Jochen Oltmer

Migration im 19. und 20. Jahrhundert

Enzyklopädie deutscher Geschichte 86

 

München
Oldenbourg
2010
174 S.
€ 19,80

 

Rezensentin: Diana Biltog 

Historicum, Frühling—Sommer 2009, 74—75

 

 

 

 

Das vorliegende Buch ist der 86. Band der Enzyklopädie deutscher Geschichte und setzt sich mit dem Migrationsphänomen aus aktuellem Stand der Forschung auseinander. Es wurde als Arbeitsinstrument für alle, die an deutscher Geschichte interessiert sind, konzipiert. Der Text ist von Schlüsselwörtern begleitet, und jeder Abschnitt ist eintituliert, um einen übersichtlichen Einblick zu vermitteln. Der Inhalt ist umfangreich. Die Ereignisse werden im internationalen Kontext präsentiert. Politische, wirtschaftliche, soziokulturelle Zusammenhänge werden ebenso beachtet wie auch diesbezügliche wissenschaftliche Untersuchungen besprochen. Der klare dreiteilige thematische Aufbau des Buches verhilft einem breiten Publikum zur raschen Aufnahme der vorgelegten Informationen. Zugleich verschafft es ihm durch die Einführung in eine strukturierte themenbezogene und übersichtlich gegliederte Bibliographie, die im zweiten Kapitel kritisch betrachtet und anschließend als Inhalt des dritten Kapitels konzipiert wird, eine thematische Vergleichsbasis. Wünschenswert wäre eine tabellarische Darstellung der statistisch erfaßten Daten.

»Historische Migrationsforschung bietet einen Rahmen für die Untersuchung von Bewegungen in geographischen, sozialen und kulturellen Räumen unterschiedlicher Größenordnung auf verschiedenen sozialen Ebenen […]. Die Entwicklung von Wanderungssystemen […] die Momentaufnahme der gesamten Migrationssituation in einem Raum, bei der Wechselwirkungen zwischen unterschiedlichen Wanderungsformen in einer spezifischen sozio-ökonomischen, demographischen und politischen Konstellation ausgeleuchtet werden.« (63) Diese Aussage umschreibt das Forschungsinteresse des Autors. Im ersten Kapitel verschafft er dem Leser einen komplexen Überblick über die Migrationsverhältnisse in Deutschland sowie über deren Bedingungen, Formen und Folgen seit dem späten 18. Jahrhundert bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts.

Dabei werden Prozesse wie Industrialisierung, Urbanisierung, Agrarmodernisierung, Umbau von Staatlichkeit und Nationsbildung, staatliche Interventionskapazitäten zur Umsetzung politischer Vorstellungen und ihre Einflußnahme auf die Bevölkerungsbewegungen unter die Lupe genommen. »Auch im Kontext von Industrialisierung war der Transfer von Wissen durch wandernde Spezialisten für die Einführung neuer Techniken in Maschinenbau-, Textil-, Montan- oder Schwerindustrie konstitutiv.« (20) Doch widerlegt der Autor die These, wonach die Rückwanderer in ihre Herkunftsregion(en) die Innovationen vorantrieben (74).

»Von den rund 62 Millionen Menschen im Deutschen Reich lebten 1907 rund 49 % nicht am Ort ihrer Geburt.« (23) Die höchste Mobilitätsrate läßt sich für die Altersgruppe der Fünfzehn- bis Dreißigjährigen belegen. Diese machten 70 Prozent aller Zuwanderer aus (24). Arbeitswanderungen aus Deutschland in die stark saisonalisierte niederländische und ostfriesische Landwirtschaft sind im 17. und 18. Jahrhundert üblich.

Bis Anfang des 19. Jahrhunderts überwogen deutsche Siedlungswanderungen nach Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa. Diese Wanderung begann im Hochmittelalter zur Besiedlung imperialer Grenzregionen. Sie war »als Element frühneuzeitlicher Peuplierungsstrategien zumeist mit Beginn des 19. Jahrhunderts abgeschlossen«. Darum wird dieses Phänomen »hier nicht gesondert berücksichtigt« (73). Mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs wurde die ost-westeuropäische Wanderung erneut bedeutend, nachdem sie im Kalten Krieg auf ein Minimum beschränkt war. 1948/1949 wurde im deutschen Grundgesetz das Asylrecht in Westdeutschland festgelegt (55). Mit dem Mauerbau wurde 1961 der Zustrom der Auswanderer angehalten. 1993 hatte die Grundgesetzänderung für die deutsche Vereinigung eine »Rückwanderung über die Generationen hinweg« hervorgerufen.

Die transatlantischen Massenauswanderungen dominierten bis zum Ende des 19. Jahrhunderts (90 Prozent in die USA [19], wo die Deutschen die höchste Urbanisierungsrate unter allen Einwanderergruppen erreichten). 1893 — »panic of 1893« (15) — war das letzte Jahr starker transatlantischer Auswanderung aus Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg. Zuerst eingeschränkt, wurde die Auswanderung deutscher Bevölkerung nach Übersee mit der Gründung der Bundesrepublik wieder freigegeben.

Die beiden Weltkriege führten zu einem enormen Anstieg der Zwangswanderungen. Deutschland war in dieser Zeit ein Zentrum des europäischen Wanderungsgeschehens. Reformprojekte im Migrationsbereich kennzeichneten die Politik Deutschlands seit 2000 (55). Trotz verbesserter Lage im Herkunftsland kann man über eine Wanderungstradition sprechen. Der Zeitraum zwischen 1955 und 1973 versteht sich als eine Phase der Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte für die deutsche Wirtschaft durch interstaatliche Vereinbarungen; 10 Prozent der Beschäftigten waren Ausländer, davon 15 Prozent Frauen. Als Folge des Anwerbestopps durch Familiennachzug traten zu den 2,6 Millionen Erwerbstätigen 1,4 Millionen nicht erwerbstätige Menschen, was die Integrationspolitik zu einem gesellschaftlichen Thema werden ließ (54).

Sozialhistorische Forschung wurde in den siebziger Jahren in Deutschland besonders bedeutend. Man betrachtete durch empirische Untersuchungen, die in der Regel den einzelnen Phänomenen und Gruppen verpflichtet blieben (61), die intra- und interregionale Wanderung, saisonale Land-Stadt-Land-Migration und innerstädtische Mobilität, grenzüberschreitende Arbeitsmigration und überseeische Massenauswanderung, Deportation und Zwangsarbeit. In der DDR begann die wissenschaftliche Diskussion aus politischen Gründen viel später.

Im zweiten Kapitel unterzieht der Autor derartige »Grundprobleme und Tendenzen der Forschung« einer kritischen Betrachtung und beobachtet die neue Forschungstendenz beziehungsweise die interdisziplinär orientierte historische Migrationsforschung. Der Autor vertritt seine Sichtweise umfassend, indem er die von ihm zitierten Forscher nach ihren Interessensgebieten einordnet und ihr Konzept in den erwähnten Büchern rezensiert.

Jochen Oltmer betrachtet das internationale Geschehen und die regionalen Differenzierungen in Deutschland, er legt eine komplexe Ansicht des Migrationsphänomens und dessen Konsequenzen unter Berücksichtigung der abgelaufenen historischen Prozesse dar und öffnet durch Bezugnahme auf bisherige Forschungsergebnisse und Perspektiven einen erweiterten Diskussionsraum.