Josef Nussbaumer

Die Gewalt der Natur. Eine Chronik der Naturkatastrophen von 1500 bis heute

 

Grünbach
Ed. Sandkorn
1996
354 S.
ATS 348,00

 

Tragödien. Katastrophen in Industrie, Verkehr und Zivilleben. Teil I: Ausgewählte Beispiele. Teil II: Chroniken

 

Grünbach
Ed. Sandkorn
1999
432 und 201 S.
ATS 348,00 und 298,00

 

Gesichter des Hungers. Große Hungerkatastrophen von 1845 bis heute. Bilder des Grauens aus Geschichte und Gegenwart

 

Habilitationsschrift [1999], Universität Innsbruck

 

Rezensent: Michael Pammer

Historicum, Frühling 2000, 5—7

Josef Nussbaumers illustrierte Weltchronik der Katastrophen seit 1500 ist auf fünf Teile angelegt, nämlich

  • eine Chronik der Naturkatastrophen,
  • eine Chronik der Katastrophen in Industrie, Verkehr und Zivilleben,
  • eine Chronik der Hungerkatastrophen,
  • eine Chronik der Kriege und
  • eine Chronik der Seuchen.

Dies alles im weltweiten Maßstab. Dem Unkundigen, der sich über ein so umfassendes Konzept wundert, sei verraten, daß das Genre Katastrophen-Literatur in Jahrhundert- oder Jahrtausend-Perspektive eine gewisse Tradition aufzuweisen hat. So findet man im Literaturverzeichis des Naturkatastrophen-Bandes K. E. A. Hoffs Chronik der Erdbeben und Vulcan-Ausbrüche seit 3460 v. Chr. in zwei Bänden, immerhin bereits aus den Jahren 1840—41 stammend, aber auch Titel wie K. Hövelmanns Buch der 1000 Katastrophen (1997), F. Salentinys 6000 Jahre Naturkatastrophen (1978) und anderes.

Die ersten drei Teile der Weltchronik der Katastrophen (Teil 3 beginnend mit 1845) bilden zusammen die Habilitationsschrift des Autors, mit der Nussbaumer 1999 an der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Innsbruck für Wirtschafts- und Sozialgeschichte habilitiert wurde. Die anderen Teile sind noch nicht abgeschlossen. Jeder Band umfaßt einen Textteil, in dem einzelne Katastrophen besprochen werden, und einen Chronikteil, der in tabellarischer Form Ereignisse stichwortartig in zeitlicher Anordnung auflistet.

Thesen

Was ist das Gemeinsame an einem Krieg, einem Flugzeugabsturz, einem Autounfall, einer Dürre, einer Choleraepidemie und einem Vulkanausbruch? Gemeinsamkeiten sind tatsächlich schwer zu finden, abgesehen davon, daß solche Ereignisse das Leben von Menschen fordern, die sonst vielleicht die Möglichkeit gehabt hätten, an Altersschwäche zu sterben. Weder handelt es sich ausschließlich um Ereignisse, die von Menschen verursacht sind, noch sind die Opferzahlen beim einzelnen Ereignis notwendigerweise besonders hoch — die Toten im Straßenverkehr erreichen zwar in Summe beträchtliche Zahlen, der einzelne Unfall ist aber normalerweise nicht als Katastrophe zu bezeichnen. Nussbaumers Definition einer Katastrophe ist jedenfalls zu breit: »Alles in allem scheint somit der Tatbestand einer Katastrophe nicht präzise faßbar zu sein. Viel eher ist es ein vages Herantasten an einen Zustand, von dem mit ziemlicher Sicherheit nur EINES behauptet werden kann, daß wohl jedes vernünftige Individuum danach trachten wird, möglichst nicht zu den Opfern oder den Betroffenen jenes Zustandes zu gehören« (Naturkatastrophen, S. 16). Nicht alles, was ungut ist, ist aber schon eine Katastrophe. Das abschließende Kapitel des Tragödien-Bandes »Riesenkatastrophen, unspektakulär, schleichend« nennt diverse Mißstände, verbrecherische Handlungen und sonstige mehr oder weniger unangenehme Dinge (privaten Waffenbesitz, Obdachlosigkeit, Verwendung von künstlicher Babynahrung anstelle von Muttermilch [!], Arbeitslosigkeit, Alkoholkonsum und vieles andere), die den Gegenstandsbereich der Untersuchung wirklich ins Uferlose ausdehnen. Auf manche in der Weltchronik angeführten Ereignisse trifft Nussbaumers eigene Katastrophendefinition keinesfalls zu, so auf die Hitzewelle 1992: »Am Tag der Eisheiligen ›Kalte Sophie‹ [15. Mai] werden im Rheinland um +32 Grad Celsius gemessen« (Naturkatastrophen, S. 313). Möchte nichts Schlimmeres passieren.

