zeichen setzen«

Spätestens beim Blick auf die Zeit nach dem vorläufigen Abschluß dieser eben skizzierten Phase, gekennzeichnet durch die Eliminierung der angeführten sogenannten Problemfälle, drängt sich der Eindruck auf, daß es die nimmermüden Umbenennungsaktivisten nicht bei den von ihnen errungenen Erfolgen bewenden lassen woll(t)en, sondern daß sie — kaum, daß eine Agenda in ihrem Sinn abgehakt war — neue Objekte suchten und nach wie vor suchen, anhand derer sich noch mehr »Zeichen setzen« lassen, wie es ebenso schön wie nichtssagend heißt. Da die Fälle von Hardcore-Nazis und jene der NS-Sympathisanten beziehungsweise NS-Werbeträger mittlerweile längst erledigt sind und folglich der Nachschub aus dieser Kategorie erschöpft ist, muß der Kreis der potenziellen Kandidaten weiter gezogen und müssen daher auch die Kriterien, nach denen jemand als »nicht mehr tragbar« zu gelten hat, zunehmend ausgedehnt, das heißt heutigen Wertmaßstäben restlos angepaßt werden.

Noch eine Beobachtung sei hier eingeschoben und an einem rezenten Grazer Beispiel verdeutlicht: Unter den Umbenennungsexperten scheint neuerdings eine Art Wettbewerb um immer weitergehende, noch kreativere Ideen ausgebrochen zu sein. Man kann schließlich auf die zahlreichen Anfragen der Medien um Wortspenden — und in den Medien will man ja gerne genannt und zitiert werden, selbst wenn es sich um nicht sonderlich qualitätvolle GratisZeitungen handelt — nicht immer nur auf die üblichen Verdächtigen wie Conrad oder den »Turnvater« Jahn hinweisen, denn über deren angebliche oder wirkliche Verfehlungen hat das Publikum ja schon wiederholt gelesen. Unter dem Diktat der modernen Medien, ständig vermeintlich Neues, Originelles und Sensationelles auftischen zu müssen, lassen sich sogar erfahrene Historiker, die ansonsten nicht als Heißsporne bekannt sind, zu abwegigen Argumentationen verleiten.

Wie anders soll man es verstehen, daß für einen am Institut für Geschichte der Universität Graz lehrenden, nicht mehr ganz jungen Historiker ausgerechnet der Grazer Freiheitsplatz ein »Ärgernis« darstellt? Diese Lokalität in der Altstadt hieß bis zum Ende der Monarchie Franzensplatz (benannt nach Kaiser Franz I., dessen Denkmal sich bis heute dort befindet), wurde während der ersten österreichischen Demokratie in Freiheitsplatz umbenannt, der Ständestaat führte den alten Namen wieder ein, den das NS-Regime 1938 neuerlich auf Freiheitsplatz ändern ließ. Dabei blieb es bis heute. Für den besagten Historiker gilt jedoch: »Die Freiheit, die die [die Nationalsozialisten, M. M.] meinten, kann nicht die Freiheit von 1945 sein.«4 Wie erinnerlich, wurde der heutige Name nach dem Ersten Weltkrieg unter vollkommen demokratischen Bedingungen von einer sozialdemokratisch geführten Stadtregierung verliehen. Er sollte an die Ausrufung der Republik am 12. November 1918 erinnern, die auf diesem Platz erfolgt war. Dies alles spielt aber ebenso wenig eine Rolle wie der Umstand, daß einem das Wort »Freiheit« nicht auf den ersten Blick verdächtig erscheinen will (auch nicht auf den zweiten oder dritten Blick). Der bloße Umstand, daß es das NS-Regime war, welches den zuvor vom Ständestaat beseitigten Namen wieder einsetzte, soll also »Freiheitsplatz« für immer und ewig verdächtig machen. Die Bezeichnung des Platzes war mithin von circa 1920 bis 1934, auch aus heutiger Sicht, bedenkenlos, während ein und derselbe Name seit 1945 ein »Ärgernis« darstellt. Damit wird unterstellt, eine Beibehaltung des vom NS-Regime wieder eingeführten Namens würde die NS-Interpretation des Begriffs »Freiheit« tradieren. Mit derselben Logik könnte man behaupten, die Umbenennung 1938 habe ihrerseits den demokratischen Freiheitsbegriff der zwanziger Jahre tradiert. Wie abstrus alle diese Gedankengänge sind, zeigt sich bei der hypothetischen Annahme, es hätte ein ähnliches Hin und Her und wieder zurück auch bei nach Mozart oder Beethoven benannten Straßen gegeben. Dann würde es, mutatis mutandis, eben heißen: Die Interpretation der Nazis von Mozart und Beethoven kann nicht jene von 1945 sein …

Seit einigen Jahren erleben wir, daß auch und sogar Personen ins Visier rücken, die lange als große und ideale Vorbilder einer freiheitlich-demokratischen Ordnung, ja als sakrosankt galten — zum Beispiel deshalb, weil sie an dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 sowie dem damit zusammenhängenden, fehlgeschlagenen Umsturzversuch beteiligt waren und das NS-Regime sie danach hinrichten ließ. Das prominenteste Beispiel für diese Neubewertung selbst früher zweifelsfrei anerkannter Widerständler ist Generaloberst Erich Hoepner (1886—1944), den Hitler im Januar 1942 wegen »Feigheit und Ungehorsams« seines Kommandos an der Ostfront enthoben und unehrenhaft aus der Wehrmacht entlassen hatte. Hoepner gehörte zum engsten Kreis der Verschwörer um Graf Stauffenberg und wurde am 8. August 1944 hingerichtet. Da aber um die Jahrtausendwende ans Licht kam, daß Hoepner 1941 als Armeeoberbefehlshaber im Krieg gegen die Sowjetunion scharfe antisemitische und antikommunistische Befehle erlassen hatte, durfte ab 2008 die »Erich-Hoepner-Oberschule« in Berlin nicht mehr so heißen.5 1956, als man dem Gymnasium diesen Namen verlieh, galt dies noch als demokratischer Vorzeigeakt, denn Hoepner löste Kaiserin Auguste Victoria, die Gemahlin Kaiser Wilhelms II., als Namenspatron ab. Eine nach Hoepner benannte Bundeswehr-Kaserne in Wuppertal wurde mittlerweile geschlossen; in Düsseldorf, Neuss und Leipzig gibt es noch entsprechende Straßen.

Leipzig liefert übrigens ein erstklassiges Beispiel nicht nur für die Wechselfälle der deutschen Geschichte, sondern auch dafür, was Anrainern — sofern sie längere Zeit am selben Ort wohnen — zugemutet wird: Es gab dort von 1947 bis 1965 eine Hoepner-Straße; der hingerichtete Verschwörer gegen Hitler (zwar ein hochrangiger Militär, aber wenigstens nicht von Adel) galt also auch dem SED-Regime (zeitweilig) als »würdig«. Dann kamen anscheinend Zweifel auf, vermutlich deshalb, weil Näheres über Hoepners anfänglich durchaus aktive Mitwirkung am Krieg gegen den Bruderstaat der DDR, die UdSSR, bekannt wurde. 1965 ließ das Regime die Straße jedenfalls nach dem 1944 im Moskauer Exil verstorbenen KPD-Funktionär und Widerstandskämpfer Wilhelm Florin benennen; 1996 erfolgte eine Rückbenennung. Daß Hoepner für das heutige Leipzig nicht mehr lange »tragbar« sein wird, ist nach den Berliner Vorgängen abzusehen.

Man könnte Beispiele dieser Art beliebig vermehren und sie um mancherlei Kuriosa ergänzen. Dazu zählt etwa der nicht ohne weiteres einsichtige Umstand, daß in Deutschland wie Österreich bestimmte topographische Bezeichnungen in der einen Stadt geändert wurden (zum Beispiel der einstige Bismarck-Platz in Graz oder die frühere Ottokar-Kernstock-Gasse im oststeirischen Weiz), während sie in der näheren Umgebung weiterhin existieren (Fürstenfeld, circa vierzig Kilometer von Graz entfernt, hat noch seine Bismarckstraße; in Graz gibt es eine Kernstockgasse). Kann man daraus ableiten, daß es hinsichtlich der geschichtspolitischen »Sensibilität« ein Stadt-Land-Gefälle gibt, und sei es nur, weil man außerhalb der Metropolen eben konservativer eingestellt ist und modischen Neuerungen weniger sklavisch folgt? Das Beispiel Kernstock deutet eher auf das Gegenteil.

