Richard Overy

Russlands Krieg 1941—1945

 

Reinbek bei Hamburg

Rowohlt

2003

555 S.

€ 25,60

 

Rezensentin: Karin Neubaur

Historicum, Herbst 2003, 38—39

 

 

 

 

»Mein Volk und ich haben Ihre weise Vorhersage nicht vergessen, Josef Wissarionowitsch Stalin: Hitler wird 1941 nicht angreifen!« So Lawrentij Berija am 21. Juni 1941. Für einen locker-ironischen Umgang miteinander waren Berija und Josef Stalin nicht bekannt (obwohl man Stalins Humor nicht unterschätzen sollte), also ist die Äußerung doch hauptsächlich ein Beispiel für die Verdrängung unangenehmer Wahrheiten bei Stalin und seiner Umgebung noch wenige Stunden vor Beginn des deutschen Rußland-Feldzugs; und natürlich für den Byzantinismus, der am Moskauer Hof herrschte. Richard Overy, Professor am Londoner King’s College, zitiert Berijas Bemerkung am Beginn des Kapitels über die Zeit unmittelbar vor dem »Unternehmen Barbarossa«.

Der Band ist im englischen Original schon vor fünf Jahren erschienen. Immerhin bestand auch damals schon die Möglichkeit, Einsichten, die sich erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der Öffnung mancher Archivbestände ergaben, für die Darstellung zu nutzen. Dazu gehört nicht nur die Wahrheit über die Morde von Katyn, die auch vor der Revision der offiziellen sowjetischen Version längst Allgemeingut war, oder jene über die vom NKWD begangenen Massenmorde in Weißrußland, die man in den achtziger Jahren entdeckte und zunächst ebenfalls den deutschen Besatzern in die Schuhe geschoben hatte. Auch ehedem in zensurierter Form veröffentlichte Texte wie die Memoiren von Marschall Žukov sind nach dem Ende der Sowjetunion in ihrer unzensurierten Form publiziert worden. Overy bringt auch die neueren Schätzungen über die russischen Bevölkerungsverluste im Krieg; die Bemerkung, daß daneben »die Opfer aller anderen Kriegführenden Mächte verschwindend gering« erscheinen würden (435), muß man allerdings relativieren: Die militärischen Verluste der Sowjetunion waren mit annähernd neun Millionen Toten zwar höher als die jeder anderen Macht, aber nicht um Größenordnungen höher (Deutschland hatte etwa fünf Millionen Militärtote zu beklagen); gerechtfertigt ist die Bemerkung hingegen im Hinblick auf die zivilen Opfer, deren Zahl nur grob geschätzt werden kann und im Bereich von siebzehn Millionen Toten liegen könnte.

Overy, einer der produktivsten Experten für den Zweiten Weltkrieg, beschränkt sich in diesem Buch nicht auf die im Titel angegebenen eigentlichen Kriegsjahre, sondern behandelt auch die für das Verständnis des Geschehens notwendige Zeit seit der Revolution und insbesondere die dreißiger Jahre, im Anschluß an den Krieg auch die Nachkriegsordnung bis zum Tod Stalins, mit kurzem Verweis auf die Entstalinisierung. Die Vorgeschichte des Kriegs ist nicht nur wegen der oft erwähnten Säuberungen in der Roten Armee wichtig, deren Auswirkungen der Autor übrigens eher im mentalitätsmäßigen Bereich ansiedelt: Die erneute Gängelung des Militärs durch die Partei und das Gefühl der Unsicherheit in der Armee, das der Terror schuf, treten stärker hervor als die Verluste an Offizieren, die die Säuberungen brachten. Dazu kam die geänderte Außenwahrnehmung, da Beobachter den Eindruck gewannen, daß die Rote Armee nun ein äußerst schwacher Gegner sei (allerdings sei die Rote Armee, so Overy, in Wirklichkeit auch vor den Säuberungen keine überragende Macht gewesen). Wichtig ist auch die strategische Rückorientierung in den Terrorjahren, da Tuchačevskijs Konzept offensiver Operationen mit massierten schweren Verbänden in tiefen Räumen (statt entlang einer Frontlinie) nach den Säuberungen diskreditiert war; dieses Konzept hätte große Auswirkungen auf die Wirtschaft gehabt, da es ungeheure Rüstungsanstrengungen voraussetzte. Realisiert wurde es dann während des Kriegs, da nun in der Auseinandersetzung mit der Wehrmacht, die in dieser Weise operierte, die Überlegenheit einer solchen Vorgangsweise erkannt wurde; freilich erst nach bitteren Erfahrungen. Die dreißiger Jahre bekommen auch wegen der in dieser Zeit forcierten Industrialisierung entscheidende Bedeutung für den Kriegsverlauf, nun allerdings in gegenteiliger Richtung: Während der Terror gegenüber der Roten Armee die Sowjetunion schwächte, waren, wie Overy hervorhebt, die vorangegangenen Industrialisierungsanstrengungen eine notwendige Voraussetzung für die Umstellung der Wirtschaft auf den Krieg, die Massenproduktion von Rüstungsgütern und letztlich den Sieg.