Abgesehen von Fällen wie dem zuletzt angeführten umfaßt die Weltchronik der Katastrophen aber doch zumindest im eigentlichen Chronikteil überwiegend Ereignisse, die eine größere Zahl von Toten (etwa hundert oder mehr) gefordert haben; dazu kommt eine kleinere Zahl von Ereignissen, bei denen eine größere Zahl von Menschen verletzt wurde, und Ereignisse, die große Sachschäden verursachten. Im wesentlichen liegt das Verbindende also in den Opferzahlen — es liegt auf der Hand, daß eine zusammenfassende Darstellung eines so heterogenen Gegenstandsbereichs kaum möglich ist und Analysen allenfalls nach Katastrophenarten getrennt erfolgen können.

Ursachen, Ablauf und Folgen von Katastrophen in historischer Perspektive spielen im ersten Band naheliegenderweise eine untergeordnete Rolle. Naturkatastrophen sind bisher überwiegend nicht von Menschen verursacht (eine Ausnahme sind durch Bergbau- und Bautätigkeit verursachte Bergstürze), die von Nussbaumer angeführten durch anthropogene Klimaveränderungen ausgelösten Flutwellen und Wirbelstürme sind, so es sie überhaupt geben wird, erst Katastrophen der Zukunft. In längerer historischer Perspektive sind Naturkatastrophen aber selbstverständlich trotzdem interessant, weil ja auch zufällig auftretende Ereignisse historisch wirksam werden; darüberhinaus trafen die Naturkatastrophen Menschen in historisch veränderlichen Lebensverhältnissen, sie hatten daher zu verschiedenen Zeiten auch unterschiedliche Auswirkungen. Diese Aspekte behandelt Nussbaumer aber nicht sonderlich systematisch — tatsächlich bespricht er eine Reihe von einzelnen Katastrophen, die ihm bezeichnend erscheinen —, und eine Antwort auf die Frage, ob Naturkatastrophen im Lauf der letzten Jahrhunderte zu bestimmten Zeiten öfter auftraten oder ärgere Auswirkungen hatten, läßt sich nach der Lektüre dieses Bandes nicht beantworten.

Anders verhält es sich bei den Industrie- und Verkehrsunfällen. Zwar beantwortet Nussbaumer die Frage nach Trends in der Unfallstatistik auch hier nicht wirklich befriedigend — vor allem kommt die explizite Darstellung des Verhältnisses von Unfallgelegenheiten (Umfang der Industrieproduktion, Verkehrsaufkommen etc.) zu tatsächlich vorgekommenen Unfällen zu kurz —, doch scheint die Richtung dennoch klar zu sein: die Unfallrisiken nahmen im Lauf der Zeit in der Regel nicht zu, sondern ab, in manchen Bereichen so stark, daß tödliche Unfälle auch in absoluten Zahlen abgenommen haben, obwohl die Unfallgelegenheiten häufiger wurden. Das wichtigste vom Autor auch angesprochene Beispiel dafür ist der Straßenverkehr, der über die Jahrzehnte enorm zugenommen hat, aber in den meisten entwickelten Ländern auch absolut heute weitaus weniger Tote fordert als noch vor einem Vierteljahrhundert. Auch Flugzeugkatastrophen wurden anscheinend trotz der viel höheren Zahl von Flugbewegungen in den letzten dreißig Jahren nicht häufiger, obwohl es hier in den letzten Jahren starke Schwankungen gibt, die keine klare Entwicklung erkennen lassen. Offensichtlich wirkt sich der technische Fortschritt tendenziell risikovermindernd aus, was man in Verkehr und Industrie ebenso beobachten kann wie im Zivilleben.