Arndt und D’Annunzio

Aus meiner Sicht existiert das größte Kuriosum des deutschsprachigen Raumes in Greifswald an der Ostsee, dessen im 15. Jahrhundert gegründete Universität den Namen von Ernst Moritz Arndt (1769—1860) trägt. Arndt hatte sich im Lauf seines langen Lebens vor allem als Kämpfer gegen die napoleonische Fremdherrschaft einen Namen gemacht, aber auch nach deren Beseitigung eine unendliche Zahl deutschnationaler (»Was ist des Deutschen Vaterland?«) und franzosenfeindlicher Gedichte produziert. Die altehrwürdige Universität Greifswald erhielt Arndts Namen 1933, zu Beginn der NS-Herrschaft, aber diese Verleihung überdauerte — kaum glaublich — die DDR und besteht noch heute, wenngleich sie zunehmend in die Kritik gerät. Einer Umbenennung entgegengewirkt haben dürfte bisher die starke biographische Verankerung Arndts im Raum Vorpommern, dem es ansonsten an vorzeigbaren Zelebritäten mangelt. Vielleicht starb Arndt so lange vor Beginn der NS-Herrschaft, daß er — wenngleich ab und zu als Vordenker des Nationalsozialismus apostrophiert — nicht obenan auf der Liste der Umbenenner steht.

Das Beispiel dieser Universität bietet Veranlassung, einen weiteren Blick ins — diesmal nicht deutschsprachige — Ausland zu werfen, nach Italien. Nur wenigen dürfte hierzulande bekannt sein, daß es in der mittelitalienischen Stadt Chieti eine Università Gabriele D’Annunzio gibt. Namensgeber ist einer der bedeutendsten italienischen Dichter des frühen 20. Jahrhunderts, über den es abseits seines literarischen Schaffens allerhand zu berichten gibt. Außerhalb Italiens dürfte D’Annunzio (1863—1938) überhaupt weniger als Dichter als wegen seiner Rolle in der Politik bekannt sein: 1915 forderte er lautstark den Eintritt seiner Heimat in den Ersten Weltkrieg; den Krieg — an dem er selbst, obwohl schon über fünfzig Jahre alt, als Pilot teilnahm — hat er literarisch heroisiert, was ihn zum italienischen Ernst Jünger (In Stahlgewittern) machte. Im September 1919 besetzte er mit einer Gruppe ihm ergebener Freischärler die zwischen Italien und Jugoslawien umstrittene Stadt Fiume/Rijeka. Dort errichtete D’Annunzio zeitweilig eine nur ihm unterstehende, autoritäre Herrschaft, die wesentliche Elemente des Faschismus vorwegnahm. Wenngleich er sich nach Mussolinis Machtantritt (Oktober 1922) aus der Politik weitgehend zurückzog, unterstützte er weiterhin das faschistische Regime und dessen Expansionspolitik in Afrika. Schon zu Lebzeiten verklärt, erhob ihn das Regime nach seinem Tod 1938 in das Pantheon italienischer Nationalhelden.

Dort verblieb D’Annunzio auch nach 1945 und ganz unabhängig von der politischen Ausrichtung der Italien regierenden, zahllosen Koalitionen. Im deutschsprachigen Raum ist eine ähnliche Verklärung einer so problematischen, jegliche Gewaltanwendung im Interesse der »nationalen Sache« rückhaltlos bejahenden Persönlichkeit schwer vorstellbar, erst recht die Benennung einer Universität nach ihr (kaum Anstoß dürfte erregen, daß auch der Flughafen von Brescia D’Annunzios Namen trägt). Kann man daraus ableiten, daß die (Hyper-)Sensibilität gegenüber dem, was man »nationales Erbe« nennen könnte, ein Phänomen Deutschlands und Österreichs ist und daß andere Staaten damit weniger Probleme haben — selbst solche, die für die Epoche des Faschismus eine parallele Geschichte aufzuweisen haben?

Die Offiziere der deutschen Wehrmacht

Ich komme nun auf eine rezente Entwicklung zu sprechen, die zum Teil an das oben Gesagte anknüpft: Je mehr sich der Kreis potenziell dubioser Fälle ausweitet, desto mehr stößt man in Grauzonen vor, in denen man es mit Personen zu tun hat, die sowohl Verfehlungen als auch Verdienste vorzuweisen haben, was ein eindeutiges Urteil, möge es positiv oder negativ ausfallen, erschwert. Niemand hätte vor zwanzig oder vielleicht noch weniger Jahren vorhergesehen, daß mittlerweile der Umstand, vom NS-Regime als Widerstandskämpfer zum Tode verurteilt und hingerichtet worden zu sein, eine Person nicht unbedingt davor bewahrt, als nicht mehr traditionswürdig zu gelten. Die anfängliche Begeisterung des späteren Hitler-Attentäters Graf Stauffenberg für den Nationalsozialismus ist seit längerem bekannt, gilt aber anscheinend durch seine mit dem Tod bezahlte Tat vom 20. Juli 1944 als gesühnt. Einige seiner Mitverschwörer, die sich 1941/42 als Stabsoffiziere im deutsch-sowjetischen Krieg noch für eine scharfe Gangart in der Partisanenbekämpfung und für eine rücksichtslose Behandlung der sowjetischen Kriegsgefangenen engagiert hatten, kamen weniger glimpflich davon, obwohl sie alle im Umfeld des 20. Juli zu Tode kamen. Über sie wird seit einer Weile in Fachzeitschriften eine lebhafte Diskussion geführt, wenngleich es dabei unter anderem darum geht, wie diese anfänglichen Hardliner letztlich zum Widerstand kamen.6

Daß heutzutage buchstäblich niemand mehr davor sicher ist, in diesen hyperkritischen Diskurs hineingezogen und dort demontiert zu werden, zeigte während der letzten Jahre der Fall des Generalfeldmarschalls Erwin Rommel (1891—1944), den Hitler im Oktober 1944 wegen seiner von ihm unterstellten, in der Fachwelt nach wie vor strittigen Rolle bei dem erwähnten Attentat Stauffenbergs zum Selbstmord gezwungen hatte. Rommels langjährige Nähe zu Hitler beziehungsweise zum NS-Regime sowie seine prominente Rolle als Vorzeige-General der NS-Propaganda stehen völlig außer Streit. Doch ist erst kürzlich überzeugend nachgewiesen worden, daß Rommel spätestens nach der alliierten Landung in der Normandie im Juni 1944 desillusioniert war, sich von Hitler abwandte und im Widerstand eine deutlich aktivere Rolle spielte als bislang angenommen.7 Ein auf den Namen Rommels getaufter Zerstörer der deutschen Bundesmarine wurde, bevor der Streit um den Namensgeber aufkam, 1998 außer Dienst gestellt. Die zahlreichen nach Rommel benannten Straßen, vor allem in seiner Heimat Baden-Württemberg, sind bis jetzt erhalten geblieben, aber umstritten.

Man darf gespannt sein, ob gerade der an Ambivalenzen, das heißt dem Schwanken zwischen anfänglicher Regimenähe und nachfolgender Wendung ins Gegenteil, so reiche Fall Rommel und die Entwicklung dieser heute noch immer weithin bekannten und als »Wüstenfuchs« eine gewisse Popularität genießenden Persönlichkeit die politischen Verantwortlichen dazu veranlassen werden, dem Umbenennungsfuror ein »Bis hierher und nicht weiter!« entgegen zu setzen. Sie könnten dabei vor allem ins Treffen führen, daß Rommel — wie auch viele der oben Genannten im Umfeld Stauffenbergs — letztes Endes Opfer Hitlers waren, was immer sie vorher getan oder gedacht haben mögen.

Was insbesondere die militärische Traditionspflege oder das, was von ihr noch übrig ist, betrifft, so ergibt sich langsam, aber sicher das Problem, daß die von einem kleinen, aber lautstarken Segment der öffentlichen Meinung vertretene, kategorische Ablehnung jeglicher irgendwie mit Kriegen der Vergangenheit verknüpften Tradition früher oder später dazu führen muß, daß selbst Namenspatrone aus einer lange zurückliegenden Zeit (Prinz Eugen und so weiter) in Frage gestellt werden. Wie man wohl auch in den Verteidigungsministerien in Berlin und Wien weiß, ist es (noch) unvorstellbar, sämtliche Kasernen und so weiter nach Pazifisten und Friedensaktivisten vom Schlag einer Bertha von Suttner zu benennen — zumindest solange, als die in diesen Kasernen Dienst tuenden Soldaten auch zu Einsätzen »out of area« nach Afghanistan oder zu UNO-Friedensmissionen entsandt werden, in deren Verlauf sie mitunter in Selbstverteidigung zur Waffe greifen müssen und dabei personelle Verluste erleiden.