Die Darstellung des Kriegsverlaufs erfolgt in etwa chronologisch, wobei mehrere Stränge nebeneinander herlaufen: Die Entscheidungsprozesse in der sowjetischen Führung (auch im Zusammenhang mit den Alliierten und den Konferenzen mit diesen), die Operationen auf den Schlachtfeldern und die Umwälzungen im zivilen Bereich. Die Entscheidungen in der Führung konzentrieren sich auf einige wenige Akteure, vor allem auf Stalin, der auch als Persönlichkeit gut faßbar wird; diese Kriegsgeschichte ist auch eine Geschichte Stalins. Andere Politiker wie Molotov oder Berija bleiben eher blaß. Besser kommen die Militärs heraus, vor allem Žukov, der in diesem Buch eine hervorragende Presse erhält, auch Čuikov und Konev werden als markante Figuren erkennbar. Die militärischen Operationen stellt Overy klar und nachvollziehbar dar, nicht zu detailliert. Über längere Strecken ist der Band als ganz traditionelle Militärgeschichte auf der Ebene von Armeen oder höchstens Divisionen angesiedelt und mit den Karten einiger Schlachten illustriert; das ist keineswegs abwertend gemeint, denn diese Beschreibungen sind lesbar und durchaus spannend geschrieben. Eher schwach belichtet bleibt die Erfahrung der Soldaten; Overy beschränkt sich hier auf gelegentliche Verweise. Dieser Aspekt hätte stärker berücksichtigt werden können, da wir es hier mit Bedingungen und Erfahrungen zu tun haben, die in der Kriegsgeschichte einzigartig sind. Ausgedehnter wird die Geschichte Leningrads behandelt, ebenfalls ein einzigartiges Geschehen; die Belagerung der Stadt über zweieinhalb Jahre und die grauenhaften Bedingungen, denen die Bevölkerung der Stadt unterworfen waren, lassen sich in dieser Darstellung gut nachvollziehen.

Welche Sicht vertritt Overy in den (zeitweise) kontroversen Fragen — deutscher Präventivkrieg gegen Rußland, die Bedeutung des Stalinschen Herrschaftssystems für den sowjetischen Sieg, Alliierte und Nachkriegsordnung? Eindeutig beantwortet Overy die Frage, ob das Deutsche Reich im Juni 1941 einen Präventivkrieg führte: Es war kein Präventivkrieg. Die Sowjetunion stand nicht kurz davor, einen Krieg gegen Deutschland zu beginnen, schon deshalb, weil sie zu dieser Zeit dazu nicht in der Lage gewesen wäre. Die sowjetische Führung verspürte zwar eine wachsende Bedrohung, versuchte aber verzweifelt, durch besänftigendes Verhalten keinen Anlaß zum Krieg zu geben.

Damit im Zusammenhang steht die zweite Frage: Unmittelbar vor dem Krieg und in der ersten Kriegsphase machte die sowjetische Führung, insbesondere Stalin, schwere Fehler. Die deutschen Absichten schätzte sie völlig falsch ein, nur zum Teil aus einsichtigen Gründen (wie dem, daß Deutschland keinen Zweifrontenkrieg riskieren würde oder daß ein Beginn des Feldzugs im Juni zu spät sei); die Meinung des Diktators, Deutschland sei für einen Eroberungskrieg nicht stark genug — Stalin meinte, die Wehrmacht müßte dafür im Verhältnis von zwei zu eins überlegen sein —, teilten die meisten ausländischen Beobachter nicht (es fehlt aber auch hier nicht die bekannte Episode vom bulgarischen Botschafter Stamenow in Moskau, der noch im Oktober 1941 eine Friedensinitiative in Berlin mit dem Hinweis ablehnte, die Sowjetunion würde den Krieg ohnehin gewinnen). Dutzende Hinweise auf den bevorstehenden Angriff ignorierte man oder hielt man für Provokationen. Das Abgehen von den strategischen Überlegungen Tuchačevskijs setzte die Rote Armee im ersten Kriegsjahr schwer in Nachteil; erst der Lernprozeß im Kampf gegen die Wehrmacht versetzte die Sowjetunion in die Lage, das Deutsche Reich zu besiegen. So schwer die Fehler der Führung am Anfang auch wogen, so entscheidend wirkte sich das von Stalin errichtete politische System im weiteren Verlauf aus. Die Errungenschaften der dreißiger Jahre auf industriellem Gebiet, der unbarmherzige Terror, mit dem Anweisungen durchgesetzt wurden, die Bedenkenlosigkeit, mit der man alles dem Sieg opferte, und die richtigen Entscheidungen in Zielvorgabe und Organisation der Kriegswirtschaft waren, so Overy, notwendige Vorbedingungen für den Sieg.

Bei der Einschätzung der Frage nach der Nachkriegsordnung kommt das Charakterbild Stalins zum Tragen, das der Autor zeichnet: Overy stellt die opportunistischen Züge des Diktators heraus, der bei an sich klarer Interessenlage ziemlich flexibel den aktuellen Möglichkeiten folgte — etwa Lösung der polnischen Frage im sowjetischen Sinn, aber keine Fortsetzung der Expansion nach Westeuropa und keine Landung auf den japanischen Hauptinseln. Bei den Beratungen mit Churchill in Moskau 1944 und bei der Konferenz von Jalta machte Stalin in der polnischen Frage seine Zugeständnisse, weil er wußte, daß sie für den Westen besonders wichtig waren, und annahm, daß derlei später revidiert werden konnte. Die Revision erfolgte schon in Potsdam. Insbesondere Roosevelt und Harry Hopkins wirken neben dem sowjetischen Diktator eher naiv, Churchill realistischer, aber machtlos.

Der Band ist ausgezeichnet, zweifellos nicht wegen neuer Einsichten in die Geschichte des Großen Vaterländischen Krieges, sondern wegen einer äußerst gelungenen Darstellung — verständlich, mitreißend, ohne Langeweile zu lesen. Eine empfehlenswerte Erscheinung.