Im Band über den Hunger liegt der Schwerpunkt auf Katastrophen, die durch Verschulden des Menschen bis hin zur absichtlichen Herbeiführung von Hungersnöten verursacht wurden. Menschliches Verschulden wurde auch bei einer Reihe von Hungerkatastrophen wirksam, die, wie etwa die irische Hungersnot in den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, zunächst eine Naturkatastrophe (Pilzbefall der Erdäpfel, die das Hauptnahrungsmittel der irischen Bevölkerung bildeten) waren, deren Folgen aber durch nachteilige wirtschaftliche oder politische Bedingungen verschärft wurden. In anderen Fällen, etwa in der chinesischen Hungersnot beim sogenannten Großen Sprung vorwärts, gab es zwar ebenfalls Naturkatastrophen, die fragliche Periode stellte aber in dieser Hinsicht keine besondere Ausnahme in der chinesischen Geschichte dar; die tatsächlich geschehene Hungerkatastrophe stand in keinem Verhältnis zu allfälligen natürlichen Ursachen, sondern war ein Ergebnis von politischen Fehlentscheidungen. Wieder ein anderes Muster ist in jenen Fällen zu beobachten, in denen Hunger absichtlich herbeigeführt wurde, so bei der ukrainischen Hungersnot in der ersten Hälfte der dreißiger Jahre, die von der sowjetischen Regierung als Terrormaßnahme inszeniert wurde. Von wissentlicher Herbeiführung von Hungersnöten kann man zum Teil auch im Zusammenhang der Kriegswirtschaften in den Weltkriegen sprechen; im Zweiten Weltkrieg ging es im Fall Deutschlands und der von ihm besetzten Gebiete in erster Linie darum, eine annähernd adäquate Nahrungsmittelversorgung der deutschen Bevölkerung sicherzustellen, was aber eine entsprechend schlechtere Versorgung der Bevölkerung in den besetzten Gebieten bedeutete - das Ziel war also nicht primär die Aushungerung von Polen, Franzosen und Belgiern, das Ergebnis war aber dennoch das gleiche, was der deutschen Regierung selbstverständlich bewußt war. Ansonsten ist gegenüber der düsteren Schilderung bei Nussbaumer anzumerken, daß die Herbeiführung von Engpässen in der Nahrungsmittelversorgung in den Kriegen normalerweise nicht ein primäres Ziel darstellte, sondern eher eine Begleiterscheinung der Umstellung von Volkswirtschaften auf die Erfordernisse der Kriegführung war.

Der Band über den Hunger ist mit seiner Konzentration auf die politischen Aspekte inhaltlich geschlossener als die anderen beiden Bände ausgefallen, allerdings wäre es sinnvoller gewesen, anstelle der ohnehin bekannten Ereignisgeschichte systematische Fragen stärker zu berücksichtigen; so wirkt zwar die durchgehend ausdrücklich oder unterschwellig präsente Annahme des Autors, daß Hungersnöte in den letzten eineinhalb Jahrhunderten weniger auf Produktions- als auf Verteilungsprobleme und/oder auf Mängel in der Funktionsfähigkeit von Institutionen zurückgingen, in einem Teil der Fälle durchaus überzeugend, obwohl es auch gewichtige Gegenbeispiele gibt. So wurden beim Großen Sprung vorwärts wohl wirklich zuwenige Nahrungsmittel produziert, und die verhältnismäßig schlechte Nahrungsmittelversorgung in Kriegswirtschaften war ebenfalls produktionsbedingt. Diese Zusammenhänge werden aber nur wenig besprochen, und mit der Konzentration auf die politischen Vorgänge überwiegt der Eindruck von Verschwörungen zur Herbeiführung von Hungersnöten.

Chroniken

Die eigentliche Chronik besteht, wie bereits festgestellt, in allen drei Bänden aus einer tabellarischen Zusammenstellung von Einzelereignissen, die Katastrophen in zeitlicher Reihenfolge auflistet. Die Tabellen geben Zeitpunkt, Ort, Katastrophenart, Zahl der Todesopfer, sonstige Folgen und Belege an. Inkludiert sind Ereignisse mit mindestens 100 Todesopfern, in manchen Fällen auch Ereignisse mit weniger Toten, aber gravierenden sonstigen Folgen. In vielen Fällen existieren mehrere Belege mit divergierenden Angaben von Folgen, die alle aufgenommen sind. Es handelt sich um eine umfangreiche Aufarbeitung des Geschehens, im Naturkatastrophen-Band auf über 200 Seiten, im Tragödien-Band auf 150 Seiten in einem eigenen Teilband — da pro Fall nur wenige Zeilen aufgewendet wurden, beinhaltet diese Chronik also eine gewaltige Zahl von Ereignissen.