Die Verteidigungsminister Deutschlands und Österreichs, egal welcher Partei sie angehör(t)en, können jedenfalls dem Himmel danken, daß die in beiden Ländern seit etlichen Jahren stattfindenden Verkleinerungen der Streitkräfte und die damit verbundenen Standortschließungen eine ideale Gelegenheit boten, sich politisch heikler Fälle elegant zu entledigen. Man kann nur spekulieren, ob derlei Erwägungen bei der bisher getroffenen Auswahl aufzulassender Kasernen in Österreich eine Rolle spielten. Was die dem Verfasser am besten bekannte Steiermark betrifft, so fällt jedenfalls auf, daß in deren südlichem Landesteil die (von der Namensgebung her unproblematische) Erzherzog-Johann-Kaserne in Straß erhalten blieb, während das Bundesheer die zweite südsteirische Garnison in Bad Radkersburg aufgab. Es mag Zufall sein, aber die Radkersburger Mickl-Kaserne war die einzige politisch brisante in Österreich, war sie doch nach Johann Mikl (ab 1922 Mickl, 1893—1945) benannt, der zwar als junger Oberleutnant 1919 die Region um Radkersburg gegen jugoslawische Eindringlinge verteidigt, seine Karriere aber als Generalleutnant und Eichenlaubträger der deutschen Wehrmacht beendet hatte, in deren Reihen er noch kurz vor Kriegsende im Kampf gegen Titos Partisanen fiel.

Die österreichisch-ungarische Tradition

Damit sind wir endgültig wieder in Österreich angelangt. Es verwundert nicht, daß hier die bundesdeutschen Diskurse mit der üblichen Zeitverzögerung nachvollzogen wurden. Sie waren hierzulande freilich weniger dringlich, denn eine nennenswerte Traditionspflege der Wehrmacht gab es im österreichischen Bundesheer seit dessen Begründung in Folge des Staatsvertrags von 1955 ohnedies nicht. Dafür war unter anderem der Umstand maßgeblich, daß die Aufbaugeneration kaum über Weltkriegserfahrungen verfügte, weil es sich um Offiziere handelte, die 1938 nicht in die Wehrmacht übernommen worden waren.8 Vielmehr knüpfte man in Österreich ab 1955 wieder an habsburgische Traditionen an, auch an solche, die außerhalb des Bundesgebietes liegen. In lebendiger Erinnerung ist mir eine Gedenkfeier an eine Schlacht des Ersten Weltkrieges, zu der während meiner Präsenzdienstzeit 1979/80 einige Veteranen dieses Krieges aus Bosnien-Herzegowina, damals ein Teil Jugoslawiens, anreisten. Das Regiment, dem ich damals angehörte, pflegte die Tradition einer bosnischen Einheit der k.u.k. Armee, und so kamen eben die Bosniaken, wohl auf österreichische Kosten, zu dieser Erinnerungsfeier. Die hochbetagten Herren standen beim Totengedenken stramm und trugen ihre im Ersten Weltkrieg verliehenen Orden an der Brust.

Die bewußte Anbindung der — nicht nur militärischen — Traditionspflege an das Erbe der Monarchie (nicht unbedingt an das der sie regierenden Dynastie) hatte in der Zweiten Republik selbstredend eine identitätsstiftende Funktion und diente der Abgrenzung gegenüber großdeutschen Tendenzen, indem der in jeder Hinsicht eigenständige Charakter des »Österreichischen« herausgestrichen wurde. Übersehen wird häufig, daß dies in den Jahren vor 1938 nicht grundlegend anders gewesen war, ja mehr noch: Während ein »Anschluß« Österreichs an Deutschland nach 1945 kein Thema mehr war, sah sich der Ständestaat ab 1933 mit einem mächtigen Nachbarn konfrontiert, dessen Regierung und dessen »Führer« einen solchen Zusammenschluß zu ihrem offiziellen Programm erklärt hatten. Dementsprechend wichtig war es für die ab 1932 amtierenden Bundesregierungen der Kanzler Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg, dieser Bedrohung einen Maßnahmenkatalog zur Festigung der österreichischen Identität (in Abgrenzung zu der von den Nationalsozialisten behaupteten großdeutschen) und damit zur Stärkung der staatlichen Souveränität entgegenzusetzen. Was immer dem Ständestaat anzulasten ist, dieser sein Programmpunkt sollte eigentlich nicht zu seinen schwersten Sünden zählen.

Allgemeinpolitische Aspekte der Diskussion um Conrad

In diesem Kontext wird man die 1935 verfügte Benennung der Grazer Conrad-von-Hötzendorf-Straße zu verstehen haben. Den Anlaß dürfte wohl der zehnte Todestag Conrads in diesem Jahr gegeben haben, was bei rein formaler Betrachtung nichts daran ändert, daß es sich bei dieser Ehrung — in den Worten der Historikerin Heidemarie Uhl — um »ein Relikt des Ständestaates« handelt. Aber was ist damit, abgesehen von der chronologischen Einordnung, gemeint, und wie soll man die kryptische Aussage Uhls verstehen, der Akt von 1935 sei »kein Zufall« gewesen?9 Straßen(um)benennungen erfolgen ja so gut wie nie auf Grund bloßer Zufälle.

Wenn nicht der Zufall die Feder führte, welche Hintergedanken waren dann im Spiel? Da Conrad 1925 gestorben war, kommt er als Unterstützer des ständestaatlichen Regimes nicht in Betracht. Und weil er mit der katholischen Kirche nichts am Hut hatte, ist eine solche Unterstützung praktisch auszuschließen, hätte er länger gelebt. Daraus läßt sich immerhin folgern, daß der Ständestaat auch Personen ehrte, die nicht alle seiner ideologischen Positionen teilten. Noch verwirrender wird es, wenn mit Wolfram Dornik ein weiterer Conrad-Biograph darauf verweist, Conrad habe »den Staat Österreich nach 1918 abgelehnt«.10 Würde dies in dieser Pauschalität zutreffen, wäre vollkommen unverständlich, warum die Ehrung Conrads gerade durch den Ständestaat erfolgte, der doch bestrebt war, die Existenz des Kleinstaates Österreich (und damit sein eigenes Regime) zu bewahren — natürlich nicht unter den politischen beziehungsweise verfassungsrechtlichen Bedingungen der zwanziger Jahre, aber jedenfalls hinsichtlich des staatlichen Fortbestandes.

Es ist wenig verwunderlich, daß Conrad der Monarchie und ihrem Großmachtstatus nachtrauerte und ihm der Kleinstaat Österreich wenig Freude bereitete — damit stand er in den Jahren vor seinem Tod keineswegs allein. Wie in so vielen Dingen war sein Verhältnis zur Vergangenheit jedoch ambivalent. Über die Habsburger, allen voran den letzten Kaiser, Karl I., hatte Conrad in seinen Nachkriegsschriften wenig Schmeichelhaftes zu sagen, und so erstaunt nicht, daß ein Teil der Presse kurz nach seinem Tod die Meinung vertrat, das ihm von der christlichsozialen Regierung Ramek gewährte Staatsbegräbnis hätte es bei einem Fortbestand der Monarchie nicht gegeben, diese hätte für den Verstorbenen nur »disgrace« übriggehabt.11 Daraus ist abzuleiten, daß die Würdigung Conrads nicht erst im autoritären Ständestaat, sondern unter demokratischen Bedingungen ein Jahrzehnt zuvor einsetzte, wenngleich die oppositionellen Sozialdemokraten gegen das Staatsbegräbnis Sturm liefen. Es spricht aber Bände, daß ihre Argumente auf Conrads fatale Rolle vor 1918 Bezug nahmen; von seiner Republik-Feindschaft war nicht die Rede. Im Gegenteil: Anders als von Dornik behauptet, anerkannte der Vorwärts, das Zentralorgan der reichsdeutschen Sozialdemokratie, die von Conrad seit 1919 gewahrte Zurückhaltung. Das Blatt schrieb, der pensionierte General »never agitated against the […] government« und »never called for private armies to overthrow the Republic as have certain of his German comrades«. Der Sozialdemokrat Otto Bauer, einer der schärfsten Conrad-Kritiker, bescheinigte ihm am Tag seiner Beerdigung, sein Rückzug aus dem politischen Leben habe ihn wohltuend von anderen Generälen unterschieden, und deshalb sei er kein österreichischer Ludendorff geworden.12

Conrad war bei Kriegsende 66 Jahre alt und widmete seine ihm verbliebenen, von gesundheitlichen Problemen begleiteten Lebensjahre restlos der titanischen Aufgabe, seine Rolle im Weltkrieg ins rechte Licht zu rücken. Nachdem mehrere Bände seiner Erinnerungen erschienen waren, starb er lange vor deren Abschluß. Für Einmischungen in die österreichische Innenpolitik der Zwischenkriegszeit hatte Conrad schlicht keine Zeit; sein Interesse an ihr dürfte sich in Grenzen gehalten haben. Es ist daher nicht verständlich, wie Dornik zu dem Urteil kommt, Conrad habe nach 1918 die Republik abgelehnt. In Dorniks Conrad-Biographie sucht man jedenfalls vergeblich nach entsprechenden Belegen.13

