Jürgen Osterhammel und Niels P. Petersson
Geschichte der Globalisierung. Dimensionen, Prozesse, Epochen
München
Beck
2003
128 S.
€ 8,20
Rezensentin: Karin Neubaur
Historicum, Frühling 2004, 38—39
Ein dünnes Bändchen aus der Reihe Wissen in der Beck’schen Reihe befaßt sich mit einem der meistdiskutierten Phänomene der Gegenwart und rückt es in einen historischen Zusammenhang.
Die Autoren beschränken sich nicht auf die schlichte Frage, wann Globalisierung begonnen hat und ob es sich um eine neue oder altbekannte Erscheinung handelt, sondern überlegen, was man unter Globalisierung verstehen kann und welche Arten von Globalisierung in der Geschichte aufgetreten sind. Der Vorzug des Bandes liegt in dieser Unterscheidung verschiedener Dimensionen des Globalisierungs-Begriffs, die sich im folgenden knappen Durchgang durch die Weltgeschichte niedergeschlagen hat.
Die Autoren sehen Ansätze zur Erforschung der Globalisierung, auch ohne daß sie so benannt worden wäre, in einzelnen Forschungsgebieten, die sich mit über- oder international wirksamen Erscheinungen befassen, mit der Weltwirtschaft, mit Wanderungsbewegungen, mit internationalen Beziehungen und mit der Geschichte von Kolonialismus und Imperialismus. Als konzeptionellen Rahmen für Globalisierungsforschung nennen sie die Wallersteinsche Weltsystem-Theorie, die sie zumindest hinsichtlich einiger Merkmale für wichtig und anregend halten: Positiv an den Vorstellungen Wallersteins sei die Abstufung von Untersuchungseinheiten vom privaten Haushalt bis zum Weltsystem, das Konzept der Inkorporation von zunächst außerhalb des Systems liegenden Gebieten in das System und der Begriff der Semi-Peripherie für Gebiete, die weder zum Zentrum noch zur Peripherie des Systems gehören. Ein anderer, weniger klar bestimmter Ansatz sieht in Globalisierung einen Vorgang, der sich in Interaktionen und dabei genutzten oder geschaffenen netzartigen Verbindungen manifestiert. Die Dichte und Häufigkeit von Interaktionen, die Beständigkeit von Interaktionen, ihre institutionelle Ausgestaltung bestimmen somit die Art und Intensität von Globalisierung.
Alle genannten Sichtweisen, besonders aber die zuletzt genannte, machen aus dem vermeintlichen Gegenwartsphänomen Globalisierung eine Erscheinung, die historisch in unterschiedlicher Form und Intensität aufgetreten ist, seit es großräumige wirtschaftliche Verflechtungen und politische Beziehungen gibt. Die schlichte Frage, wann Globalisierung begonnen hat, ist dann nur mehr dort relevant, wo Gebiete zunächst aus dem großräumigen oder gar weltweiten Austausch ausgeschlossen waren. Ansonsten lautet die Frage weniger, ob und wann es Globalisierung gab, sondern eher, wie und in welcher Intensität sich internationale wirtschaftliche, politische und kulturelle Beziehungen im jeweiligen historischen Kontext entwickelten.
Die Autoren handeln dieses Thema in vier Kapiteln ab, die die Zeiträume bis 1750, 1750 bis 1880, 1880 bis 1945 und 1945 bis zur Gegenwart durchgehen. Diese durchaus lesenswerte Weltgeschichte auf kleinstem Raum nennt eine Fülle von Varianten großräumiger Integration: die Integration kleiner politischer Gebilde in ein Großreich, religiöse Ökumenen, Fernhandelsverbindungen, Wanderungsbewegungen, gewalttätige Eroberungszüge, Verbreitung von kulturellen Errungenschaften, seien es technische Erfindungen, seien es Ideologien, Wirtschaftsordnungen oder politische Systeme. Im Gesamteindruck lassen sich dann Phasen erkennen, in denen besonders intensive überregionale Verbindungen aufgebaut wurden, auch schon vor der Neuzeit etwa im 7./8. Jahrhundert, als die Islamische Welt entstand und China unter den Sui wieder geeint wurde (und in der Folge unter den Tang eine Blütezeit erlebte), oder das 13. Jahrhundert, als das mongolische Imperium entstand. Das Gegenstück zu den eher expansiven Tendenzen sind innere Integrationsvorgänge bei Abschließung nach außen, wie etwa in China in der Ming-Zeit oder Japan in der Shogun Zeit.
Freilich bringt eine solche vieldimensionale Sicht auf Globalisierung auch die Gefahr einer gewissen Unverbindlichkeit mit sich. Die Weltreligion Islam breitete sich schon in ihren ersten Jahrhunderten auf ihr heutiges Gebiet aus. Spanisches Silber im 16. Jahrhundert war zweifellos eine global wirksame Größe. Der Siebenjährige Krieg war ein Weltkrieg. Alles globalgeschichtlich wichtige Punkte, aber doch auch recht verschiedene Angelegenheiten. Wichtig für eine historische Sicht auf Glohalisierung ist es zu klären, welche großräumig wirksamen Erscheinungen miteinander zu tun hatten und welche unabhängige Entwicklungslinien repräsentieren. Die Entstehung multinationaler Konzerne, das Wachstum des Welthandels, die Integration der Finanzmärkte und die Veränderung der Konsumgewohnheiten sind im 19. Jahrhundert Aspekte eines einheitlichen Vorgangs, den man ohne weiteres als Globalisierung bezeichnen kann. Der Export politischer Ideologien oder die Ausbreitung von Religionen sind im Verhältnis dazu aber wohl doch als verhältnismäßig unabhängige Imtwicklungen anzusehen. Eine Globalisierungsgeschichte muß also nicht nur die vielen Dimensionen von Globalisierung und das, was sie verbindet, in den Blick nehmen, sondern auch deutlich werden lassen, was sie trennt.
Ein anregender und empfehlenswerter Band, der schnell gelesen ist.