Neue Ergebnisse

Mit dem ausgedehnten Gegenstandsbereich der Arbeit hängt ihr offensichtlichster Mangel zusammen, nämlich der Verzicht des Autors auf jegliche Primärforschung. Dies bedeutet nicht, daß Nussbaumer für diese Untersuchungen wenig Arbeit aufgewendet hätte — ganz im Gegenteil —, die Ergebnisse sind aber doch nur eine Zusammenstellung von Inhalten, die bereits in gedruckter Form in wissenschaftlicher und populärer Literatur veröffentlicht sind. Dies gilt klarerweise auch für den Chronikteil, der ja praktisch nur aus Informationen besteht, die Eingang in publizierte Literatur gefunden haben. Die quellenähnlichsten Belege sind einige Tageszeitungen, denen der Autor ebenfalls Informationen zu seinem Thema entnommen hat. Eine archivalische Recherche hat Nussbaumer nicht unternommen.
Obwohl klar ist, daß ein Thema dieser Breite nicht im Weg eigener Primärforschung bearbeitet werden kann, stellt sich doch die Frage, worin das Neue an Nussbaumers Arbeit besteht. Am ehesten ist etwas Neues im Chronikteil zu sehen, der zwar das Thema auf wenige Kategorien reduziert, aber doch durch seinen schieren Umfang einen eigenen Wert über die verwendete Literatur hinaus gewinnt. Hingegen sind die einzelnen Kapitel des Hunger-Bandes wenig mehr als ein ausgedehntes Exzerpt der Literatur, das über das bereits Vorliegende kaum hinausführt; in einzelnen Abschnitten wird dies besonders deutlich, so im Kapitel über den Hungerterror Stalins in der Ukraine, das im wesentlichen ein Dauerzitat von R. Conquests Ernte des Todes ist.

Nussbaumer hält die Abstinenz von eigener Primärforschung offenbar für eine Tugend. Ein einleitendes Kapitel des Naturkatastrophen-Bandes mit der Überschrift »Zur Mickymaus-Statistik von Naturkatastrophen«, in dem der Autor die Qualität der verfügbaren Daten beklagt, beendet er mit folgender Bemerkung: »Nur noch eines gilt es festzuhalten. Bei keinem der in Abbildung 2 und im folgenden erwähnten Ereignisse wurden die Zahlen vom Autor selber geschätzt oder ›erfunden‹: Alle Angaben stammen von anderen Autoren« (Naturkatastrophen, S. 23). Abgesehen davon, daß damit die Korrektur fehlerhafter historischer Statistiken und die freie Erfindung von Zahlen in historischen Untersuchungen auf dieselbe Ebene gestellt werden, ist ein solcher Rückzug auf übernommene Positionen, seien es Zahlenangaben oder Ereignisgeschichte, eher ein Mangel als ein Vorzug dieser Arbeit.

Betroffenheit

Das einzige Gebiet, in dem Nussbaumer viel an eigenen Originalbeiträgen beisteuert, ist das weite Feld von moralischen Urteilen, politischen Wertungen und persönlichen Betroffenheitsbekundungen, die in allen drei Bänden, insbesondere aber im Hunger-Band, den Nerv des Lesers töten. Nussbaumer formuliert reißerisch (beginnend mit »Bilder des Grauens aus Geschichte und Gegenwart« als Untertitel eines Buches) bis hin zu Kitsch in der Diktion des späten 18. Jahrhunderts (»Geschichten […], die einem vor dem, wozu Menschen fähig sind, erschaudern lassen«; S. 80) und ergeht sich in Bemerkungen wie »Völlig verrohte kommunistische Aktivisten« (S. 82), »Wahnsinnsaktion« (der Regierung Mengistu in Äthiopien) (S. 122), (kommunistische) »›Wahnsinnsökonomie‹« (S. 129), »Diese wahnwitzigen Pläne« (Hitlers) (S. 189), »Unbeschreiblicher Zynismus und Terror von Seiten der Behörden« (S. 128), die sich in endloser Reihe zitieren ließen (die angeführten Zitate stammen aus dem Hunger-Band). Derartige Bewertungen haben in einer wissenschaftlichen Arbeit nichts verloren, bekanntlich reicht es völlig, wenn man mitteilt, wie es eigentlich gewesen.