Was wird sonst noch gegen die Conrad-von-Hötzendorf-Straße ins Treffen geführt? Auf die schwerwiegenden Vorwürfe gehe ich gleich ein, doch sei vorweg erwähnt, daß auch vergleichsweise triviale Umstände herhalten müssen. So verweist der Chef des GrazMuseums, Otto Hochreiter, darauf, Conrad habe mit Graz gar nichts zu tun gehabt.14 Nun wäre es lächerlich, dem zu entgegnen, daß Conrads zweite Frau, Gina von Reininghaus, um die er bis zu ihrer Heirat 1915 jahrelang warb, in erster Ehe mit einem Grazer Industriellen verheiratet war. Aber selbst wenn Hochreiter recht hätte, trifft seine Feststellung nicht nur auf Conrad zu. Goethe, Schiller, Beethoven, Humboldt, Heinrich Heine und viele andere, nach denen in Graz Straßen benannt sind, haben keinen erkennbaren biographischen Bezug zur Mur-Metropole, ganz zu schweigen von Nicht-Österreichern wie Albert Schweitzer oder Robert Baden-Powell, der Begründer der Pfadfinder. Da nun mitunter gefordert wird, Conrads Straße in Nelson-Mandela-Straße umzubenennen, dürfte sich eine nähere Auseinandersetzung mit dem Aspekt des Graz-Bezugs der Geehrten erübrigen.

Nicht untypisch für die Uneinigkeit und die Widersprüche zwischen den Umbenennungsaktivisten ist Heidemarie Uhls (Hochreiter konterkarierendes) Argument, der Graz-Konnex ergebe sich durch Conrads »Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung in Galizien, entscheidend der Bezug zu Graz: Im Interniertenlager Thalerhof sind […] 1767 Männer, Frauen und Kinder umgekommen.«15 Sieht man einmal davon ab, daß das fragliche Gelände weder damals noch heute auf Grazer Stadtgebiet, sondern auf jenem der Gemeinde Feldkirchen liegt: Was Conrad mit diesem Lager zu tun hatte, bleibt auch nach neuesten Forschungen unklar.16 Zweifellos befürwortete, ja forderte Conrad ein rücksichtsloses Vorgehen gegen jene eigenen Staatsbürger, die in den frontnahen Gebieten vor allem im Osten der Sympathie für oder gar der Kollaboration mit dem Feind verdächtigt wurden. Seltsamerweise wird nur selten auf die im Hinterland der serbischen wie der Ostfront erfolgten Massenhinrichtungen verwiesen, die Conrad zwar nicht direkt angeordnet hatte, für die ihn aber als Generalstabschef des Heeres eine gewisse Mitverantwortung durch Duldung trifft. Soweit diese Thematik überhaupt erforscht ist, scheint es eher so gewesen zu sein, daß Kommandeure vor Ort die Nerven verloren. Conrad wußte zweifellos Bescheid und griff nicht ein, doch wäre es verfehlt, ihn zur Zentralfigur der gegen eigene Staatsbürger oder Zivilisten in besetzten Gebieten gerichteten Repression zu stempeln. Bei meinen eigenen Forschungen zu den vor allem militärgerichtlichen Verfolgungen zahlreicher Slowenen in der Steiermark im zweiten Halbjahr 1914 bin ich kein einziges Mal auf Conrad gestoßen.17

Mit der Verbringung der in Galizien festgenommenen Personen in Interniertenlager waren diese Menschen Conrads Einwirken entzogen; die Verwaltung der Lager, für welche das Kriegsministerium zuständig war, lag außerhalb von Conrads Aufgabenkreis — der Generalstabschef war mit der Führung der militärischen Operationen mehr als ausgelastet, sodaß kaum anzunehmen ist, er habe sich in seinem Hauptquartier im schlesischen Teschen mit den Vorgängen im viele hundert Kilometer entfernten Thalerhof befaßt. Die tristen Zustände in diesen Lagern hatten mit deren überhasteter Errichtung, dem Lebensmittelmangel und dem Ausbruch von Seuchen zu tun. Ein gewisses Desinteresse der Behörden am Schicksal der Internierten mag mitgespielt haben, wenngleich die Verhältnisse in den Lagern für politisch unverdächtige Flüchtlinge nicht besser waren, was eher für objektive Schwierigkeiten als für eine bewußte Vernachlässigung spricht. Die Mehrzahl der 1767 Todesfälle am Thalerhof ging auf Epidemien zurück; sie forderten übrigens auch unter der Wachmannschaft Opfer. Schon deswegen wäre es abwegig zu behaupten, die Behörden hätten vor den sanitären Zuständen die Augen verschlossen. Sowohl die Grazer Statthalterei als auch die — durch die Presse informierte — Bevölkerung waren jedenfalls wegen des Ausbruchs von Seuchen vor den Toren der Hauptstadt alarmiert.

Man kann manche Kritik an Conrad relativieren beziehungsweise auf ihren wahren, weniger spektakulären Kern zurechtstutzen, was freilich daran liegt, daß seine Gegner bemüht sind, jedes nur irgendwie verwertbare Argument vorzubringen. Daneben gibt es freilich Punkte, an denen nichts herumzudeuteln ist. Conrad vertrat, wie viele andere auch, ein sozialdarwinistisches Weltbild und sah seine Mission darin, den von ihm als unvermeidlich eingestuften Kampf als grundlegendes Gestaltungsprinzip der zwischenstaatlichen Beziehungen unter für Österreich-Ungarn möglichst günstigen Bedingungen herbeizuführen. Aus diesen Prämissen erklären sich seine ständigen Forderungen nach Präventivkriegen gegen Italien, Serbien und Rußland. Auch damit stand er unter seinen Zeitgenossen nicht allein; ungewöhnlich war höchstens die Idee, einen Präventivkrieg gegen das verbündete Italien vom Zaun zu brechen. Während sich Conrad mit diesen Plänen nicht durchsetzen konnte, erreichte er im Juli 1914 sein Ziel. Unstrittig ist, daß er innerhalb der kleinen Führungsschicht Österreich-Ungarns, welche die Entscheidung über Krieg oder Frieden zu treffen hatte, lautstark für ein Losschlagen gegen Serbien plädierte. Ebenso unstrittig ist aber, daß innerhalb dieser Elite überhaupt nur der ungarische Ministerpräsident zeitweilig Bedenken äußerte; auch er ließ sich rasch umstimmen. Conrad mußte mithin nur wenig Überzeugungsarbeit leisten, er rannte offene Türen ein.18

Conrad als Feldherr

Zu den erstaunlichsten Facetten der gegenwärtigen Conrad-Diskussion gehört für mich, daß Conrads Agieren auf seinem ureigensten Aufgabenfeld, der Kriegführung, selten bis gar nicht thematisiert wird. Dabei gibt es heute keinen Dissens mehr darüber, daß ihm in seinem Metier so ziemlich alles mißlang, was nur mißlingen konnte, als es mit den Kriegsspielen vorbei war und es ernst wurde. Gibt es eine spezifisch österreichische Tradition, auch gescheiterte Feldherren zu ehren? Graz verfügt immerhin über eine (bislang unbeachtet gebliebene) Ludwig-Benedek-Gasse, benannt nach dem glücklosen Oberbefehlshaber der Österreicher in der Schlacht von Königgrätz 1866. Zur Versachlichung der Conrad-Debatte sei hier ein alternativer Zugang vorgeschlagen, der nicht Conrads (politische) Verfehlungen oder seine Weltanschauung in den Mittelpunkt rückt, sondern die Frage stellt, welche seiner Verdienste die Benennung einer so wichtigen Straße nach ihm gerechtfertigt haben. Die — vermutlich weithin konsensfähige — Antwort fällt recht simpel aus: Verdienste gibt es nicht. Als Feldherr ist Conrad auf der ganzen Linie gescheitert, auch wenn er und seine Jünger dies wortreich wegdiskutieren wollten und bei diesem Unterfangen weit über 1945 hinaus bemerkenswert erfolgreich waren. Dies kann man schwer verstehen, wenn man den Kriegsverlauf ab August 1914 betrachtet. Vom Aufmarsch weg, bei dem Conrad sich nicht zu einer Schwerpunktbildung — entweder gegen Serbien oder gegen Rußland — durchringen konnte, über die Eröffnungsoffensiven im Osten bis zur desaströsen Winterschlacht in den Karpaten 1914/15 lief so ziemlich alles schief. Erklärungsbedürftig ist lediglich, warum Conrad erst Anfang 1917 als Generalstabschef abgelöst wurde, während seine Kollegen im Deutschen Reich, aber auch im Lager der Entente für vergleichbare Mißerfolge viel früher ihrer Posten enthoben wurden.

Parallel zu Conrad liegt einzig der Fall des italienischen Generalstabschefs von Mitte 1914 bis Ende 1917, Luigi Cadorna (1850—1928), dem es die politische Führung Italiens mehr als zwei Jahre lang gestattete, mit seinem selbst für die Verhältnisse des Ersten Weltkriegs außergewöhnlich starren und einfallslosen Konzept rund zehn Mal an immer der gleichen Stelle am Isonzo frontal gegen die Österreicher anzurennen — mit dem Resultat horrender Verluste, aber minimaler Geländegewinne. Erst nach der für die Italiener desaströsen deutsch-österreichischen Gegenoffensive bei Caporetto im Oktober 1917 wurde Cardona abgelöst. Obwohl die italienische Historiographie seit einigen Jahren darüber hinaus Cadornas gnadenloses Vorgehen gegen die Mißstimmung unter seinen Truppen aufgezeigt hat und obwohl der General später Mussolini unterstützte, der ihn rehabilitierte und zum Marschall beförderte, gibt es nach ihm benannte Straßen als Erbe des Faschismus noch heute in vielen Städten Italiens, zum Beispiel im Zentrum von Triest (mit dem Zusatz »Marschall Italiens«) oder in Bozen. 1919 hatten ihm Regierung und Parlament noch Rang und Pensionsbezüge aberkannt! In Triest grenzt die Via Cadorna an die nach Cadornas erfolgreicherem Nachfolger benannte Via Armando Diaz, deren Zusatztafel den Namenspatron als »Duca della Vittoria« (Herzog des Siegs) bezeichnet (Stand August 2014).

Kehren wir zu Conrad zurück. Angesichts seiner »Leistungsbilanz« seit Kriegsausbruch wollte die Kritik an seiner Führung nicht verstummen; sie entzündete sich unter anderem an seiner Truppenferne und Realitätsverweigerung, aber auch daran, daß er noch während der heißesten Schlachten Zeit und Muße fand, seine damalige Geliebte Gina in sein Hauptquartier zu holen, wo er sich zum Mißfallen seines Stabes mehr mit ihr als mit den Operationen beschäftigte. War Gina nicht präsent, schrieb ihr Conrad täglich kilometerlange Liebesbriefe im Stil eines pubertierenden Teenagers. Schon Ende August 1914 vertraute ein Offizier aus Conrads Stab dem zu Besuch weilenden Parlamentarier Josef Redlich an, Conrads Romanze mit der um Jahrzehnte jüngeren, verheirateten mehrfachen Mutter Gina erscheine als ein »Zeichen von Senilität«.19 Conrad war damals 62 Jahre alt.

Die neueren Biographien des glücklosen Feldherrn haben überzeugend herausgearbeitet, aus welchen übergeordneten politischen Erwägungen heraus Conrad, ungeachtet seiner vor aller Augen liegenden Defizite und trotz des Scheiterns aller seiner Pläne, nach 1918 von Kritik weitgehend verschont blieb, was umso mehr erstaunt, als natürlich über die Ursachen der Niederlage ein reger Diskurs einsetzte. Conrads Person symbolisierte aber so stark die alte, untergegangene Armee, daß es die an dieser Debatte beteiligten Offiziere bis zu seinem Tod 1925 und lange darüber hinaus nicht fertigbrachten, seine Fehlentscheidungen angemessen zu analysieren. Daneben waren es nach 1918 vor allem die von ihm protegierten und erzogenen Stabsoffiziere, die zur Feder griffen. Entsprechend fiel das Schrifttum dieser Jahre aus, insbesondere das offizielle, vom Kriegsarchiv herausgegebene, mehrbändige Werk Österreich-Ungarns letzter Krieg. Wie Graydon Tunstall vor längerem nachgewiesen hat, kam es im Zuge dessen zu einer fast unglaublichen Serie von Absprachen, Glättungen und bewußten Verfälschungen der Quellen, weshalb Tunstall gar von einer »Habsburg Command Conspiracy« spricht.20

Was immer die Forschung der letzten Jahrzehnte über Conrads Irrtümer zusammengetragen hat: 1935, als die Grazer Straße seinen Namen erhielt, war der Wissensstand ein anderer, denn die damals verfügbare, offiziöse Literatur zeichnete das Bild eines militärischen Genies, ebenbürtig einem Napoleon, Prinz Eugen oder Erzherzog Karl. Damit soll selbstredend nicht behauptet werden, der Ständestaat habe sich bei seiner Straßenbenennung lediglich am damaligen Forschungsstand orientiert, aber gegen dessen Befunde fiel die besagte Entscheidung ebenfalls nicht. Abgesehen von seinem behaupteten Feldherrngenie schlug für die christlichsoziale Staatsführung, die Conrad schon 1925 ein Staatsbegräbnis zuteilwerden hatte lassen, dessen Kampf gegen die überhandnehmende deutsche Dominanz während des Krieges zu Buche. Conrad hatte sich — aus verständlichen egoistischen Motiven wie aus Gründen des Prestiges der Habsburgermonarchie — lange gegen die deutsche Forderung nach einem einheitlichen Oberkommando an der Ostfront gewehrt, denn selbredend sah dieser Plan vor, daß die österreichisch-ungarischen Truppen deutschem Befehl unterstanden wären. Conrad hatte schon während des Krieges und erst recht in seinen späteren Rechtfertigungsschriften die Deutschen für das Scheitern seiner Pläne verantwortlich gemacht: Der Verbündete hätte seine angeblichen oder wirklichen (dies ist bis heute umstritten)21 Vorkriegszusagen nicht eingehalten, in den ersten Kriegswochen viel zu schwache Verbände gegen die Russen entsandt und die Gesamtlast am dortigen Kriegsschauplatz den Österreichern aufgebürdet; auch später hätte die deutsche Führung die Entscheidung im Westen gesucht, anstatt alle Kräfte im Osten zu konzentrieren und so weiter. Noch nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb ein Conrad-Hagiograph, die Bündnisabsprachen hätten von den Österreichern verlangt, die Russen in Schach zu halten, bis die Deutschen in ein paar Wochen Frankreich niedergeworfen und dann die Masse ihrer Divisionen nach Osten dirigiert hätten. Österreich-Ungarn habe seine Verpflichtung erfüllt, das Deutsche Reich jedoch nicht, weil es gegen die Franzosen nicht nach Plan lief. So exkulpatorisch dies klingt (so war es auch gemeint), so schwer ist es doch, fundiert zu widersprechen.

Conrads Resistenz gegen einen einheitlichen Oberbefehl unter deutscher Dominanz, so widersinnig sein Sträuben unter militärischen Gesichtspunkten gewesen sein mochte, paßte trefflich in das Bestreben der österreichischen Regierungen ab 1933, sich von NS-Deutschland abzugrenzen und Österreich als souveränen Staat zu festigen. Die Vereinnahmung Conrads als österreichischer Patriot hatte schon rund um seine Beerdigung 1925 eingesetzt. Als die heimischen Deutschnationalen sowie die Nationalsozialisten später versuchten, ihn als Vorkämpfer Großdeutschlands zu instrumentalisieren, ging das ständestaatliche Regime noch weiter und zeichnete Conrads Einstellung als so anti-deutsch wie nur möglich. Ginas 1935 publizierte Erinnerungen, die solchen Absichten teilweise widersprachen, wurden in Österreich kurzerhand verboten.22 Betrachtet man die Dinge so, war es in der Tat »kein Zufall«, daß die Grazer Straße 1935 Conrads Namen erhielt.

Die verklärte Rolle Conrads war ohne Zweifel während der dreißiger Jahre ein wichtiges Element einer politischen Zwecken geschuldeten Kampagne — ob diese Zwecke aus heutiger Sicht ohne weiteres amoralisch und verwerflich erscheinen, ist eine offene Frage, die erstaunlicherweise von keinem der Conrad-Kritiker auch nur gestreift wird. Ihnen genügt es zu postulieren, daß sich der Genannte keinesfalls als Inkarnation eines österreichischen Patrioten eignet(e). Dieses ahistorische Argument geht ins Leere, weil sich die Propaganda ja an das damalige österreichische Publikum, nicht an das heutige, richtete und daher primär nach den seinerzeitigen Wirkungschancen beurteilt werden sollte. Wenn man ausschließlich auf gegenwärtige Wertmaßstäbe abzielt, ist der oben zitierte Verweis auf die Straße als »Relikt des Ständestaates« überflüssig. Als heute freilich vollkommen vergessenes Relikt dieser Zeit mag gelten, daß Conrad — wenn auch ganz am Rande — seitens des Ständestaates auch als Kämpfer zur »Abwehr asiatischer [wohl gemeint: russischer, M. M.] Horden« apostrophiert und mit dem »Türkenbezwinger« Prinz Eugen auf eine Stufe gestellt wurde.23