Ebenfalls anstrengend sind die umwelt- und entwicklungspolitischen Bekenntnisse des Autors (»Was der wirtschaftende Mensch seinen ihn unmittelbar umgebenden Lebensbereichen [Luft, Wasser, Erde] in den letzten Jahrzehnten antat und noch immer antut, kann man mit den Greueln der Pest in Mittelalter und früher Neuzeit vergleichen«, Tragödien I, S. 143; und vieles andere in dieser Art). Der Hunger-Band gipfelt in der Klage, »daß die ›Reicheren‹ durch ihren hohen Fleischkonsum den Armen immer mehr die knappen Getreidereserven wegnehmen« würden: es »landen heute knapp zwei Fünftel […] der weltweiten Getreideernten in den Futtertrögen von 1,3 Milliarden Rindern, 1,8 Milliarden Schafen und Ziegen, 900 Millionen Schweinen und 17 Milliarden Hühnern, Gänsen, Enten und Puten« (Hunger, S. 250, und ebenda, Fn. 42) — tatsächlich werden aber amerikanische und europäische Nutztiere außer mit Altöl, Tiermehl und dergleichen hauptsächlich mit Futtermitteln aus eigener Fechsung, nicht aber mit Getreide aus Hungerländern gefüttert. Was haben dann Hunger und Fleischproduktion miteinander zu tun? Offensichtlich behindert die Fleischproduktion Hilfe bei akuten Hungerkatastrophen nicht. Anscheinend meint Nussbaumer, daß Mängel in der Nahrungsmittelversorgung in Drittweltländern überhaupt am besten auf Dauer durch Eßpakete aus entwickelten Ländern zu bekämpfen wären — wenn es so ist, dann geht wirklich jeder Bissen, den sich das deutsche Landschwein schmecken läßt, potentiell auf Kosten von Menschen in Übersee, und wir hätten Grund, uns Asche aufs Haupt zu streuen. Aber vielleicht hülfe eine solche Spendenpolitik nicht eben bei Aufbau und Erhaltung funktionierender Agrarmärkte in den betreffenden Gebieten.

Auch die zusammenfassenden Thesen zum Krieg als Hungerursache (Hunger, S. 225—233) zeichnen sich mehr durch moralisierende Betrachtungen als durch ihren Erklärungswert aus. Zum Teil geht es dabei gar nicht um den spezifischen Zusammenhang zwischen Krieg und Hunger, sondern um andere Kriegsfolgen wie Vertreibungen oder um allgemeine Bemerkungen über Kriegsfolgen (»Die jüngste Zivilisationsgeschichte — insbesonders auch die des 20. Jahrhunderts — ist somit übersät von gegenseitigem Gemetzel und Kriegsleid«, Hunger, S. 227) und Rüstungsausgaben. Nussbaumers allgemein gehaltene Vorstellungen von Kriegswirtschaft — »Ein Wesenszug vieler Kriege besteht in der völligen Negierung und Mißachtung der (volkswirtschaftlichen) Kosten. Ökonomische Kalküle werden völlig ausgeschaltet, etwaige Zukunfts- oder Folgekosten nicht berücksichtigt« (Hunger, S. 225) — mögen für Bandenkriege wie etwa die Bürgerkriege der letzten Jahrzehnte richtig sein, ansonsten sind sie aber nicht verallgemeinerbar und treffen etwa auf Kriege zwischen Nationalstaaten gerade nicht zu. So war etwa im Zweiten Weltkrieg die Kriegswirtschaft einschließlich der Ernährungsfrage ein zentrales Element in den strategischen Planungen der beteiligten Länder.

Das letzte Beispiel zeigt die Neigung des Autors, auch dort, wo es eigentlich um eine historische Analyse gehen sollte, diese Analyse derart stark mit moralisierenden oder erbaulichen Gedankengängen zu unterfüttern, daß letztlich wenig Brauchbares für die Erklärung der Vorgänge übrigbleibt.

Zusammenfassung

Die Habilitation von Josef Nussbaumer ist eine mit viel Aufwand erstellte Chronik von Katastrophen in zeitlich und räumlich großem Maßstab. Positiv hervorzuheben ist die gewaltige Zahl von Ereignissen, die der Autor erhoben und in die standardisierte Chronikdarstellung eingebracht hat; obwohl die Arbeit nicht auf Primärforschung beruht, bekommt der eigentliche Chronikteil aufgrund seines Umfangs auch Qualitäten, die über die Darstellungen, auf die sich der Autor gestützt hat, hinausgehen. Weitgehend unbefriedigend ist die Analyse der Katastrophen in den Textteilen ausgefallen; Grundmuster der Katastrophengeschichte werden dabei kaum deutlich, und in einzelnen Passagen lehnt sich Nussbaumer zu eng an die vorhandene Literatur an. Unangenehm macht sich schließlich in diesen Teilen die moralisierende Tendenz des Werkes bemerkbar.