Hier ist nicht der Ort, die durchaus von mancherlei kritischen, aber abseits des Mainstreams liegenden Stimmen durchzogene Debatte der Zwischenkriegszeit rund um Conrads militärische Meriten oder Verfehlungen nachzuzeichnen. Hingewiesen sei wegen dessen nachhaltiger Wirkung lediglich auf das früher gern benutzte Argument, Conrads Tragik habe darin gelegen, daß er nie über den ihm gebührenden Handlungsspielraum verfügte. Damit war Conrads vergebliches Rufen nach einem unter vermeintlich günstigen Bedingungen vor 1914 auszufechtenden Präventivkrieg gegen nur einen Gegner gemeint, aber auch die erstaunliche Aussage, die k.u.k. Armee sei ihrem genialen Führer nicht ebenbürtig gewesen. Conrads Pech sei es eben gewesen, in Österreich auf die Welt gekommen zu sein. In dasselbe Horn bliesen Ende der zwanziger Jahre der damals führende sowjetische Militärtheoretiker sowie einige Jahre später der einflußreiche britische Militärschriftsteller Basil Liddell Hart; in Wien nahm man diese Stimmen erfreut zur Kenntnis.24 Diese Conrad gewogene Linie setzte sich in der österreichischen (Militär-)Historiographie bis Mitte der fünfziger Jahre fort. Damals erschien die letzte Conrad-Biographie für nahezu ein halbes Jahrhundert.

Ich erwähne dies, um zu verdeutlichen, daß die angeblich überfällige Umbenennung der nach Conrad benannten Straße beziehungsweise die kritische Auseinandersetzung mit seiner Person bis gegen Ende des vorigen Jahrtausends von der heimischen Geschichtsforschung bestenfalls sanft angestoßen wurden. Manfried Rauchensteiner zeichnete in seiner 1993 publizierten Gesamtdarstellung Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg zwar ein kritisches Bild der strategischen Fähigkeiten Conrads, verdammte ihn damals aber ebenso wenig wie in der komplett überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe dieses Werkes von 2013.25 Als Befürworter einer Straßenumbenennung ist dieser wohl beste Kenner der Militärgeschichte Österreich-Ungarns 1914—1918 niemals hervorgetreten. Es blieb dem Amerikaner Lawrence Sondhaus vorbehalten, in seiner erstmals im Jahr 2000 publizierten Conrad-Biographie die Kritik auf den Punkt zu bringen: Conrads Fehler sei es nicht gewesen, die Offensive um jeden Preis oder überhaupt gewalttätige Lösungen politischer Probleme befürwortet zu haben – dies hätten andere auch getan. Anzukreiden sei Conrad, daß seine Vorschläge keinerlei Rücksicht auf die Ressourcen des Staates, dem er diente, und der Armee, die er befehligte, nahmen – Ziele und Mittel waren schlicht unvereinbar. Auf das Lamento, Conrads Genie habe die unzureichende Kampfkraft der k.u.k. Armee überflügelt, entgegnet Sondhaus treffend: »But such praise, by its very nature, acknowledges his [Conrad’s, M.M.] failure to tailor his plans and goals to fit the circumstances he faced. By neglecting to remain in touch with reality, he forfeited any claim to true greatness.«26 Dem ist wahrlich nichts hinzuzufügen und es ändert nichts an diesem verheerenden Urteil, wenn Sondhaus vermerkt, Conrad habe sich nie um die ihm übertragenen Kommandoposten beworben.

Schon 1920 konstatierte ein Conrad wohlwollender Ex-Offizier, die Beurteilung des Generalstabschefs habe »geradezu chamäleonmäßige Wandlungen« durchlaufen.27 Die von demselben Autor konstatierte Wendung von der Verherrlichung zur Verdammung hat die Geschichtsforschung (mit Nuancen im Detail) inzwischen unisono nachvollzogen, wenngleich es auch zu seinen Lebzeiten beinahe unmöglich war, in Conrad nur einen strahlenden Sieger zu sehen — zu offensichtlich sprachen die Fakten dagegen. Vielleicht ist es aber für die gegenwärtige Beurteilung dieses Mannes hilfreich, sich nochmals die Probleme in Erinnerung zu rufen, welche die Zeitgenossen mit der Einschätzung seiner Person hatten: Den Anhängern der 1918 untergegangenen Donaumonarchie war Conrad zu habsburgkritisch, wenngleich auch sie den von ihm stets vertretenen Primat des Deutschtums innerhalb eines multiethnischen Staates akzeptierten. Jenen Deutschnationalen und Nationalsozialisten, welche diesen Conradschen Primat herausstrichen, paßte wiederum seine vehemente Kritik am deutschen Bündnispartner nicht ins Konzept.28

Ungeachtet der Vereinnahmung durch Letztere zwischen 1938 und 1945 vollzog sich nach dem Zweiten Weltkrieg die jahrzehntelang unwidersprochene Rückführung Conrads ins Österreichertum. Die ihm attestierte Tragik, sein Scheitern trotz bester Absichten und Fähigkeiten paßten, da dieses Schicksal als typisch österreichisch galt, gut ins Bild. Tragisch Gescheiterte vermochten in Österreich schon immer Sympathien zu erwecken. Man sieht diese unreflektierte Grundhaltung zum Beispiel noch in einer 1972 anläßlich des 120. Geburtstags Conrads vom Bundesministerium für Landesverteidigung herausgegebenen Publikation, in der es kryptisch hieß, seine Fehlentscheidungen — die immerhin eingestanden wurden — könnten seine Verdienste und seinen Ruhm nicht schmälern. Erneut stand Conrad hier explizit auf einer Stufe mit Wallenstein, Prinz Eugen und Radetzky.29

Grazer Gedenkkultur

Die in Graz gegenwärtig geführte Diskussion, zu der ich nun abschließend zurückkehre, muß alle diese »chamäleonmäßigen Wandlungen« in Rechnung stellen, sich aber auch bewußt sein, daß der Großteil der österreichischen Bevölkerung mit Conrads Namen kaum mehr etwas verbindet, wenn gleich nach ihm auch außerhalb von Graz noch rund ein Dutzend Straßen und Plätze benannt sind.30 Falls diese von den Befürwortern einer Straßenumbenennung zugestandene, ja betonte Ignoranz zutrifft (und ich zweifle keine Sekunde daran), dann ist zugleich die »Verherrlichung« Conrads durch die nach ihm benannten Straßen gegenstandslos — denn diese setzt ja ein Wissen darüber voraus, wer da geehrt wird. Genau dasselbe gilt für die seit Jahr und Tag in Graz an den Pranger gestellten, üblichen Verdächtigen wie den »Turnvater« Jahn, die Dichter Ottokar Kernstock, Max Mell, Hans Kloepfer und Paula Grogger, die heutzutage bestenfalls noch einer Handvoll Historiker und Germanisten ein Begriff sind. Die nach ihnen benannten Straßen regen niemand auf, am allerwenigsten die Anrainer. Seltsamerweise nicht in die Schußlinie geraten ist bisher Richard Wagner, dessen Opern bekanntlich nicht nur bei Hitler hoch im Kurs standen, sondern der auch die antisemitische Schrift Das Judentum in der Musik verfaßt hat.31 Ist dies eine Folge der Rolle von Graz als Wagner-Stadt, oder reicht die Halbbildung der Umbenennungsfanatiker gerade so weit zu wissen, daß Hitler gern in Bayreuth verkehrte, während ihnen die besagte Schrift des Meisters unbekannt ist?

Was bleibt, ist das nun schon inflationär gewordene »Setzen von Zeichen«, mit denen die Bevölkerung, die anderes im Sinn hat, Tag für Tag beglückt werden soll. Möglicherweise wird die Aufregung um Conrad abklingen, wenn erst einmal das Gedenkjahr 2014—1914 vorüber ist. Gegenwärtig ist der Grazer Gemeinderat am Zug. Der »Dringliche Antrag« der grünen Gemeinderatsfraktion vom 23. Januar 2014 kann — was die Dringlichkeit angeht — wohl schwerlich damit begründet werden, daß Conrad nun schon beinahe neunzig Jahre tot ist und die nach ihm benannte Straße seit nahezu achtzig Jahren besteht. »Spät kommt Ihr, doch Ihr kommt«, heißt es in Schillers Wallenstein. Selbstredend resultiert die behauptete Dringlichkeit einzig und allein aus dem Jubiläumsjahr; die günstige Gelegenheit soll eben beim Schopf gepackt werden, zumal die Medien in diesem Jahr geneigt sind, über derlei Themen ausführlicher als sonst zu berichten.

Der Antrag der Grünen32 führt die bereits erörterten Vorwürfe an Conrad (Hauptverantwortlicher für die »Menschenrechtsverbrechen« im Lager Thalerhof, rücksichtsloses Vorgehen gegen die eigene Zivilbevölkerung in Galizien und so weiter) ins Treffen und bilanziert, die nach Conrad benannte Straße sei »hinsichtlich heutiger Wertvorstellungen« in ihrer Angemessenheit zu prüfen, ein Vorgang, der nach dem Willen der Antragsteller »sämtliche Benennungen aus unterschiedlichen historischen Zeiten umfassen sollte«. Den letztgenannten Gedanken griff ein von den Fraktionen von ÖVP, KPÖ, SPÖ und FPÖ in ungewohnter Eintracht ebenfalls am 23. Januar 2014 eingebrachter Abänderungsantrag auf. Dieser bekannte sich eingangs mit der üblichen Rhetorik »zu einer wissenschaftlichen Aufarbeitung sämtlicher personenbezogenen Straßen- und Platznamen« und zu dem ebenso floskelhaften »verantwortungsbewußten Umgang mit der eigenen Geschichte«. Diese Überprüfung soll — wie kann es anders sein — von einer »ExpertInnenkommission« geleistet werden, in welche Vertreter der Universität Graz, der christlichen Kirchen sowie der Israelitischen Kultusgemeinde zu berufen sind. Die Liste der berufenen Experten zeigt eine ziemlich ausgewogene Zusammensetzung der Kommission; ihr gehören sowohl eher konservative Historiker als auch solche an, deren Naheverhältnis zu SPÖ und KPÖ kein Geheimnis ist.

Bietet die heterogene Zusammensetzung dieser Kommission keine Überraschungen, so gilt dies nicht für deren Auftrag: Sämtliche (!) personenbezogenen Straßen- und Plätzebezeichnungen sind zu überprüfen. Eine in Wien vor Jahresfrist eingesetzte Kommission war nur damit beauftragt worden, die als problematisch geltenden Benennungen zu evaluieren; in deutschen Städten geht man neuerdings dazu über, jene topographischen Bezeichnungen zu prüfen, deren Namensgeber während der NS-Herrschaft am Leben und bei Kriegsende 1945 mindestens 18 Jahre alt waren. Graz ist da einen großen Schritt weiter. Ist den Stadtvätern klar, was die Überprüfung sämtlicher personenbezogener Namen bedeutet? Bei wortgetreuer Auslegung schließt der Auftrag ein, sich mit katholischen Namensgebern (St. Peter Hauptstraße, Mariahilfer Platz und so weiter) zu beschäftigen. Welche Notwendigkeit besteht dafür, Namenspatrone wie Beethoven, Schiller, Goethe, Grillparzer, Nestroy, Bruckner, Lenau, Rilke, Mozart, Heinrich Heine, Albert Schweitzer, Mutter Theresa und so weiter unter die Lupe zu nehmen? Gilt für alle diese Personen die Schuldvermutung? Ist etwa Mozart neuerdings verdächtig, in Die Entführung aus dem Serail antitürkische Stereotype kolportiert zu haben? Und was könnte suspekt sein an dem 1805 verstorbenen Friedrich Schiller, der sogar das modische gender mainstreaming vorwegnahm, indem er mehrere seiner Dramen (Maria Stuart, Die Jungfrau von Orleans) einer weiblichen Hauptfigur widmete? Man möchte beinahe hoffen, daß der so weit definierte Auftrag an die Expertenkommission einem Kalkül der Gemeinderatsmehrheit entspringt, die Kommission recht lange mit Irrelevantem zu beschäftigen und solcherart vor unpopulären Entscheidungen auf absehbare Zeit gefeit zu sein.

Was kommt als nächstes? Die Denkmäler? Wie wir gesehen haben, sind nichts und niemand mehr sicher, neuerdings auch nicht mehr der Freiheitsplatz. Der Klubchef der SPÖ im Grazer Gemeinderat ließ öffentlich verlauten, man könnte dann ja »alles in einem Schwung umbenennen«.33 Man braucht nicht viel Phantasie, um sich die nächsten Schritte auszumalen, denn Graz verfügt noch über allerlei topographische Bezeichnungen, die einen mehr oder weniger direkten Bezug zu Krieg und Gewalt aufweisen. Es gibt etwa die Lissagasse, benannt nach einem (heute vollkommenen vergessenen) Seesieg der österreichischen Flotte im Krieg gegen Italien 1866, oder die Oeverseegasse und das gleichnamige Gymnasium, deren beider Namen sich aus dem Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 herleitet — ein Krieg, von dem heute in Österreich so gut wie niemand mehr weiß, daß er überhaupt stattgefunden hat. In diesem Krieg war auch das Grazer »Hausregiment«, das Infanterie-Regiment Nr. 27, ins damals dänische Schleswig-Holstein entsandt worden und nahm an der Schlacht von Oeversee — heute ein kleiner Ort nahe der nördlichsten deutschen Stadt, Flensburg — teil. Auch hier könnte natürlich gefragt werden, ob solche Benennungen heute noch zeitgemäß sind.

Welche Wünsche, Hoffnungen und Erwartungen sind zuletzt mit Blick auf den laufenden Diskussionsprozeß zu formulieren? Wünschenswert wäre insbesondere, wenn für die Bewertung sogenannter belasteter Persönlichkeiten einheitliche, meinetwegen auch heutigen moralischen Standards entsprechende Maßstäbe verbindlich definiert und dann ausnahmslos angelegt werden würden. Diesbezüglich hat der frühere Salzburger Landeshauptmann und habilitierte Historiker Franz Schausberger mehrfach darauf hingewiesen, daß hinsichtlich der gut dokumentierten antisemitischen Auslassungen des christlichsozialen Wiener Bürgermeisters Karl Lueger (1844—1910) sowie des sozialdemokratischen Staatskanzlers sowohl 1918/19 als auch 1945 und nachmaligen österreichischen Bundespräsidenten, Karl Renner (1870—1950), mit zweierlei Maß gemessen wird. Der Lueger-Ring wurde auf Beschluß der rot-grünen Mehrheit im Wiener Gemeinderat in Universitätsring umbenannt, während der räumlich anschließende Dr.-Karl-Renner-Ring davon verschont blieb. Die von Schausberger zitierten Quellen stellen Renner in der Tat in kein sonderlich helles Licht, zumal sich von ihm das Bild eines Wendehalses ergibt, der bei den Umbrüchen 1918, 1938 und 1945 stets auf der richtigen, das heißt auf der Seite der Sieger anzutreffen war.34 Hinzu kommt noch der seltsame Umstand, daß der Lueger-Ring verschwand, bevor noch die von der Stadt Wien eigens zu diesem Zweck eingesetzte Historikerkommission ihre Einschätzungen vorlegen konnte.

Schausbergers Vorstöße verliefen nach einem kurzen Rauschen im Blätterwald im Sand, wohl auch deshalb, weil ihnen allzu offensichtlich der Geruch einer Retourkutsche anhaftet: Nimmst Du mir meinen Lueger weg, patze ich Deinen Renner an. Die Thematik ist aber zu wichtig, um sie dem Hick-Hack der Parteien zu überlassen. Die Anwendung unterschiedlicher Maßstäbe je nach politischer Opportunität setzt sich jedenfalls fort, denn erst unlängst exkulpierte ein Grazer Historiker »frauen- und juden-feindliche Predigten« des im 17. Jahrhundert lebenden katholischen Geistlichen Abraham-a-Sancta Clara (nach ihm ist eine kleine Gasse in der Grazer Altstadt benannt) mit dem Satz: »Man muss das aus der Zeit heraus lesen.«35 Wie wahr! Aber warum wird derselbe Grundsatz, der eigentlich für jeden Historiker eine Selbstverständlichkeit darstellen sollte, nicht auf andere historische Persönlichkeiten, zum Beispiel auf den vor rund zweihundert Jahren lebenden »Turnvater« Jahn (1778—1852) angewendet? Waren dessen antisemitische Äußerungen weniger zeitbedingt?

Etwas mehr Ruhe, Gelassenheit und Verständnis für historische Kontexte würde der gegenwärtigen Debatte gewiß nicht schaden. Leider läuft der für die Grazer Kommission vorgesehene, umfassende Prüfungsauftrag eher auf eine Ausweitung der sogenannten Problemfälle hinaus. Man kann nur hoffen, daß die dort tätigen Experten der Versuchung widerstehen werden, auf Zuruf der sensationslüsternen Medien immer neue Namen von Umbenennungskandidaten aus dem Hut zu zaubern. Dazu besteht kein Anlaß. Wie einige oben zitierte ausländische Beispiele gezeigt haben, ist die Menschenrechtsstadt Graz, international gesehen, keineswegs in Gefahr, mit ihrer Gedenkpolitik negativ aufzufallen. Man muß dafür nicht nach Serbien blicken, dessen Regierung kürzlich die aberwitzige Idee verkündete, ausgerechnet im Gedenkjahr an 1914 ein Denkmal für den Sarajewo-Attentäter und zweifachen Mörder Gavrilo Princip zu errichten. Auch in demokratisch gefestigteren Staaten wie Großbritannien stehen Denkmäler für »Bomber-Harris« und was es an fragwürdigen Beispielen mehr gibt.

Ich komme zum Schluß: Conrad von Hötzendorf nimmt nicht so sehr wegen seiner Schandtaten eine Sonderstellung innerhalb der österreichischen Gedenkkultur ein als wegen seiner notorischen Erfolglosigkeit. Auch ich teile die Meinung, daß er keine Verdienste vorzuweisen hat, die heute eine Ehrung in Form einer Straßenbenennung rechtfertigen. Aber es gibt diese Straße nun einmal, und wir sollten mit ihr als einem Teil unseres historischen Erbes leben können — was ja auch bisher ohne weiteres möglich war. Der stets geforderte »sensible Umgang« mit diesem Erbe mag die Aufstellung von erläuternden Zusatztafeln rechtfertigen, aber nicht die Auslöschung dieses Erbes. Die Historikerzunft ist meines Erachtens gut beraten, sich nicht durch ständig neue Initiativen, die bei ihrer Umsetzung dem Stadtbild ein völlig neues Gesicht geben würden, vom Denken der Bevölkerung noch weiter zu entfernen, als es bereits der Fall ist. Als Folge des bisherigen inflationären Gebrauchs von »Zeichensetzungen«,  »Sensibilisierungen« und Betroffenheitsäußerungen wird abseits eines winzigen Zirkels professioneller Experten für Gedenkkultur vor allem eines eintreten: Ermüdung. Es verwundert daher nicht, daß sogar die Pionierin der Forschungen zu Erinnerungskulturen und Gedächtnispolitik, Aleida Assmann, ihrem jüngsten Buch den vielsagenden Titel Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur gegeben hat.36
 

  1. Die Straße führt vom Stadtzentrum beziehungsweise vom zentralen Verkehrsknotenpunkt Jakominiplatz in südlicher Richtung zum Fußballstadion UPC-Arena – die selbst ein Beispiel für politisch motivierte Umbenennungen ist. Das Stadion war einst nach Arnold Schwarzenegger benannt. Wegen dessen Rolle als Gouverneur Kaliforniens bei der Bestätigung einzelner von US-Gerichten ausgesprochener Todesurteile beziehungsweise wegen seiner Nicht-Ausübung des ihm zustehenden Begnadigungsrechts entbrannte 2006 in Graz ein Streit darüber, ob Schwarzenegger noch Ehrenbürger der Menschenrechtsstadt Graz bleiben beziehungsweise ob das Stadion seinen Namen tragen dürfe. Schwarzenegger kam einer Beschlußfassung im Gemeinderat zuvor, indem er den ihm verliehenen Ehrenring zurücksandte und untersagte, seinen Namen für das Stadion zu verwenden. Mittlerweile haben sich der »Terminator« und seine Heimatstadt wieder versöhnt.
  2. Vgl. Frank Pauli, Wehrmachtsoffiziere in der Bundeswehr. Das kriegsgediente Offizierkorps der Bundeswehr und die Innere Führung 1955 bis 1970, Paderborn/München/Wien 2010.

  3. Vgl. Georg Meyer, Adolf Heusinger. Dienst eines deutschen Soldaten 1915 bis 1964, Hamburg 2001.
  4. Der Grazer, 2.2.2014, 8.
  5. Vgl. Geralf Gemser, Darf eine Schule diesen Namen tragen? Zur Vorbildwirkung des Wehrmachtsgenerals Erich Hoepner, Marburg 2005.
  6. Siehe hierzu zahlreiche Beiträge in den Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte der letzten Jahre.
  7. Peter Lieb, Erwin Rommel: Widerstandskämpfer oder Nationalsozialist?, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 61 (2013), 303—343.
  8. Vgl. Walter Blasi, General der Artillerie Ing. Dr. Emil Liebitzky — Österreichs »Heusinger«?, Bonn 2002.
  9. Kleine Zeitung, 23.1.2014, 30.

  10. Kleine Zeitung, 15.12.2013, 30.
  11. Lawrence Sondhaus, Franz Conrad von Hötzendorf: Architect of the Apocalypse, Boston/Leiden/ Köln 2000, 231.
  12. Ebenda, 234.
  13. Wolfram Dornik, Des Kaisers Falke. Wirken und Nach-Wirken von Franz Conrad von Hötzendorf. Mit einer Nachbetrachtung von Verena Moritz und Hannes Leidinger, Innsbruck/Wien/Bozen 2013.

  14. Kleine Zeitung, 15.12.2013, 30.
  15. Kleine Zeitung, 23.1.2014, 30.
  16. Georg Hoffmann/Nicole-Melanie Goll/Philipp Lesiak, Thalerhof 1914—1936. Die Geschichte eines vergessenen Lagers und seiner Opfer, Herne 2010.
  17. Vgl. Martin Moll, Kein Burgfrieden. Der deutsch-slowenische Nationalitätenkonflikt in der Steiermark 1900—1918, Innsbruck 2007.

  18. Zu Conrads Rolle beim Kriegsausbruch 1914 vgl. abgesehen von Sondhaus und Dornik (Anm. 11 und 13) auch Fritz Fellner, Austria-Hungary, in: Keith Wilson (Hg.), Decisions for War 1914, London 1995, 9—25.

  19. Fritz Fellner/Doris A. Corradini (Hg.), Schicksalsjahre Österreichs. Die Erinnerungen und Tagebücher Josef Redlichs 1869–1936. 3 Bände. Band 1: Erinnerungen und Tagebücher 1869—1914, Wien/ Köln/Weimar 2011, 644. Eintragung zum 28.8.1914.
  20. Graydon A. Tunstall Jr., The Habsburg Command Conspiracy: The Austrian Falsification of Historiography on the Outbreak of World War I, Austrian History Yearbook 27 (1996), 181—198.

  21. Umfassend Günther Kronenbitter, »Krieg im Frieden«. Die Führung der k.u.k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906—1914, München 2003.
  22. Sondhaus, Architect (Anm. 11), 236 f.
  23. Dornik, Falke (Anm. 13), 207 (Nachbetrachtung Moritz/Leidinger).
  24. Sondhaus, Architect (Anm. 11), 239—241. Vgl. Konrad Leppa, Das Hirn des Heeres. Feldmarschall Conrad und der k.u.k. Generalstab im Urteil des räterussischen Generalstabschefs, Militärwissenschaftliche und technische Mitteilungen 60 (1929), 753—772.

  25. Manfried Rauchensteiner, Der Tod des Doppeladlers. Österreich-Ungarn und der Erste Weltkrieg, Graz/Wien/Köln 1993. Manfried Rauchensteiner, Der Erste Weltkrieg und das Ende der Habsburgermonarchie 1914—1918, Wien/Köln/Weimar 2013.
  26. Sondhaus, Architect (Anm. 11), 243.
  27. Emil Seeliger 1920, zitiert nach Dornik, Falke (Anm. 13), 201 (Nachbetrachtung Moritz/ Leidinger).
  28. Ebenda, 217.
  29. Zitiert nach ebenda, 219.
  30. Ebenda, 220. Das Nichtwissen der Passanten der Conrad-von-Hötzendorf-Straße betont auch Dornik in: Kleine Zeitung, 15.12.2013, 30.
  31. Vgl. hierzu Jens Malte Fischer, Richard Wagners»Das Judentum in der Musik«. Eine kritische Dokumentation als Beitrag zur Geschichte des europäischen Antisemitismus, Frankfurt am Main 2000.
  32. Die zitierten Anträge sind auf der Webpage der Stadt Graz (www.graz.at) abrufbar.
  33. Kleine Zeitung, 15.12.2013, 31.
  34. Franz Schausberger, Karl Lueger und Karl Renner. Zweierlei Maß in der österreichischen Gedenkkultur, in: Andreas Kohl/Günther Ofner/Stefan Karner/Dietmar Halper (Hg.), Österreichisches Jahrbuch für Politik 2012, Wien/ Köln/Weimar 2013, 483—491; Michael Dippelreiter/Franz Schausberger, Straßenumbenennungen — weiter Richtung »Neurosenweg«?, in: Andreas Kohl/Günther Ofner/Stefan Karner/Dietmar Halper (Hg.), Österreichisches Jahrbuch für Politik 2013, Wien/Köln/Weimar 2014, 431—443; Stephan Roth, Auf der Suche nach Martin Luther und Karl Kolarik oder warum Kritik am Wiener Straßennamenbericht nottut, in: ebenda, 419—430.
  35. Der Grazer, 2.2.2014, 8.
  36. Aleida Assmann, Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention, München 2013.